Pillion

Queeres Kino hat sich emanzipiert und beginnt endlich, auch dort unbequem zu werden, wo es früher noch gefällig blieb. PILLION nutzt genau dieses Momentum, um eine Geschichte zu erzählen, die weniger um Akzeptanz bemüht ist als um radikale Ehrlichkeit. Und obendrein auch noch verdammt komisch ist.

OT: Pillion (IE/UK 2025)

Darum geht’s

Als der zurückhaltende Colin (Harry Melling) in einer Bar dem selbstbewussten Ray (Alexander Sarsgard) begegnet, ist er sofort fasziniert. Er kann kaum glauben, dass gerade dieser charismatische Biker ausgerechnet ihn als Begleiter auswählt. Ray verlangt völlige Hingabe. Etwas, worauf Colin sich ohne Zögern einlässt. Er übernimmt den Haushalt, kocht, erledigt Besorgungen und fügt sich bereitwillig in Rays Regeln. Dafür eröffnet Ray ihm eine Welt voller intensiver Erlebnisse und neuer Erfahrungen. Während Colins Eltern sich zunehmend Sorgen machen, geht er ganz in seinem neuen Alltag auf. Doch tief in ihm regt sich allmählich der Wunsch nach etwas, das Ray ihm womöglich nie geben kann.

Kritik

In den vergangenen Jahren hat sich das queere Kino Schritt für Schritt aus der Nische ins Zentrum des Mainstreams vorgearbeitet. Und das längst nicht mehr nur als wohlmeinende Randnotiz, sondern als ernstzunehmende, preisgekrönte und kommerziell tragfähige Erzählperspektive. Spätestens seit „Call Me by Your Name“ queere Liebe mit melancholischer Selbstverständlichkeit in die arthousenahe Mitte der Popkultur getragen hat, sind Filme wie „Moonlight“, „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ oder auch „All of Us Strangers“ nicht mehr bloß Ausnahmen, sondern Ausdruck eines sich wandelnden filmischen Selbstverständnisses. Queere Stoffe dürfen heute zart, tragisch, poetisch, aber eben auch zugänglich sein, ohne ihre Identität zu verleugnen. Doch mit wachsender Sichtbarkeit ging dabei auch eine gewisse „Glättung“ einher: Viele dieser Werke setzen auf Emotionalität und universelle Themen, oft verpackt in ästhetisch gefällige, beinahe klassische Dramaturgien, die ein breites Publikum nicht verschrecken sollen. Doch je selbstverständlicher queere Geschichten ihren Platz im Mainstream behaupten, desto eher scheint dieser auch bereit, sich auf sperrigere, explizitere und weniger kompromissbereite Perspektiven einzulassen. Filme wie „Pillion“ markieren genau diesen nächsten Schritt. Einen, bei dem es nicht mehr nur um Akzeptanz geht, sondern um die Freiheit, auch die unbequemeren, roheren Facetten queerer Lebensrealitäten unverstellt auf die Leinwand zu bringen.

Ray (Alexander Sarsgard) ist ohne Zweifel sehr gutaussehend…

Einen zaghaften, wenn auch bereits bemerkenswert unverblümten Vorstoß in diese Richtung hatte vor einigen Jahren bereits der Film „Bros“ unternommen. Die von Billy Eichner geschriebene und gespielte Studio-Romcom war in ihrer Sprache, ihren sexuellen Anspielungen und ihrem demonstrativ selbstbewussten Umgang mit queerer Identität deutlich direkter als vieles, was der Mainstream bis dahin zugelassen hatte, blieb dabei aber stets in einem Rahmen, der trotz aller Derbheit nie wirklich herausfordernd wirkte. „Bros“ wollte anecken, aber eben nicht überfordern. „Pillion“ hingegen kennt diese Zurückhaltung nicht. Der Film ist expliziter, körperlicher, in seiner Darstellung von Sexualität deutlich fordernder und verlangt seinem Publikum ein Maß an Offenheit ab, das über das bloße Mitgehen einer romantischen Geschichte hinausgeht. Dabei wird schnell klar: Nicht die sexuelle Orientierung der Figuren ist es (natürlich), die hier potenziell vor den Kopf stößt, sondern die Unmittelbarkeit, mit der körperliche Intimität inszeniert wird. „Pillion“ zeigt Sexualität nicht als angedeutetes Beiwerk, sondern als zentralen Bestandteil seiner Figuren. Direkt, unverstellt und mit einer Konsequenz, die unabhängig von ihrer konkreten Ausprägung eine gewisse Reibung erzeugt.

„Die gezeigten Praktiken, Dynamiken und Codes wirken weder wie für ein heteronormatives Publikum ‚übersetzt‘ noch wie bewusst überzeichnete Provokation, sondern vielmehr wie ein organischer Bestandteil des gelebten Alltags seiner Figuren.“

Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, das schwule Fetisch-Milieu, in dem „Pillion“ seine Handlung verortet, entweder sensationsheischend auszuschlachten oder in klischeehafte Extreme zu verzerren. Doch genau das tut der Regisseur und Drehbuchautor Harry Lighton auf Basis der Romanvorlage „Box Hill“ nicht. Stattdessen begegnet er seiner Welt mit einer Ernsthaftigkeit und Selbstverständlichkeit, die man als Außenstehende:r zunächst fast irritierend unaufgeregt wahrnimmt. Die gezeigten Praktiken, Dynamiken und Codes wirken weder wie für ein heteronormatives Publikum „übersetzt“ noch wie bewusst überzeichnete Provokation, sondern vielmehr wie ein organischer Bestandteil des gelebten Alltags seiner Figuren. Gerade darin liegt die große Stärke von „Pillion“: Der Film fühlt sich authentisch an, ohne sich jemals auf platte Stereotype zu verlassen. Er beobachtet, statt vorzuführen, und ermöglicht so einen Zugang zu einer Subkultur, der nicht auf Vereinfachung, sondern auf ernsthaftem Interesse basiert.

Colin (Harry Melling) sammelt dank Ray erste Erfahrungen in der Fetischszene.

Im Zentrum von „Pillion“ steht dabei eine Beziehung, die sich gängigen romantischen Erzählmustern bewusst entzieht. Zwar entwickelt sich zwischen Colin – dem devoten, zunächst suchenden Part – und Ray, der als dominanter, erfahrener Gegenpol fungiert, im Verlauf des Films eine emotionale Bindung, doch als klassische Liebesgeschichte lässt sich das kaum greifen. Vielmehr erzählt „Pillion“ von der schrittweisen Annäherung an die eigenen Bedürfnisse, von der Entdeckung und dem Ausloten sexueller Vorlieben, von Machtverhältnissen, Vertrauen und Grenzerfahrungen. Dass Colin beginnt, diese Verbindung zunehmend auch emotional aufzuladen, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Fallhöhe, ohne den Film jemals in konventionelle Bahnen zu lenken. Interessant ist dabei, wie sehr diese Dynamik – bei allen offensichtlichen Unterschieden in Ton und Milieu – an „Call Me by Your Name“ erinnert. Auch dort trifft ein junger, noch unerfahrener Mensch auf eine ältere, selbstsicherere Figur, die als eine Art Katalysator für das eigene Begehren fungiert. Einzelne Momente der Annäherung und vorsichtigen Grenzüberschreitungen weisen verblüffende Parallelen auf, selbst wenn „Pillion“ diese Begegnungen in einem deutlich körperlicheren Kontext verortet. Besonders augenfällig wird das in einer Szene, in der ein Gesicht über einen längeren Zeitraum in Großaufnahme verharrt, während sich die Emotionen ungebremst Bahn brechen. Ein Bild, das unweigerlich an das berühmte Schlussbild aus „Call Me by Your Name“ denken lässt und sich auch hier als konsequenter Endpunkt angeboten hätte.

„Dieses humoristische Gegengewicht nimmt dem Film jedoch nie seine Ernsthaftigkeit – im Gegenteil: Es macht die Figuren greifbarer, ihre Unsicherheiten nachvollziehbarer und die Dynamik zwischen ihnen umso lebendiger.“

Umso überraschender ist es da, dass „Pillion“ dabei immer wieder von einem trockenen, mitunter fast schon entwaffnenden Humor durchzogen ist. Gerade in den Momenten, in denen Colin zum ersten Mal mit den für ihn neuen Regeln und Ritualen konfrontiert wird, entfaltet „Pillion“ eine beinahe lakonische Komik. Etwa wenn er sichtbar überfordert versucht, die unausgesprochenen Codes eines Treffens zu entschlüsseln, während um ihn herum längst alle Beteiligten genau wissen, „wie der Hase läuft“. Oder wenn eine vermeintlich hoch aufgeladene Situation durch eine banale, fast schon absurd alltägliche Störung aus dem Gleichgewicht gerät. Auch Rays stoische Selbstverständlichkeit im Umgang mit Dingen, die für Colin (und damit auch für das Publikum) zunächst befremdlich wirken, sorgt immer wieder für leise, aber treffsichere Pointen. Dieses humoristische Gegengewicht nimmt dem Film jedoch nie seine Ernsthaftigkeit – im Gegenteil: Es macht die Figuren greifbarer, ihre Unsicherheiten nachvollziehbarer und die Dynamik zwischen ihnen umso lebendiger. Gerade weil „Pillion“ sich erlaubt, inmitten all der körperlichen und emotionalen Intensität auch komisch zu sein, wirkt seine Auseinandersetzung mit Begehren und Identität umso vielschichtiger.

Wie weit wird die Beziehung zwischen Colin und Ray gehen?

Fazit: „Pillion“ markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt des queeren Kinos, das sich zunehmend vom angepassten Mainstream löst und auch radikalere, unbequemere Perspektiven zulässt. Der Film überzeugt durch seine schonungslose, zugleich aber authentische und unaufgeregte Darstellung von Sexualität und Machtverhältnissen, ohne dabei in Klischees oder Provokation um der Provokation willen zu verfallen. Gerade in der Verbindung aus emotionaler Tiefe, körperlicher Direktheit und trockenem Humor entsteht ein vielschichtiges Werk, das queere Erfahrungen jenseits klassischer Erzählmuster erfahrbar macht.

„Pillion“ ist ab dem 26. März 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?