Spiders – Ihr Biss ist der Tod

Fieses Krabbeltierkino aus Frankreich – nach dem mittelmäßigen „Sting“ folgt mit SPIDERS – IHR BISS IST DER TOD nun der stärkere von den beiden Spinnenfilmen innerhalb weniger Wochen. Der Grund: Die achtbeinigen Tiere hier bestechen nicht zwingend durch albtraumhafte Größe, sondern sind einfach ganz schön viele…

OT: Vermines (FR 2023)

Darum geht’s

Mit fast 30 Jahren hat der in einer französischen Hochhaussiedlung lebende Kaleb (Théo Christine) seinen Platz im Leben noch immer nicht so recht gefunden. Sein Geld verdient er mit halb-legalen Sneaker-Deals, richtige Freunde hat er nicht. Auch mit seiner Schwester Manon (Lisa Nyarko) kommt es nach dem Tod der Eltern regelmäßig zum Streit. Trotzdem hat Kaleb eine Faszination: Tiere. Als er durch Zufall an eine exotische Spinne gerät, weiß er noch nicht, was er sich da für eine Kreatur ins Haus geholt hat. Denn der achtbeinige Krabbler vermehrt sich nicht nur rasend schnell, sondern nimmt alsbald auch eine beachtliche Größe an. Auf einmal wird das Hochhaus von einer beispiellosen Spinnenplage heimgesucht. Und mittendrin Kaleb, der gemeinsam mit einigen weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern um sein Leben kämpfen muss…

Kritik

Erleben wir aktuell eine Renaissance des Spinnenfilms? Es ist gerade mal ein paar Wochen her, dass mit „Sting“ ein solcher Krabbeltierhorror in die Kinos kam, da rückt mit „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ direkt der nächste Genrekandidat nach, in dem die achtbeinigen Wesen, vor denen diverse Menschen da draußen ohnehin eine Phobie haben, ein gruseliges Eigenleben entwickeln. Im Falle von „Sting“ wurde daraus ein mittelmäßiger Film, deren im Laufe der Spielzeit zur Übergröße heranwachsende Hauptdarstellerin ihren Schockeffekt nie so richtig „als Spinne“ entfalten konnte. Einfach weil das zu Beginn des Films ohnehin aus dem All auf die Erde krachende Viech mehr Gemeinsamkeiten mit einem Alien als mit klassischem Spinnengetier hat. In „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ geht es nun tatsächlich um Spinnen, die auch so aussehen wie solche. Zugegeben: Manche von ihnen sind etwas größer geraten als das einheimische Krabbelzeug – da macht es vor allem die schiere Menge, die hier, nicht nur für Spinnenphobiker, für albtraumhafte Szenen sorgt. Aber im Großen und Ganzen gestaltet sich die Invasion in „Spiders“ deutlich realistischer und dadurch unheimlicher als in vielen anderen Spinnenfilmen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte.

Kaleb (Théo Christine) weiß noch nicht, was er sich da ins Haus geholt hat…

Für die Regie und das Skript von „Spiders“ zeichnet der französische Filmemacher Sébastien Vanicek in Personalunion verantwortlich. Ein Newcomer, der zuvor ausschließlich mehrere Kurzfilme inszenierte und im Langfilmgeschäft sowie auf internationaler Ebene noch keinerlei Eindruck hinterlassen konnte. Umso beeindruckender ist es da, mit welcher Selbst- und Stilsicherheit sein Spielfilmdebüt daherkommt. Denn „Spiders“ ist längst nicht nur der titelgebende Spinnenhorrorfilm, sondern aufgrund seiner Verortung in den Banlieues auch als Kommentar auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in Frankreich zu verstehen. Wie es bereits „Hass – La Haine“ schon früh perfektionierte und in jüngerer Zeit auch von Filmen wie „Die Wütenden“ aufgegriffen wurde, nimmt sich Vanicek hier auf eine ebenso finstere Weise der „Abgehängten“ an. In der zweiten Filmhälfte geht es dann auch um das Aufeinanderprallen ebendieser mit der Polizei, deren Willkür und explizite Polizeigewalt. Da wird von den Beamten schon mal in Kauf genommen, dass in dem auszuräuchernden Hochhausbereich noch Menschen sind, die eigentlich auf Hilfe angewiesen wären. Infolgedessen stecken in „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ nicht nur Hunderte von Spinnen, sondern auch jede Menge Wut.

„‚Spiders‘ ist längst nicht nur der titelgebende Spinnenhorrorfilm, sondern aufgrund seiner Verortung in den Banlieues auch als Kommentar auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in Frankreich zu verstehen.“

Trotzdem sind die Achtbeinigen natürlich der Hauptgrund, weshalb sich die meisten Zuschauenden da draußen „Spiders“ ansehen werden. Gedreht wurde nicht nur mit CGI-Krabbeltieren und Animatronics, sondern in vielen Szenen auch mit echten Spinnen, die dank cleverer Kameraperspektiven (Alexandre Jamin, „Vaincre ou mourir“) und der richtigen Ausleuchtung bisweilen zu einer immensen Größe heranzuwachsen scheinen. Vor allem aber wächst aus diesem Dreigestirn an (Trick-)Technik eine – im wahrsten Sinne des Wortes – horrende Masse an Tieren heran, deren Bedrohung man stellvertretend in einer Szene besonders zu spüren bekommt. In dieser müssen unsere Hauptfiguren einen langen, dunklen Gang entlanggehen, der über und über von Spinnen besetzt wird. Da die Krabbelviecher vor allem im Dunkeln agieren, im Hellen aber weitgehend friedlich sind, sind die Charaktere darauf angewiesen, dass permanent ein Licht brennt – und da das hier an eine zeitbegrenzte Bedingung geknüpft ist, bricht schnell eine in Panik umschlagende Hektik aus. Vor allem aber ist es allein schon die Vorstellung davon, wie es sein muss, in einem engen Gang mit Hunderten von Spinnen eingeschlossen zu sein, die für echte Gänsehaut sorgt. Da hat man als Nicht-Phobiker:in keinerlei Vorteile gegenüber tatsächlich an einer solchen Angst leidenden Menschen.

In „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ wurde auch mit echten Spinnen gedreht.

Neben den Spinnendesigns, dem punktgenauen Einsatz der Tiere zu Schockzwecken sowie dem spannenden Setting ist auch die Wahl des Protagonisten gelungen. Der Endzwanziger Kaleb ist kein typischer Horrorfilm-Sympathling, mit dem man von Anfang an mitfiebert, sondern ein ganz und gar kantiger, bisweilen sogar richtig unbequemer Typ, der sich seinen Unterhalt mit nur so semi-legalen Sneaker-Deals verdient und mit einer Null-Bock-auf-Gar-nichts-Fresse durch die Gegend läuft. Auch mit seiner älteren Schwester gibt es andauernd Stress, während es in dem Hochhaus, in dem er lebt, scheinbar keine Möglichkeiten gibt, um so etwas wie Freundschaften zu knüpfen. Trotzdem formiert sich im Laufe der Zeit eine Gruppe aus mehreren Überlebenden, die die äußeren Umstände zusammenschweißt. Leider ergibt sich hieraus aber eher eine recht einheitliche Menschenmasse, aus der sich kaum eine der Figuren besonders hervortäte. Das passt auch ein wenig dazu, dass „Spiders“ mit der Zeit durchaus redundant wird. Viel visuellen und inszenatorischen Spielraum haben die Kreativen dann eben doch nicht gehabt, um die Spinnenbedrohung möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Doch gerade in der ersten Hälfte ist der Film so effektiv, dass es nicht allzu schlimm ist, dass sich „Spiders“ hintenraus nicht mehr wirklich in seiner Wirkungskraft steigern kann.

„Kaleb ist kein typischer Horrorfilm-Sympathling, mit dem man von Anfang an mitfiebert, sondern ein ganz und gar kantiger, bisweilen sogar richtig unbequemer Typ, der sich seinen Unterhalt mit nur so semi-legalen Sneaker-Deals verdient und mit einer Null-Bock-auf-Gar-nichts-Fresse durch die Gegend läuft.“

Fazit: „Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ ist nicht nur ein handwerklich richtig gut gemachter Spinnenschocker, sondern aufgrund seiner Verortung in den Banlieues auch ein starker Kommentar auf die gesellschaftliche Spaltung in Frankreich. Schade ist nur, dass sich der Film in der zweiten Hälfte nicht mehr so wirklich steigern kann. Dafür ist die erste Hälfte ganz großes Krabbeltierhorrorkino!

„Spiders – Ihr Biss ist der Tod“ ist ab dem 21. November 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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