Alpha
Zwischen Kannibalismus, Maschinenliebe und versteinerten Körpern hat sich Julia Ducournau einen Ruf als radikale Grenzgängerin erarbeitet und wurde dafür entsprechend gefeiert. Mit ALPHA wagt sie sich erneut ins Extreme, doch diesmal droht ihre kompromisslose Vision an der eigenen Überfülle zu zerfasern.
Darum geht’s
Irgendwann in den Neunzigerjahren, irgendwo im französischen Le Havre: Die 13-jährige Alpha (Mélissa Boros) lebt allein mit ihrer Mutter (Golshifteh Farahani), die als Ärztin im örtlichen Krankenhaus arbeitet. Das gemeinsame Leben gerät aus den Fugen, als Alpha eines Tages mit einem frisch gestochenen Tattoo nach Hause kommt. Als im Raum steht, dass die Nadel eventuell nicht steril gewesen sein könnte, wächst die Angst bei den beiden. Denn eine mysteriöse, durch Blut übertragbare Krankheit greift um sich, die dafür sorgt, dass die Infizierten nach und nach zu Marmor werden. Da unklar ist, ob Alpha sich durch das Tattoo infiziert hat, wird sie zunehmend von ihrer Umwelt ausgegrenzt. In der Schule wird sie gemobbt und gemieden, während sich auch ihre Mutter immer stärker in Angst und Kontrolle verliert. Parallel dazu verschärft sich die Situation innerhalb der Familie, denn Alphas drogensüchtiger Onkel Amin (Tahar Rahim), der selbst mit der Krankheit in Verbindung steht, taucht auf und bringt zusätzliche Spannungen mit sich…
Kritik
Auf die Frage, ob die Regisseurin Julia Ducournau mit ihren Filmen polarisieren will, antwortet sie diplomatisch: „Nein. Aber ich glaube nicht, dass man etwas Echtes schaffen kann, wenn man es allen recht machen will.“ Und obwohl (oder eher: gerade, weil?) sie das nicht macht, wurde sie in den vergangenen Jahren vielfach ausgezeichnet. Bei den Filmfestspielen von Cannes gewann sie direkt mit ihren beiden ersten Filmen infolge. 2016 gab es für „Raw“ den renommierten FIPRESCI-Preis, 2021 folgte dann sogar die Goldene Palme für ihr radikales Bodyhorror-Experiment „Titane“, mit dem sie konsequent fortführte, was sie mit „Raw“ einst begann: die kompromisslose Körperlichkeit zurück ins Kino zu bringen. Wahlweise im Rahmen eines Kannibalen- oder eben, nun ja, eines „Frau-fickt-Auto-und-gebiert-ein-Kind“-Films. So völlig abstrakt und vor den Kopf stoßend fällt ihr dritter Film „Alpha“ nun nicht aus. Von einer logischen „Höher, schneller, weiter“- respektive in diesem Fall wohl eher „Derber, härter, krasser“-Entwicklung sagt sich Ducournau also los; ganz gleich ob bewusst oder unbewusst. Bequem oder gar konventionell ist aber auch – natürlich – „Alpha“ nicht geworden. Und leider auch längst nicht so gut.

Als im Raum steht, dass Alpha (Mélissa Boros) infiziert ist, wird sie von ihren Mitschüler:innen gemieden.
Julia Ducournaus Filme lassen sich immer auf eine sehr konzentrierte Ausgangssituation herunterbrechen: Stell dir vor, du wirst erwachsen und stehst auf Menschenfleisch („Raw“), oder du hast einen Auto-Fetisch und aus diesem entspringt plötzlich ein „Kind“ („Titane“). Im Falle von „Alpha“ ist diese Beschreibung der Prämisse längst nicht so leicht. Denn das, was Ducournau (natürlich wieder für Regie und Drehbuch gleichermaßen verantwortlich) diesmal macht, geht weit über den Minimalismus ihrer bisherigen Prämissen hinaus. Gewiss entwickelte sich aus all ihren Geschichten immer etwas deutlich Größeres, als es die simple Grundidee ankündigte. Doch diesmal wirkt schon die Ausgangslage bisweilen unüberschaubar. Nicht nur, weil der Film auf verschiedenen, mitunter kaum zu entwirrenden Zeitebenen stattfindet. Sondern vor allem, da hier Text und Subtext sehr schnell eins werden. Eigentlich geht es nämlich um eine Art Virus, das Menschen nach und nach in Marmor verwandelt und schließlich ganz versteinern lässt. Dann sind da aber auch die – gelinge gesagt – widrigen Lebensumstände, unter denen das titelgebende Teenagermädchen Alpha aufwachsen muss. Drogen, Sucht und Abhängigkeit – sowohl von Substanzen als auch von Menschen – spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Darüber hinaus geht es um die Abnabelung von Mutter und Tochter, um die Grenzen von Nächstenliebe, aber auch ganz unspektakulär ums Erwachsenwerden, Mobbing und die Entwicklung von Massenhysterie.
„Der Film spielt zwar irgendwann in den Neunzigern, könnte aber genauso gut in der Gegenwart oder Zukunft stattfinden. Die Farbgestaltung baut voll und ganz auf Entsättigung, was „Alpha“ nicht unbedingt zu einem ’schönen Film‘ macht.“
Ja, das klingt nach viel. Sehr viel. Und genau hier liegt ein Stückweit das Problem in „Alpha“ begründet, denn Julia Ducournau scheint diesem thematischen Überfluss nie ganz Herr zu werden. Dabei ist die Welt hier als stimmungsvoll inszenierte Dystopie aufgebaut. Der Film spielt zwar irgendwann in den Neunzigern (Überschneidungen mit den Hochzeiten der AIDS-Epidemie liegen auf der Hand), könnte aber genauso gut in der Gegenwart oder Zukunft stattfinden. Die Farbgestaltung baut voll und ganz auf Entsättigung, was „Alpha“ nicht unbedingt zu einem „schönen Film“ macht. Auf der Leinwand wechseln sich immer wieder verschiedene Brauntöne ab. Häufig wirken die Bilder verwaschen, die französischen Straßen werden von einer permanenten Staubschicht umspielt. Die Gesichter heben sich davon kaum ab. Dafür stechen die nach und nach zu Marmorstatuen werdenden Epidemie-Opfer visuell aus dem Einheitsbrei heraus. Der Kniff mit den versteinernden Menschen verstört und fasziniert zugleich, die dafür aufgewendeten Computereffekte fügen sich perfekt in ihr Umfeld ein. In die Augen der Verseuchten zu schauen, wie ihnen nach und nach das Leben entschwindet, ruft tief betroffene Gefühle hervor. Umso bedauerlicher ist es da, dass die Epidemie eher das Grundrauschen bildet.

Alphas Mutter (Golshifteh Farahani) arbeitet im Krankenhaus und bekommt die Auswirkungen der Seuche hautnah mit.
Ein Grundrauschen für das Schicksal der jungen Alpha, die ab dem Moment ihrer möglichen Infizierung (auf einer Party durch eine eventuell verseuchte Tattoonadel) wie eine Aussätzige an ihrer Schule behandelt wird. Niemand weiß, ob sie überhaupt infiziert ist. Keiner weiß so recht, wie man sich überhaupt infiziert, geschweige denn wie die Übertragung von Erkranktem zu Erkranktem abläuft. Und doch sorgt schon das Auftauchen Alphas für Unmut und sogar Panik unter ihren Mitschüler:innen. Auch hier ist die AIDS-Allegorie erneut allgegenwertig. Doch auch diesen Plot reißt Ducournau lediglich an. Am intensivsten widmet sie sich da noch der Beziehung zwischen Alpha und ihrem schwerst drogenabhängigen Onkel Amin, deren immer enger werdende Beziehung (die sich zwischen ihnen auftuenden Gemeinsamkeiten schweißen eben zusammen) in eine der intensivsten Umarmungen der Kinogeschichte mündet. In solchen Szenen gelingt es Ducournau, all die aufgestauten Emotionen, die sich im Laufe der 125 Minuten in ihrem Film ansammeln, geballt auf die Leinwand zu übertragen. Doch tatsächlich überwältigt im Anbetracht dieser Liebesgeste vor allem der Gedanke daran, wie diese Szene in ihrer Intensität wohl gedreht wurde. Die Gefühle der beiden Figuren dagegen bleiben einem seltsam fern.
„Am intensivsten widmet sie sich da noch der Beziehung zwischen Alpha und ihrem schwerst drogenabhängigen Onkel Amin, deren immer enger werdende Beziehung in eine der intensivsten Umarmungen der Kinogeschichte mündet.“
Das liegt zum einen daran, dass sich „Alpha“ zu keinem Zeitpunkt die Zeit nimmt, seine Figuren klar auszuformulieren. Stattdessen steht jede und jeder von ihnen eher wie ein Platzhalter für eine andere Position im System, das Ducournau hier an den Pranger stellt. Aber auch ihre Inszenierung selbst wirkt stets unterkühlt. Was nicht daran liegt, dass ihr Stamm-Kameramann Ruben Impens („The Broken Circle“) den Figuren nicht nahekäme; im Gegenteil. Doch „Alpha“ dringt nie unter die Oberfläche seiner Figuren vor. So funktioniert der Film über weite Strecken eher als symbolisch aufgeladene Zustandsbeschreibung und weniger wie eine Geschichte, die etwas über Menschen zu erzählen hat. Die riesigen Ambitionen, die Ducournau für ihre Geschichte aufgewendet hat, sind zweifelsohne beachtlich. Doch ausnahmsweise sei an dieser Stelle mal auf eine Plattitüde zurückgegriffen: Weniger ist mehr.
Fazit: Julia Ducournau kann mit ihrem neuen Film „Alpha“ nicht an die Stärken ihrer bisherigen Filme anknüpfen. Zwar dringt sie auch diesmal wieder in körperliche wie emotionale Grenzgebiete vor, abgesehen von der überzeugend ausgearbeiteten Welt hat sie aber diesmal kaum etwas zu erzählen, sondern verlässt sich ganz auf Symbolik und Allegorien, die in ihrer schieren Menge alsbald ermüden.
„Alpha“ ist ab dem 2. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

