The Contractor

Regisseur Tarik Saleh war bislang nicht für überbordendes Actionkino bekannt. Und so wundert es auch nicht, dass sein neuester Film THE CONTRACTOR ein sehr zurückgenommener Vertreter des Genres ist und in den besten Momenten gar an John le Carré erinnert. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: The Contractor (USA 2022)

Der Plot

Nachdem Special Forces Sergeant James Harper (Chris Pine) unfreiwillig aus der Armee entlassen wurde, ist er verschuldet und verzweifelt. Um weiter für seine Familie sorgen zu können, beschließt er, sich an der Seite seines besten Freundes (Ben Foster) und unter dem Kommando eines anderen Veteranen (Kiefer Sutherland) einer privaten Militärfirma anzuschließen. Seine erste, vermeintlich einfache Mission führt ihn nach Berlin, doch schnell merkt der Elitesoldat, dass er mitten in einer gefährlichen Verschwörung steckt und befindet sich quer durch Osteuropa auf der Flucht um sein Leben.

Kritik

Regisseur Tarik Saleh hat in seiner Karriere schon so manch spröden Genrestoff inszeniert. Zuletzt das Krimidrama „Die Nile Hilton Affäre“. Da wundert es auch nicht, dass der international von Amazon Prime Video vertriebene Actionthriller „The Contractor“ so ganz anders ist, als es die ersten Eindrücke suggerieren. Was haben wir? Ein Plakat mit einem grimmig dreinblickenden Chris Pine („Star Trek Beyond“) und einer wehenden Amerika-Flagge im Hintergrund. Einen lediglich ein Wort beinhaltenden Filmtitel (im Deutschen so viel wie „Auftragnehmer“ ), der an die One-Man-Shows eines Jason Statham erinnert, dessen Arbeiten zuletzt ebenfalls oft nur aus einem einzigen Begriff bestanden („Wild Card“, „Cash Truck“ usw.). Und dann wäre da ja noch die Beteiligung des bereits genannten Streamingriesen, der schon Filme wie „Tom Clancy’s Jack Ryan“ und „Alex Rider“ in Eigenproduktion auf die Plattform gestellt hat, die sich allenfalls durch ihre Durchschnittlichkeit hervortaten. Vielleicht wird sich manch Einer oder Eine daher ein wenig vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn er oder sie feststellt, dass „The Contractor“ nur sehr bedingt die Erwartungen an ein adrenalingeladenes Actionfest erfüllt. Das trifft sowohl auf die überraschend hohe Qualität zu als auch auf die sehr reduziert erzählte Geschichte über einen privat operierenden Militäragenten, der alles ist, aber kein Actionheld.

Brianne (Gillian Jacobs) erfährt von ihrem Mann von dem Ausschluss aus dem Militärdienst.

Wenn in einem Genrefilm plötzlich eine Person in nicht ganz so legales Milieu vordringt, dann wird die Frage nach dem „Warum“ zwar gestellt, aber im Verlauf der Geschichte oft nur dann wieder aufgegriffen, wenn das eventuelle Hadern mit den Beweggründen für den weiteren Plotverlauf relevant ist. Egal ob ein John Wick oder „Nobody“-Protagonist Hutch Mansell: Wenn’s die Umstände erfordern, ist man plötzlich wieder im längst zu den Akten gelegten Kampfmodus. Nun erzählt „The Contractor“ zwar nicht von einem aus privaten Gründen vollzogenen Racheakt, für den sich die Hauptfiguren plötzlich wieder auf ihre Kampfkünste besinnen. Doch auch der titelgebende Contractor James Harper wird von emotional bedrückenden Ereignissen in einen Bereich gedrängt, mit dem er so eigentlich gar nichts zu tun haben wollte. Das vorzeitige Ausscheiden aus dem Militärdienst – und dann auch noch aufgrund einer sich durch den Dienst an der Waffe entwickelten Verletzung – bringt die finanzielle Lage seiner Familie, bestehend aus Ehefrau und Sohn, derart ins Wanken, dass der anderweitig kaum begabte (und aufgrund seiner Vorgeschichte auch nur wenig zu einem „normalen Job“ zu motivierende) Ex-Marine das Angebot eines guten Freundes annimmt, sich dem Einsatz einer privaten Militäreinheit anzuschließen. Drehbuchautor J.P. Davis („Ein Nachbar zum Verlieben?“) arbeitet den berechtigten Voraburteilen à la „Aber er könnte doch einen anderen, einen weniger in rechtlichen Grauzonen befindlichen Beruf ausüben“ geschickt entgegen, indem er viel Zeit für die Charakterzeichnung seines sich stark über seinen Soldatenjob definierenden Protagonisten aufwendet und obendrein auch den Übergang zur paramilitärischen Organisation plausibel zeichnet. Wenn ein langjähriger Wegbegleiter diesen Job angenommen hat und nun lebend und wohlhabend vor ihm sitzt, kann das alles ja nicht so schlimm sein…

„Drehbuchautor J.P. Davis arbeitet berechtigten Voraburteilen à la geschickt entgegen, indem er viel Zeit für die Charakterzeichnung seines sich stark über seinen Soldatenjob definierenden Protagonisten aufwendet und obendrein auch den Übergang zur paramilitärischen Organisation plausibel zeichnet.“

Dass James sich für den ihn nach Berlin führenden Einsatz dennoch aus seiner Komfortzone begeben muss, verkörpert der stoisch dreinblickende, vorwiegend durch seine Physis sprechende Chris Pine stets glaubhaft. Seine Actionskills führt er so routiniert aus, wie er es durch seine Einsätze an der Front eben kann. Trotzdem ist sein James Harper weit entfernt von einem klassischen Actionhelden. Allzu unbeholfen agiert er zwar nie, doch ihm fehlt es sowohl an Coolness als auch an der notwendigen Abgeklärtheit in Extremsituationen. Und so darf James auf seiner Mission durchaus Fehler machen und längst nicht so routiniert agieren wie seine zahlreichen Actionfilmkollegen. Darüber hinaus gelingt es Tarik Saleh in dem sich viel Zeit für James‘ privates Umfeld nehmenden Auftakt, eine emotionale Nähe zu ihm aufzubauen, obwohl er im weiteren Verlauf kaum noch Gelegenheit bekommt, seine menschliche Seite aktiv auszustellen. Gleichwohl zeigt er eine emotionale Nähe zu den Geschehnissen; Die Umstände seines Handelns lassen ihn (noch) nicht kalt, auch wenn er eigentlich nur ausführen soll, was ihm aufgetragen wird. John ist eben nur ein Auftragnehmer und dadurch wesentlich nahbarer für das Publikum als John Wick, Ethan Hunt und wie sie nicht alle heißen.

John ahnt noch nicht, worauf er sich hier einlässt…

Auch die Mission als Solches ist nicht ausschließlich geprägt von vorab kalkulierter Planung. Immer wieder erleidet die Einheit Rückschläge, die sie zum Improvisieren veranlassen, bis John Harper schließlich vollends auf sich gestellt ist. „The Contractor“ wirkt seiner genreüblich immer ein wenig mit den Grenzen des Realismus‘ kollidierenden Prämisse zum Trotz weitestgehend realistisch. Dazu passt auch die Inszenierung durch Tarik Saleh, dessen mitunter dokumentarischer Stil an jüngere Verfilmungen von John-le-Carré-Romanen („A Most Wanted Man“, „Verräter wie wir“) erinnert. Auch sein deutscher Schauplatz ist dreckig und zeigt Berlin nicht als attraktive Metropole. Stattdessen führt Salehs Stammkameramann Pierre Aïm („Die Nile Hilton Affäre“) die Zuschauer:innen in trübe, heruntergerockte Ecken der Hauptstadt; mit der Kanalisation als von Ratten dominiertem Höhepunkt. Die Grenze zur Überstilisierung eines Brennpunktes übertritt er dabei nie. Es genügt, dass hier keine prestigeträchtige Wahrzeichen fotografiert und das triste Grau-in-Grau der Hauptstraßen eins zu eins so eingefangen werden, wie man es erlebt, wenn man sich einmal abseits der „schönen Ecken“ Berlins herumtreibt. Und wie schon Rachel McAdams in „A Most Wanted Man“ darf auch Chris Pine in „The Contractor“ einmal ganz stilecht mit der (hier Berliner) U-Bahn fahren…

„‚The Contractor‘ wirkt seiner genreüblich immer ein wenig mit den Grenzen des Realismus‘ kollidierenden Prämisse zum Trotz weitestgehend realistisch.“

Die sehr gelungenen Bestandteile – von der Inszenierung bis hin zur Schauspielleistung – lassen die eigentliche Story bisweilen in den Hintergrund rücken. Auch deshalb, weil dem Film im letzten Drittel ein wenig die Puste ausgeht. Erlaubt sich das Drehbuch nach etwa der Hälfte der Laufzeit noch eine überraschende Entwicklung (keinen Twist!), die die Erwartungen an den weiteren Verlauf auf den Kopf stellen, nähert sich „The Contractor“ auf der Zielgeraden den typischen Thrillerkonventionen an. Zwar bleibt der Film inszenatorisch auch hier seinen geerdeten Wurzeln treu und überzeugt mit einem Schlussmotiv nach Maß. Doch so ganz ohne seinem Publikum das zu liefern, was es erwartet, scheint sich Tarik Saleh dann doch nicht in den Abspann zu trauen. Am sehr ordentlichen Gesamteindruck des Films ändert das allerdings nicht viel. „The Contractor“ ist eine echte Überraschung.

Fazit: Regisseur Tarik Saleh gelingt mit „The Contractor“ ein geerdeter Actionthriller ohne die Hochstilisierung eines Helden oder eine Form der Routine abzubilden. Seine von einem hervorragenden Chris Pine verkörperte Hauptfigur hat Schwächen, der von ihm bestrittene Einsatz fühlt sich zu keinem Zeitpunkt perfekt durchgeplant an und die dadurch entstehenden Imperfektionen im Ablauf machen aus der Filmmission eine solche, die man sich – mit Abstrichen – auch im wahren Leben vorstellen könnte. Aufgrund des leicht abfallenden Schlussdrittels reicht „The Contractor“ allerdings nicht ganz an die Verfilmungen eines John-Le-Carré-Romans heran, obwohl alles hieran oft Assoziationen an diese weckt.

„The Contractor“ ist ab dem 14. April 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

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