Personal Shopper

Für seinen unkonventionellen Gruselfilm PERSONAL SHOPPER erhielt Regisseur Olivier Assayas beim Filmfestival von Cannes den Regiepreis. Ob gerechtfertigt oder nicht und wie sich Kristen Stewart in ihrer Hauptrolle schlägt, das verrate ich in meiner Kritik.Personal Shopper

Der Plot

Die Amerikanerin Maureen (Kristen Stewart) arbeitet in Paris als persönliche Einkäuferin für Stars und Sternchen. Doch eigentlich begreift sie sich als Medium, das mit Toten in Kontakt treten kann. Seit Wochen wartet sie auf ein Zeichen ihres verstorbenen Zwillingsbruders Lewis. Plötzlich bekommt sie geheimnisvolle Nachrichten von einer unbekannten Nummer. Ist es ihr Bruder, der aus dem Jenseits Kontakt zu ihr aufnimmt? Oder nur der sehr lebendige Geliebte ihrer Chefin, der es auf sie abgesehen hat?

Kritik

Erst wurde sie belächelt – zu sehr haftete das Image als dauergenervter Teenie-Star an ihr, der einst durch die Vampir-Schmonzetten einer homophoben Mormonin bekannt wurde. Doch nach einer mehrjährigen Durststrecke hat Kristen Stewart nun offenbar ausgerechnet das Arthouse-Kino für sich entdeckt; respektive die darin agierenden Filmemacher sie. Für Olivier Assayas steht sie in „Personal Shopper“ schon das zweite Mal nach „Die Wolken vor Sils Maria“ vor der Kamera. Zuvor drehte sie mit Woody Allen („Café Society“), Richard Glatzer und Wash Westmoreland („Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“) sowie Ang Lee („Die irre Heldentour des Billy Lynn“). Eine solch prägnante Rolle wie in Assayas‘ auf Cannes umjubelter Grusel-Thriller ist für die 26-jährige Amerikanerin allerdings (noch) Neuland, wenngleich ihre Figur in „Sils Maria“ einem ähnlichen Typ entsprach. Auch in „Personal Shopper“ spielt sie eine im Schatten der Reichen und Schönen lebende Assistentin, die in diesem Fall ihr Geld damit verdient, für sie einzukaufen, teure Kleidung aus Boutiquen abzuholen und Schmuck von fünfstelligem Wert durch die Stadt zu tragen. Viel schwerer zu tragen hat sie allerdings das Päckchen um ihren verstorbenen Zwillingsbruder, der ihr – da ist sie sich ganz sicher – schon bald ein Zeichen aus dem Jenseits schicken wird. Olivier Assayas und Kristen Stewart gelingt mit dieser abgehobenen Prämisse gleichermaßen das Vereinen unterschiedlicher Genremechanismen: „Personal Shopper“ erzählt die beklemmende (Grusel-)Geschichte einer von ihren eigenen Dämonen verfolgten Frau, die irgendwann selbst nicht mehr weiß, was real und was Einbildung ist. Genauso wenig wie der Zuschauer…

Ingo

Ingo (Lars Eidinger) ist von der unnahbaren Maureen fasziniert…

Wie schon im Falle von „Die Wolken von Sils Maria“ ist es auch bei „Personal Shopper“ schwer, das Gezeigte genau einzuordnen. Das hat weniger damit zu tun, dass der Plot dieses Genreclashes besonders komplex wäre – tatsächlich ist die Geschichte in erster Linie das Porträt einer Trauernden sowie deren damit einhergehenden Versuche, genau diese Trauer zu überwinden. Indem das Skript (ebenfalls Olivier Assayas) die Hauptfigur Maureen nicht bloß als labil, sondern auch als Esoterik-empfänglich charakterisiert, eröffnet der Regisseur seiner Geschichte viele Möglichkeiten der Entfaltung; und aus einem handelsüblichen Drama wird in den spektakulärsten Momenten ein Thriller in bester Hitchcock-Manier. Assayas nimmt sich viel Zeit, um sich mit seiner Protagonistin zu beschäftigen. Stewarts Maureen ist in nahezu jeder Szene zu sehen. Selbst in für den Plot selbst vollkommen irrelevanten Momenten dürfen wir die in ihrer Freizeit als Medium arbeitende Personal Shopperin in besonders intimen Situationen erleben. Wir erfahren von Krankheiten, verborgenen Sehnsüchten und werden Zeuge, wie der Film all das nach und nach offen legt. Eine klassische Dramaturgie braucht „Personal Shopper“ da gar nicht, wenngleich die Atmosphäre von Szene zu Szene immer dichter wird. Assayas bemüht sich im letzten Drittel sogar um eine Art Twist, der das Geschehen zwar nicht rückwirkend umkehrt, das Feeling und Flair des Films jedoch prompt in eine andere Richtung lenkt. „Personal Shopper“ hat vielleicht nicht den Wow-Effekt einer filmischen Wundertüte, doch die sukzessive zutage geförderten Zutaten, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, bleiben von der ersten bis zur letzten Sekunde absolut unberechenbar.

Gleichzeitig wendet Olivier Assayas für den Rest der eigentlich recht übersichtlichen Figurenkonstellation nicht einmal annähernd ähnlich viel Beobachtungszeit auf. Insbesondere der eine Schlüsselrolle spielende Lars Eidinger („Terror – Ihr Urteil“) erhält kaum die Möglichkeit, „Personal Shopper“ nachhaltig zu prägen. Sein Charakter Ingo ist nicht mehr als ein Plotmotor – und ein recht eindeutiger noch dazu. Was genau seine Figur in dieser Geschichte für einen Zweck hat, dürfte auch ein weniger filmaffiner Zuschauer schnell durchschauen. Es ist einzig und allein Olivier Assayas‘ Gespür für das Schaffen diffuser Spannung zu verdanken, dass der wenig überraschende Mittelteil von „Personal Shopper“ immer noch mitreißend bleibt. Wenn er Maureen etwa in minutenlangen Einstellungen beim SMS-Austausch mit ihrem unbekannten Stalker beobachtet, lebt Derartiges einzig und allein vom Inhalt selbst. Ohne Effekthascherei, Musik oder technischen Schnickschnack sehen wir die junge Frau von Minute zu Minute immer mehr verunsichern und erleben die unterschwellige Faszination für die anonymen Erkenntnisse des Absenders trotzdem hautnah mit. Olivier Assayas, vor allem aber Kristen Stewart, gelingt es, aus einer unterschwelligen Bedrohung eine absolut Greifbare zu machen – der gegenwärtige Kommentar auf die analoge Entfremdung gerät da sogar zur Nebensache.

Maureen wartet auf ein Zeichen ihres Bruders

Maureen (Kristen Stewart) wartet auf ein Zeichen ihres Bruders – vergeblich?

Das Spiel mit Faszination und Abscheu beherrscht Olivier Assayas aus dem Effeff. Selbst der zu Beginn noch als hanebüchen etablierte Subplot um das Mysterium Geist entwickelt für den Zuschauer irgendwann eine gewisse Selbstverständlichkeit. So bleibt es zwar der Auslegung des Zuschauers überlassen, ob sich manch übernatürlicher Einschub nun in der Fantasie Maureens oder in der Realität abspielt, doch auf die Idee, Maureen für labil zu befinden, käme in letzter Instanz wohl keiner mehr. „Personal Shopper“ gerät gerade durch diese Mehrdeutigkeiten besonders faszinierend und profitiert dabei stark davon, dass er sich technisch vollkommen unauffällig präsentiert. Eine sehr reduzierte Musikuntermalung und eine in ihrer Nüchternheit fast schon dokumentarisch wirkende Bildsprache (Yorick Le Saux, „A Bigger Splash“) unterstreichen die Unaufgeregtheit des Geschehens, in die sich auch die fast schon nebensächlichen Effekte hervorragend integrieren. Das mag manch einem zu wenig sein. Erst recht, weil die kleinen Horroranleihen vor dem Hintergrund der Geschichte fast schon untergehen. Doch vermutlich sieht Olivier Assayas seinen Film ohnehin eher als Gesamtkunstwerk und weniger als Ansammlung einzelner Kleinteile, die für sich genommen nicht einmal unbedingt immer Sinn ergeben würden.

Fazit: „Personal Shopper“ ist ein smarter Film mit viel Interpretationsspielraum, der sich hin und wieder ein wenig zu sehr auf seine Hauptdarstellerin konzentriert. Trotzdem gerät das Gesamtkonstrukt faszinierend – vor allem, weil die Atmosphäre von Anfang an ebenso dicht wie undurchschaubar ist.

„Personal Shopper“ ist ab dem 19. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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