Sting
Eine riesige Alienspinne macht Jagd auf eine rebellische Teenagerin: Wer sich mit STING den nächsten Arachnophobie-Schocker erhofft, wird vermutlich enttäuscht werden. Dafür hat der gut getrickste und sympathische Film andere Qualitäten.
Darum geht’s
Über New York erscheint eines Nachts ein mysteriöses Etwas. Es schlägt auf die Erde ein und entlässt hier eine harmlos aussehende Spinne, die Unterschlupf in einem Wohnkomplex findet. Dort wird sie von der Teenagerin Charlotte (Alyle Brown) gefunden, die das achtbeinige Tier an sich nimmt und in einem Einmachglas aufbewahrt. Als ihr auffällt, wie schnell die Kreatur an Größe zunimmt, ist es bereits zu spät: Gemeinsam mit ihrem Stiefvater Ethan (Ryan Corr) und ihrer ohnehin mit allem überforderten Mutter Heather (Penelope Mitchell) muss sich das junge Mädchen gegen das außerirdische Wesen zur Wehr setzen – und wenn sie dafür das ganze Appartement in Schutt und Asche legt…
Kritik
2024 kommen gleich zwei Filme mit Spinnenthematik in die deutschen Kinos. Der eine von ihnen, „Spiders – Ihr Biss in den Tod“ (im Original: „Vermines“), handelt von einer Spinneninvasion im Angesicht eines Geschwisterkrieges und erscheint hierzulande am 28. November. Der andere, „Sting“, ist genau genommen eine Mogelpackung, die dem Titel „Spinnenfilm“ nur bedingt gerecht wird. Ja, in „Sting“ bläst eine übergroße Monsterspinne zum Angriff und bringt das (vermeintliche) Idyll einer Patchworkfamilie mächtig ins Wanken. Aber um einen klassischen Vertreter der achtbeinigen Krabbeltiere handelt es sich hierbei nicht. In der aller ersten Szene sehen wird nämlich, wie etwas aus dem All auf die Erde kracht, an dessen „Bord“ sich ein Spinnenwesen befindet, das aufgrund seiner unklaren Herkunft genauso gut ein Alienwesen sein könnte. Und wenn man bedenkt, dass „Alien“ ja letztlich auch nur „Außerirdischer“ bedeutet, dann ist „Sting“ ein astreiner Alienfilm – mit Anleihen an das Spinnenhorror-Subgenre natürlich.
Doch bereits mit dem Wissen darum, dass dieses Getier nicht von dieser Welt ist, entfaltet sich die Bedrohung anders als hätte man es hier mit einer herkömmlichen Spinne zu tun. Die von der jungen Charlotte gefundene und anschließend in einem Einmachglas aufbewahrte Kreatur wächst mit jedem Biss in eine Kakerlake, eh es eine – für Spinnen – abnorme Größe erreicht hat. Nun macht sie Jagd auf Charlotte und ihre Familie, die sich wiederum mit allen möglichen Mitteln zur Wehr zu setzen versucht. Die möglichen Kräfte der Spinne, ihre Schwachpunkte und Methoden, werden in „Sting“ nicht näher erklärt. Es gilt einfach das Prinzip „Mensch gegen Monster“ und wer was kann und wie stark oder schwach er/sie ist, unterliegt keinerlei klaren Regeln. Mal gibt sich die Alienspinne überraschend verwundbar und taktierend, andere Male reagiert sie wiederum kopflos und reagiert nicht auf körperliche Angriffe. Besonders gelungen sind vor allem jene Momente, in denen es so wirkt, als habe diese Spinne tatsächlich so etwas wie einen Masterplan. Um die Ecke lugen, still von der Decke hängen, ihre potenziellen Opfer (unter anderem ein später ziemlich fies zerfetzter Papagei) ausspähen: Je weniger körperlich die Spinne auftritt, desto unheimlicher ist sie. Spinnenphobiker:innen dürften das kennen: Eines dieser Krabbeltiere still in einer Zimmerecke sitzen zu sehen, ist oftmals viel schlimmer, als wenn sie einem direkt über den Weg läuft.
„Besonders gelungen sind vor allem jene Momente, in denen es so wirkt, als habe diese Spinne tatsächlich so etwas wie einen Masterplan. Um die Ecke lugen, still von der Decke hängen, ihre potenziellen Opfer ausspähen: Je weniger körperlich die Spinne auftritt, desto unheimlicher ist sie.“
Das Spiel mit den Schatten und Umrissen der Spinne kommt in „Sting“ gut zur Geltung. Gleichwohl ist der gesamte Film nur sehr spärlich ausgeleuchtet. Es ist zeitweise einfach viel zu dunkel, um das beengte Setting von Charlottes Wohngebäude voll auszukosten. Kameramann Brad Shield (war als Second Unit Kameramann schon an Blockbustern wie „Thor: Love & Thunder“ und „Uncharted“ beteiligt) gibt sich trotzdem alle Mühe, um mit seinen ruhigen, unaufgeregten Kamerafahrten ein Gefühl für die Beklemmung auszulösen, die in der Wohnung vorherrscht. Auch das Characterdesign des Spinnenaliens ist gelungen, stammt es doch von Weta Workshop, der neuseeländischen Effektschmiede von Peter Jackson. Die Kreatur nimmt mit der Zeit nicht nur abnorme Ausmaße an, sondern besitzt auch die notwendige Haptik, um als Antagonist im Kampf gegen die Menschen ernstgenommen zu werden. Man hat also tatsächlich das Gefühl, dass Charlotte hier einem Spinnengetier gegenübersteht, das sie in seiner Größe um ein Vielfaches überragt.
Die von „Furiosa“-Star Alyla Browne (spielte darin die junge Furiosa) gespielte Charlotte erweist sich als pfiffige Protagonistin, die auch ganz leicht ins Nervige hätte kippen können. Doch Regisseur und Drehbuchautor Kiah Roache-Turner („Wyrmwood: Apocalypse“) macht aus ihr keine neunmalkluge Streberin, sondern ein toughes, junges Mädchen mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust, das sich in manchen Momenten aber auch verletzlich zeigt. Ihre Aversion gegen ihren Stiefbruder und ihr generelles Hadern mit der Patchworksituation kommen allerdings recht kurz. Überhaupt böte die Familienkonstellation in „Sting“ genügend Anknüpfungspunkte, um den Film mit familiärem Drama zu unterfüttern. So muss allerdings die pure Symbolik genügen, dass mit dem Anwachsen der Probleme auch die Spinne immer größer wird – und nur wenn alle gemeinsam kämpfen, können sie auch als Patchworkfamilie zusammenwachsen. Sonderlich subtil ist das nicht, überlädt den Film aber auch nicht mit unnötigem Subtext. Die eigentliche Handlung bleibt bis zum Schluss entsprechend simpel. Im Kampf zwischen Mensch und Spinne gibt es einige nette Kampfsequenzen und gerade gen Ende hin Einiges an Gekröse. Als typischer „Gruselfilm“ im Stile von „Arachnophobia“ und Co. geht „Sting“ allerdings nicht durch. Dafür ist die Spinne am Ende einfach zu sehr Alien und im Mittelpunkt steht weniger eine schaurige Atmosphäre als vielmehr Charlottes Kampf gegen das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt.
Fazit: „Sting“ ist nur bedingt gruselig, kann allerdings ein gelungenes Creature Design und eine tough-sympathische Hauptfigur zu bieten. Einstellen sollte man sich eher auf Alien-Action anstatt auf Spinnenhorror.
„Sting“ ist ab dem 20. Juni 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.


