Parasite

„Snowpiercer“-Regisseur Joon-ho Bongs PARASITE räumt einen internationalen Filmpreis nach dem nächsten ab und gilt als Favorit für den Fremdsprachen-Oscar. Ob die Lorbeeren und Lobeshymnen für den Mash-up aus Tragikomödie und Psycho-Thriller tatsächlich gerechtfertigt sind, verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Familie Kim lebt in einer hoffnungslos heruntergekommen, viel zu engen Tiefparterre-Wohnung ohne direktes Sonnenlicht und – noch schlimmer! – ohne WLAN. Vater Ki-taek (Kang-ho Song) und Mutter Chung-sook (Hyae Jin Chang) sind seit Jahren arbeitslos. Die erwachsenen Kinder Ki-woo (Woo-sik Choi) und Ki-jung (So-dam Park) hausen ebenfalls hier. Ihr aller Abendessen besteht meist aus einer Tüte Instantnudeln und einer durch vier geteilten Dose billigem Bier. Die einzigen Einkommensquellen der Kims sind kleine Gaunereien und das Zusammenfalten von Kartons für einen Pizzaservice. Durch einen ehemaligen Schulfreund kommt Ki-woo eines Tages an die Stelle als Vertretungs-Nachhilfelehrer für die Tochter eines wohlsituierten, in einer riesigen, modernen Villa lebenden Geschäftsmannes (Sun-kyun Lee). Dort erschleicht er sich das Vertrauen der Gattin (Yeo-jeong Cho) seines neuen Chefs. Es gelingt ihm, seiner Schwester eine Anstellung als Kunst-Pädagogin für den komplett untalentierten, kleinen Sohn zu beschaffen. Schließlich intrigieren die Geschwister so lange, bis die restlichen Angestellten der unbedarften Parks, die Haushälterin und der Chauffeur, durch ihre Eltern ersetzt werden. Doch selbst das gute Geld, das sie nun für ihre allenfalls mittelmäßig und lustlos verrichteten Jobs verdienen, reicht den Kims längst nicht aus. Sie wollen mehr. Sie wollen alles …

Kritik

Nachdem Joon-ho Bong mit seinem Debüt „Hunde, die bellen, beißen nicht“ (2000) und danach „Memories of Murder“ (2003) unter anderem auch in Deutschland Festival-Erfolge erzielen konnte, gelang ihm 2006 mit „The Host“ endgültig der internationale Durchbruch. Der amüsante Mix aus klassischem Monsterkracher, Charakter-Dramedy und aktueller Gesellschaftssatire war das erste Werk des Südkoreaners, das hier und in vielen anderen Ländern regulär in die Kinos kam, während es in der Heimat zum damals meistgesehenen Film aller Zeiten avancierte. Sechs Jahre später lieferte Bong mit dem großartigen „Snowpiercer“ und Stars wie Chris Evans, Tilda Swinton oder Jamie Bell seine erste englischsprachige Arbeit ab. Nach dem sehenswerten, herrlich exzentrischen Netflix-Abenteuerfilm „Okja“ (2017, erneut mit Swinton) war Bong nach Seoul und zu seiner Muttersprache zurückgekehrt, um den bisher wohl besten Streifen seiner ohnehin schon illustren Karriere zu drehen: „Parasite“, im Original „Gisaengchung“ beziehungsweise „기생충“.

Die Familie Kim lässt es bei den reichen Parks so richtig krachen.

Wie wir es vom Regisseur mittlerweile gewohnt sind, legt er sich mit dem Sieger der goldenen Palme bei den Festspielen von Cannes 2019 erneut auf kein Genre fest. So changiert „Parasite“ mal elegant, dann wieder komplett überraschend, aber erstaunlich homogen zwischen düsterem Sozialdrama, schwarzhumoriger Tragikomödie, einigen turbulenten Slapstick-Einschüben und einem perfiden Psycho-Thriller. Ähnlich und doch ganz anders als bei Todd Phillips‘ „Joker“ wurde hier auf meisterhafte Weise ein intelligenter, origineller Arthouse-Film mit Genre-Elementen und veritablem Massen-Appeal produziert.

Bei der wohlhabenden Familie Park wird regelmäßig und üppig gefeiert.

„Burning“-Kameramann Kyung-pyo Hong kleidet die mit immenser Sogwirkung ausgestattete, superunterhaltsame Geschichte, zu der wir an dieser Stelle besser nicht viel mehr als obige Inhaltsangabe preisgeben wollen, in atemberaubend effektive Bilder. Sie lassen etwa die Behausung der Kims erdrückend eng, fast schon wie eine stickige, dreckige Höhle erscheinen, während die weitläufigen Räume der Park-Villa offen und sonnendurchflutet daherkommen. Selbst im Dunkeln der Nacht fühlt man sich dort fast wie draußen, unter freiem, dabei immer wohlwollend schützendem Himmel. Dies ist nur eine der diversen von Bong und seinem Team virtuos eingesetzten, mal subtileren, dann wieder ganz schön deftigen Methoden, das soziale Gefälle und die Spaltung der modernen Gesellschaft (nicht nur der koreanischen) in arm und reich zu verdeutlichen und den Zuschauer auf die Seite der Kims zu ziehen. Nur um ihm in einer der spektakulärsten und schockierendsten Finalsequenzen des Kinojahres genüsslich den Teppich unter den Füßen wegzureißen oder eher wegzuspülen …

Fazit: Glaubhafte, relevante Gesellschaftskritik im Gewand ausgesprochen cleverer Popcorn-Unterhaltung – Joon-ho Bong gelingt mit „Parasite“ ein bravouröser Spagat zwischen den Genres.

„Parasite“ ist ab dem 17. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Liebe Frau Wessels!

    Dieser Film steht ganz oben auf meiner Liste. Ich habe schon lange Tickets für Freitag-Abend im Harmonie in Sachsenhausen vorbestellt. Ihre Kritik macht mir noch mehr Hoffnung auf einen ganz besonderen Film. Danke dafür.

    Bernd Zurch aus Frankfurt a. M.

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