The Death of Robin Hood

Im Kino bekamen wir schon viele Gesichter des legendären Bogenschützen Robin Hood zu sehen. „Pig“-Regisseur Michael Sarnoski bringt in DEATH OF ROBIN HOOD jedoch nochmal ein ganz neues an die Oberfläche. Sein Film ist ein Abgesang auf den bekannten Abenteuermythos, der brutal beginnt aber eher schwerfällig endet.

OT: The Death of Robin Hood (USA 2026)

Darum geht’s

Jahre voller Kämpfe, Blutvergießen und fragwürdiger Entscheidungen haben ihre Spuren bei Robin Hood (Hugh Jackman) hinterlassen. Als ihn eine schwere Verletzung dazu zwingt, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, kreuzt eine geheimnisvolle Frau (Jodie Comer) seinen Weg und eröffnet ihm eine unerwartete Perspektive auf sein bisheriges Leben. Gleichzeitig wird sein früherer Weggefährte Little John (Bill Skarsgård) von den Schatten der gemeinsamen Vergangenheit eingeholt. Für Robin Hood beginnt damit eine letzte Reise, auf der er nicht nur gegen alte Feinde antreten muss, sondern auch mit der Frage konfrontiert wird, ob ein Leben voller Gewalt überhaupt Raum für Vergebung lässt.

Kritik

Kaum eine Figur der europäischen Sagenwelt hat im Kino eine derart wechselhafte Karriere hingelegt wie Robin Hood. Mal war der legendäre Bogenschütze Mittelpunkt klassischer Abenteuerfilme, mal Held familienfreundlicher Disney-Unterhaltung, mal Vorlage für augenzwinkernde Parodien oder opulente Blockbuster-Spektakel. Vom romantischen Volkshelden über den charismatischen Gesetzlosen bis hin zum düsteren Actionkrieger wurde die Figur über die Jahrzehnte hinweg immer wieder neu interpretiert. Entsprechend schwer erscheint es mittlerweile, dem Mythos noch neue Facetten abzugewinnen. Doch genau das gelingt „Pig“-Regisseur Michael Sarnoski mit „The Death of Robin Hood“. Denn während viele Neuinterpretationen der vergangenen Jahre vor allem versucht haben, die Figur zeitgemäß oder spektakulärer erscheinen zu lassen (wir erinnern uns an den jüngsten Fehlversuch „Robin Hood“ von Otto Bathurst), schlägt Sarnoski einen anderen Weg ein. Sein Robin Hood ist kein unverwundbarer Volksheld mehr, sondern ein gezeichneter Mann am Ende seines Lebens. Vor allem aber war „Robin Hood“ auf der Leinwand noch nie derart brutal. Wo frühere Adaptionen den Abenteueraspekt oder die Romantik des Stoffes betonten, konfrontiert „The Death of Robin Hood“ sein Publikum mit den physischen und moralischen Folgen eines Lebens voller Gewalt. Aus der bekannten Legende wird so ein schonungsloser Abgesang auf einen Helden, dessen Ruhm längst von den Schatten seiner Vergangenheit eingeholt wurde.

Robin Hoods (Hugh Jackman) Leben steckt voller Gewalt.

„The Death of Robin Hood“ lässt sein Publikum den bekannten Titelhelden (dem hier bereits auf dem Poster sein Heldenstatus abgesprochen wird) noch einmal ganz neu kennenlernen. Denn der Film präsentiert seinen Protagonisten gleich in zweierlei Hinsicht von einer Seite, die man so bislang kaum von ihm kannte. Zunächst einmal ist da die rohe, nahezu schockierende Gewalt, die der Film in seiner ersten halben Stunde auffährt. Die FSK-16-Freigabe wird dabei bis an ihre Grenzen ausgereizt. Pfeile durchbohren Schädel, Klingen reißen tiefe Wunden in nacktes Fleisch und die Kamera (Sarnoskis Stamm-Kameramann Pat Scola, „A Quite Place: Tag Eins“) verweigert dabei konsequent jede Form der Zurückhaltung. Besonders eine Szene brennt sich dabei ins Gedächtnis ein: In einer Nahaufnahme wird einem kleinen Jungen ein Pfeil durch das Auge geschossen, bevor dieser offenbar noch stundenlang durch die karge Landschaft irrt. Die Inszenierung erinnert dabei stellenweise an die archaische Brutalität von Robert Eggers‘ „The Northman“, geht in ihrer grafischen Darstellung aber sogar noch einen Schritt weiter. Darüber hinaus versteht Sarnoski die Gewalt nicht als Selbstzweck, sondern als schmerzhafte und unausweichliche Konsequenz von Robin Hoods Handeln. Doch damit ist die Entmystifizierung der Robin-Hood-Ikonografie noch nicht abgeschlossen.

„Gleichzeitig wirkt es beinahe paradox, dass ausgerechnet ein Mann, den wir zuvor als unaufhaltsamen Krieger kennengelernt haben, nun zum Gegenstand einer so intimen Selbstbetrachtung wird. Denn ebenjene Narben sind eben nicht (nur) die Folge eines tragischen Schicksals, sondern die unausweichliche Konsequenz seines eigenen Handelns.“

Denn nachdem sich der anfängliche Gewaltrausch gelegt hat, vollzieht „The Death of Robin Hood“ einen ebenso radikalen wie unerwarteten Richtungswechsel. Das Tempo verlangsamt sich drastisch und die Geschichte richtet ihren Blick zunehmend nach innen, wenn Robin Hood die Chance bekommt, sich den Konsequenzen seines Lebens zu stellen. Dass sich Sarnoski von nun an für die Verletzlichkeit seines „Helden“ interessiert, steht gleichzeitig im starken Kontrast zu dem, was uns der Film bis dahin von ihm gezeigt hat. Denn natürlich hat dieser durch sein Leben voller Gewalt körperliche und seelische Narben davongetragen. Gleichzeitig wirkt es beinahe paradox, dass ausgerechnet ein Mann, den wir zuvor als unaufhaltsamen Krieger kennengelernt haben, nun zum Gegenstand einer so intimen Selbstbetrachtung wird. Denn ebenjene Narben sind eben nicht (nur) die Folge eines tragischen Schicksals, sondern die unausweichliche Konsequenz seines eigenen Handelns. Sarnoski verlangt seinem Publikum daher auch weder Mitleid mit seinem Protagonisten ab, noch bemüht er sich darum, dessen Taten nachträglich zu rechtfertigen. Stattdessen begleitet „The Death of Robin Hood“ einen Mann, der sich am Ende seines Lebens erstmals ernsthaft mit den Spuren auseinandersetzen muss, die er bei anderen Menschen und letztlich auch bei sich selbst hinterlassen hat. Die Entmystifizierung liegt also vor allem darin, den Mythos auf sein (fehlerhaftes) Menschsein herunterzubrechen.

Eine geheimnisvolle Frau (Jodie Comer) nimmt sich des schwer Verletzten an.

Dass „The Death of Robin Hood“ in dieser Phase immer wieder fesselt, liegt vor allem an seinem Darsteller:innenduo. Je weiter sich der Film von den Schlachten und Gewaltausbrüchen entfernt, desto stärker ruht er auf den Schultern von Hugh Jackman („Glennkill: Ein Schafskrimi“) und Jodie Comer („The Last Duel“). Insbesondere ein kaum als er selbst zu erkennender Jackman liefert hinter Bart, Narben und Schmutz eine betont zurückgenommene Performance ab, die den gealterten Robin Hood gleichermaßen entschlossen wie gebrochen erscheinen lässt. Wenn die Handlung im Folgenden verstärkt über Blicke und Gespräche vorangetrieben wird, dann passt diese Reduktion durchaus zu den Themen, die Sarnoski verhandeln möchte und auch bereits verhandelt hat. Vor allem wer „Pig“ gesehen hat, wird die Handschrift des Regisseurs sofort wiedererkennen. Schon dort unterlief er die Erwartungen an einen vermeintlichen Rachefilm und verzichtete fast komplett auf Eskalation jeglicher Art. Ähnlich verfährt er nun mit Robin Hood.

„Wo der Film nach seiner radikalen Neudeutung eigentlich auf eine ebenso konsequente Auseinandersetzung mit deren Konsequenzen zusteuern müsste, verliert er sich mitunter in Wiederholungen. So macht sich die Laufzeit von knapp zwei Stunden zunehmend bemerkbar.“

Allerdings offenbart sich hier zugleich die größte Schwäche des Films. Denn so viel Raum „The Death of Robin Hood“ seiner Selbstreflexion auch einräumt, so selten führen diese Überlegungen zu wirklich tiefgreifenden, neuen Erkenntnissen. Über weite Strecken kreist die Handlung zwar um Schuld und Reue, doch wirklich neue Facetten gewinnt der Film diesen nicht ab. Hinzu kommt, dass Robin Hood in seiner späten Sinnsuche stellenweise wehleidiger wirkt, als es der zuvor etablierten Figur guttut. Wo der Film nach seiner radikalen Neudeutung eigentlich auf eine ebenso konsequente Auseinandersetzung mit deren Konsequenzen zusteuern müsste, verliert er sich mitunter in Wiederholungen. So macht sich die Laufzeit von knapp zwei Stunden zunehmend bemerkbar. Die Entschleunigung, die anfangs noch als mutiger Gegenentwurf zu klassischen Abenteuerfilmen funktioniert, gerät im letzten Drittel immer wieder zur Geduldsprobe. Gerade deshalb bleibt „The Death of Robin Hood“ am Ende eher als faszinierendes Experiment in Erinnerung und weniger als in sich geschlossener, runder Film, wie etwas „Pig“ oder auch „A Quiete Place: Tag eins“ einer war.

„The Death of Robin Hood“ punktet auch mit seiner Bildgewalt.

Fazit: Mit „The Death of Robin Hood“ gelingt Michael Sarnoski eine der ungewöhnlichsten Interpretationen der Figur seit Langem. Die konsequente Entmystifizierung des legendären Bogenschützen, die kompromisslose Gewaltdarstellung und die starken Schauspielleistungen machen den Film zu einem spannenden Gegenentwurf zu klassischen Robin-Hood-Abenteuern. Dass der Geschichte auf ihrem langen Weg zur Selbsterkenntnis letztlich ein wenig die erzählerische Substanz ausgeht, verhindert jedoch, dass aus dem mutigen Experiment auch ein durchweg überzeugender Film wird.

„The Death of Robin Hood“ ist ab dem 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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