Der Magier im Kreml

In DER MAGIER IM KREML ist Macht kein Zustand, sondern eine Inszenierung, deren Architekten meist unsichtbar bleiben. In seinem Film wirft Olivier Assayas einen Blick hinter die Kulissen dieser Inszenierung und folgt einem Mann, der genau weiß, welche Bilder eine Nation glauben will. 

OT: Le mage du Kremlin (FR/USA 2025)

Darum geht’s

Russland zu Beginn der Neunzigerjahre: Die Sowjetunion ist zerfallen und das Land steckt in einer Phase der Orientierungslosigkeit. In diesem Umfeld steigt ein außergewöhnlich kluger junger Mann namens Vadim Baranov (Paul Dano) auf. Erst bewegt er sich in der Avantgarde-Kunstszene, später produziert er Reality-TV-Formate. Schließlich wird er zum inoffiziellen Berater eines früheren KGB-Offiziers, der kurz davorsteht, die Macht an sich zu ziehen: Vladimir Putin (Jude Law), der bald als „Zar“ bezeichnet wird. Im Innersten des Machtapparats entwickelt sich Baranov zu einem einflussreichen Strippenzieher, der Reden formt, Weltbilder beeinflusst und politische Inszenierungen mitgestaltet. Doch eine Person bleibt außerhalb seines Einflusses: Ksenia (Alicia Vikander), eine unabhängige, freiheitsliebende Frau, die für die Möglichkeit eines Lebens jenseits von Macht und politischem Kalkül steht.

Kritik

Der 2022 erschienene Roman „Der Magier im Kreml“ des italienisch-schweizerischen Autors Giuliano da Empoli avancierte binnen kürzester Zeit zu einem internationalen Bestseller. In einer Mischung aus politischem Thriller, Charakterstudie und zeitgeschichtlicher Reflexion zeichnet da Empoli den Aufstieg eines fiktiven Spin-Doktors (angelehnt an Putins früheren Chefberater Wladislaw Surkow) nach, der unverkennbar an reale Figuren aus dem Umfeld von Wladimir Putin angelehnt ist. Erzählt wird das Ganze in einem ebenso eleganten wie dichten Stil, der sich zwischen essayistischer Schärfe und literarischer Fiktion bewegt. Die Kritik zeigte sich weitgehend begeistert von dieser ebenso klugen wie beklemmenden Annäherung an die Mechanismen moderner Machtpolitik, während Leserinnen und Leser vor allem die Sogwirkung und Aktualität des Stoffes hervorhoben. Nun wurde der Roman unter gleichnamigem Titel verfilmt. Ein Unterfangen, das angesichts der stark innerlichen Erzählweise und der politischen Brisanz der Vorlage alles andere als trivial erscheint.

Vadim Baranov (Paul Dano) wird zum persönlichen Berater von Vladimir Putin (Jude Law).

Gerade in Zeiten, in denen politische Stoffe besonders aufmerksam beäugt werden, stellt sich bei einer Adaption wie „Der Magier im Kreml“ unweigerlich die Frage nach ihrer „politischen Korrektheit“ (im wahrsten Sinne des Worte!). Oder vielleicht treffender: nach ihrem Umgang mit Realität und Fiktion. Wie schon die literarische Vorlage bewegt sich auch der Film auf einem schmalen Grat zwischen diesen beiden Polen. Zwar ist die zentrale Figur Vadim Baranov ein fiktives Konstrukt, doch ihre Biografie speist sich unverkennbar aus realen Vorbildern aus dem inneren Machtzirkel rund um Wladimir Putin. Historisch belegte Entwicklungen – etwa der Aufstieg Putins, die zunehmende Kontrolle über Medien und öffentliche Wahrnehmung oder die Inszenierung politischer Macht – bilden dabei das Fundament der Handlung. Gleichzeitig erlaubt sich der Film narrative Freiheiten, verdichtet Ereignisse, erfindet Dialoge und personalisiert komplexe politische Prozesse, um sie erzählerisch greifbar zu machen.

„Dieses Konstrukt verleiht dem Film nicht nur eine zusätzliche Reflexionsebene, sondern unterstreicht auch die Ambivalenz seiner Hauptfigur: Zwischen Selbstdarstellung, Rechtfertigung und möglicher Selbstinszenierung bleibt stets offen, wie verlässlich die geschilderten Ereignisse tatsächlich sind.“

Gerade diese Vermischung ist es, die sowohl die Stärke als auch die potenzielle Angriffsfläche des Films ausmacht. Denn während die Fiktionalisierung dabei hilft, abstrakte Machtmechanismen zu veranschaulichen (hier erinnert „Der Magier im Kreml“ ein Stückweit an das Donald-Trump-Biopic „The Apprentice“), birgt sie zugleich die Gefahr der Vereinfachung oder gar Mythenbildung. Wo endet die künstlerische Interpretation, wo beginnt die problematische Zuschreibung? Der Film gibt darauf keine eindeutige Antwort, sondern verlässt sich – ganz im Geiste der Vorlage – darauf, dass das Publikum diese Unschärfe aushält und seine eigenen Schlüsse aus dem Gezeigten zieht. Einen entscheidenden erzählerischen Anker bildet dabei die Figur des amerikanischen Journalisten Rowland, sehr souverän und mit stoischer Ruhe gespielt von Jeffrey Wright („Amerikanische Fiktion“). In einem Interview mit Vadim Baranov fungiert er gewissermaßen als Stellvertreter des Publikums, dessen gezielte Nachfragen die vielschichtigen Machtmechanismen strukturieren und einordnen sollen. Erst durch diesen dialogischen Rahmen gewinnen Baranovs Ausführungen ihre narrative Form, bevor sie in ausführlichen Rückblenden visualisiert werden. Dieses Konstrukt verleiht dem Film nicht nur eine zusätzliche Reflexionsebene, sondern unterstreicht auch die Ambivalenz seiner Hauptfigur: Zwischen Selbstdarstellung, Rechtfertigung und möglicher Selbstinszenierung bleibt stets offen, wie verlässlich die geschilderten Ereignisse tatsächlich sind.

Die erste Begegnung zwischen Vadim und seiner Zukünftigen Ksenia (Alicia Vikander).

Die größte Schwäche von „Der Magier im Kreml“ offenbart sich jedoch ausgerechnet dort, wo der Film seinem Gegenstand eigentlich am nächsten kommt: in der Darstellung von Wladimir Putin. Zwar gelingt es Jude Law („Eden“) durchaus, sich die äußeren Merkmale des Präsidenten anzueignen – von der markanten Frisur bis hin zur kontrollierten, oft schwer zu deutenden Mimik. Auch in einzelnen Momenten blitzt jene kühle Berechnung auf, die man mit der Figur verbindet. Doch was dem Porträt fehlt, ist eine spürbare Abgründigkeit, eine echte Bedrohlichkeit, die über das rein Oberflächliche hinausgeht. Putin erscheint hier weniger als unberechenbarer Machtpolitiker denn als beinahe entrückte, schwer greifbare Projektionsfläche. Nicht, weil der Film ihn bewusst glättet, sondern weil er den dunkleren Facetten seiner Persönlichkeit schlicht keinen Raum gibt. Möglicherweise auch deshalb, weil das Interesse von Autor und Regisseur Olivier Assayas („Personal Shopper“) ohnehin Vadim Baranov gilt.

„Der Film will zu viel auf einmal. Einerseits versucht er, den politischen Werdegang dieses ‚Putin-Verstehers‘ nachzuzeichnen, andererseits auch, ihn als Privatperson greifbar zu machen. Letzteres misslingt jedoch weitgehend.“

Gerade daraus ergibt sich jedoch die zweite, noch gravierendere Problematik: Der Film will zu viel auf einmal. Einerseits versucht er, den politischen Werdegang dieses „Putin-Verstehers“ nachzuzeichnen, andererseits auch, ihn als Privatperson greifbar zu machen. Letzteres misslingt jedoch weitgehend. Statt echter Einblicke dominieren schematische Motive – die distanzierte Ehe, das Leben im Schatten der Macht, vereinzelte Momente vermeintlicher Verletzlichkeit, die jedoch kaum über Andeutungen hinausgehen. Besonders deutlich wird das an den Figuren um Baranov herum, die selten mehr sind als Staffage. Seine Frau Ksenia, überraschend farblos gespielt von Alicia Vikander („The Assessment“), bleibt trotz ihrer zentralen Position erstaunlich konturlos. Sie existiert weniger als eigenständige Figur, sondern vielmehr als funktionales Gegenüber. Wenn sie ihrem Mann in einer Szene von ihrer Schwangerschaft erzählt, verpufft dieser eigentlich einschneidende Moment nahezu wirkungslos. Nicht, weil er inszenatorisch misslungen wäre, sondern weil der Film es zuvor versäumt hat, eine emotionale Bindung zu dieser Beziehung aufzubauen. Paul Dano („Swiss Army Man“) spielt derweil engagiert auf, obwohl – oder gerade: weil? – er die emotionalen Facetten seiner Figur nicht herauskehren muss. Vadim Baranov ist eine kühle, rationale Person, die Gefühle selbst seinem nächsten Umfeld gegenüber nicht preisgibt – und vermutlich gerade deshalb so erfolgreich ist in dem, was er macht.

Den erzählerischen Rahmen bildet eine Interviewsituation mit dem amerikanischen Journalisten Rowland (Jeffrey Wright).

Fazit:Der Magier im Kreml“ ist ein ebenso ambitionierter wie zwiespältiger Film, der die Mechanismen von Macht und Inszenierung reflektiert, und dabei durchaus eine eigentümliche Faszination entfaltet. Doch in der konkreten Ausgestaltung seiner Figuren und Konflikte bleibt er auffallend distanziert. Am Ende ist all das mehr ein klug konstruiertes Gedankenspiel als wirklich packendes Kino auf das man mit seinen üppigen zweieinhalb Stunden auch erst einmal Lust haben muss.

„Der Magier im Kreml“ ist ab dem 9. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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