The Long Walk – Todesmarsch
Nach Jahrzehnten gescheiterter Versuche wagt sich „Die Tribute von Panem“-Regisseur Francis Lawrence an die Inszenierung von Stephen Kings berüchtigtem Dystopie-Thriller THE LONG WALK – TODESMARSCH – und verwandelt den grausamen Wettkampf in ein karges, beklemmendes Drama über Ausdauer, Menschlichkeit und die Abgründe einer Gesellschaft, die Leid zum Spektakel erhebt.
Darum geht’s
In einer nahen, dystopischen Zukunft kontrolliert eine autoritäre Regierung die Bevölkerung mithilfe eines grausamen Rituals: dem „langen Marsch“. Jedes Jahr tritt eine Gruppe junger Männer an, um an diesem Wettkampf teilzunehmen. Die Regeln sind einfach, aber gnadenlos: Jeder von ihnen muss ununterbrochen und mit einer bestimmten Mindestgeschwindigkeit gehen. Wer langsamer wird, stolpert oder anhält, erhält eine Warnung – nach der dritten wird er erschossen. Ray Garraty (Cooper Hoffman) ist einer von ihnen. Während der Marsch immer weiter durch leere Landschaften und Städte führt, kämpfen die Jugendlichen nicht nur mit Hunger, Erschöpfung und Schmerzen, sondern auch mit der psychischen Belastung, ihre Mitstreiter nach und nach sterben zu sehen. Zwischen manchen von ihnen – vor allem zwischen Ray und seinem Leidensgenossen Peter (David Jonsson) – entstehen kleine Allianzen, tiefe Gespräche und Momente aufkeimender Freundschaft. Doch am Ende weiß jeder: Es darf nur einen Überlebenden geben.
Kritik
Das Horrordrama „Carrie“ – bis heute dreimal verfilmt und gerade dabei, eine Mike-Flanagan-Serie zu werden – ist Stephen Kings Debüt, das 1974 veröffentlicht wurde. Es ist allerdings nicht Kings erster Roman überhaupt. Eigenen Angaben zufolge stellte er „Todesmarsch“ als sein aller erstes, bereits Ende der Sechzigerjahre geschriebenes Buch fertig, das allerdings erst 19 (!) Jahre später, noch dazu unter seinem Pseudonym Richard Bachmann, veröffentlicht wurde. Insofern hat „Todesmarsch“ für King einen ganz besonderen Stellenwert. Und offenbar auch für viele Regisseure. In den Achtzigern versuchte sich George A. Romero an einer Adaption, in den Nullerjahren Frank Darabont und 2019 befand sich ein Projekt von André Øvredal in der Mache. Doch jedes dieser Projekte scheiterte bereits im frühen Entwicklungsprozess. Der Mann, dem eine „Todesmarsch“-Verfilmung letztlich vergönnt war, ist Francis Lawrence („Red Sparrow“), dessen jüngere Vita hervorragend zum Stoff passt. In den drei von ihm inszenierten „Hunger Games“-Filmen trieb er schon einmal eine Horde junger Erwachsener während einer Dystopie durch perverse Survival-Spiele. „The Long Walk“ zeigt nun quasi nichts Anderes, hat aber einen anderen Ansatz. Und dieser funktioniert gut.
Wer an die „Tribute von Panem“-Filme denkt, der erinnert sich nicht bloß an den Überlebenskampf der Teenagerinnen und Teenager, an dessen Ende nur ein/e Überlebende/r übrigbleiben durfte. Die Filme respektive die Vorlagen sind auch eine Satire auf moderne Unterhaltungskultur, kommerzielle Ausschlachtung von menschlichem Leid und Reality TV. Auch hier finden sich große Ähnlichkeiten zu „The Long Walk“; Zumindest zur Buchvorlage. Denn wenn sich an der Verfilmung eines kritisieren lässt, dann vor allem das dem Budget geschuldete Auslassen eines eigentlich so wichtigen Details: Der Todesmarsch der im Buch einhundert, im Film um die dreißig jungen Männer ist auch in dieser dystopischen Welt ein riesiges Medienereignis. Das zumindest suggeriert der von Mark Hamill („The Life of Chuck“) mit gleichermaßen einnehmender wie durch und durch unnagenehmer Präsenz verkörperte Major zu Beginn des perversen Wettstreits. Dem Sieger winkt am Ende nicht bloß ein Leben in Reichtum und Luxus, sondern auch ein Dasein als die zentrale Vorbildfigur für die Gesellschaft – eine mutmachende, Mensch gewordene Durchhalteparole sozusagen.
„‚The Long Walk – Todesmarsch‘ ist ein schmuckloser, visuell kaum ansprechender Film, dessen optische Spielereien sich innerhalb eines matschbraunen Farbspektrums abspielen. Aber genau das zahlt auch auf ein sich sukzessive steigerndes Gefühl der Erschöpfung ein.“
Von dem angedeuteten Medienspektakel ist in „The Long Walk“ allerdings nichts zu sehen. Auch die an der Marschstrecke befindlichen Zuschauer:innen lassen sich an einer Hand abzählen. Dieses Detail wird im Film sogar kurz aufgegriffen; Es ist der Bevölkerung schlicht nicht gestattet, sich zu einem Publikum zu formieren. Einzig die am Weg lebenden Menschen können einen Blick auf die Kandidaten erhaschen. Erst auf den aller letzten Metern gibt es einen von Regierung und Militär geduldeten Massenauflauf – irgendjemand muss den Sieger ja feiern. Das Aussparen dieses so wichtigen Elements wirkt sich maßgeblich auf die Stimmung, aber auch auf den Inszenierungsstil aus. „The Long Walk – Todesmarsch“ ist ein schmuckloser, visuell kaum ansprechender Film, dessen optische Spielereien sich innerhalb eines matschbraunen Farbspektrums abspielen. Aber genau das zahlt auch auf ein sich sukzessive steigerndes Gefühl der Erschöpfung ein; Sowohl bei den Kandidaten als auch beim Publikum. Es wird mit der Zeit immer anstrengender, den Eskapaden der Gruppe zu folgen. Nicht, weil Francis Lawrence auf inhaltlicher Ebene Langeweile aufkommen ließe. Sondern weil sich in dieser Einöde eine Eintönigkeit in den immer gleichen (Bewegungs-)Abläufen breitmacht, gegen die die zahlreichen Nachwuchsdarsteller erst einmal anspielen müssen. Und das gelingt ihnen nicht bloß mithilfe einnehmender Performances, sondern ist auch dem Autor JT Mollner zu verdanken, der nach seinem mauen „Strange Darling“ aufzeigt, dass er Genrestoffe sehr wohl reizvoll und mitreißend verpacken kann.
„The Long Walk – Todesmarsch“ fährt zweifelsohne Momente auf, die die Perversion der Prämisse hervorragend bebildern. Vor allem eine Diarrhoe-Szene, in der sich ein Teilnehmer im Gehen seines kompletten Darminhalts entledigen muss (und die Kamera hält voll drauf!), brennt sich einem tief ins Gedächtnis ein. Ein anderer junger Mann erkämpft sich jeden Meter mit einem gebrochenen Fuß. Und dann sind da ja auch noch die brutalen Exekutionen, in denen Francis Lawrence nicht an Brutalität spart. Was ein Stückweit fehlt, sind Bilder „einfacher“ Zermürbung. Zwar zeichnet sich in den Gesichtern der Männer mit der Zeit immer mehr ab, was für einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Todesmarsch ihnen in den Knochen steckt. Doch das ganze Ausmaß dieser Challenge wird nie so ganz greifbar. Dafür sind vor allem die beiden Hauptfiguren Raymond und Peter einfach viel zu gut in shape, als dass man ihnen Ausmergelung und körperlichen Verfall ansehen würde. Hier lohnt es sich, immer mal wieder auf die diversen Nebendarsteller zu achten, von denen überraschend viele ein Profil bekommen, das über bloße Spleens und Eigenheiten hinausgeht.
„Einen fast noch größeren Eindruck als die Inszenierung hinterlässt derweil das Skript. ‚The Long Walk – Todesmarsch‘ ist ein überraschend dialoglastiger Film. Insbesondere die Interaktion zwischen Cooper Hoffman und David Jonsson avanciert nach und nach zu seinem Herzstück.“
Einen fast noch größeren Eindruck als die Inszenierung hinterlässt derweil das Skript. „The Long Walk – Todesmarsch“ ist – gerade, wenn man als nichts ahnende Person einfach nur den Namen „Stephen King“ liest und damit automatisch Horrorkino assoziiert – ein überraschend dialoglastiger Film. Insbesondere die Interaktion zwischen Cooper Hoffman („Licorice Pizza“) und David Jonsson („Alien: Romulus“) avanciert nach und nach zu seinem Herzstück. Die beiden Newcomer verkörpern ihre vollkommen gegensätzlich angelegten, dabei trotzdem weitestgehend klischeefrei geratenen Figuren mit viel Aufopferungsbereitschaft. Übrigens auch auf körperlicher Ebene: Die Schauspieler legten während der Dreharbeiten täglich zwischen acht und fünfzehn Meilen zurück, hatten am Ende also in etwa so viele Kilometer in den Knochen, wie die von ihnen gespielten Charaktere. Auch dass weitestgehend chronologisch gedreht wurde, zahlt auf die Glaubwürdigkeit des Films ein. Man merkt den Schauspielern einfach an, dass sie die Gelegenheit hatten, über die Zeit zusammenzuwachsen. Nach und nach ergibt sich so ein nachvollziehbares Profil der beiden Hauptfiguren, sodass einem das Gezeigte bis zum Schluss wirklich nahegeht – bis zu einem bemerkenswert ambivalenten, je nach eigener Weltsicht süßen oder aber sehr bitteren Finalmotiv.
Fazit: „The Long Walk – Todesmarsch“ überzeugt vor allem durch sein intensives Schauspiel und die beklemmende Atmosphäre, schwächelt jedoch bei der visuellen Gestaltung und der Ausblendung des Medienspektakels aus der Vorlage. Am Ende bleibt ein düsteres, dialogstarkes Drama, das mehr auf Zermürbung und Menschlichkeit als auf klassischen Horror setzt.
„The Long Walk – Todesmarsch“ ist ab dem 11. September 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



