Mother Mary

Mit dem gespenstischen MOTHER MARY liefert David Lowery seinen bislang kompromisslosesten Film ab: ein fiebriger Mix aus Popstar-Drama, Geistergeschichte und albtraumhaftem Kunstfilm. Anne Hathaway geht darin physisch wie psychisch an ihre Grenzen in einem Werk, das gleichermaßen fasziniert, verstört und herausfordert.

OT: Mother Mary (UK/FIN/DE/USA 2026)

Darum geht’s

Popikone Mother Mary (Anne Hathaway) steht kurz vor ihrer großen Rückkehr ins Rampenlicht. Doch hinter der makellosen Fassade des Superstars verbirgt sich längst eine Frau, die vom eigenen Ruhm zermürbt wurde. Ausgerechnet in dieser Phase sucht sie den Kontakt zu ihrer ehemaligen Vertrauten Sam (Michaela Coel), einer gefeierten Designerin, mit der sie nicht nur ihre frühen Karrierejahre, sondern auch eine schmerzhafte gemeinsame Vergangenheit verbindet. Mary bittet Sam darum, das Bühnenkostüm für ihr Comeback zu entwerfen – und zwingt beide damit zur erneuten Annäherung. Zwischen den Anproben, intimen Gesprächen und unausgesprochenen Vorwürfen brechen nach und nach alte Verletzungen auf. Erinnerungen und Gegenwart beginnen zunehmend miteinander zu verschwimmen, während sich die Begegnung der beiden Frauen immer stärker zu einer emotionalen wie psychologischen Zerreißprobe entwickelt…

Kritik

Es gibt nur wenige amerikanische Regisseure seiner Generation, die sich derart konsequent dem Erwartbaren verweigern wie David Lowery („The Green Knight“). Während viele Filmschaffende spätestens nach ersten Achtungserfolgen den Weg in Richtung größerer Stoffe und breiterer Publikumswirksamkeit einschlagen, wirkte Lowerys Karriere wie ein bewusster Gegenentwurf zu eben jener Entwicklung. Zwar inszenierte er mit „Elliot, der Drache“ oder „Peter Pan & Wendy“ durchaus Studioproduktionen für Disney, doch selbst dort interessierte ihn nie primär das Spektakel. Stattdessen kreisen seine Filme seit jeher um Verlust, Erinnerung, Spiritualität und die Geister der Vergangenheit. Manchmal gar wortwörtlich. Bereits sein „A Ghost Story“ geriet mit seiner nahezu meditativen Langsamkeit und seiner existenziellen Schwere zu einem Werk, das gleichermaßen faszinierte wie irritierte. Und auch „The Green Knight“ verstand sich weniger als klassisches Ritterepos denn als tranceartige Reflexion über Vergänglichkeit und Selbstzerstörung. Mit „Mother Mary“ treibt Lowery diese künstlerische Entwicklung nun endgültig auf die Spitze und liefert den bislang kompromisslosesten Film seiner bisherigen Karriere ab.

Widerwillig lässt sich Sam (Michaela Coel) überreden, das Kleid für Mother Mary (Anne Hathaway) zu schneidern.

Wer bis hierhin bereits mit Lowerys Arbeiten gefremdelt hat, für den dürfte „Mother Mary“ nun der absolute Endgegner sein. Nicht nur entzieht sich der Film jedweder klaren Genrezuschreibung (wir befinden uns irgendwo zwischen Psychodrama, Gruselfabel, Künstlerinnenporträt und albtraumhaftem Musikfilm), er verweigert sich auch klassischen Erzählmustern, einer Struktur, einer bekannten Dynamik, einem einschätzbaren Tempo – also so ziemlich allem, anhand dessen sich „Mother Mary“ frühzeitig einschätzen ließe. Im Zentrum steht der weltberühmte Popstar Mother Mary, ihren echten Namen erfahren wir nicht. Für ein Comeback wendet sie sich an ihre einst beste (und feste?) Freundin Sam, die ihr ein Kleid schneidern soll. Soweit die Ausgangslage – und dann wird erst einmal viel geredet. Die Schauspielerinnen Anne Hathaway („Der Teufel trägt Prada 2“) und Michaela Coel („Black Panther: Wakanda Forever“) liefern sich ein Duell aus Mono- und Dialogen, das tief in die – auch gemeinsame – Vergangenheit der beiden Frauen eintaucht. Die Verbindung zwischen den beiden war innig, doch warum insbesondere Sam heute die Distanz sucht, offenbart sich erst nach und nach und auch nie vollkommen. David Lowery inszeniert ein verbales Kräftemessen auf Augenhöhe. Das ist – hat man erstmal einen Zugang gefunden – durchaus fesselnd. Doch bis man langsam dahinter steigt, worauf „Mother Mary“ eigentlich hinauswill, benötigt es Sitzfleisch.

„Dass Kleidung, genauer: das Kleid, zum zentralen Bindeglied zwischen den beiden Frauen wird, passt da nur allzu gut. Schließlich geht es in „Mother Mary“ permanent um Oberflächen und um die Frage, wie viel eines Menschen überhaupt noch übrig ist, wenn jedes Auftreten zur kalkulierten Performance wird.“

Doch ebenjenes aufzubringen, lohnt sich. Denn je länger „Mother Mary“ geht, umso deutlicher wird, dass es David Lowery gar nicht primär um die Rekonstruktion einer zerbrochenen Freundschaft geht. Vielmehr interessiert ihn die monströse Maschinerie hinter öffentlicher Selbstinszenierung. Der Superstar Mother Mary erscheint im Laufe des Films immer weniger wie ein echter Mensch, sondern wie eine Figur, die sich irgendwann vollständig selbst verschlungen hat. Der Starruhm machte aus ihr eine Projektionsfläche, die permanent Erwartungen erfüllen muss und darüber längst den Kontakt zum eigenen Inneren, aber eben auch zu allen um sich herum verloren hat. Auch zu Sam. Dass nun ausgerechnet Kleidung, genauer: das Kleid, zum zentralen Bindeglied zwischen den beiden Frauen wird, passt da nur allzu gut. Schließlich geht es in „Mother Mary“ permanent um Oberflächen und um die Frage, wie viel eines Menschen überhaupt noch übrig ist, wenn jedes Auftreten zur kalkulierten Performance wird. Innerhalb dieser Prämisse ist Sam der letzte verbliebende Zugang zu einer Version von Mary, die noch nicht vollständig von ihrer Kunstfigur eingenommen wurde. Doch so abstrakt diese Auseinandersetzung mit dem Show-, insbesondere dem Musikbusiness ist, so entrückt erscheinen auch die hier gewechselten Worte. Das, was Hathaway und Coel hier von sich geben, sind keine echten Dialoge, sondern emotional aufgeladene Gedankenspiele, die sich irgendwo zwischen philosophischen Betrachtungen über Kunst und Identität verlieren. Stark wird es dagegen immer dann, wenn es ihnen gelingt, trotz dieser betonten Überhöhung die ein oder andere intime Wunde freizulegen.

Für das Kleid legt sich Sam mächtig ins Zeug.

Doch David Lowery lädt sich noch weitaus mehr auf. Schon früh deutet sich in „Mother Mary“ eine übernatürliche Komponente an. Nicht über konkrete Horrorelemente, sondern über seine gesamte Inszenierung. David Lowery taucht den Film von Beginn an in eine unwirklich-entrückte Atmosphäre, in der sich selbst alltägliche Gespräche seltsam geisterhaft anfühlen. Die langen Kamerafahrten (Andrew Droz Palermo & Rina Yang) in den riesigen, leer wirkenden Räumen erzeugen permanent ein abstraktes Gefühl des Unbehagens. Irgendwas ist hier ganz gewaltig off! Einen enormen Anteil an dieser Stimmung haben auch die eigens für den Film komponierten Songs von Charli XCX und Jack Antonoff. Diese bilden nicht nur den eingängigen Film-Soundtrack, sondern wirken wie eine direkte Verlängerung von Mother Marys fragilem Innenleben. Selbst in ihren größten Bühnenmomenten schwingt permanent das Gefühl mit, dass hinter all dem Glamour etwas zutiefst Zerstörerisches lauert. Und so haftet auch Mother Mary zunehmend etwas Unheimliches an, wenn Anne Hathaway in einem Moment geisterhaft über die Leinwand schwebt und sich im nächsten mit brachial-schmerzhafter Körperlichkeit einer (musiklosen!) Tanzdarbietung hingibt.

„Wenn Hathaway tanzt, geschieht das nicht in Form einer klassischen Popshow, sondern erscheint eher wie ein physischer Ausnahmezustand. Die eingangs erwähnte, vollständig ohne Musik auskommende Sequenz erinnert mit ihren verrenkten Bewegungen und ihrer schmerzhaften Intensität nicht zufällig an ‚Suspiria‘.“

Wo zu Beginn von „Mother Mary“ noch das Dialogfeuerwerk dominierte, wird in der zweiten Hälfte genau diese Körperlichkeit zum zentralen Element und gibt gleichsam den Tonfall für den Rest des Films vor. Denn je weiter dieser voranschreitet, umso stärker verwandelt sich Lowerys Künstlerinnenporträt in eine echte (!) Geistergeschichte – mit einer gleichermaßen simplen wie ungeheuer feinfühligen Visualisierung ebenjenes spirituellen „Wesens“. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in den Performance-Sequenzen. Wenn Hathaway tanzt, geschieht das nicht in Form einer klassischen Popshow, sondern erscheint eher wie ein physischer Ausnahmezustand. Die eingangs erwähnte, vollständig ohne Musik auskommende Sequenz erinnert mit ihren verrenkten Bewegungen, ihrer aggressiven Verausgabung und ihrer schmerzhaften Intensität nicht zufällig an „Suspiria“ beziehungsweise dessen körperbetonte Neuinterpretation von 2018. Jede ihrer Bewegungen wirkt, als würde sich Mother Mary gegen etwas Unsichtbares stemmen, das Besitz von ihr ergriffen hat. Genau dadurch rückt der Film in seiner zweiten Hälfte immer stärker in die Nähe des Horrorfilms. Nicht, weil Lowery plötzlich auf klassische Schockeffekte setzen würde, sondern weil sich zunehmend das Gefühl einstellt, einer Figur beim langsamen Verschwinden zuzusehen. Bis Mother Mary irgendwann selbst wie der Geist ihrer eigenen Kunstfigur erscheint.

Anne Hathaway macht als Popstar eine grandiose Figur.

Fazit: Mit „Mother Mary“ sträubt sich Regisseur David Lowery konsequent dagegen, eindeutig entschlüsselt oder auch nur vollständig begriffen zu werden. Sein Film ist gleichermaßen faszinierend wie frustrierend und bewegt sich kontinuierlich zwischen emotionaler Wucht, kunstvoller Überhöhung und sperriger Selbstverliebtheit. Sicher ist am Ende eigentlich nur eines: Dass einen dieser fiebrige, geisterhafte Pop-Albtraum entweder vollkommen in seinen Bann zieht oder fast ebenso entschieden auf Distanz hält.

„Mother Mary“ ist ab dem 21. Mai 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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