In the Grey

„Show don’t Tell“ gehört zu den wichtigsten Grundregeln filmischen Erzählens. Für IN THE GREY setzt Regisseur Guy Ritchie jedoch weitestgehend auf das Gegenteil. Trotzdem gerät der Agentenfilm mit seiner lässigen Hochglanz-Action, markanten Schauplätzen und sichtbar spielfreudigen Inszenierung zu einer weitgehend launigen Angelegenheit.

Darum geht’s

Seit sich der skrupellose Manny Salazar (Carlos Bardem) eine Milliarde Dollar bei seinen Geldgebern geliehen hat, hat sich der machthungrige Despot auf einer streng bewachten Privatinsel verschanzt. Um das Geld zurückzuholen, wird die ebenso gerissene wie unberechenbare Unterhändlerin Rachel Wild (Eiza González) von der mysteriösen Bobby Sheen (Rosamund Pike) auf den Fall angesetzt. Unterstützung erhält sie dabei von zwei Eliteagenten: dem stoisch-abgeklärten Briten Sid (Henry Cavill) und dem impulsiven Draufgänger Bronco (Jake Gyllenhaal). Zusammen mit einer Handvoll Unterstützern entwickelt das Trio einen ebenso riskanten wie raffinierten Plan, um Rachel sicher auf die Insel und vor allem wieder lebend hinunterzubringen. Schon bald entwickelt sich die Mission zu einem gefährlichen Wettrennen, bei dem ein einziger Fehler genügt, um alles in einem regelrechten Krieg enden zu lassen.

Kritik

Knapp drei Jahrzehnte ist es mittlerweile her, seit Guy Ritchie dem britischen Gangsterfilm mit rotzigen Milieustudien wie „Bube, Dame, König, grAS“ und „Snatch“ neues Leben einhauchte. Damals war es dieser unangepasste Stil irgendwo zwischen Cockney-Slang, überdrehten Unterweltfiguren und schmutzigem MTV-Tempo, der sich ganz bewusst gegen geschniegelt wirkende Hochglanz-Produktionen stemmte. Mittlerweile ist von dieser einstigen Rauheit zwar noch immer etwas zu spüren, doch Ritchie selbst hat sich längst stärker dem Mainstream angenähert. Mit Blockbustern wie „Sherlock Holmes“, „Aladdin“ oder (fürs Streaming) „The Ministry of Ungentlemanly Warfare“ ist er heute genauso ein Studioregisseur wie ein (meistens) stilistischer Auteur geblieben. Dazwischen schiebt er allerdings weiterhin kleinere, vergleichsweise überschaubare Projekte wie „Operation Fortune“ ein, die zwar sichtbar weniger Prestige besitzen, ihm aber Raum für jene spielerische Handschrift geben, die seine frühen Werke einst so unverwechselbar machte. Und überhaupt: Zusammen mit seinen Serienprojekten entwickelt sich Ritchie inzwischen fast schon zum Vielfilmer. Kaum ein Jahr vergeht noch ohne gleich mehrere Produktionen, bei denen sein Name irgendwo zwischen Regiestuhl, Drehbuch oder Produktion auftaucht.

Rachel (Eiza González) fungiert als Vermittlerin zwischen bösen Jungs. Da kommt es schon mal zu Problemen.

Mit „In the Grey“ bewegt sich Guy Ritchie nun erneut in jenem Terrain, das ihm grundsätzlich am besten liegt: moralische Grauzonen, wie es der Titel bereits verrät, sowie schwer greifbare Loyalitäten und dazwischen abgeklärte Figuren, die Probleme bevorzugt unter sich regeln. Neu ist allerdings, wie auffallend erklärfreudig der Film dabei vorgeht. Während Ritchie seine Geschichten sonst selbst in den chaotischeren Momenten gerne über Dynamik, Blicke, Schnitte und beiläufige Coolness erzählt, herrscht hier über weite Strecken ein fast schon penetrantes „Tell don’t Show“. Dabei ist der eigentliche Kern von „In the Grey“ simpel gestrickt. Im Zentrum steht ein klassisches Heist- beziehungsweise Infiltrationsszenario: Eine Gruppe aus Spezialisten muss einen gefährlichen Machtmenschen austricksen, Sicherheitsmechanismen umgehen und einen möglichst wasserdichten Fluchtplan entwickeln, bevor die Situation eskaliert. Mehr ist es im Kern nicht. Doch der Film tut nahezu alles dafür, diesen vergleichsweise geradlinigen Plot möglichst kompliziert wirken zu lassen.

„Während Ritchie seine Geschichten sonst selbst in den chaotischeren Momenten gerne über Dynamik, Blicke, Schnitte und beiläufige Coolness erzählt, herrscht hier über weite Strecken ein fast schon penetrantes ‚Tell don’t Show‘.“

Ständig wird irgendetwas erklärt, kommentiert, analysiert und vorausgegriffen. Und zwar nicht einmal aus einer klaren Perspektive heraus, sondern über diverse Off-Kommentare, Strategiebesprechungen und Monologe unterschiedlicher Figuren hinweg. Wer wann welche Information besitzt, wer gerade welchen Plan verfolgt oder welche Eventualität nun doch noch berücksichtigt werden muss, verschwimmt dadurch irgendwann zu einem regelrechten Wortbrei. Gerade die erste Hälfte gerät dadurch eher anstrengend als anregend. Nicht etwa, weil man einem hochkomplexen Spionagekonstrukt folgen müsste, sondern paradoxerweise genau deshalb, weil der Film seine eigentlich sehr einfache Geschichte mit derart viel zusätzlicher Erklärungsschwere auflädt, dass man sich aktiv konzentrieren muss, um geistig nicht irgendwann komplett auszusteigen.

Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal) sollen Rachel beschützen, landen aber selbst dauernd in der Patsche.

Doch je länger „In the Grey“ läuft, desto stärker findet der Film schließlich doch noch zu sich selbst. Gar nicht so überraschend dann nämlich, wenn das permanente Erklären zunehmend in den Hintergrund rückt und Guy Ritchie wieder mehr über Räume, Bewegungen und Situationen erzählt. Plötzlich darf beobachtet statt ausformuliert werden. Und siehe da: Auf einmal funktioniert auch die zuvor so verkopft wirkende Geschichte deutlich besser. Hinzu kommt, dass die mit rund eineinhalb Stunden erfreulich kompakte Laufzeit verhindert, dass sich der Plot allzu sehr abnutzt. Darüber hinaus schimmern spätestens in der zweiten Hälfte immer deutlicher „James Bond“-Anleihen durch. Nicht unbedingt in Form klassischer Agenten-Gadgets oder größenwahnsinniger Welteroberungspläne, sondern vielmehr über das luxuriös-exotische Setting, die schwerreichen Strippenzieher, das operative Taktieren im Hintergrund und diese eigentümliche Mischung aus Eleganz und Coolness. Selbst das teils auffällig platzierte Product Placement fügt sich erstaunlich nahtlos in jene Hochglanzwelt ein, in der teure Uhren, edle Spirituosen und makellose Fahrzeuge stets genauso wichtig erscheinen wie die Mission selbst. Dass das Budget Berichten zufolge bei vergleichsweise überschaubaren 60 Millionen Dollar gelegen haben soll, sieht man dem Film dabei nur selten an. Ritchie holt das Maximum aus den vorhandenen Mitteln heraus, wodurch sich „In the Grey“ erfreulich haptisch anfühlt.  Denn anstatt alles mit CGI zuzuschütten, setzt der Film auf handfeste Action, physische Wucht und echte Kulissen (gedreht wurde größtenteils auf Teneriffa). Man spürt förmlich, wie sich Ritchie hier kreativ austoben durfte.

„Die Dialoge deuten zwar immer wieder an, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Mentalitäten aufeinanderprallen sollen, emotional greifbar wird davon jedoch wenig, da es den Figuren an Profil und Tiefe mangelt. Dadurch verpufft letztlich auch ein großer Teil des potenziellen Humors, der eigentlich aus dieser klassischen Buddy-Konstellation hätte entstehen können.“

Deutlich enttäuschender fällt dagegen die Besetzung der beiden eigentlichen Hauptfiguren aus. Die zwei Eliteagenten Sid und Bronco werden zwar klar gegensätzlich angelegt – hier der stoisch-kontrollierte Profi, dort der impulsivere Haudrauf mit lockerem Mundwerk –, doch Henry Cavill („Codename U.N.C.L.E.) und Jake Gyllenhaal („The Bride! – Es lebe die Braut“) gelingt es kaum, aus dieser Dynamik tatsächliche Reibung entstehen zu lassen. Die Dialoge deuten zwar immer wieder an, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Mentalitäten aufeinanderprallen sollen, emotional greifbar wird davon jedoch wenig, da es den Figuren an Profil und Tiefe mangelt. Dadurch verpufft letztlich auch ein großer Teil des potenziellen Humors, der eigentlich aus dieser klassischen Buddy-Konstellation hätte entstehen können. Besser funktioniert dagegen Eiza González („Ambulance“) als Rachel Wild. Bringt sie doch genau jene Mischung aus Coolness, Berechnung und unterschwelliger Verletzlichkeit mit, die der Film an anderer Stelle so oft vermissen lässt. Fast schon ironisch ist dabei übrigens, dass selbst Carlos Bardem („Assassin’s Creed“) als Schurke letztlich mehr Kontur besitzt als die beiden eigentlichen Heldenfiguren. Wo Antagonisten in Action- und Thrillerstoffen gern mal klischeehafte Zweckfiguren bleiben, ist es in „In the Grey“ beinahe umgekehrt: Bardems Salazar besitzt zumindest erkennbare Eigenheiten, Ausstrahlung und eine gewisse unangenehme Präsenz, während Sid und Bronco trotz prominenter Besetzung blass bleiben.

Bobby Sheen (Rosamund Pike) hat großes Interesse daran, dass Rachel und ihre Jungs heile aus der Sache herauskommen.

Fazit: „ In the Grey“ ist ein typischer Spätphasen-Guy Ritchie: stilistisch souverän, atmosphärisch dicht und handwerklich deutlich stärker als viele aktuelle Streaming-Actioner, erzählerisch jedoch unnötig verkopft. Vor allem die zweite Hälfte zeigt immer wieder, wie gut der Film eigentlich funktioniert hätte, wenn Ritchie seiner visuellen Erzählweise konsequenter vertraut hätte. So bleibt ein zwar unterhaltsamer, stellenweise sogar richtig starker Genrebeitrag, dem ausgerechnet seine permanente Lust am Erklären immer wieder selbst im Weg steht.

„In the Grey“ ist ab dem 21. Mai 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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