Dolly

Mit grobkörnigen Bildern, beklemmender Atmosphäre und einer maskierten Horrorikone auf Menschenjagd greift DOLLY tief in die Trickkiste des Siebzigerjahre-Terrorkinos. Was auf dem Papier nach einer vielversprechenden Hommage klingt, entpuppt sich jedoch als allenfalls oberflächliche Genreübung.

OT: Dolly (USA 2025)

Darum geht’s

Um seiner Freundin Macy (Fabienne Therese) einen Heiratsantrag zu machen, zieht es Chase (Seann William Scott) in die Wälder Tennessees. Doch bevor es dazu kommt, gerät das Paar in das Revier einer mysteriösen Gestalt. Die hünenhafte, hinter einer Porzellanmaske verborgene Dolly (Max The Impaler) überwältigt Chase und verschleppt Macy in ihr abgelegenes Haus. Dort beginnt für die junge Frau ein Albtraum. Denn Dolly betrachtet ihre Gefangene nicht als Opfer, sondern als Baby, das entsprechend auch so behandelt werden muss. Während Macy versucht, die traumatisch geprägte Gedankenwelt ihrer Entführerin zu durchschauen und sich deren bizarren Regeln anzupassen, sucht sie zugleich nach einer Möglichkeit zur Flucht. Doch aus Dollys verstörendem „Puppenhaus“ scheint bislang noch niemand lebend entkommen zu sein…

Kritik

Zu den prägendsten Dekaden des Horrorkinos zählen zweifellos die Siebzigerjahre. Eine Zeit, in der das Grauen noch ein Stückweit schmutziger und direkter wirkte als heute. Filme wie „Blutgericht in Texas“ oder „Hügel der blutigen Augen“ lebten von ihrer kompromisslosen Rohheit und dem Gefühl, dass das Böse jederzeit hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Ihre Geschichten spielten irgendwo auf einsamen Landstraßen oder einfach mitten im Nirgendwo und entwickelten gerade dadurch eine beklemmende Authentizität. Vieles wirkte improvisiert, beinahe dokumentarisch und damit umso verstörender. Nicht zuletzt deshalb, weil zahlreiche dieser Produktionen mit vergleichsweise geringen Mitteln entstanden. Was an Budget fehlte, wurde durch Atmosphäre, Einfallsreichtum und eine gehörige Portion Unberechenbarkeit ersetzt. Ein Ansatz, der sich bis heute als zeitlos erwiesen hat und den zahlreiche Filmschaffende immer wieder aufzugreifen versuchen. Auch der mit einem Budget von gerade einmal 600.000 US-Dollar entstandene „Dolly“ versteht sich unverkennbar als Rückgriff auf jene Ära des Horrorkinos und bemüht sich darum, den rohen, unangenehm unmittelbaren Schrecken der Siebzigerjahre für ein modernes Publikum neu zu entfesseln.

Macy (Fabienne Therese) und Chase (Seann William Scott) auf ihrer gemeinsamen Wanderung.

Zumindest auf inszenatorischer Ebene gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Rod Blackhurst („Amanda Knox“) auch durchaus, die Atmosphäre seiner offensichtlichen Vorbilder einzufangen. Die Kamera (Justin Derry) bleibt angenehm unaufgeregt und erzeugt gemeinsam mit dem rauen, grobkörnigen Look und dem Fokus auf verwaschene Farben eine unangenehme Bodenständigkeit, die tatsächlich an die Terrorfilme der Siebzigerjahre erinnert. Auch akustisch setzt „Dolly“ weniger auf plakative Schockeffekte als auf ein permanentes Gefühl unterschwelliger Bedrohung. Entfernte Geräusche in Abwechslung mit der immer wieder eintretenden Stille entwickeln dabei mehr Wirkung als jeder lautstarke Jumpscare. Dazu passt auch die reduzierte Prämisse: Ein junges Pärchen wird beim gemeinsamen Ausflug von einer hünenhaften Gestalt mit Porzellanpuppengesicht überfallen, voneinander getrennt und schließlich in einem heruntergekommenen Haus festgehalten und terrorisiert. Das sind grundsätzlich genau die Zutaten, aus denen die großen Genrevertreter jener Ära ihre Wirkung bezogen. Allerdings scheint Blackhurst dem Irrglauben zu verfallen, dass die bloße Rekonstruktion dieser Stilmittel bereits ausreicht, um eine ähnlich intensive Erfahrung zu erzeugen. Während Kameraarbeit, Sounddesign und Atmosphäre sichtbar viel Aufmerksamkeit erhalten haben, bleiben andere erzählerische Aspekte deutlich unterentwickelt.

„Dass sich die von Fabienne Therese gespielte Macy nicht ohne Weiteres aus der Gewalt ihrer Entführerin befreien kann, kann das Drehbuch zunächst noch einigermaßen schlüssig vermitteln. Problematisch wird es allerdings, sobald sich ihr entsprechende Gelegenheiten bieten.“

Insbesondere die Frage, weshalb Figuren bestimmte Entscheidungen treffen oder offensichtliche Warnsignale ignorieren, drängt sich mit zunehmender Laufzeit immer häufiger in den Vordergrund. Dass sich die von Fabienne Therese („John Dies at the End“) gespielte Macy nicht ohne Weiteres aus der Gewalt ihrer Entführerin befreien kann, kann das Drehbuch zunächst noch einigermaßen schlüssig vermitteln. Problematisch wird es allerdings, sobald sich ihr entsprechende Gelegenheiten bieten. Mehrfach gelingt es Macy, sich von ihren Fesseln zu lösen und durch das heruntergekommene Haus zu irren. Doch anstatt die erstbeste Möglichkeit zur Flucht zu ergreifen, scheint sie sich regelmäßig von ihrer Neugier leiten zu lassen. Immer wieder folgt sie mysteriösen Geräuschen, erkundet weitere Räume oder versucht dem Geheimnis ihrer Peinigerin auf den Grund zu gehen – nur um wenig später erneut von Dolly eingefangen zu werden. Das wiederholt sich derart häufig, dass sich zunehmend das Gefühl einstellt, Macy arbeite weniger an ihrer Rettung als vielmehr aktiv auf ihre nächste Gefangennahme hin. Erschwerend kommt hinzu, dass auch Dolly selbst eher den Gesetzen des Drehbuchs als denen der Realität folgt. Obwohl die hünenhafte Gestalt (Wrestlerin Max The Impaler macht hier zugegebenermaßen eine verdammt gute Figur) aufgrund ihrer Erscheinung kaum zu übersehen sein dürfte, taucht sie regelmäßig wie aus dem Nichts auf, bewegt sich lautlos durch knarzende Flure und steht stets genau dort, wo die Handlung sie gerade benötigt. Was als allgegenwärtige Bedrohung gedacht sein dürfte, entwickelt sich dadurch zunehmend zum Glaubwürdigkeitsproblem. Denn je häufiger „Dolly“ seine Figuren gegen jede innere Logik handeln lässt, desto stärker leidet die zuvor so sorgfältig aufgebaute Atmosphäre darunter.

Dolly gibt Macy die Flasche.

Hinzu kommt, dass „Dolly“ seine Wirkung nicht allein über Atmosphäre und Suspense erzielen möchte, sondern immer wieder gezielt auf Schockmomente setzt. Dabei greift der Film vor allem das verstörende Mutter-Kind-Verhältnis zwischen der titelgebenden Antagonistin und ihrem Opfer auf. Dolly behandelt die entführte Macy nicht wie eine Gefangene, sondern wie ein Kleinkind, das ver- und umsorgt werden muss. Entsprechende Szenen, in denen sie ihrer Gefangenen Windeln anlegt oder sie sogar zu stillen versucht, sollen erkennbar Tabus brechen und beim Publikum eine ähnliche Mischung aus Ekel und Irritation hervorrufen, wie sie einst die berüchtigten Schockmomente des Siebzigerjahre-Terrors auszeichneten. Allerdings offenbart sich hier ein grundlegendes Missverständnis darüber, weshalb diese Filme bis heute nachwirken. Denn deren verstörende Kraft entstand meist organisch aus der Atmosphäre heraus. In „Dolly“ wirken die Provokationen dagegen wie isolierte Einfälle, die vor allem deshalb existieren, weil sie schockieren sollen. Entsprechend verpufft ein Großteil ihrer Wirkung bereits nach dem ersten Überraschungsmoment. Zwar gelingen Blackhurst vereinzelt durchaus Bilder, die sich kurzfristig im Gedächtnis festsetzen (auch wenn ausgerechnet ein heillos dämlicher Moment im Zusammenhang mit einem Polizisten wohl am längsten in Erinnerung bleibt). Da der Film seine Figuren und seine innere Logik zuvor jedoch nie ausreichend etabliert, wirken diese Momente eher kalkuliert. Was bleibt, sind einzelne kurze Schockeffekte, die Aufmerksamkeit erzeugen, sich aber nie zu einer beklemmenden Gesamtwirkung zusammenfügen.

„Szenen, in denen sie ihrer Gefangenen Windeln anlegt oder sie sogar zu stillen versucht, sollen erkennbar Tabus brechen und beim Publikum eine ähnliche Mischung aus Ekel und Irritation hervorrufen, wie sie einst die berüchtigten Schockmomente des Siebzigerjahre-Terrors auszeichneten.“

Fazit: „Dolly“ gelingt es durchaus, die Ästhetik und Atmosphäre seiner großen Siebzigerjahre-Vorbilder einzufangen. Weil Regisseur Rod Blackhurst jedoch die erzählerische Plausibilität und Figurenzeichnung zugunsten von Stil und Schockmomenten vernachlässigt, zerfällt die sorgfältig aufgebaute Spannung konsequent in ihre Einzelteile.

„Dolly“ ist ab dem 11. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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