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Das startet am 21. September 2017

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, meiner wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht’s um den Startdonnerstag des 21. September, der so viele Neustarts bereithält, dass wir bislang nur einen Bruchteil davon besprechen konnten. Zu „Kingsman“, dem interessantesten Start der Woche, dürfen wir erst ab dem 18. September, 23:01 Uhr unsere Meinung abgeben, während die Presse „The LEGO Ninjago Movie“ erst am kommenden Montag zu sehen bekommt. Davon einmal abgesehen, gibt’s diesmal ziemlich viel Durchschnitt zu sehen und zwei Filme, von denen einer sich vollkommen verzettelt, während der andere auf einem erschreckend falschen Dampfer ist. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt in den kommenden Tagen.

Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!

KINGSMAN: THE GOLDEN CIRCLE  | Regie: Matthew Vaughn | UK/USA 2017

Die in Großbritannien stationierten Kingsmen sind ein unabhängiger, internationaler Geheimdienst, der auf höchstem Level von Diskretion operiert und dessen ultimatives Ziel ist, die Welt sicher zu halten. Als der streng geheime Verband attackiert und all ihre Hauptquartiere zerstört werden, führt es Eggsy (Taron Egerton) und seinen Kollegen Merlin (Mark Strong) in die USA, wo eine verbündete US-Spionageorganisation namens Statesman (u.A. Channing Tatum, Halle Berry und Jeff Bridges) auf sie wartet, die bis in die Tage der Gründung beider Organisationen zurückreicht. In einem neuen Abenteuer, das die Stärke und den Einfallsreichtum der Agenten bis zum Äußersten fordert, verbünden sich die beiden Elite Geheimorganisationen, um einen rücksichtslosen, gemeinsamen Feind zu zerstören, der seinerseits nicht weniger vorhat, als sich die Welt zu unterjochen…

Alles beim Alten und genau deshalb so gut – „The Golden Circle“ spinnt die Absurditäten des ersten „Kingsman“-Films ebenso mühelos wie gekonnt weiter und besticht als starke Mischung aus Agentenfilmparodie, -Hommage und eigenständigem Franchise-Film, der für Fans tolle Details bereithält und allen Anderen nicht minder einen fantastischen Kinoabend beschert. Vermutlich der beste Blockbuster des Jahres!


AMELIE RENNT  | Regie: Tobias Wiemann | DE/IT 2017

Amelie (Mia Kasalo) ist 13, eine waschechte Großstadtgöre und womöglich das sturste Mädchen in ganz Berlin. Amelie lässt sich von Niemanden etwas sagen, schon gar nicht von ihren Eltern, die sie nach einem lebensbedrohlichen Asthmaanfall in eine spezielle Klinik nach Südtirol verfrachten. Genau das, was Amelie nicht will. Anstatt sich helfen zu lassen, wie es jedes vernünftige Mädchen tun würde, reißt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus. Sie flüchtet dorthin, wo sie garantiert niemand vermutet: Bergauf. Mitten in den Alpen trifft sie auf einen geheimnisvollen 15-Jährigen mit dem sonderbaren Namen Bart (Samuel Girardi). Als der ungebetene Begleiter ihr das Leben rettet, stellt Amelie fest, dass Bart viel interessanter ist, als anfangs gedacht. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Reise, bei der es um hoffnungsvolle Wunder und echte Freundschaft geht. 

„Amelie rennt“ ist ein mit viel Fingerspitzengefühl inszeniertes Abenteuerdrama rund um eine junge Frau, die es sich und ihrer Umwelt beweisen will. Dabei nimmt Regisseur Tobias Wiemann nicht bloß seine Hauptfigur sowie ihr privates Umfeld zu jedem Zeitpunkt ernst, sondern macht aus kleinen Beobachtungen Momente größter Emotionen. Ein wahrhaftiger, ehrlicher und ehrlich optimistischer Film.


SCHLOSS AUS GLAS  | Regie: Destin Daniel Cretton | USA 2017

Als Kind ist das Leben für die kleine Jeannette (Brie Larson) ein großes Abenteuer. Ihr Vater Rex (Woody Harrelson) holt ihr die Sterne vom Himmel und verjagt die Dämonen, die sie nachts im Traum verfolgen. Was macht es da schon, mit leerem Magen ins Bett zu gehen, eine eigensinnige Künstlermutter (Naomi Watts) ertragen zu müssen oder in Nacht-und-Nebel-Aktionen den Wohnort zu wechseln. Sie ist ein glückliches Kind. Doch mit der Zeit können auch die hoffnungsvollen Geschichten des alkoholkranken Vaters nicht mehr von der bitteren Armut ablenken, in der Jeannette und ihre Familie leben, und das Lügengebäude der Eltern erweist sich als ebenso zerbrechlich wie das Schloss aus Glas, das Rex seiner Tochter jahrelang verspricht zu bauen…

Die große Kunst von Regisseur Daniel Cretton besteht darin, das tragische Schicksal der Wallis-Familie nicht zu überdramatisieren und auf eine leichtfüßig-flüssige Erzählung zu bauen, sodass sich die 127 nicht wie solche anfühlen. Gleichzeitig bleibt er dadurch an vielen Stellen an der Oberfläche und hätte er seinen starken Cast nicht, würde „Schloss aus Glas“ noch viel häufiger in unangenehmen Kitsch abdriften, als er es so ohnehin schon tut.


THE LEGO NINJAGO MOVIE  | Regie: Charlie Bean, Paul Fisher, Bob Logan | DK/USA 2017

Der junge Außenseiter Lloyd alias Der Grüne Ninja und seine Freunde, sind insgeheim große Krieger, die regelmäßig ihre geliebte Stadt Ninjago vor dem Bösen beschützen. Unter der Leitung des weisen Sprücheklopfers und Meisters Wu schmieden sie immer wieder neue Pläne, um den bösen Warlord Garmadon (deutsche Stimme: Klaus-Dieter Klebsch), den schlimmsten Schurken überhaupt, zu bekämpfen, der zufällig auch noch Lloyds Vater ist. So kommt es zum Duell Mech gegen Mech, aber auch Vater gegen Sohn: Im gigantischen Showdown wird sich zeigen, ob sich dieses ebenso ungestüme wie undisziplinierte Team aus modernen Ninjas bewährt. Denn sie alle müssen erst noch lernen, ihre Egos zu zügeln, um gemeinsam zu agieren und so ihre innere Kraft zu entfalten. Doch das ist schwieriger, als gedacht… 

Mit den ersten beiden LEGO-Kinofilmen kann „The LEGO Ninjago Movie“ erwartungsgemäß nicht mithalten, doch es gibt wahrlich schlimmere Zeitvertreibe, als diesen insgesamt netten, actiongeladenen und in den stärksten Momenten einmal mehr herrlich metakomischen Animationsfilm.


LEANDERS LETZTE REISE  | Regie: Nick Baker-Montey | DE 2017

Eigentlich wollte der 92-jährige Eduard Leander noch einmal allein auf eine letzte Reise gehen. Seine Frau ist gerade gestorben, zu Tochter Uli und Enkelin Adele hat er kaum Kontakt. Auch die beiden Frauen haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Uli übt ständig Kritik am unsteten Lebensstil ihrer Tochter, die ihr Studium geschmissen hat und als Kellnerin jobbt. Ausgerechnet Adele soll nun ihren Großvater von seiner Reise abhalten und ihn im letzten Moment aus dem Zug nach Kiew holen. Doch der störrische Alte lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, seine verlorene Liebe wiederzufinden, die er als junger Wehrmachtsoffizier im Osten zurücklassen musste. Und so landet Adele wider Willen mit im Zug und muss die Reise gemeinsam mit Eduard in die von Kriegswirren geplagte Ukraine antreten, wo nicht nur der Rentner und seine Enkelin langsam zusammen finden. 

Nick Baker-Montays melancholisches Roadmovie „Leanders letzte Reise“ verläuft trotz seines interessanten erzählerischen Umfelds in weitestgehend routinierten Bahnen, punktet aber durch starke Darsteller und eine unsentimentale Aufmachung, die auch vor unangenehmen Themen nicht die Augen verschließt.


NORMAN  | Regie: Joseph Cedar | ISR/USA 2017

Am Rande der von Macht und Geld geprägten Welt New York Citys erträumt der einsame Möchtegern-Geschäftsmann Norman Oppenheimer große Finanzpläne. Mit leeren Händen dastehend, versucht Norman, sich mit jedermann anzufreunden, doch auch das unaufhörliche Kontakteknüpfen bringt ihn letztlich nicht weiter. Immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit nimmt er eines Tages Micha Eshel ins Visier. Der charismatische israelische Politiker ist in der Stadt ebenfalls allein und am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen. Norman wittert Eshels momentane Beeinflussbarkeit und schenkt ihm ein überaus teures Paar Schuhe – eine Geste, die den Politiker tief berührt. Als er drei Jahre später Premierminister wird, erinnert sich Eshel wieder an Norman. Und der bekommt auf einmal genau das, wovon er immer geträumt hat: Respekt, und zwar im Überfluss. 

In „Norman“ schwadroniert sich Richard Gere als Sympathieträger durch eine Geschichte, deren seichte Inszenierung den komplexen Politverwicklungen nicht gerecht wird. Fans des Schauspielstars dürften ihren Spaß haben, für alle anderen hat die zurückhaltend inszenierte Tragikomödie kaum was zu bieten.


THE BOOK OF HENRY  | Regie: Colin Trevorrow | USA 2017

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen – vor allem nicht in dem kleinen Vorort, in dem die Familie Carpenter lebt. Susan arbeitet als Kellnerin in einem Diner, um als alleinerziehende Mutter ihre beiden Söhne versorgen zu können – den achtjährigen Peter, der die meiste Zeit mit seinen Spielsachen verbringt und den älteren, hochbegabten Henry. Henry hält das Gefüge zusammen und schafft es, auf seine eigene ganz besondere Art und Weise, für alles und jeden im Haushalt zu sorgen. Als Beschützer seines liebenswürdigen kleinen Bruders und unermüdlicher Unterstützer seiner oftmals überforderten Mutter, bewältigt er den Alltag seiner Familie quasi im Alleingang. Vermeintlich friedlich wirkt das Haus nebenan – hier lebt Henrys Schulkameradin Christina, zusammen mit ihrem Stiefvater Glenn.

„The Book of Henry“ beginnt als leichtfüßiges Familienmärchen, nimmt die Abfahrt über das herbe Drama und mündet in einen Rachethriller auf B-Movie-Niveau, der nicht bloß das Thema Kindesmissbrauch viel zu leichtfertig behandelt, sondern noch dazu Selbstjustiz gutheißt und dafür so großartige Darsteller wie Naomi Watts, Jacob Trambley und Jaeden Lieberherr verheizt.


HEREINSPAZIERT!  | Regie: Philippe de Chauveron | FR 2017

Starautor Jean Etienne Fougerole lebt mit Frau Daphné, Sohn Lionel und Personal ein privilegiertes Leben. Trotzdem oder gerade deshalb spricht er sich in seinem neuesten Werk für die bedingungslose Aufnahme von obdachlosen und hilfsbedürftigen Menschen aus. Bei einem TV Duell lässt er sich auf ein verbales Kräftemessen mit einem verhassten Konkurrenten ein, der eine gegensätzliche und vor allem populistische Haltung vertritt. Im Laufe der hitzigen Debatte stellt dieser Fougeroles Engagement provokant in Frage und ihn zur Rede. Um sein Gesicht zu wahren, gibt Jean Etienne vor laufender Kamera dem Druck des Kontrahenten nach und erklärt sich bereit, „selbstverständlich“ und zu jederzeit hilfsbedürftige Roma in seiner Nobelvilla aufzunehmen. Schon am gleichen Abend wird Jean Etienne von den Folgen seiner vermeintlich großherzigen Ankündigung eingeholt… 

„Hereinspaziert!“ ist ein Film, der Vorurteile bekräftigt, anstatt sie zu widerlegen. Darin steckt die Aussage, alle Ausländer wären wilde, sich den Gesetzen widersetzende und unbelehrbare Menschen, die sich der Fremde nicht anpassen wollen. Sollten die Macher ihren Film als Satire angelegt haben, ist diese Intention nicht erkennbar. Was bleibt, ist eine absolute Katastrophe – und ein gefundenes Fressen für Rechtspopulisten.


KÖRPER UND SEELE  | Regie: ldikó Enyedi | HUN 2017

Die autistische Ungarin Maria (Alexandra Borbély) arbeitet als Qualitätskontrolleurin in Budapest in einem Schlachthaus. Kontakt zu knüpfen, fällt ihr schwer, bis sie den sympathischen Finanzchef Endre (Géza Morcsányi) kennenlernt. Der junge Mann ist halbseitig gelähmt – in Marias Augen ein ebensolcher Außenseiter wie sie. Dass die beiden eine besondere Verbindung haben, offenbart sich schließlich bei einem psychologischen Test: Nach einem Diebstahl werden sämtliche Mitarbeiter des Betriebs eines solchen unterzogen. Hier offenbart sich Erstaunliches: Über Monate träumen Maria und Endre Nacht für Nacht dasselbe und damit auch vom jeweils Anderen. Doch was ihr Traum, in dem zwei Hirsch und ein verschneiter Wald vorkommen, zu bedeuten hat, dass wissen die beiden nicht. Doch vielleicht werden es beide gemeinsam herausfinden, wenn sie sich die Liebe zu einander endlich eingestehen?


DAS SYSTEM MILCH  | Regie: Andreas Pichler | DE/IT 2017

Milch ist Big Business. Hinter dem unschuldig anmutenden Lebensmittel verbirgt sich ein milliardenschweres Industriegeflecht. Dabei ginge es auch anders… Fast auf jeder Milchpackung sehen wir das Bild glücklicher Kühe, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Milch ist ein gefragter Rohstoff, mit dem knallhart gehandelt wird. Dieser Dokumentarfilm über die Welt der Milch wirft einen Blick hinter die Kulissen. Wir treffen Landwirte, Industrielle, Wissenschaftler und anderen Experten, um die Frage zu beantworten, welche weitreichenden Folgen das große Geschäft mit der Milch hat – auf die Tiere, auf die Umwelt und auf uns Menschen selbst. „Das System Milch“ ist eine cineastische Reise über mehrere Kontinente, die mit Vorurteilen aufräumt und Lösungen aufzeigt.  Der renommierte Südtiroler Dokumentarfilmregisseur Andreas Pichler wurde für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet.


Heimkinotipp: BIBI & TINA – TOHUWABOHU TOTAL  | Regie: Detlev Buck | DE 2017

Das Tohuwabohu ist perfekt: Bibi (Lina-Larissa Strahl) und Tina (Lisa-Marie Koroll) begegnen einem ruppigen Ausreißer (Lea van Acken), der sich als Mädchen entpuppt und von seiner Familie verfolgt wird. Das Familienoberhaupt ist weltfremd, engstirnig und stur, den kann man nicht überzeugen und selbst Bibi kommt mit Hexerei nicht weiter. Außerdem ist Schloss Falkenstein „under contruction“ und der Graf (Michael Maertens) völlig überfordert, während Alex (Louis Held) ein Musik-Festival auf Falkenstein plant und sich seinem Vater widersetzt. Und als wäre das nicht genug, wird Tina schließlich auch noch entführt. Bei all dem Chaos wird am Ende eines ganz klar: Wirkliche Veränderungen entstehen durch gemeinsame Aktionen und Anstrengungen, nicht durch Hexerei.

Wer nach „Bibi & Tina – Tohuwabohu total“ immer noch die Meinung vertritt, das ursprünglich mal als Familienfilmreihe angefangene Franchise sei doch nur etwas für kleine Mädchen, der glaubt auch, dass Donald Trumps Idee mit der Mauer eine gute ist. Bibi und Tina machen es vor: Die beiden weltoffenen Mädels bekommen mit diesem weltoffenen, komplexen und ungemein kreativen Film genau den Abschlussfilm, den sie verdienen.

Das startet am 14. September 2017

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, meiner wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht’s um den Startdonnerstag des 14. September, der eine überaus große Bandbreite an guten Filmen präsentiert – mit „mother!“ sogar einen der besten des Jahres. Wer von sich glaubt, nicht ganz so hartgesotten zu sein, für den gibt’s den neuesten Film von Ex-Regieaussteiger Steven Soderbergh, der mit „Logan Lucky“ ein nächstes „Ocean’s Eleven“ abliefert. „High Society“ hält indes die Flagge der deutschen Komödie hoch – und macht das gar nicht mal so schlecht. Gourmets gehen unterdessen in die melancholische Liebesgeschichte „Porto“, die in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!

MOTHER!  | Regie: Darren Aronofsky | USA 2017

Sie könnten so glücklich sein – und sind es erst einmal auch: Ein namenloses Pärchen (Jennifer Lawrence und Javier Bardem) hat sich in einem altehrwürdigen Anwesen ein kleines Paradies geschaffen. Lediglich die Schreibblockade des als literarischer Dichter arbeitenden Gatten bringt die Idylle hier immer mal wieder ins Wanken. Unterdessen müht sich seine Frau darin, die einst abgebrannte Villa wieder auf Vordermann zu bringen. Doch mit der Abgeschiedenheit ist es bald vorbei, denn ein Fremder steht vor der Tür: Er (Ed Harris) behauptet von sich, ein großer Fan des Autoren zu sein und bittet unter einem Vorwand um Einlass. Auch seine Ehefrau (Michelle Pfeiffer) kommt bald hinzu. Von der Situation zunächst überfordert, aufgrund seiner Schmeicheleien jedoch angetan, beschließt das Paar, den unerwarteten Gästen einen längeren Aufenthalt zu ermöglichen. Mit fatalen Folgen… 

Darren Aronofskys Terrorfilm „mother!“ ist nicht mehr und nicht weniger als der abgefuckteste Film des Jahres. Jennifer Lawrence dominiert mit ihrer Tour-de-Force-Performance ein Ensemble, das sich leidenschaftlich einem durchgeknallten Erzähl- und Inszenierungsrausch hingibt, mit dem der Ausnahmeregisseur Tabus bricht – das wird (und darf) nicht jedem schmecken. Holy Shit!


PORTO  | Regie: Gabe Klinger | PRT/FR/USA/POL 2016

Porto, die alte portugiesische Hafenstadt mit ihrer mysteriösen, fast morbiden Atmosphäre ist der Ort, an dem der zurückhaltende Jake (Anton Yelchin) und die geheimnisvolle Mati (Lucie Lucas) aufeinandertreffen. Beide sind fremd in der Stadt, beide sind Außenseiter, und beide sind auf der Suche. Als sie sich begegnen, ist es Anziehung, ja, Liebe auf den ersten Blick. Fremd, doch zugleich vertraut, stürzen sie sich Hals über Kopf in eine Affäre. Es ist nur eine einzige Nacht, die sie miteinander verbringen. Aber die Zeit scheint still zu stehen. Mit Blicken, Gesten und Worten schaffen sie eine geheimnisvolle und doch unauflösbare Verbindung. Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen, aber die glücklichen und leidvollen Erinnerungen hinterlassen bei beiden ihre Spuren. Für immer.

Hätte Kinopoet Terrence Malick Richard Linklaters „Before“-Reihe inszeniert, wäre dabei vermutlich „Porto“ bei herausgekommen. Die melancholische Geschichte über zwei Menschen, die für eine Nacht die Liebes ihres Lebens erfahren, ist nicht nur dank des pulsierenden Schauplatzes fast zu schön, um wahr zu sein, auch die beiden Hauptdarsteller Lucie Lucas und Anton Yelchin machen sich mit diesem Film – im wahrsten Sinne des Wortes – unsterblich.


MR LONG  | Regie: SABU | JPN/HKG/TWN 2017

Ein taiwanesischer Auftragskiller (Chen Chang) strandet in einer japanischen Vorstadt. Seine Mission ist missglückt und ihm bleiben fünf Tage, um Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Unvermittelt erhält er dabei Hilfe: Der kleine Jun (Runyin Bai) weicht nicht von seiner Seite und ahnungslose Anwohner zeigen sich von seinen Kochkünsten so begeistert, dass sie ihm ein berufliches Standbein schaffen wollen. Eifrig organisieren sie ihrem schweigsamen „Mr. Long“, wie sie den Killer nennen, eine fahrbare Garküche, mit der er, gemeinsam mit Jun, seine chinesischen Spezialitäten unter die Leute bringen kann. Unheil droht, als Juns Mutter (Yiti Yao) von ihrem ehemaligen Dealer aufgesucht wird und dieser Mr. Longs Fährte aufnimmt. Aber auch wenn die Vergangenheit ihn einholt – es wird für Mr. Long nicht leicht zu gehen.

Das Ende bricht einem das Herz: SABUs bisweilen äußerst brutale Todesballade „Mr Long“ erzählt unaufgeregt und hochemotional von einem Auftragskiller, der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine zweite Chance – und erkennt, dass er diese nie haben kann.


LOGAN LUCKY  | Regie: Steven Soderbergh | USA 2017

Die Brüder Jimmy und Clyde Logan werden vom Pech verfolgt. Während der impulsive Jimmy einen Job nach dem nächsten verliert, wird Barkeeper Clyde, der nur einen Arm hat, regelmäßig schikaniert. Und dann wären da noch die Geldsorgen. Aber Jimmy hat eine brillante Idee, die den beiden aus der misslichen Lage helfen soll: Ein Raubüberfall im großen Stil! Das prestigeträchtigste und legendärste NASCAR-Rennen der Welt, der Coca-Cola Cup 600, bietet scheinbar die perfekten Voraussetzungen für einen cleveren, unterirdischen Raubzug! Unterstützung erhoffen sich die Brüder vom berüchtigtsten platinblonden Safeknacker des Landes: Joe Bang – der sitzt allerdings noch im Gefängnis fest. Während der Planung des großen Coups tauchen immer neue Hindernisse auf, doch gemeinsam mit ihrer Schwester Mellie setzen die beiden Brüder alles daran, ihre lebenslange Pechsträhne endlich zu beenden… 

Im Anbetracht dieser liebenswürdigen Schmalspurganoven verzeiht man es „Logan Lucky“ gern, dass man das Konzept hinter dem Film eigentlich von Anfang an durchschaut. Die stark gespielte, rasant inszenierte und urkomische Gangsterposse hat das Herz am rechten Fleck und Feuer unterm Hintern – endlich ist Steven Soderbergh zurück!


HIGH SOCIETY  | Regie: Anika Decker | DE 2017

Anabel von Schlacht ist die wohlstandsverwahrloste Party­tochter einer schwerreichen Industriellenfamilie, die geführt wird von Mutter Trixi von Schlacht. Das dachten zumindest alle, doch ein handfester Skandal in Anabels Geburtsklinik enthüllt die Vertauschung diverser Babys und auch Anabels wahre Herkunft: Ihre leibliche Mutter Carmen Schlonz lebt mit ihren beiden anderen Kindern und einem illegalen Untermieter in einer Plattenbau­WG. Als Anabel in ihrem neuen Zuhause eintrifft, gerät sie sich direkt mit dem attraktiven Polizisten Yann in die Haare. Auch ihr weiterer Weg ist gepflastert mit skurrilen Begegnungen, familiären Konflikten und Liebesverwirrungen, führt sie jedoch zur Besinnung auf die wirklich wichtigen Werte des Lebens sowie zur Suche nach ihrer wahren Identität, dem ersten richtigen Job und zur Frage, was Familie eigentlich bedeutet. 

Zwischen Klamauk und Romantik gelingt Anika Decker mit „High Society“ eine niemals urteilende RomCom über Familie und die Unwichtigkeit von Reichtümern. Obwohl kleine Unebenheiten den Erzählrhythmus hier und da ins Stolpern bringen, reichen die vielen amüsanten Momente, treffsichere Pointen und ein leidenschaftlich aufspielender Cast locker aus, um einen Ticketkauf zu rechtfertigen.


WIE DIE MUTTER, SO DIE TOCHTER  | Regie: Noémie Saglio | FR 2017

Avril (Camille Cottin) und ihre Mutter Mado (Juliette Binoche) sind zwar ein Herz und eine Seele, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Avril, 30, ist verheiratet, angestellt und lebt ihr Leben strikt nach Plan, während ihre Mutter seit ihrer Scheidung eine zweite Pubertät durchlebt und ihrer Tochter in jeglicher Hinsicht auf der Tasche liegt. Sie hat sich sogar bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn eingenistet und denkt gar nicht daran, ihren Lebensstil aufzugeben. Mutter- und Tochterrolle sind komplett vertauscht und als sich die beiden Frauen dann auch noch zur gleichen Zeit schwanger unter einem Dach wiederfinden, ist der große Eklat unausweichlich. Denn genauso wenig wie Mado inmitten ihres Jugendwahns bereit ist, erneut Mutter oder gar Großmutter zu werden, kann Avril sich ihre eigene Mutter als späte Mutter vorstellen! 

Die zwei grandios aufspielenden Hauptdarstellerinnen Camille Cottin und Juliette Binoche sowie diverse kreative Ideen machen aus dieser kleinen Komödie ein kurzweiliges Vergnügen, das nicht bloß Herz und Seele berührt, sondern auch noch richtig Spaß macht. Eine kleine Überraschung!


DAS LÖWENMÄDCHEN  | Regie: Vibeke Idsøe | NOR 2016

In einer kleinen Provinzstadt in Norwegen kommt im Winter 1912 ein Mädchen (Aurora Lindseth-Løkka) zur Welt, dessen ganzer Körper von feinen blonden Härchen bedeckt ist. Für die damalige Wissenschaft ein kurioser, ein interessanter Fall. Evas Mutter stirbt bei der Geburt und ihr Vater, der Stationsmeister Arctander (Rolf Lassgård), will zunächst von dem „Löwenmädchen“ nichts wissen. Doch die kleine Eva wächst heran (als Jugendliche: Mathilde Thormine Storm). Abgeschottet und versteckt vor der Neugier der Außenwelt, erschafft sie sich ihre eigene Welt, bis sie eines Tages den Mut findet, der Enge ihres Lebens zu entfliehen (als junge Frau: Ida Ursin-Holm). Doch ihr Umfeld steht der Frau und ihrem aufkeimenden Selbstbewusstsein immer wieder im Wege. Wird Eva jemals ein eigenständiges Leben führen können? 

Vibeke Idsøes Familiendrama „Das Löwenmädchen“ hat den puppenhaft-warmherzigen Charme eines Weihnachtsmärchens, doch die Regisseurin holt aus der dramatischen Geschichte um ein von der Gesellschaft ausgestoßenes Mädchen nicht mehr heraus, als von Klischeefiguren vorgetragene Plattitüden. Schade – die fantastischen Hauptdarstellerinnen hätten Besseres verdient.


RADIANCE  | Regie: Naomi Kawase | FR/JPN 2017

Die schüchterne aber hingebungsvolle Misako (Ayame Misak) schreibt mit großer Leidenschaft Hörfassungen von Kinofilmen für Menschen mit Sehbehinderungen. Bei einer Vorführung begegnet sie dem zynischen Fotografen Nakamori (Masatoshi Nagase), der allmählich sein Augenlicht verliert. In seinen Bildern entdeckt sie eine seltsame Verbindung zu ihrer Vergangenheit – und gemeinsam entdecken die beiden eine strahlende Welt, die für Misakos Augen bislang unsichtbar war…

Die japanische Filmemacherin Naomi Kawase („Kirschblüten und rote Bohnen“, „Still the Water“) präsentiert mit ihrem neuesten Film „Radiance“ eine zärtliche, poetische und dabei überaus bildgewaltige Liebesgeschichte und Hommage an die integrierende Kraft des Kinos, der Anfang des Jahres beim Filmfestival von Cannes gezeigt wurde.


THE END OF MEAT  | Regie: Marc Pierschel | DE 2017
Ein Dokumentarfilm über die Vision einer Welt ohne Fleisch, der Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen vorstellt, die sich mit Alternativen des Zusammenlebens von Menschen und Tieren beschäftigen. In „The End of Meat“ wagt Filmemacher Marc Pierschel den Blick in eine Zukunft ohne Fleisch sowie deren Auswirkungen auf Umwelt, Tiere und uns selbst. Dabei begegnet er Esther, einem Hausschwein, welches das Leben von zwei Kanadiern komplett auf den Kopf stellte, spricht mit den Pionieren der veganen Revolution in Deutschland, besucht die erste vegetarische Stadt in Indien, begegnet geretteten „Nutztieren“ in Freiheit, trifft auf Wissenschaftler*innen, die am tierfreien Fleisch forschen, das den 600 Milliarden schweren, globalen Fleischmarkt revolutionieren soll und vieles mehr.

Heimkinotipp: DER HIMMEL WIRD WARTEN  | Regie: Marie-Castille Mention-Schaar | FR 2016

Sylvie lebt allein mit ihrer Tochter Mélanie. Sie verbringen viel Zeit miteinander und Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat. Doch irgendwann begegnet Mélanie im Internet einem Jungen, der ihr regelmäßig zu schreiben beginnt, ihr Komplimente macht und sie schließlich fragt, wie sie es hält mit der Religion. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und Sylvie auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen. Catherine und Samir sind die stolzen Eltern der 17-jährigen Sonia. Gerade zurück aus den Sommerferien, wird ihr Haus eines Nachts von der Polizei gestürmt und Sonia unter Arrest gestellt. Um ihrer Familie einen Platz im Paradies zu sichern, hat sich Sonia dem Dschihad angeschlossen. Catherine und Sylvie sind tief erschüttert davon, wie fremd ihre Töchter ihnen so ganz im Stillen geworden sind.

„Der Himmel wird warten“ hätte gut und gern zwanzig Minuten länger sein dürfen, denn nicht alle Erzählansätze führt die französische Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar auch zu Ende. Trotzdem ist ihr Drama über die radikale Islamisierung zweier französischer Mädchen ein ebenso mitreißender wie niederschmetternder Film über ein wichtiges, brandaktuelles Thema, das nicht verallgemeinert und einen wichtigen da aufklärerischen Wert leistet.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit

2006 trat der ehemalige Präsidentschaftskandidat Al Gore in einem appellierenden Dokumentarfilm an die Menschheit heran, um sie auf das Problem der Klimaerwärmung aufmerksam zu machen. Mittlerweile ist dieses Thema IMMER NOCH EINE UNBEQUEME WAHRHEIT und deshalb war es Zeit für eine Fortsetzung. Wie die geworden ist, dass verrate ich in meiner Kritik.

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Das startet am 7. September 2017

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, meiner wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht’s um den Startdonnerstag des 7. September, an dem sich Tom Cruise endlich mal wieder als Schauspieler und nicht „nur“ als Actionheld beweisen darf. Seine Kriegssatire „Barry Seal“ ist in einigen Ländern bereits erfolgreich gestartet. Nun darf man gespannt sein, wie sich der losgelöst von irgendeinem erfolgreichen Franchise existierende Action-Abenteuerfilm hierzulande präsentieren wird. Damit ist der größte Start auch bereits abgedeckt. Direkt dahinter folgt mit „The Circle“ die furchtbare Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers, der in Übersee krachend floppte. Ob die Starpower hierzulande fruchtet, steht in den Sternen. Ansonsten lohnen sich die mysteriöse Romanze „Meine Cousine Rachel“ sowie die Dokumentation „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“.

Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!

BARRY SEAL – ONLY IN AMERICA  | Regie: Doug Liman | USA 2017

Das Leben schreibt manchmal Geschichten, die so verrückt sind, dass sie nur wahr sein können. Und nur in Amerika sind den Möglichkeiten dabei keine Grenzen gesetzt – die Geschichte von Barry Seal gehört dazu. Anfang der 80er Jahre hält sich der sympathische Draufgänger Barry durch raffinierte Schmuggeleien neben seinem Job als Pilot gut über Wasser. Kompliziert wird es, als er zu seiner eigenen Überraschung von der CIA rekrutiert wird, um an verdeckten Operationen in Südamerika mitzuarbeiten. Schnell stellt Barry fest, dass sich auch mit der Gegenseite durchaus lukrative Geschäfte machen lassen. Schon bald verstrickt er sich immer tiefer in dubiose Machenschaften in Nicaragua und dem kolumbianischen Kartell um Pablo Escobar. Ein irrwitziges Abenteuer als Waffenschmuggler, Drogenhändler und verdeckter CIA-Agent beginnt.

Der handwerklich astreine „Barry Seal – Only in America“ ist eine launige Kriegsposse, die den Zuschauer bei all dem Spaß an der von Tom Cruise fantastisch verkörperten Lebemann-Figur nie vergessen lässt, dass hinter den wahren Ereignissen eigentlich „nur“ die zweifelhafte Karriere eines Ganoven steckt – eines Ganoven mit mehr Glück als Verstand.


IMMER NOCH EINE UNBEQUEME WAHRHEIT  | Regie: Bonni CohenJon Shenk | USA 2017

Etwas mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit die unkonventionelle Dokumentation von und mit Al Gore, „Eine unbequeme Wahrheit“, („An Inconvenient Truth“, 2006) die Klimakrise in die Köpfe und Herzen der Menschen gebracht hat. Jetzt zeigt die fesselnde und mitreißende Fortsetzung, dass eine technische Revolution bevorstehen könnte. Der ehemalige Vizepräsident der USA Al Gore setzt seinen unermüdlichen Kampf fort und reist um die Welt, um mit Vorreitern in Klimafragen zu arbeiten und Einfluss auf die internationale Klimapolitik zu nehmen. Bei seiner Suche nach Ideen undInspirationenfolgt ihm die Kamera hinter die Kulissen und zeigt ihn in privaten und öffentlichen Momenten, mal heiter, mal rührend. In einer Zeit, in der die Bedrohung größer ist als je zuvor,könnten die Menschen jetzt den Klimawandel durch Ideenreichtum und Leidenschaft überwinden.

Weniger Theorie, mehr Persönlichkeit: „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ führt das Thema Klimaerwärmung an der Stelle fort, an welcher der Vorgänger vor elf Jahren aufhörte und reichert die bekannten Thesen um neue, emotionale Facetten an, sodass dieser Film jene Zuschauer mehr ansprechen könnte, denen „Eine unbequeme Wahrheit“ zu trocken war.


MEINE COUSINE RACHEL  | Regie: Roger Michell | UK/USA 2017

Im englischen Cornwell des 19. Jahrhunderts lebt der junge naive Philip Ashley, der nach dem Tod seiner Eltern bei seinem wohlhabenden Cousin Ambrose aufwuchs. Dieser ist oft auf Reisen und heiratet in Italien die schöne Witwe Rachel, die gleichzeitig die Cousine der beiden Männer ist. Ambrose schreibt seinem Cousin regelmäßig Briefe, in denen er seine Befürchtungen schildert, Rachel wolle ihn langsam vergiften, um so an sein Hab und Gut zu gelangen. Als Ambrose einige Monate später tatsächlich verstirbt, schmiedet Philip einen geheimen Plan: Er will Rachel ermorden und sich so für den Tod seines Cousins und Mentors rächen. Doch als sich Philip und Rachel kennenlernen, gerät der junge Mann schon bald selbst in den Bann der geheimnisvollen Frau und vergisst, dass hinter der schönen Fassade vielleicht eine Mörderin stecken könnte… 

„Meine Cousine Rachel“ gefällt als geheimnisvolles Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mann und Frau, das – je nach Auslegung – mit einer fehlenden Auflösung punktet, oder aber enttäuscht. Die hohe Qualität der Ausstattung und eine famose Rachel Weisz machen das Drama so oder so sehenswert.


DIE PFEFFERKÖRNER UND DER FLUCH DES SCHWARZEN KÖNIGS  | Regie: Christian Theede | DE 2017

Die Klassenfahrt mit Lehrer Martin Schulze (Devid Striesow) droht auszufallen, doch in letzter Minute springt Bennys Mutter Andrea (Katharina Wackernagel) für die kranke Lehrerin ein. Benny ist davon wenig begeistert, vor allem als Herr Schulze und seine Mutter sich besser kennenlernen. Ziel der Reise ist der Gruber Hof in den Bergen Südtirols. Mia freut sich riesig auf ihren guten Freund Luca (Leo Gapp), der dort wohnt. Doch Luca verhält sich eigenartig, denn es geschehen geheimnisvolle Dinge auf dem Berghof und die Kinder stoßen auf gruselige Berggeister und mystische Zeichen. Der neue Mitschüler Johannes (Luke Matt Röntgen) kommt Mia und ihren Freunden zu Hilfe und als unschlagbares Team, finden sie heraus, wer hinter diesen Ereignissen steckt. Die Spur führt zurück nach Hamburg und die Pfefferkörner begeben sich auf eine riskante Mission. 

Es ist fast schon tragisch: „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ hätte ein Paradebeispiel für die Leinwandadaption einer (Kinder-)Serie sein können, doch ausgerechnet die unbeholfenen Darsteller trüben den Gesamteindruck immens. So bleibt am Ende ein ordentlicher Film übrig, der ein richtig starker hätte sein können.


DIE MIGRANTIGEN  | Regie: Arman T. Riahi | AT 2017

Marko und Benny, zwei Wiener mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, sind vollständig integriert. So sehr, dass sie kaum noch als fremd wahrgenommen werden – wären da nicht Bennys schwarze Haare. Als die beiden aufgrund ihres Aussehens am Rudolfsgrund, einem ethnisch durchmischten Vorstadtviertel, von der ambitionierten TV-Redakteurin Marlene Weizenhuber, die nach Protagonisten für ihre TV-Dokuserie sucht, angesprochen werden, geben sie sich als kleinkriminelle und abgebrühte Migranten aus, die es faustdick hinter den Ohren haben. Damit ihre Lüge nicht auffliegt, bauen sie sich eine zweite Identität, die aus Klischees und Vorurteilen besteht. Und während die beiden durch die Erfüllung dieser Erwartungen und Vorurteile die Serie zum Erfolg machen, setzen sie sich gleichzeitig zum ersten Mal mit den echten Integrationsschicksalen auseinander – auch mit ihren eigenen…

Trotz hanebüchener Prämisse überzeugt die Ausländersatire „Die Migrantigen“ in erster Linie durch ihr hohes Maß an Realismus und Authentizität. Das ist nicht bloß den beiden starken Hauptdarstellern zu verdanken, sondern vor allem Arman T. Riahis Auge für gesellschaftliche Entwicklungen und Details. Schade, dass sich das Skript hier und da zu lange an Banalitäten aufhält und die minimalen Backgrounds den interessanten Figuren nicht gerecht werden.


ON THE MILKY ROAD  | Regie: Emir Kusturica | SRB/UK/USA 2016

Der stets mit einem Regenschirm gegen den Kugelhagel ausgestattete Milchmann Kosta (Emir Kusturica) ist vom Glück gesegnet: Begleitet von seinem besten Freund, einem Wanderfalken, passiert er nicht nur Tag für Tag auf seinem Esel unversehrt die Frontlinie des Bürgerkriegs, sondern wird auch noch von der Dorfschönheit Milena (Sloboda Micalovic) als Bräutigam auserwählt und bereitet bereits eifrig die Hochzeitsfeierlichkeiten vor. Doch dann verliebt sich Kosta Hals über Kopf in eine geheimnisvolle aber nicht minder verführerische Italienerin (Monica Bellucci), die allerdings schon dem Kriegshelden Žaga (Predrag ‚Miki‘ Monojlovic) versprochen ist und zudem von ihrem rachsüchtigen Ex-Mann gejagt wird. Ohne nachzudenken brennen die beiden Liebenden durch, um ihrer Liebe eine Chance zu geben. Dabei geraten sie in einen Strudel fantastischer Abenteuer, die sie immer enger zusammenschweißen.

„On the Milky Road“ erinnert in den besten Momenten an die verspielten Kinofabeln von Michael Gondry, doch Regisseur Emir Kusturica gelingt es nicht, die visuelle Kreativität auch auf den Inhalt zu übertragen. Am Ende ergibt dies einen unausgegorenen Mix aus einem durchschnittlichen Romantikdrama, überraschend expliziten Gewalteskapaden und sensibel-komischen Spitzen, wobei man bis zuletzt nicht weiß, ob man über die verworrene Geschichte eigentlich lachen, oder doch lieber weinen soll.


THE CIRCLE  | Regie: James Ponsoldt | ARE/USA 2017

Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist überglücklich. Sie hat einen Job in der angesagtesten Firma der Welt ergattert: beim „Circle“, einem Internetkonzern, der alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die alles abgewickelt werden kann. Mae stürzt sich voller Begeisterung in die schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, Gratis-Konzerten und coolen Partys. Während sie innerhalb der Firma immer weiter aufsteigt, wird sie vom charismatischen Firmengründer Eamon Bailey (Tom Hanks) ermutigt, an einem für den „Circle“ bahnbrechenden Experiment teilzunehmen. Die Teilnahme an dem Experiment und ihre Entscheidungen zugunsten des „Circles“ beeinflussen zunehmend das Leben und die Zukunft ihrer Freunde und Familie. Und dann ist da auch noch ihr mysteriöser Kollege Kalden (John Boyega)…

Man kann an „The Circle“ jede Menge Spaß haben, nur muss man dazu leider völlig ausblenden, wie ernst James Ponsoldt und sein Ensemble die haarsträubenden Ereignisse nehmen. Die Online-Dystopie ist zu brav für eine Satire, zu hanebüchen für ein glaubhaftes Drama und setzt lieber auf plakative Haudrauf-Symbolik, als sich ernsthaft mit dem Thema weltweite Vernetzung auseinanderzusetzen. Tom Hanks‘ Jobs-Zuckerberg-Hybrid ist dennoch faszinierend.


 BARFUSS IN PARIS  | Regie: Abel & Gordon | FR/BEL 2016

Fiona hat ihre Tante Martha Jahrzehnte nicht gesehen. Martha hat ihr Dorf im einsamen Norden Kanadas verlassen und ihr Glück in Paris gesucht. Eines Tages erhält Fiona einen verwirrten Brief ihrer Tante aus dem sie schließt, dass ihre Tante in ein Altersheim gebracht werden soll, weil sie nicht mehr alleine klar kommt. Fiona reist nach Paris um ihr zu helfen. Als Fiona in Paris ankommt ist Martha verschwunden. Fiona macht sich in der fremden Großstadt auf die Suche nach ihr, dabei trifft sie immer wieder den Obdachlosen Dom, der sich in Fiona verliebt.

Die Filme der Tänzer Dominique Abel und Fiona Gordon sind durch ihren tänzerischen Bezug zu den Slapstick Anfängen der Kinounterhaltung etwas ganz Besonderes. In ihrem aktuellen Film ist neben Pierre Richard die kürzlich verstorbene Emmanuelle Riva in einer ihrer letzten Rollen zu sehen.


EINE FANTASTISCHE FRAU  | Regie: Sebastián Lelio | CHL/USA/DE/ESP 2017

Marina und Orlando lieben sich. Sie arbeitet als Kellnerin und singt leidenschaftlich gern, der 20 Jahre ältere Geliebte hat ihretwegen seine Familie verlassen. Doch als die beiden nach Marinas Geburtstagsfeier in einem Restaurant nach Hause kommen, wird Orlando plötzlich leichenblass, reagiert nicht mehr. Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Die Ereignisse überschlagen sich: Marina sieht sich mit den unangenehmen Fragen einer Kommissarin konfrontiert, und Orlandos Familie begegnet ihr mit Wut und Misstrauen. Seine Noch-Ehefrau schließt sie von der Beerdigung aus; die gemeinsame Wohnung soll sie möglichst rasch verlassen. Marina ist eine Transgender-Frau, und die Familie des Verstorbenen fühlt sich durch ihre sexuelle Identität bedroht. Mit der gleichen Energie, mit der sie früher dafür gekämpft hat, als Frau zu leben, pocht Marina nun erhobenen Hauptes auf ihr Recht auf Trauer.


DAS SCHAFFEN WIR SCHON  | Regie: Andreas Arnstedt | DE 2017

Deutschland, zwei Tage vor der Bundestagswahl. In der beliebten Talkshow „Sechs gegen Neunzig“ bietet der gewiefte Moderator Frederic Neunzig (Constantin von Jascheroff) den Kandidaten der Parteien die Möglichkeit, ein letztes Mal ihre Wahlprogramme zu präsentieren. Als Stimme des Volkes sitzt auch Harald Müllbeier, Chef der Zeitarbeitsfirma „Time for Talents“, in der Runde. Während alle in dem hitzigen Talk noch um ihre Positionen kämpfen, stürmt eine Frau in das Studio und nimmt Politiker und Firmenchef als Geiseln. Zeitarbeitskraft Susanne Kleinke (Marie Schöneburg), die gerade von Müllbeier gefeuert wurde und ihre Lebensgrundlage verloren hat, sinnt auf Rache. Und sie droht, alle in die Luft zu jagen – wenn nicht ihre Forderungen erfüllt werden: Abschaffung von Hartz IV, bedingungsloses Grundeinkommen für alle und eine angemessene Strafe für ihren Ex-Chef. Schnell eskaliert die Situation…


 Heimkinotipp: GET OUT  | Regie: Jordan Peele | USA 2017

Ein Landhaus im Grünen, ein Wochenende bei den Schwiegereltern in spe, der Empfang ist herzlich – vielleicht eine Spur „zu herzlich“. Schnell muss Chris (Daniel Kaluuya) feststellen, dass mit der Familie seiner Freundin Rose (Allison Williams) etwas nicht stimmt. Was führen der scheinbar so weltoffene Dean (Bradley Whitford) und seine Gattin Missy (Catherine Keener), einer der Hypnose mächtige Frau, im Schilde? Es kommt zu bizarren Zwischenfälle, die den vermeintlich entspannten Antrittsbesuch unversehens in einen ausgewachsenen Alptraum für den Familien-Neuling machen sollen. Denn hier herrscht ein nie dagewesener Kampf zwischen schwarz und weiß. 

Erst brennt sich der paralysierende Song „Run, Rabbit, Run“ in die Köpfe der Zuschauer, später kommt man in den zweifelhaften Genuss einer Bedrohung, die sich partout nicht greifen lässt und irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt, wie penibel durchdacht und brillant das Konzept von „Get Out“ aufgebaut ist.

Das startet am 31. August 2017

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, meiner wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht’s um den Startdonnerstag des 31. August, an dem mit „Jugend ohne Gott“ der stärkste Film der Woche aus Deutschland kommt. „Killer’s Bodyguard“ verpasst eine gute Wertung aufgrund der technisch mangelhaften Ausstattung, ist aber immer noch einen Blick wert, während Horrorfans mit „The Limehouse Golem“ das Nachsehen haben und David-Lynch-Fans von dem Künstlerporträt „The Art Life“ enttäuscht sein könnten. Immerhin im Heimkino gibt’s Einiges zu gucken… Übrigens: Zu dem ebenfalls kommenden wovje startenden Film „The Comedian“ mit Robert DeNiro in der Hauptrolle wurden vom Verleih Warner Bros. keinerlei Informationen zur Verfügung gestellt. Auch eine Pressevorführung fand nicht statt.

Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!

JUGEND OHNE GOTT  | Regie: Alain Gsponer | DE 2017

Zach (Jannis Niewöhner) macht sich widerwillig auf in das Hochleistungs-Camp der Abschlussklasse. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen hat er kein Interesse daran, auf die renommierte Rowald Universität zu kommen. Obwohl sie ihn nicht versteht, ist die ehrgeizige Nadesh (Alicia von Rittberg) von dem Einzelgänger fasziniert und versucht, ihm näherzukommen. Zach wiederum interessiert sich mehr für das geheimnisvolle Mädchen Ewa (Emilia Schüle), das im Wald lebt und sich mit Diebstählen über Wasser hält. Als Zachs Tagebuch verschwindet und ein Mord geschieht, scheint der fragile Zusammenhalt der jugendlichen Elite an sich selbst zu zerbrechen. Nur der vermeintlich moralisch integre Lehrer (Fahri Yardim) versucht zu helfen, aber dafür ist es schon zu spät. Ein Strudel aus Lügen und Gewalt hat sich längst in Gang gesetzt.

„Jugend ohne Gott“ krankt mitunter an den typischen Krankheiten deutscher Jugendfilme, überzeugt aber immer noch als clever erzählte, mit großen Bildern bestückte Dystopie über eine Welt, in der Liebe und Empathie nicht mehr existieren.


KILLER’S BODYGUARD  | Regie: Patrick Hughes | USA 2017

Michael Bryce (Ryan Reynolds) ist der weltbeste Sicherheitsagent und Personenschützer und wird als solcher ausgerechnet dafür engagiert, den berühmt-berüchtigten Auftragskiller Darius Kincaid (Samuel L. Jackson) zu beschützen, mit dem er bereits mehr als einmal beruflich zu tun hatte. Kincaid soll vor einem internationalen Gerichtshof gegen den verbrecherischen, osteuropäischen Diktator Vladislav Dukhovich (Gary Oldman) aussagen. Doch dazu muss er rechtzeitig und unversehrt dort eintreffen, was Dukhovich natürlich mit allen Mitteln verhindern will. Die beiden Männer waren zwar jahrelang Feinde und haben unzählige Male versucht, sich gegenseitig zu töten, aber jetzt müssen sie wohl oder übel zusammenarbeiten, um innerhalb von 24 Stunden zu der Gerichtsverhandlung zu kommen. Der Beginn eines haarsträubenden Abenteuers… 

Die Idee hinter „Killer’s Bodyguard“ ist clever, die beiden perfekt aufeinander eingespielten Hauptdarsteller machen Spaß und die Action punktet größtenteils mit Kreativität und Einfallsreichtum. Inhaltlich bietet die Actionkomödie jedoch nicht allzu viel Neues, während die hier und da hervorstechenden Mängel in der technischen Ausfertigung schon stark irritieren.


MAGICAL MYSTERY  | Regie: Arne Feldhusen | DE 2017

Mitte der 1990er-Jahre trifft Karl Schmidt (Charly Hübner) in Hamburg durch einen Zufall seine alten Kumpels wieder. Während Karl am Tag der Maueröffnung einen depressiven Nervenzusammenbruch erlitt und in die Klapse eingeliefert wurde, sind die alten Freunde mittlerweile zu Stars der deutschen Techno-Szene geworden. Mit ihrem erfolgreichen Plattenlabel wollen sie eine „Magical Mystery“-Tour durch Deutschland machen, um den Rave der 90er mit dem Hippiegeist der 60er zu versöhnen. Und genau dazu brauchen sie einen Fahrer, der immer nüchtern bleiben muss. Das kommt Karl Schmidt gerade recht, denn der hat keine Lust mehr auf das triste Leben in seiner Therapie-WG. Es beginnt ein abenteuerlicher Roadtrip durch das Deutschland der 90er, unternommen von einer Handvoll Techno-Freaks und betreut von einem psychisch labilen Ex-Künstler. Was kann denn da schon schiefgehen? 

Auch ohne das Auftauchen von Herrn Lehmann ist die indirekte Fortsetzung des Kultfilms, „Magical Mystery“, ein kernig-authentisches Vergnügen voller liebenswert-skurriler Figuren und jeder Menge absurder Dialoge, das auch ganz ohne Alkohol ansteckt.


DAVID LYNCH: THE ART LIFE  | Regie: Jon Nguyen, Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes | USA 2017

Die Regisseure Jon Nguyen, Olicia Neergaard-Holm und Rick Barnes nehmen uns gemeinsam mit Regievirtuose David Lynch mit auf eine Reise durch die entscheidenden Jahre seines Lebens. Angefangen mit seiner Erziehung in einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt hin zu den dunklen Straßen Philadelphias, begleiten wir David Lynch auf seiner Suche nach den Ereignissen, die zu seinem Werdegang als einer der rätselhaftesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos beigetragen haben. „David Lynch: The Art Life“ durchdringt Lynchs frühe Kunst, Musik und Filme, beleuchtet die dunklen Ecken seiner einzigartigen, ganz eigenen Welt, und ermöglicht es den Zuschauern, den Mann und den Künstler ein wenig besser zu verstehen.

„David Lynch: The Art Life“ ist keine Doku über den Filmemacher David Lynch, sondern über den Künstler hinter seinen Werken. Wie viel an den von ihm erzählten Geschichten dran ist, bleibt bis zuletzt offen. Eine gewisse Faszination für seine Person lässt sich jedoch nicht leugnen.


THE LIMEHOUSE GOLEM  | Regie: Juan Carlos Medina | UK 2016

London im Jahr 1880: Im heruntergekommenen Bezirk Limehouse treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der auf besonders brutale Art vorgeht. An den Tatorten hinterlässt er mit dem Blut seiner Opfer geschriebene Botschaften, die in lateinischer Sprache verfasst sind. Die Taten sind derart grausam, dass viele Menschen annehmen, sie wären von einem mystischen Wesen verübt worden: dem Golem, einer aus Lehm geformten Kreatur der jüdischen Literatur. Inspektor John Kildare soll den Fall lösen und dafür sorgen, dass wieder Ruhe unter der Bevölkerung einkehrt. Seine Ermittlungen führen ihn in den Dunstkreis des schillernden Dan Leno, der eine in Limehouse äußerst beliebte Music Hall leitet. Außerdem stellt sich ihm die Frage, wie Lenos Kollegin Elizabeth Cree, die ihren Mann vergiftet haben soll, in die Vorfälle verwickelt sein könnte. 

„The Limehouse Golem“ ist ein schmucker Gothik-Gruselfilm, der abseits seiner berauschenden Schauwerte lediglich eine überraschungsarme, fade Crime-Story zu bieten hat, die trotz eines engagierten Bill Nighy kaum mitreißt.


AUGUSTE RODIN  | Regie: Jacques Doillon | FR 2017

Paris, 1880. Der ebenso skandalträchtige wie erfolgreiche Bildhauer Auguste Rodin wähnt sich am Ziel seiner Träume. Mit 40 Jahren erhält er seinen ersten Staatsauftrag: „Das Höllentor“ – inspiriert von Dantes „Göttlicher Komödie“ – soll als Bronzeportal den Eingang des neuen Kunstgewerbemuseums im Pariser Louvre schmücken. Sechs Meter hoch und vier Meter breit, setzt sich das gigantische Hochrelief aus später so berühmten Einzelskulpturen wie „Der Denker“ und „Der Kuss“ zusammen – eine alles verschlingende Arbeit, die zu Rodins Lebenswerk wird. Eine Phase manischen Schaffens beginnt, die durch Rodins Begegnung mit der hochtalentierten, 24 Jahre jüngeren Camille Claudel noch intensiver wird. Mehr als ein Jahrzehnt lang ist seine Schülerin auch seine Geliebte, eine Beziehung zwischen zwei Genies, die ebenso leidenschaftlich wie turbulent verläuft.


HAUS OHNE DACH  | Regie: Soleen Yusef | DE/IRQ/QAT 2016

„Haus ohne Dach“ erzählt die Reise der Geschwister Liya (Mina Sadic), Jan (Sasun Sayan) und Alan (Murat Seven), die in der kurdischen Region des Iraks geboren und in Deutschland aufgewachsen sind. Die Drei wollen den letzten Wunsch ihrer Mutter erfüllen und sie, neben dem im Krieg verstorbenen Vater, in ihrem Heimatdorf beerdigen. Auf der nervenaufreibenden Kurdistan-Odyssee werden sie nicht nur mit ihrer kurdischen Großfamilie konfrontiert, die den letzten Wunsch der Mutter nicht akzeptiert, sondern vor allem mit sich selbst. Sie haben sich in den letzten Jahren sehr voneinander distanziert, jeder lebt sein eigenes Leben, und wenn dann mal Gespräche stattfinden, bestehen diese meist nur aus gegenseitigen Vorwürfen. Parallel wird im Verlauf ihrer Reise spürbar, dass sich in ihrem Heimatland ein fürchterlicher Konflikt anbahnt, dessen Ausmaß zunächst niemand erahnen kann.


ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM  | Regie: Jakob Preuss | DE 2017

Paul Nkamani hat sich aus seiner Heimat Kamerun durch die Sahara bis an die Küste Marokkos durchgeschlagen. Hier lernen sich Paul und Filmemacher Jakob Preuss kennen, der entlang Europas Außengrenzen auf Recherchereise ist. Kurz darauf ergattert Paul einen begehrten Platz auf einem Schlauchboot nach Europa, doch die Überfahrt nimmt einen tragischen Ausgang: Die Hälfte seiner Mitreisenden stirbt, Paul überlebt. Der Regisseur sieht die erschütternden Bilder der Rettung im Fernsehen und begibt sich auf die Suche nach Paul. Nachdem Paul bereits zwei Monate in Abschiebehaft verbracht hat, findet Jakob ihn endlich in einem spanischen Rote-Kreuz-Heim wieder. Als Paul aufgrund der Wirtschaftskrise in Spanien beschließt nach Deutschland zu reisen, muss Jakob sich entscheiden: Soll er Paul aktiv bei seinem Streben nach einem besseren Leben unterstützen oder in der Rolle des beobachtenden Filmemachers bleiben?


 Heimkinotipp: MOONLIGHT  | Regie: Barry Jenkins | USA 2016

Der junge Chiron, genannt „Little“, wächst in Miami fernab jeglichen Glamours auf. Seine Mutter Paula ist schwer drogenabhängig und schert sich kaum um ihren zurückhaltenden, in der Schule immer wieder schweren Hänseleien ausgesetzten Sohn. Einen Vater gibt es nicht. Zuflucht findet Little bei Drogenhändler Juan und seiner Freundin Teresa . Für den Heranwachsenden wird das Paar zu der Art Ersatzfamilie, die er nie hatte. Im Teenageralter entdeckt Chiron seine homosexuellen Neigungen, hält sie jedoch vor seiner Umgebung geheim. Sein Mitschüler Kevin scheint die große Liebe zu sein, doch ein brutales Ereignis treibt die beiden auseinander. Erst Jahre später, Chiron nennt sich inzwischen „Black“ und ist wie seine Mutter ins Drogenmilieu abgerutscht, ist die Chance auf eine Aussprache zum Greifen nah…

„Moonlight“ ist ein einzigartiges Stück Kinopoesie, das mit seinen eigentlich so kleinen Ausmaßen große Emotionen freisetzt. Herausragend gespielt und ohne störendes Award-Baiting war Barry Jenkins nicht umsonst einer der größten Anwärter auf die diesjährigen Oscars.

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