Spider-Man: Brand New Day

It’s Lonely at the (Roof-)Top: In SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY geht es nicht um das nächstgrößte Spektakel, sondern um sondern um einen Helden, der nach dem Verlust von allem erst wieder lernen muss, wer er eigentlich ist. Das Ergebnis ist nicht nur der emotionalste MCU-Spider-Man-Film, sondern auch einer der berührendsten Beiträge des gesamten Marvel Cinematic Universe.

OT: Spider-Man: Brand New Day (USA 2026)

Darum geht’s

Nach den Ereignissen aus „Spider-Man: No Way Home“ erinnert sich dank Doctor Stranges Vergessenszauber niemand mehr an Peter Parker (Tom Holland). Weder seine große Liebe MJ (Zendaya) noch sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) wissen, wer sich hinter der Maske des freundlichen Superhelden aus der Nachbarschaft verbirgt. Während Peter versucht, sich mit seinem neuen Leben in völliger Anonymität zu arrangieren und New York weiterhin als Spider-Man zu beschützen, erschüttert eine mysteriöse Bedrohung das Department of Damage Control. Ein unbekannter Gegner, der Menschen unter seine Kontrolle bringen kann, scheint dem Helden stets einen Schritt voraus zu sein. Auf der Suche nach Antworten muss Peter nicht nur einen gefährlichen Gegner aufhalten, sondern sich auch mit Veränderungen seiner eigenen Spinnenkräfte auseinandersetzen.

Kritik

Dass „Spider-Man: Brand New Day“ für die Marvel Studios und den Disney-Konzern einer der wichtigsten Filme der vergangenen Jahre ist, liegt längst nicht nur an den zu erwartenden Einspielergebnissen. Nach einer von durchwachsenen Publikumsreaktionen und kreativer Orientierungslosigkeit geprägten Post-„Endgame-Phase braucht das Marvel Cinematic Universe dringend wieder eine Figur, die das Publikum emotional an das Franchise bindet. Während zahlreiche neue Heldinnen und Helden zwar eingeführt, bislang jedoch kaum als Identifikationsfiguren etabliert wurden, nimmt Peter Parker schon seit Jahren eine Sonderrolle ein. Spätestens der überwältigende Erfolg von „Spider-Man: No Way Home“ machte deutlich, dass nicht allein das Multiversum, sondern vor allem Spider-Man selbst noch immer Ereignischarakter besitzt. Genau deshalb kommt „Brand New Day“ eine weit größere Bedeutung zu als einem gewöhnlichen Soloabenteuer. Der Film soll nicht nur beweisen, dass Tom Hollands Peter Parker das Marvel Cinematic Universe auch ohne Nostalgie und Multiversumspektakel tragen kann, sondern zugleich die erzählerische Brücke zu „Avengers: Doomsday“ schlagen, der im Dezember in die Kinos kommt. Gelingt dieses Vorhaben, könnte Spider-Man endgültig jene Rolle einnehmen, die nach dem Abschied von Iron Man und Captain America lange vakant blieb. Nämlich die, des emotionalen Zentrums des kompletten MCU.

Für seine Heldentaten in New York bedankt sich Bill (Tramell Tillman), der Direktor des Department of Damage Control, bei Spider-Man. 

Dass ausgerechnet diese emotionale Komponente zur größten Stärke von „Brand New Day“ wird, dürfte dabei kaum Zufall sein. Schließlich setzt der Film genau dort an, wo „No Way Home“ seinen Helden zurückließ: vollkommen allein. Nachdem sämtliche Erinnerungen an Peter Parker ausgelöscht wurden und auch Tante May nicht mehr lebt, besitzt Peter weder Familie noch Freundeskreis. Diese Einsamkeit wird von Anfang an zum emotionalen Fundament des Films und macht ihn – so viel sei vorweggenommen – zum bislang persönlichsten Spider-Man-Abenteuer innerhalb des Marvel Cinematic Universe. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass „Shang-Chi“-Regisseur Destin Daniel Cretton gar nicht erst versucht, den gewaltigen Abschluss von „No Way Home“ in irgendeiner Form überbieten zu wollen. Stattdessen begreift er das drastische Finale seines Vorgängers als Ausgangspunkt für eine zurückhaltend-intime Charakterstudie, in der – mit Ausnahme der ihren Helden verehrenden New Yorker:innen – niemand auf den Menschen wartet, die sich hinter der Maske der titelgebenden Hauptfigur versteckt. Damit knüpft Marvel ein Stückweit an den Ton des zum Großteil ebenfalls sehr melancholischen „Thunderbolts*“ an. Schon dort rückte das Studio psychische Belastungen und Mental Health überraschend offen in den Mittelpunkt. „Brand New Day“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, verlagert den Fokus jedoch von kollektiven Traumata auf eine zutiefst persönliche Erfahrung. Peter kämpft diesmal nicht in erster Linie gegen einen Superschurken, sondern gegen die Folgen eines Lebens, das ihm immer mehr entgleitet.

„Damit knüpft Marvel ein Stückweit an den Ton des zum Großteil ebenfalls sehr melancholischen ‚Thunderbolts*‘ an. Schon dort rückte das Studio psychische Belastungen und Mental Health überraschend offen in den Mittelpunkt. „Brand New Day“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, verlagert den Fokus jedoch von kollektiven Traumata auf eine zutiefst persönliche Erfahrung.“

Durch den Fokus auf das elementare Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit, gelingt „Brand New Day“ etwas, das Marvel nach „Avengers: Endgame“ viel zu selten erreicht hat. Anstatt die nächste weltumspannende Bedrohung in den Mittelpunkt zu rücken, interessiert sich der Film vor allem für die innere Entwicklung seiner Hauptfigur. Der eigentliche Konflikt entsteht diesmal nicht zwischen Held und Schurke, sondern zwischen Peter Parker und der Frage, wer er nach den einschneidenden Ereignissen aus „No Way Home“ überhaupt noch sein möchte. Natürlich sind die obligatorischen Actionsequenzen trotzdem vorhanden (wer sich auf die typischen „Spidey schwingt sich von Hochhaus zu Hochhaus“-Montagen freut, wird hier auf jeden Fall bedient!) und sehen – gerade gemessen an jüngeren Comicblockbustern – richtig gut aus. Aber sie bleiben eher Mittel zum Zweck. Kreative Energie schöpfen die Macher:innen derweil aus der Beobachtung, wie sich Peters emotionale Verfassung zunehmend auch auf sein Dasein als Spider-Man auswirkt. Wo die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft bislang vor allem Optimismus und jugendliche Unbeschwertheit verkörperte, schleichen sich nun Zweifel und Zurückhaltung in sein Handeln ein. Das hat auch Auswirkungen auf die Inszenierungsdynamik. Der (zumindest weitestgehend) mit sich im Reinen agierende Spider-Man bekommt lange, übersichtlich gefilmte und smart choreographierte Actionszenen spendiert. Im weiteren Verlauf werden die Kämpfe zunehmend rauer und es schleichen sich unkonzentrierte Handlungen in Spider-Mans Auftreten ein.

Scene-Stealer: Jon Bernthal ist der Punisher.

Gerade dadurch erhält Tom Holland („Die Odyssee“) endlich wieder die Gelegenheit, seine Figur weit über pointierte One-Liner und spektakuläre Stunts hinaus zu definieren. Tatsächlich entwickelt sich sein Peter Parker hier stärker weiter als in jedem der bisherigen MCU-Filme. Vielleicht sogar stärker, als es den Spider-Men von Tobey Maguire und Andrew Garfield in ihren jeweiligen Filmreihen möglich war. Über mittlerweile vier Filme hinweg bekommt man ein Gefühl dafür, Peter Parker nicht nur beim Erwachsenwerden, sondern auch beim Superheldwerden zuzusehen.  „Brand New Day“ führt diesen Prozess nun konsequent zu Ende und lässt Spidey das Prädikat des „jugendlichen MCU-Sympathieträgers“ endgültig abstreifen. Ganz besonders symbolisch in einer Szene, in der er nach einem brutalen Kampf seine Maske abnimmt und sein Gesicht über und über mit Blut und Wunden besudelt ist. Drastischer könnte man kaum bebildern, dass die Schonfrist für den kleinen süßen Spider-Man ein für allemal vorbei ist. Zumal diese offensichtlichen Verletzungen nicht bloß körperlicher Natur sind, sondern obendrein einen (gebrochenen) Helden widerspiegeln, dessen größte Narben sich vor allem hinter seiner Stirn befinden. Auch hier sind die Parallelen zu „Thunderbolts*“ offensichtlich.

„Vielmehr erweist sich der Antagonist als eine Art Spiegelbild des Helden. Beide Figuren ringen auf unterschiedliche Weise mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen und verdeutlichen, wie schmal der Grat zwischen Selbstaufgabe und Selbstfindung sein kann.“

Dass darüber die klassische Superheldenhandlung etwas in den Hintergrund rückt, ist nur konsequent. Zwar bekommt es Spider-Man auch diesmal mit einem Gegenspieler zu tun, der weit mehr ist als bloßer Stichwortgeber für die nächste Actionszene. Vielmehr erweist sich der Antagonist als eine Art Spiegelbild des Helden. Beide Figuren ringen auf unterschiedliche Weise mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen und verdeutlichen, wie schmal der Grat zwischen Selbstaufgabe und Selbstfindung sein kann. Dadurch gewinnen ihre Begegnungen eine emotionale Fallhöhe, die über das übliche „Held gegen Schurke“-Prinzip hinausgeht. Gleichzeitig muss „Brand New Day“ aber auch die Weichen für die Zukunft des Marvel Cinematic Universe stellen und mehrere Figuren neu etablieren, die spätestens in „Avengers: Doomsday“ eine größere Rolle spielen dürften. Genau hier geraten die beiden Aufgaben des Films gelegentlich aneinander. Während sich die Charakterstudie bewusst Zeit für ihre leisen Momente nimmt, verlangt der übergeordnete MCU-Bauplan immer wieder nach erzählerischer Vorarbeit. Nicht jede dieser Weichenstellungen fügt sich vollkommen organisch in die Handlung ein. Sie wirken jedoch nie so dominant, dass sie Peter Parkers persönliche Reise aus dem Fokus drängen würden.

Wird sich MJ (Zendaya) jemals wieder an Peter (Tom Holland) erinnern?

Dass diese bis zum Schluss das Herzstück des Films bleibt, ist somit seine größte Stärke. Selbst in der letzten halben Stunde, in der „Brand New Day“ erwartungsgemäß stärker auf Action und Eskalation setzt, nimmt sich Destin Daniel Cretton immer wieder Zeit für ruhige Charaktermomente. Vor allem die behutsame Annäherung zwischen Peter, MJ und Ned berührt und erinnert einen daran, weshalb einem gerade diese Dreierkonstellation in den bisherigen drei Filmen so ein Wohlgefühl bereitet hat. Obwohl Letztere keinerlei Erinnerungen mehr an ihren gemeinsamen Freund besitzen, verfällt das Drehbuch nie in die für das MCU zuletzt typische „Am Ende wird ohnehin alles wieder gut“-Mentalität. Stattdessen müssen sich ihre Beziehungen tatsächlich neu entwickeln, wodurch jede noch so kleine Annäherung spürbar an Bedeutung gewinnt. Dass die Chemie zwischen Tom Holland, Zendaya („Das Drama“) und Jacob Batalon („Tarot“) unverändert hervorragend funktioniert, versteht sich von selbst. Zum heimlichen Scene Stealer avanciert jedoch Jon Bernthal („The Accountant 2“), dessen kompromissloser Punisher genau jene raue Härte ins Geschehen bringt, die Spider-Man selbst bewusst nie verkörpern würde. Frank Castle löst Probleme nicht mit Witz oder Einfallsreichtum, sondern mit brutaler Geradlinigkeit. Die Action in „Brand New Day“ wird also keineswegs vernachlässigt, ist aber nie zu dominant, dass sie den melancholischen Grundton der Geschichte untergraben würde. Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet ein Film aus dem „Spider-Man“-Kanon einst als einer der erwachsensten MCU-Einträge erweisen würde.

Fazit: Mit „Spider-Man: Brand New Day“ gelingt Marvel ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die Zukunft des MCU. Regisseur Destin Daniel Cretton setzt nicht auf noch mehr Spektakel, sondern darauf, dass sich die Stärke seines Films in dem Menschen hinter der Maske befindet. Sollte das MCU diesen emotionalen Kurs beibehalten, könnte Spider-Man endlich zu jenem emotionalen Mittelpunkt werden, nach dem das Franchise seit Jahren sucht.

„Spider-Man: Brand New Day“ ist ab dem 29. Juli 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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