Men – Was dich sucht, wird dich finden

Auf den ersten Blick scheint alles klar: Alex Garlands MEN – WAS DICH SUCHT, WIRD DICH FINDEN ist ein Rundumschlag gegen die Männlichkeit. Aber ist er das wirklich? Wir verraten, weshalb dieses beklemmende Genrekleinod noch ein wenig mehr kann als einfach nur plump anzuklagen. 

OT: Men (UK 2022)

Der Plot

Nach einem traumatischen Erlebnis fährt Harper (Jessie Buckley) allein in die idyllische englische Landschaft, um dort Ruhe und Erholung zu finden. In der dörflichen Abgeschiedenheit trifft sie auf eine sonderbare Herrenrunde, die sie gastfreundlich, aber mit schrägen Untertönen aufnimmt. Doch jemand scheint Harper zu verfolgen, ihr aus den umliegenden Wäldern aufzulauern. Aus Harpers Unbehagen entwickelt sich ein grimmiger Alptraum, genährt von ihren Erinnerungen und ihren dunkelsten Ängsten…

Kritik

In den vergangenen Monaten haben wir an dieser Stelle oft darüber geschrieben, dass die durch #MeToo massiv gesteigerte Sensibilität für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung gleichsam verstärkt eine kreative Triebfeder für Menschen der Popkultur darstellt. Ridley Scotts Beitrag „The Last Duel“ behandelte das Thema Sexismus und Unterdrückung der Frau in einem Mittelaltersetting, „Baby Driver“-Regisseur Edgar Wright riss seinem Publikum in „Last Night in Soho“ die verklärten Erinnerungen an die „Swinging Sixties“ wie einen Teppich unter den Füßen weg und erzählte diese bitter-zeitlose Thematik zugleich aus einer gegenwärtigen Perspektive. „The Assistant“ schickte Julia Garner durch die Hölle eines von patriarchalen Strukturen geführten Medienbetriebs, dessen Verbindungen zur „Causa Harvey Weinstein“ schnell zum offenen Geheimnis wurden. Und für Emerald Fennell stellte sich Carey Mulligan einem Rachefeldzug der etwas anderen Art, um so Aufmerksamkeit auf das Thema Alltagssexismus zu lenken. „Promising Young Woman“ wurde dafür sogar mit dem Oscar ausgezeichnet. Alex Garland („Auslöschung“) schließt sich dieser illustren Runde aus Filmemacher:innen nun an und greift dafür zu noch offensiveren (manch einer würde es vielleicht „plumperen“ nennen) Mitteln. Schon der Titel – „Men“ – nimmt die Prämisse vorweg. Seine Dringlichkeit verfehlt das jedoch längst nicht; im Gegenteil.

Harper (Jessie Buckley) nascht von der „verbotenen Frucht“ – manche Motive in „Men“ erweisen sich als sehr offensichtlicht.

Die Männer in „Men“ werden allesamt von ein und demselben Schauspieler verkörpert. Rory Kinnear, unter anderem bekannt durch die brillante „Black Mirror“-Episode „The National Anthem“, in der er als politischer Prominenter mit einer durch und durch unmoralischen „Aufgabe“ konfrontiert wird, begibt sich für „Men“ auf die gänzlich entgegengesetzte Seite der Moral. Für den etwas zu höflichen Vermieter seines Ferienhauses über einen verbal übergriffigen Vikar bis hin zum offenbar geistig verwirrten Stalker bedient sich Kinnear seines gesamten schauspielerischen Repertoires. Das sorgt dafür, dass er bisweilen kaum (wieder-)zuerkennen ist, etwa wenn sein Gesicht am Computer derart stark verjüngt wird, dass er aussieht wie ein Teenager in „besonders creepy“. Dass diese betont künstlich wirkende Verfremdung beabsichtigt ist, liegt derweil nah; Schließlich war Alex Garlands Sci-Fi-Drama „Ex_Machina“ in seinem Jahrgang der Überraschungsgewinner in der Oscar-Kategorie „Beste Spezialeffekte“ und überzeugte hier mit Klasse statt – wie in dieser Kategorie oft üblich – Masse. Einen unbeabsichtigt minderwertigen Effekt dürfte Garland in seinem neuen Film kaum zulassen. Mehr noch: Dieses „Uncanny Valley“-Gefühl beim Anblick des verjüngten Rory Kinnear steigert das Unbehagen beim Publikum zusätzlich und lässt zugleich unterschwellig Zweifel an der Wahrnehmung der weiblichen Hauptfigur Harper wach werden.

„Für den etwas zu höflichen Vermieter seines Ferienhauses über einen verbal übergriffigen Vikar bis hin zum offenbar geistig verwirrten Stalker bedient sich Kinnear seines gesamten schauspielerischen Repertoires.“

Die Atmosphäre in „Men“ ist von Beginn an vergiftet. Dabei geben sich Alex Garland und sein Stamm-Kameramann Rob Hardy („Auslöschung“) größte Mühe, das Feriendomizil ihrer Hauptfigur so idyllisch wie nur möglich darzustellen. Das von saftigen, unnatürlich grün erstrahlenden Wiesen, ruhigen Wäldern und nicht zuletzt einem gemütlichen Hausinterieur mit Garten umgebene Herrenhaus wäre ein idealer Rückzugsort für die von den Ereignissen der Vergangenheit verstörte Harper (Jessie Buckley findet die perfekte Balance des zurückhaltenden, gleichsam innerlich brodelnden Opfers, das danach strebt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen) auf der Suche nach Ruhe – wäre da neben Rory Kinnears Vielfachpräsenz nicht der schneidende Score von Geoff Barrow und Ben Salisbury (arbeiten ebenfalls schon zum dritten Mal mit Alex Garland zusammen), der die Szenerie mit einem beklemmenden Klangteppich umhüllt. Kleine Spannungsspitzen in Form surrealistisch angehauchter Momente – ein wichtiger davon in einem langen Tunnel spielend – treiben den Puls zusätzlich gezielt für Sekunden in die Höhe und enden nie in einem plumpen Jumpscare; die Spannung wird nunmehr aufrechterhalten, sodass sich Harpers anschwellende Paranoia aufs Publikum übertragen. Erst ganz zum Schluss bricht die Spannung ekstatisch auf, was sowohl bei Harper als auch beim Publikum einer Erlösung gleichkommt, die im krassen Kontrast zu den gezeigten Bildern steht. Nur so viel: Auf diese Art von Bodyhorror wäre sogar ein David Cronenberg stolz.

Der Vikar (Rory Kinnear) hat zweifelhafte Absichten.

So subtil und zurückhaltend Alex Garland in der ersten Filmhälfte die „Brotkrumen der Angst“ streut, so klar formuliert er in der zweiten Hälfte sein Anliegen: Alle Männer sind gleich, struktureller Sexismus überdauert bereits Jahrhunderte in vielerlei Ausprägung, reproduziert sich selbst und ist seit jeher in Motiven uralter Religionen und Sagen verwurzelt (hier empfiehlt sich im Anschluss des Films eine detailliertere Auseinandersetzung mit einzelnen Motiven, etwa dem „Grünen Mann“, einer Figur der britischen Mythologie). In Kombination mit Harpers Vergangenheit ergibt sich hieraus eine wütende Anklage gegen die unbelehrbare Männlichkeit – die sich allerdings gleichsam umkehren lässt und aus einem anderen Blickwinkel eine komplett andere Lesart ermöglicht. Alex Garland gab selbst an, dass die offensichtliche Interpretation des Mannes, der moralisch mit den immer gleichen Absichten, nur in unterschiedlicher Gestalt auftaucht, nur eine von vielen ist. Doch auch die Idee der von Harper ausgehenden Erzählperspektive, aus der die Männer alle gleich aussehen, aber es vielleicht gar nicht sind, ergibt ein schlüssiges, wenn auch streitbares und genau deshalb so interessantes Gesamtbild, wenn sich der #MeToo- und der kurze Zeit später als eine Art Gegenentwurf etablierte #NotAllMen-Schlachtruf einander ergänzen. Was auf den ersten Blick wie die Unvereinbarkeit moralischer Grundsätze aussieht, verwebt Garland zu einem mannigfaltig interpretierbaren Horrordrama, dessen Symboliken letztlich doch nicht alle derart deutlich sind, wie es zunächst scheint.

„Alex Garland gab selbst an, dass die offensichtliche Interpretation des Mannes, der moralisch mit den immer gleichen Absichten, nur in unterschiedlicher Gestalt auftaucht, bloß eine von vielen ist.“

Die Genreeinordnung „Horrordrama“ ist derweil mit Vorsicht zu genießen. Das Heranziehen von Beispielen wie „The Witch“ oder „It comes at Night“ liegt hier besonders nah. Auch diese beiden Filme wurden einst als (noch dazu besonders unheimliche) Horrorfilme beworben, bezogen ihren Schockvalue allerdings primär aus der Stimmung und weniger aus klassischen Genremechanismen. Das ist bei „Men“ nicht anders. Erst wenn der Film im Finale drastische Bodyhorrormotive auffährt, mag er für manch einen das Versprechen des „Horrorfilms“ einlösen. Da diese jedoch nie reiner Selbstzweck sind, sondern vor allem das radikale Weiterdenken der bisher hierhin angewandten Symboliken beabsichtigen, bleibt der Eindruck aus, mit diesen Bildern einfach nur schockieren zu wollen. Das Grauen in „Men“ bleibt bis zuletzt diffus.

Fazit: „Men“ ist zu gleichen Anteilen sowohl ein #MeToo- als auch ein #NotAllMen-Film und dadurch genauso streitbar wie radikal. Die auf den ersten Blick plumpen Motive rufen im Laufe des Films immer neue Denkanstöße hervor, während der Film audiovisuell beklemmend ist und die Paranoia seiner weiblichen Hauptfigur direkt aufs Publikum überträgt. „Men“ ist höchst unangenehm, bisweilen wunderschön bebildert und mindestens so fordernd wie Alex Garlands bisheriges Schaffen.

„Men – Was dich sucht, wird dich finden“ ist ab dem 21. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Ein Film den ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Aufgrund der Thematik schon interessant (als Mann) aber spätestens nachdem ich „Ex Machina“ hörte wurde ich hellhörig. Sehr schöne Kritik, die mir lust auf den Film gemacht hat. Es klingt als wäre da ein subtiler Thrill mit ungewöhnlicher Stimmung drin. Kommt auf die Watchlist.

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