The House That Jack Built

Empörung vorprogrammiert: Auch mit seinem neuesten Film THE HOUSE THAT JACK BUILT spaltet Skandalregisseur Lars von Trier die Gemüter – und erweist sich dabei eigentlich nur als höchst liebenswerter Troll. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik zu dieser unkonventionellen Komödie.

Der Plot

USA in den 1970er Jahren. Wir begleiten den hochintelligenten Jack (Matt Dillon) über einen Zeitraum von zwölf Jahren und werden dabei Zeugen von fünf exemplarischen Morden, die seine Entwicklung zum Serienkiller prägen. Wir erleben die Vorfälle aus Jacks Perspektive. Jeden der Morde betrachtet er als eigenständiges Kunstwerk. Was niemand weiß, ist, dass Jack unter Neurosen leidet, die ihm in der Außenwelt große Schwierigkeiten bereiten. Obwohl der finale und unvermeidliche Polizeieinsatz unweigerlich näher rückt, was Jack einerseits sogar provoziert, ihn andererseits aber auch unter großen psychischen Druck setzt, ist er wild entschlossen, immer größere Risiken einzugehen. Das Ziel ist das ultimative Kunstwerk: Eine Kollektion all seiner Morde, manifestiert in einem von ihm selbst gebauten Haus. Immer wieder bespricht Jack seine Probleme und Gedanken mit einem mysteriösen Gesprächspartner namens Verge (Bruno Ganz). Diese Gespräche sind aber auch eigenwillige Reflexionen zu verschiedenen Bereichen der Kultur- und Kunstgeschichte, einerseits anspruchsvoll, andererseits Versuche von Jack, seine Taten zu rechtfertigen.

Kritik

Dass die prestigeträchtigen Filmfestivals wie Cannes oder Berlin gern besonders dramatische Reaktionen zutage fördern, führen einem die sozialen Medien seit einigen Jahren besonders vor Augen. So auch Anfang dieses Jahres, als die ehemalige Persona Non Grata Lars von Trier an der Côte d’Azur seinen neuesten Film „The House That Jack Built“ vorstellte – natürlich nicht ohne eine eindrucksvolle Gewaltwarnung auf den Tickets. Anschließend zeigten sich die dort anwesenden Zuschauer und Journalisten regelrecht entrüstet und überschwemmten den Nachrichtendienst Twitter mit ihrer Empörung über die ausufernde Gewaltdarstellung in Von Triers Film, über seinen Umgang mit Frauenfiguren und die Anmaßung, all das Kunst zu nennen. Auch nach einem der Pressescreenings in Hamburg ging der Schock über das gerade Gezeigte teilweise so weit, dass man dem Regisseur am liebsten seine Regielizenz aberkennen würde – wer so etwas Krankes verfilmt, der muss doch zwangsläufig selbst krank sein. Das ist natürlich die plumpeste Art der Argumentation, auch wenn sie zumindest einen interessanten Teilaspekt aufgreift: Es geht um die Trennung von Werk und Schöpfer. Diese sollte in der Regel (also auch im Falle von „The House That Jack Built“) selbstverständlich sein, gleichzeitig macht Von Triers Serienkillerfilm aber viel mehr Spaß und Sinn, wenn man das ausgerechnet diesmal nicht tut. Dann nämlich offenbart sich, dass der gebürtige Däne seine Zuschauer mächtig getrollt hat – und es wäre nicht verwunderlich, wenn er seinen Film erst dann als vollständig erachtet, wenn von Kritikern die zu erwartende Entrüstung über ihn hereinbricht.

Jack (Matt Dillon) reichert seine Erzählung mit veranschaulichenden Bildschnipseln an. Ist das schon Kunst?

„The House That Jack Built“ ist eine Komödie. Das lassen wir erst einmal so stehen und beginnen zunächst mit dem Offensichtlichen: Natürlich ist Lars von Triers nunmehr 17. Langspielfilm vor allem eine morbide Serienkillergeschichte. Da wundert es auch nicht, dass der hierzulande zuständige Filmverleih Concorde alle Mühe hatte, das Werk ungekürzt bei der FSK durchzubekommen, auch wenn die Eskapaden des unkonventionellen Häuslebauers alles andere als drastisch sind. Wann immer es droht, allzu explizit zu werden, blendet Von Trier ab. Mit Ausnahme einiger sehr blutiger Kopfschüsse sowie eines Messermordes bleiben Gewalttaten wie das Abschneiden einer Brust oder das Zu-Tode-Schleifen einer Frau vollständig der Fantasie des Zuschauers überlassen – da werden Erinnerungen an die Indizierungsbegründungen früherer Terrorfilme wach, in denen noch steif und fest behauptet wurde, der Terror fände auf der Leinwand direkt statt, auch wenn der Zuschauer derartige Bilder in Wirklichkeit einzig und allein mithilfe seiner eigenen Fantasie ergänzte. So oder so: Lars von Trier hat den Ruf, in seinen Filmen keine Kompromisse einzugehen. Und das tut er auch nicht, im Gegenteil. Dass sich der 1956 in Kopenhagen geborene Auteur (anders als beispielweise in seinem tatsächlich sehr drastisch bebilderten Vorwerk „Nymph()maniac“) auf die blühende Fantasie seiner Zuschauer verlässt, macht einen wichtigen Teil des hier zelebrierten Troll-Charakters aus. Von Trier kennt die Vorbehalte gegenüber sich selbst, die Kritik an seinen Werken und das von Skeptikern wie von ihm zelebrierte Bild seiner Person ganz genau. Er muss Dinge nur andeuten – am Ende wird sich die Puzzleteile jeder so zurechtlegen, dass die größtmögliche Provokation, der größtmögliche Skandal entsteht – eine Provokation im eigentlichen Sinne ist das natürlich nicht mehr, sondern nur eine Veranschaulichung, wie ebenjene funktioniert.

Damit ihm das gelingt, greift er in seinem Film gezielt auf all die Themen zurück, die in den vergangenen Jahren Bestandteil jener Berichterstattung waren, die an Von Trier kein gutes Haar ließen. Von Misogynie über kompromisslose Gewaltfixierung bis hin zu seinem ganz eigenen Verständnis für (Film-)Kunst, arbeitet er sich routiniert an seinem Gesamtwerk und der Reaktion darauf ab (wer das nicht merkt, für den baut Von Trier sogar extra Ausschnitte früherer Filme ein – offensichtlicher geht es nicht!). Dabei ist nicht nur die kecke Dreistigkeit erstaunlich, mit der der Regisseur seinem Publikum den Sinn und Zweck seines Films ins Gesicht brüllt, sondern auch, wie leicht er es den Zuschauern macht, hinter seine Trollabsicht zu steigen. Fast scheint es, als könne er hellsehen, denn kaum eröffnet sich einem die Frage nach dem Sinn und Zweck einer Szene, liefert er im Dialog mit dem von Bruno Ganz („Der Trafikant“) verkörperten Verge die Antwort: Weshalb sind in seinem Film immer Frauen die Opfer? Glaubt er wirklich, seine Fantasien mit einem kruden Empfinden für Kunstfreiheit rechtfertigen zu können? Macht es ihm Spaß, Menschen zum Vergnügen zu ermorden? Ist eine Psychologisierung seiner Taten nicht vielleicht einfach nur eine Ausrede? Ist es Geltungssucht, Aufmerksamkeitszwang oder plumpe Klugscheißerei? Stellvertretend für Lars von Trier selbst lässt die Hauptfigur Jack alle im Anbetracht der Leinwandgeschehnisse naheliegenden Fragen über sich ergehen und beantwortet sie teilweise mit solch entwaffnender Trockenheit (Stichwort: Opferrolle der Frau), dass man gar nicht umher kommt, dem Autorenfilmer im Stillen für seine Direktheit zu bejubeln; „The House That Jack Built“ ist letztlich eine zweieinhalbstündige, filmische Pressekonferenz, in der Von Trier seinen Kritikern die ihm gemachten Vorwürfe um die Ohren haut.

Mit viel mehr Glück als Verstand gelingt es Jack eine lange Zeit, unsichtbar zu bleiben.

Doch Lars von Trier wäre nicht Lars von Trier, würde sich aus seiner Intention nicht auch größtmöglicher Schabernack ergeben. Und so ist „The House That Jack Built“ natürlich keine trocken-theoretische Revue seiner bisherigen Vita, sondern so etwas wie die Serienmörder-Antwort auf „Nymph()maniac“ – ein tiefschwarzes Porträt einer kranken Seele, die selbstbewusst über ihr Schicksal zu referieren weiß. Während Von Trier auf einer Metaebene das Geschehen kommentiert und dafür auch hin und wieder veranschaulichende dokumentarische Filmschnipsel über Themen wie Weingewinnung, Architektur oder Großwildjagd einstreut (das kennen wir von „Nymph()maniac“), zeigt die einfache Erzählebene, wie sich ein größenwahnsinniger Killer namens Jack durch die halbe Stadt mordet. Wie zu Beginn angedeutet, folgt Von Trier inszenatorisch den Motiven einer Komödie. Nicht nur Jack provoziert für seine Dreistigkeit, mit der er sein Werk vollzieht, immer wieder ungläubiges Schmunzeln. Gerade Jacks Umfeld zeichnet Von Trier von größtmöglicher Naivität. Egal ob Polizisten, Frauen, Männer, Kinder – Jacks Schilderung nach ist jeder Mensch in seiner Umgebung ein absoluter Volltrottel, ohne dessen einladende Dummheit der exzentrische Mörder gar nicht in der Lage gewesen wäre, all seine Taten unentdeckt zu begehen. Hinzu gesellen sich mitunter absurde Zufälle (Stichwort: Regenguss), mit denen Von Trier seine Hauptfigur sehr schnell zu einem zwar wenig glaubwürdigen, aber ungeheuer unterhaltsamen Erzähler macht. Darüber hinaus folgen der Schnitt und gezielter Einsatz von Musik den Regeln klassischen Komödienkinos – wer seine Pointen gern besonders nihilistisch serviert bekommt, ist bei Jack in guten Händen.

Jack wiederum hat in Matt Dillon („Abgang mit Stil“) einen idealen Darsteller gefunden. Der demnächst auch im US-amerikanischen „Honig im Kopf“-Remake „Head Full of Honey“ zu sehende Schauspieler hat die Quintessenz des streitbaren Protagonisten verinnerlicht und schafft etwas sehr Spannendes: Trotz der abscheulichen Taten, an deren Widerwertigkeit Lars Von Trier übrigens zu keinem Zeitpunkt Zweifel offenlässt, zieht sein mal mehr, vor allem aber eher weniger substanzielles Schwadronieren den Zuschauer in seinen Bann. Es ist nicht so, als würde man Jack die Daumen drücken, dass dieser seine hanebüchenen Ziele (etwa das Erschießen mehrerer Opfer mit nur einer einzigen Kugel) erreicht. Stattdessen kehrt Dillon die aberwitzige, vollkommen realitätsfremde Weltsicht seines Charakters so deutlich hervor, dass man sich an seinen Eskapaden einfach nicht sattsehen kann – und sei es nur, weil man wissen will, wie er sich aus dieser oder jener Situation am Ende wohl erneut herausmanövrieren wird. Neben ihm spielen die Nebendarstellerinnen und -darsteller vorwiegend (und im wahrsten Sinne des Wortes) Opferrollen, in denen sich jedoch nicht minder jede Menge Varianz entdecken lässt. Während Riley Keogh („Logan Lucky“) vor allem die (wenn auch sehr naive) Warmherzigkeit ihrer Figur betont, mimt Uma Thurman („Im Rausch der Sterne“) die ohne jedwedes Fingerspitzengefühl ausgestattete Nervensäge, deren Performance von Anfang an die an sie gehegten Opfererwartungen des Zuschauers unterläuft.

Jack veranschaulicht die Regeln der Großwildjagd – an Menschen, versteht sich.

Fazit: In seiner pechschwarzen Serienkiller-Komödie „The House That Jack Built“ veranschaulicht Lars von Trier, wie Provokation funktioniert – und hat sein Ziel natürlich wieder einmal erreicht. Dabei macht es in erster Linie einen großen Spaß, zuzusehen, wie der Regisseur sein Publikum auflaufen lässt. Und die Eskapaden des titelgebenden Jack sind in ihrem Zynismus obendrein verdammt unterhaltsam.

„The House That Jack Built“ ist ab dem 29. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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