Rosebush Pruning

„Eat the Rich“ ist en vogue! Blöd nur, wenn man der schon zigfach durchgekauten Thematik nicht mehr hinzuzufügen weiß, als plumpe Provokation, die nicht nur gezeigt, sondern auch noch allumfassend ausformuliert wird. ROSEBUSH PRUNING wird dadurch zu einem regelrecht frustrierenden Eintrag ins Genre.

OT: Rosebush Pruning (DE/IT/ESP/UK/USA 2026)

Darum geht’s

Jack (Jamie Bell), Ed (Callum Turner), Anna (Riley Keough), Robert (Lukas Gage) und ihr blinder Vater (Tracy Letts) sind Teil einer reichen amerikanischen Familie, die spätestens seit dem gleichermaßen grausamen als auch ominösen Tod der Mutter (Pamela Anderson) nichts Anderes mehr zu tun hat, als sich über ihre Luxusklamotten zu unterhalten, oder mit der eigenen Sexualität zu hadern. Als Jack seine neue Freundin Martha (Elle Fanning) erstmals seinen Geschwistern vorstellt, führt das nicht nur zu einigen unangenehmen Momenten beim gemeinsamen Abendessen, sondern bringt auch den starren Mikrokosmos der stetig nur um sich selbst kreisenden Familie ins Wanken…

Kritik

Der anhaltende Erfolg sogenannter „Eat the Rich“-Filme ist längst mehr als nur eine kurzfristige Modeerscheinung. Vielleicht ist er sogar vielmehr Ausdruck eines gesellschaftlichen Stimmungsbildes, das sich immer deutlicher auch im Mainstreamkino niederschlägt. Gemeint ist damit ein Subgenre, das – mal satirisch überspitzt, mal bitterernst – soziale Ungleichheit, Klassenkonflikte und die moralische Verkommenheit wirtschaftlicher Eliten ins Zentrum rückt. Nicht selten verbunden mit einer gewissen Lust an deren Demontage. Spätestens seit dem internationalen Durchbruch von „Parasite“ hat sich dieser Tonfall etabliert und wurde in Filmen wie „The Menu“, „Triangle of Sadness“ oder auch „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ in ganz unterschiedlichen Spielarten variiert. Dass dieser Trend gerade jetzt Hochkonjunktur hat, dürfte kaum überraschen. In Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit, explodierender Lebenshaltungskosten und eines zunehmend sichtbaren Auseinanderdriftens von Arm und Reich fungieren diese Filme gleichermaßen als Ventil sowie als Spiegel kollektiver Frustration. Die Rezeption fällt dabei ebenso vielschichtig aus wie die Werke selbst. Während ein Teil von Publikum und Kritikerschaft die oft genüsslich inszenierte Abrechnung mit den Reichen als kathartisch empfindet, wird andernorts kritisiert, dass eigentlich alles schon erzählt wurde und der Thematik kaum mehr Neues hinzugefügt wird. Und genau diese Kritik lässt sich nun auch auf „Rosebush Pruning“ übertragen, der ein neues Lowlight im „Eat the Rich“-Filmkosmos darstellt.

Welches Schicksal umgibt die „verstorbene“ Mutter (Pamela Anderson)?

„Rosebush Pruning“ bedeutet übersetzt so viel wie „Rosenstrauchschnitt“. Bei Nichtkennen dieses Vokabulars muss man das allerdings nicht zwingend googeln, denn der Film formuliert diese Metapher gleich zu Beginn des Films vollständig aus – man muss den Rosenbusch beschneiden, damit neue Blüten sprießen können. Und der Rosenbusch ist in diesem Fall die Familie. Die besteht im Film aus einer ganzen Gruppe ätzender Persönlichkeiten, die der Film über nichts Anderes definiert als darüber, dass sie eben ätzend sind. Und ätzende Dinge tun. Und eine ätzende Weltsicht haben, die eigentlich nur aus der Familie selbst besteht. All ihre Mitglieder kreisen in den rund neunzig Filmminuten permanent um sich selbst, was einen etwaigen Genuss von „Rosebush Pruning“ nahezu unmöglich macht. Was fehlt, ist die Fallhöhe. Selbst das Motiv der von außen auf die Familie blickenden Person – in diesem Fall dargestellt von Elle Fanning („Sentimental Value“) als Jacks neue Freundin Martha – entfaltet nicht die stellvertretend für das Publikum urteilende Wirkungskraft. Einfach weil Martha, vielleicht nicht ganz in der Ausprägung ihrer zukünftigen Schwiegerfamilie, aber doch merklich ähnlich menschenfeindliche Tendenzen zeigt.

„‚Rosebush Pruning‘ bedeutet übersetzt so viel wie ‚Rosenstrauchschnitt‘. Bei Nichtkennen dieses Vokabulars muss man das allerdings nicht zwingend googeln, denn der Film formuliert diese Metapher gleich zu Beginn des Films vollständig aus.“

„Rosebush Pruning“ zeichnet seine Figuren dabei bewusst überzeichnet, beinahe karikaturesk, und lässt keinerlei Raum für Ambivalenzen. Das ist einerseits konsequent im Sinne der zugrunde liegenden Metapher. Schließlich soll hier nicht gepflegt, sondern radikal zurückgeschnitten werden. Es führt andererseits aber auch dazu, dass die angestrebte gesellschaftliche Allegorie viel zu plakativ gerät. Eine Szene, in der sich der namenlos bleibende, blinde Familienpatriarch am Esstisch in aller Ausführlichkeit Marthas Oberweite beschreiben lässt (Sehende würden schließlich auch einfach dorthin schauen, weshalb solle man da als blinde Person zurückhaltender sein?), steht symptomatisch dafür, dass der normalerweise für Yorgos Lanthimos arbeitende Drehbuchautor Efthimis Filippou (schrieb zuletzt „Kinds of Kindness“) hier plumpe Provokation mit spitzfindiger Kritik am Mikrokosmos der moralisch verkommenen High Society verwechselt. Überhaupt ist das mit der Provokation hier so eine Sache. Immer wieder streut Filippou sexuell motivierte Details ein, die die Familie – gewohnt unsubtil – in inzestuöse Tendenzen rücken. Die Reichen und Schönen als dauergeile Triebwesen, die sich längst von jeder Form sozialer oder moralischer Konvention emanzipiert haben, werden hier zur alles dominierenden Chiffre eines Systems, das nur noch um sich selbst kreist.

Die Kinder (Callum Turner, Lukas Gage und Riley Keough) ergehen sich in Luxus und anderen Oberflächlichkeiten.

All das mag als bewusste Zuspitzung intendiert sein, wirkt in seiner Häufung jedoch eher ermüdend als entlarvend. Denn wo Provokation zur Routine wird, verliert sie zwangsläufig ihre Wirkung. Statt die Abgründe dieser Figuren freizulegen, bestätigt „Rosebush Pruning“ sie in einer Monotonie des Exzesses, die kaum noch zwischen kalkulierter Grenzüberschreitung und bloßer Effekthascherei unterscheidet. Unterstrichen von einer – im wahrsten Sinne des Wortes – grellen Inszenierung, die Regisseur Karim Aïnouz („Motel Destino“) vermutlich als buchstäblichen Angriff auf die Sinne versteht, aber nicht mehr zu bieten hat, als bis zum Anschlag hochgedrehte Farben und unnötig dröhnende Rhythmen. Gerade im Vergleich zu Filippous Arbeiten mit Yorgos Lanthimos, in denen das Absurde häufig eine verstörende, aber präzise Beobachtung menschlicher Abhängigkeiten offenlegt, fehlt es „Rosebush Pruning“ an jener Schärfe, die das Unbehagen nachhaltig wirken lässt. Stattdessen bleibt das Gefühl, dass der Film seinem eigenen Zynismus ein Stück weit auf den Leim geht und dabei mehr über seine Lust an der Grenzüberschreitung preisgibt als über die Welt, die er eigentlich sezieren möchte. Die finale Eskalation, auf die der Film von Anfang an unübersehbar zusteuert, ist dann auch nur noch maximal vorhersehbar.

„Gerade im Vergleich zu Filippous Arbeiten mit Yorgos Lanthimos, in denen das Absurde häufig eine verstörende, aber präzise Beobachtung menschlicher Abhängigkeiten offenlegt, fehlt es ‚Rosebush Pruning‘ an jener Schärfe, die das Unbehagen nachhaltig wirken lässt.“

Fazit: „Rosebush Pruning“ reiht sich nahtlos in jene Vertreter des „Eat the Rich“-Kinos ein, die ihre eigentlich bissige Prämisse zugunsten bloßer Provokation aus den Augen verlieren. Was als schonungslose Abrechnung mit einer selbstverliebten Elite gedacht ist, erschöpft sich hier in einer monotonen Abfolge kalkulierter Grenzüberschreitungen, denen es an inhaltlicher Schärfe mangelt.

„Rosebush Pruning“ ist ab dem 23. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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