Honig im Kopf

Til Schweigers Tragikomödie HONIG IM KOPF ist ein Road-Movie, in dem das Krankheitsbild Alzheimer dem Publikum auf familientaugliche Weise näher gebracht werden soll. Vor allem in der ersten Hälfte funktioniert dieses Unterfangen (auch wegen Dieter Hallervorden) gut. Doch dann findet ein Bruch statt und alle guten Vorsätze sind dahin. Lest mehr in meiner Kritik zum Film.

Honig im Kopf

Der Plot

„Honig im Kopf“ erzählt die Geschichte der ganz besonderen Liebe zwischen der elfjährigen Tilda (Emma Schweiger) und ihrem Großvater Amandus (Dieter Hallervorden). Das humorvolle, geschätzte Familienoberhaupt wird zunehmend vergesslich und kommt mit dem alltäglichen Leben im Hause seines Sohnes Niko (Til Schweiger) nicht mehr alleine klar. Obwohl es Niko das Herz bricht, muss er bald einsehen, dass für Amandus der Weg in ein Heim unausweichlich ist. Doch Tilda will sich auf keinen Fall damit abfinden. Kurzerhand entführt sie ihren Großvater auf eine chaotische und spannende Reise, um ihm seinen größten Wunsch zu erfüllen: noch einmal Venedig sehen!

Kritik

Der deutsche Starregisseur, Produzent und Drehbuchautor Til Schweiger ist für viele Kinogänger, insbesondere jedoch für Cineasten sowie Kritiker ein rotes Tuch. Begeisterte er in den Neunzigerjahren den Großteil seiner heutigen Skeptiker noch mit und in kantigen Genreproduktionen wie „Knocking on Heaven’s Door“ oder „Der Eisbär“ sorgte die Mitte des neuen Jahrtausends eingeschlagene Festlegung auf Romantic Comedies für ein sukzessives Verstummen seiner einst so unvoreingenommenen Zuschauer. Dabei gehören „KeinOhrHasen“ und „ZweiOhrKüken“ auch beim weniger romantikaffinen Publikum gern in die Kategorie „Lieblingsfilm“, während „Kokowääh“ sowie sein Nachfolger, ganz zu schweigen von der Animationskomödie „Keinohrhase und Zweiohrküken“, weitaus weniger ambitioniert wirkten und offenkundig bloß als und durchaus den Eindruck erwecken konnten, lediglich als Karrieresprungbrett für den Spross Emma Tiger zu dienen. Auch im dieser Tage anlaufenden Gemeinschaftsprojekt der beiden Schweiger-Generationen „Honig im Kopf“ hat die Zwölfjährige erneut die weibliche Hauptrolle inne – und wie man es von ihrem Vater gewohnt ist, bekamen Filmjournalisten auch dessen neueste Ergüsse nicht vorab zu sehen. Vielleicht nicht ganz ohne Grund, denn „Honig im Kopf“ ist trotz einer merklich gereiften Protagonistin wahrlich nicht frei von Schwächen. Dabei überrascht Schweigers zehnte Langfilmarbeit mit technischem Dilettantismus, verärgert aufgrund einer vor allem gen Ende immer kitschiger werdenden Moralbotschaft, beeindruckt aber insbesondere durch einen Hauptdarsteller, von dem man schon immer irgendwie wusste, dass in ihm mehr steckt, als ein oberflächlicher Alleinunterhalter.

Honig im Kopf

Dass in dem als Blödelbarden bekannt gewordenen Entertainer Dieter Hallervorden ein echter Charaktermime steckt, bewies der 79-jährige Schauspieler bereits 2013, als er in „Sein letztes Rennen“ als Altenheimbewohner auftrat, dessen letzter Wunsch es ist, noch einmal einen Marathon zu laufen. Von der Kritik mit Lob überschüttet und für mehrere deutsche Filmpreise nominiert, soll es vor allem diese Rolle gewesen sein, die Til Schweiger dazu animierte, ihn nun auch in „Honig im Kopf“ zu besetzen. Erneut gelingt Hallervorden hier der imposante Spagat, eine Figur darzubieten, deren Handeln für Außenstehende durchaus zum Schmunzeln animiert, ohne dass er, respektive das Filmteam, diese der Lächerlichkeit preisgeben. Allen voran dem schauspielerischen Talent des Komikers ist es zu verdanken, dass wir es bei Amandus mit einem Menschen zu tun bekommen, dessen Würde in jedem von uns – ob auf oder vor der Kinoleinwand – einen ungeheuren Respekt hervorruft. Daran ändern auch die mehrmals in die Handlung eingebrachten Gagspitzen nichts, die den Alzheimerkranken mal in einen geöffneten Kühlschrank pinkeln, mal ganz ungeniert einen fahren lassen.

Leider deutet es die Auswahl derlei Slapstick-Einlagen bereits an: „Honig im Kopf“ tut sich schwer darin, einen einheitlichen Tonfall zu finden. Regisseur Til Schweiger, der auch hier einmal mehr am Drehbuch mitwirkte, gelingt ein ansehnlicher Auftakt, der Amandus als liebenswerten, nach und nach jedoch immer verwirrter werdenden Großvater etabliert. Seine Familie, Sohn Niko, ein reinrassiger Yuppie, dessen Frau Sarah (unterkühlt aber treffsicher: Jeanette Hain), eine aufstrebende Karrierefrau und Mutter, geht mit diesem Zustand ganz unterschiedlich um. Niko steht seinem Vater zur Seite, ergreift notfalls auch gegen seine Gattin Partei für ihn, während Sarah in ihrem Schwiegervater zunehmend eine Gefahr für Leib und Wohl sieht. Zwischen diesen Fronten findet sich Emma Schweiger als Tochter Tilda wieder. Wenngleich die Jungdarstellerin seit ihrer wenig passionierten denn vielmehr abgelesenen Performance in „Kokowääh 1 und 2“ einen großen Sprung zu „Honig im Kopf“ gemacht hat, ist es hier bevorzugt Didi Hallervorden, dem es gelingt, seine Filmenkelin mitzureißen. Das ungleiche Gespann hat von Beginn an eine spürbare Chemie, die dem Streifen so etwas wie ein Konzept gibt. Vom Skript her ließe sich „Honig im Kopf“ nämlich in zwei Teile aufteilen, wovon der eine – der erste – mit einigen Ausnahmen beachtlich gelungen ist, was der zweite allerdings in Teilen zunichte macht.

Honig im Kopf

Zwar erweckte sämtliche PR-Arbeit für den Film den Eindruck, „Honig im Kopf“ sei ein waschechtes Roadmovie, doch die eigentlich so spannende Abenteuergeschichte um Amandus‘ letzte Reise nach Venedig inszeniert Schweiger fast beiläufig im letzten Drittel des Films. Der Weg dorthin zeigt den seelischen Abbau des Großvaters und das, insbesondere in der ersten Hälfte, auf sehr sensible Weise. So weist das Skript an einigen Stellen ziemlich unpassende Wortwitze und Slapstickeinlagen auf – weshalb „Honig im Kopf“ auffallend oft mit schlüpfrigen Sex-Anspielungen hantiert, wird zu keiner Sekunde ersichtlich – doch insgesamt hält sich Schweiger mit seinem typischen Familienkomödienhumor noch zurück. Wenn das Verhalten von Amandus dazu animiert, oberflächliche Lacher hervorzurufen, gelingen Hallervorden ebenjene Passagen mit solch beeindruckender Contenance, dass dem Publikum ob der Erkenntnis der tragischen Umstände seiner Krankheit zwangsläufig das Lachen im Halse stecken bleiben muss. Das ist gelungen und verdient Anerkennung; Auch der aus medizinischer Sicht ebenso anschauliche wie ehrliche Umgang mit der Krankheit erweist sich als sehr substanziell. Doch leider hält Til Schweiger an diesem lohnenswerten Ansatz nicht lang genug fest.

Tilda und Amandus beschließen schließlich, noch einmal nach Venedig zu reisen, wo der Witwer vor Jahrzehnten die Flitterwochen mit seiner Frau verbrachte. Von nun an kippt die ehrlich bewegende Stimmung. Aus dem zu Beginn noch bodenständig lebensbejahenden Tonfall erwächst nach und nach das postkartentaugliche Bild eines Selbstfindungstrips, an dessen Ende die plakative Erkenntnis steht, dass man aus jeder Situation einfach das Beste machen sollte. Per se spricht absolut nichts gegen eine solch familientaugliche Grundaussage, doch nach der anfangs noch so herrlich unsentimentalen Herangehensweise wirkt das vollkommen konfliktfreie Happy-End nicht nur inkonsequent, sondern auch vollkommen mutlos und um jeden Preis den Sehgewohnheiten des typischen Schweigerfilm-Publikums angepasst. Da hätten die Macher ihrem Zuschauer einfach etwas weniger Konfliktscheue zutrauen dürfen. Sorgte in der ersten Hälfte noch eine sehr berührende, ungeschönte Szene in einem Restaurant für Gänsehaut, in welcher der Zuschauer gar mit der ablehnenden Gesellschaft konfrontiert wird, verleiht Schweiger im Rahmen des Roadtrips jedem eigentlich noch so tragischen Moment ebenjene Prise Kitsch, die dem Publikum das Ganze so erträglich macht. Da wirken die sonnengetränkten Kulissen der italienischen Kanalstadt nur wie das Tüpfelchen auf dem Bilderbuch-i.

Honig im Kopf

Kameramann Martin Schlecht („Grossstadtklein“) gelingen leinwandtaugliche, wunderschöne Landschaftsaufnahmen. Auch bei der schweigerfilmtypischen Verwendung des so beliebten Sepia-Filters hielt man sich bei der Nachbearbeitung angenehm zurück. Als gar nicht mehr so angenehm erweist sich jedoch ein ganz anderer Faktor, denn „Honig im Kopf“ kommt mit einem Mangel daher, den wohl selbst die härtesten Kritiker des deutschen Starregisseurs nicht von dem Ästheten erwartet hätten. „Honig im Kopf“ zerfällt durch eine fast unerträglichen Schnittarbeit, die selbst in den ruhigsten Dialogpassagen hektisch von einem Charakter zum nächsten springt und dem Zuschauer keine Möglichkeit der Betrachtung der schauspielerischen Leistung lässt. Mehrmals erinnert die Kürze der jeweiligen Bildeinblendung fast schon an einen Schnittfehler, sodass auch ein ungeübter Zuschauer den Eindruck bekommt, als bekäme er den Film lediglich in der Rohfassung zu sehen. Selbst bei ohnehin recht groben Schauplatzwechseln bricht Bild und Ton so hart ab, dass man ob derlei Grobmotorik nur den Kopf schütteln kann. Während „Honig im Kopf“ optisch entsprechend überrascht, ergibt sich akustisch das übliche Bild eines Schweiger-Familienfilms. Zu jeder halbwegs passenden Szene gibt es einen neuen, potenziellen Pop/Rock-Chartstürmer zu hören, der das Geschehen tatsächlich immer mal wieder treffend unterstreichen kann. Doch wirklich neu ist dieser inszenatorische Einfall mittlerweile natürlich auch nicht mehr.

Fazit: Dass Til Schweiger einer der gefragtesten Regisseure des Landes ist, leuchtet ein, wenn man sich all die gelungenen Szenen aus „Honig im Kopf“ ansieht. Dank Dieter Hallervorden geraten viele Momente des Films sehr intensiv und lebensecht. Gleichzeitig lässt Schweiger, der hier übrigens auch mal wieder richtig schauspielern darf, das Potenzial seiner Produktion auf der Hälfte liegen und besinnt sich gen Ende wieder nur darauf, nur einem möglichst kleinen Teil des Publikums auf den Schlips zu treten. So ist „Honig im Kopf“ schlussendlich eine hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibende, wenig mutige Familiengeschichte.

„Honig im Kopf“ ist ab sofort bundesweit in den Kinos zu sehen!

11 Kommentare

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