A Ghost Story

David Lowery, Regisseur von „Elliot, der Drache“, begibt sich für seinen neuen Film A GHOST STORY raus aus dem Segment der Kinder- und Familienfilme und erzählt in seinem melancholischen Mysterydrama von der schweren Aufgabe, loszulassen. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Es geschieht plötzlich und unerwartet. C (Casey Affleck) kommt bei einem Autounfall ums Leben. Doch kurz darauf kehrt sein Geist zurück. Der Illusion verschrieben, seiner Frau M (Rooney Mara) bei ihrem Verlust beizustehen, muss er feststellen, dass er in einer neuen Gestalt, losgelöst von jeglicher Zeit, existiert. Als passiver Beobachter ist er gezwungen, schmerzlich dabei zuzusehen, wie ihm das Leben, das er kannte, entgleitet und die Frau, die er liebte, in eine neue Zukunft entschwindet. Unfähig seine Situation zu akzeptieren, vergehen Tage, Wochen und sogar Jahre, bis C verzweifelt erkennt, dass er womöglich für immer an dieses Dasein gefesselt sein wird. Während sich die Welt um ihn drastisch verändert, verblassen Stück für Stück die Konturen seiner eigenen Existenz.

Kritik

Der Tod und das Sterben spielen im Kino seit jeher eine große Rolle. Schon die Kleinsten werden nicht selten mit dem Ableben des Bösewichts konfrontiert; doch in diesem Jahr gibt es drei Produktionen, die tiefer in die Materie vordringen, als andere. Da wäre zum einen das phänomenale Fantasydrama „Sieben Minuten nach Mitternacht“, das überraschend makabere Pixar-Meisterwerk „Coco“ und nun auch David Lowerys „A Ghost Story“. Darin beobachtet er ein Paar, das auf zwei verschiedenen Ebenen versucht, mit einem schweren Schicksalsschlag umzugehen: Die Witwe M, zurückgelassen von ihrem verunfallten Gatten C, der in einer Parallelwelt das Treiben auf der Erde (und damit den Trauerprozess seiner Frau) miterleben muss. Diese Inhaltsangabe, kombiniert mit dem schwermütigen Trailer, deuten nicht unbedingt darauf hin, dass in „A Ghost Story“ Platz für mehr wäre, als das pure Drama. Doch so poetisch und melancholisch Lowerys Film auch ist, nutzt der Regisseur den erzählerischen Raum immer wieder für süffisanten Humor, für Ausflüge ins Horrende und für Beobachtungen, jenseits der Erkenntnis, wie schmerzlich ein Verlust für alle Beteiligten ist. Darüber hinaus ist sein Werk, das erste seit seinem Disney-Abenteuer „Elliot, der Drache“, ein sympathisches Spiel mit der Zuschauererwartung – und eines der besten des Jahres.

M (Rooney Mara) und C (Casey Affleck) leben ihr gemeinsames Glück.

So richtig viel erfahren, tun wir über die beiden Hauptfiguren nicht. Insofern ist das erste Drittel von „A Ghost Story“ zwangsläufig das schwächste, denn das Zusammenleben zwischen M und C (diese Beschreibung lässt sich einzig und allein dem Presseheft entnehmen, die beiden sprechen einander nie namentlich an) könnte in seiner intensiv gelebten und doch beiläufig eingefangenen Leidenschaft assoziativer kaum sein. Etwas Markantes, das sich nur auf die Liebe dieser beiden Zeitgenossen beziehen würde, gibt es nicht; stattdessen steht ihre Beziehung eher stellvertretend für viele und veranschaulicht einen Zustand perfekter Harmonie. Ins Kitschige driftet Lowery, der auch das Drehbuch verfasste, indes nie ab. Dafür setzt er bereits zu Beginn auf eine angenehme Schwermut und verzichtet gleichermaßen auf allzu klischeehafte Mann-Frau-Momente. In seiner Geschichte ist Platz für tiefschürfende Gespräche, für die ganz normalen Probleme des Alltags, aber auch für federleichte Interaktion, die erahnen lässt, wie tragisch ein Auseinanderbrechen dieser herzlich aufeinander eingespielten Eheleute wäre. Und doch erahnt man früh, dass diese Harmonie schon bald ein jähes Ende finden wird; wenn es allerdings erst einmal so weit ist, trifft einen der Schock über dieses Ereignis doch härter, als erwartet – Lowerys mitreißender Regieführung, die den Zuschauer schnell in ihren Bann zieht und einen „A Ghost Story“ nicht einfach bloß ansehen, sondern regelrecht erleben lässt, sei Dank.

Sobald C nicht mehr unter den Lebenden, sondern fortan unter den Toten weilt, heftet er sich – ganz klassisch in ein weißes Laken gehüllt und doch für Niemanden sichtbar – an die Fersen seiner wehmütigen Ehefrau. Spätestens ab hier lebt „A Ghost Story“ vor allem von seinen (mitunter winzigen) Details; das beginnt bei der Erklärung, weshalb C fortan überhaupt ein Laken über seinem Haupt trägt und endet bei einer wahrlich spektakulären Sequenz, in welcher David Lowery die Motive des klassischen Haunted-House-Kinos umkehrt und aus der Sicht des Poltergeists veranschaulicht. In all diesen Sequenzen steckt in erster Linie viel Liebe für Lowerys Figuren, doch trotz der minimalistischen Geschichte lässt sich auch eine emotionale Vielfältigkeit in seinen Beobachtungen ausmachen. Einer minutenlangen Sequenz, in der wir M dabei beobachten, wie sie – zum ersten Mal allein zuhause – in einer regelrechten Fressorgie all ihren Kummer in sich hineinstopft (aufgenommen in nur einem einzigen Take!), während das Gespenst nicht mehr tun kann als stumm in der Ecke zu sitzen, stehen Momente regelrechter Entrüstung gegenüber, als das Haus plötzlich von Anderen bewohnt wird. So gibt es tatsächlich immer mal wieder auch etwas zu lachen in „A Ghost Story“, doch so richtig ins Mark treffen vor allem jene Momente kurzer Interaktion, in der schon wenige Sätze ausreichen, um dem Zuschauer in ihrer treffenden Beobachtung die Tränen in die Augen zu treiben. Vor allem die Dialoge zwischen dem Gespenst C und einem anderen Gespenst sind in ihrer simplen Traurigkeit kaum zu ertragen.

Als Gespenst kann C nicht mit seiner Ehefrau kommunizieren.

An der sehr ruhigen, fast lethargischen Inszenierung von „A Ghost Story“ dürfte nicht jeder Zuschauer Gefallen finden. Die Faszination entsteht hier oftmals auch daraus, die Szenerie über einen längeren Zeitraum still auf sich wirken zu lassen. Viel Dialog gibt es nicht, genauso wenig wie spektakuläre Kamerafahrten, Effekte oder eine sich zuspitzende Dramaturgie. Trotz seines Überdauerns mehrerer Jahre fühlt sich der Film eher wie eine unkommentierte Momentaufnahme an. Als ebensolche punktet „A Ghost Story“ auch über die Darsteller, sowie die technische Aufmachung. Obwohl Lowery seine beiden Protagonisten, die den Film zu weiten Teilen allein bestreiten, kaum mit charakterlichen Details versieht, ist es vor allem die intime Nähe zu ihnen beiden (der Film kommt nicht umsonst in 4:3-Format in die Kinos), die dafür sorgt, dass wir als Zuschauer emotional immer weiter an sie heranrücken. Kameramann Andrew Droz Palermo („You’re Next“) arbeitet mit vielen Close-Ups, fängt jede noch so kleine Regung der beiden Mimen ein und kreiert eine Schönheit vornehmlich über die Schlichtheit seiner Settings. So reicht es manchmal schon, Affleck als Gespenst über ein weites Feld gehen zu sehen, oder ihn stumm auf einer kalten Baustelle zu platzieren, um viel mehr auszusagen, als mit einem einzelnen Wort. Entsprechend minimalistisch präsentiert sich auch der Score (Daniel Hart, „Elliot, der Drache“), der vor allem aus Streichern besteht und prominent einen von Casey Affleck selbst eingesungenen Song platziert, der das Geschehen inhaltlich wunderbar unterstreicht.

Fazit: „A Ghost Story“ fühlt sich so an, als hätte sich Kinopoet Terrence Malick an der Inszenierung eines Horrorfilms versucht. Herausgekommen ist eine melancholische Trauerstudie in hypnotischen Bildern, die vor allem eines ist: aufregend!

„A Ghost Story“ ist ab dem 7. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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