Teenage Sex and Death at Camp Miasma
„Akte X“-Legende Gillian Anderson und Newcomerin Hannah Einbinder laden in TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA zu einem zweistündigen Filmseminar über das Achtzigerjahre-Slasherkino – und das ist viel, viel interessanter, als es sich vielleicht zunächst anhört!
Darum geht’s
Nach Jahren der Ruhe soll die einstige Erfolgsreihe „Camp Miasma“ mit einem neuen Teil wiederbelebt werden. Mit der Inszenierung wird die ambitionierte Nachwuchsregisseurin Kris (Hannah Einbinder) betraut, die nach einem gefeierten Independent-Erfolg einen betont modernen und feministischen Zugang zum einstigen Slasher-Franchise verfolgen möchte. Im Zuge ihrer Recherchen beginnt sie, sich vor allem für das ehemalige „Final Girl“ der „Camp Miasma“-Reihe zu interessieren. Billy (Gillian Anderson) lebt inzwischen zurückgezogen in dem einstigen Filmset und hat ihre damalige Rolle längst hinter sich gelassen. Dennoch gelingt es Kris, Billy für eine Rückkehr zu gewinnen. Während der gemeinsamen Vorbereitungen verbringen die beiden zunehmend Zeit miteinander und sprechen über den Einfluss, den Filme aus der Jugend auf das eigene Leben haben können. Gleichzeitig scheint in den Wäldern rund um den Drehort etwas Unheimliches vor sich zu gehen: Der einstige „Camp Miasma“-Killer Little Death (Jack Haven) ist zurück…
Kritik
Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat das Horrorkino so etwas wie „ein Verhältnis zu sich selbst“ entwickelt. Seit „Scream“ Anfang der Neunzigerjahre damit begann, die eigenen Regeln gleich mit auf den Prüfstand zu stellen, wird im Genre immer häufiger nicht nur vor dem Monster davongelaufen, sondern auch über das Monster gesprochen. Figuren in „Scream“ kennen die Regeln von Horrorfilmen, auch in „The Cabin in the Woods“ werden seine Mechanismen gleich zum eigentlichen Gegenstand der Handlung. Selbst Filme wie „Bodies Bodies Bodies“ oder „The Final Girls“ machen sich den Umstand zunutze, dass ihr Publikum schon lange weiß, wie ein Horrorfilm funktioniert. Ein längst nicht mehr auf einzelne Titel beschränktes Phänomen. Das ist einerseits ein enormer Spaß für all jene, die sich im Genre auskennen. Andererseits stellt sich dadurch zunehmend die Frage, wie ein Film sein Publikum noch ernsthaft überraschen oder schockieren soll, wenn dieses die Spielregeln längst kennt und der Film sie seinerseits offen thematisiert.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ treibt diese Entwicklung nun auf die Spitze. Jane Schoenbruns Film ist nicht einfach nur ein weiterer Slasher, der mit den bekannten Versatzstücken spielt. Eher eine ebenso liebevolle wie analytische Auseinandersetzung mit der Frage, warum das Slasherkino sein Publikum einst so nachhaltig faszinierte und, vor allem, wie wir heute auf diese Filme zurückblicken. Denn während die blutigen Teenager-Massaker der Achtzigerjahre von der etablierten Filmkritik häufig als minderwertiger, geschmackloser Schund abgetan wurden, entwickelte sich rund um sie eine geradezu fanatische Konsumkultur, in deren Rahmen die Killer zu Ikonen stilisiert und aus einzelnen Filmen ganze Franchises gezüchtet wurden. Die grandiose Eröffnungssequenz – vermutlich die beste des Filmjahres – bringt diesen Umstand auf den Punkt, indem sich vor den Augen des Publikums im Zeitraffer die Franchise-Werdung der fiktiven „Camp Miasma“-Reihe mit all ihren Höhenflügen (zahlreiche Fortsetzungen, Merchandise etc.) und Tiefschlägen (Negativschlagzeilen, Hype-Abstürze…) abspielt. Doch was genau sahen die Zuschauer:innen eigentlich in diesen Filmen? Und warum übte ausgerechnet das „Final Girl“ dato eine derartige Faszination aus?
Schoenbrun („I Saw the TV Glow“) interessiert sich in ihrem Film besonders für die sexuelle Aufladung des klassischen Slashers. Denn Sex und Tod lagen in diesem Subgenre schon immer dicht beieinander. Nicht selten waren es die sexuell freimütigen Teenager:innen, die als Erstes dran glauben mussten, während das sogenannte „Final Girl“ häufig gerade dadurch aus der Gruppe herausstach, weil es sich der amourösen Eskapaden seiner Freund:innen entzog. Selbst die Waffen der Killer – Messer, Macheten, oder andere Stich- oder Schlaginstrumente – lassen sich in diesem Zusammenhang als phallische Symbole lesen. Sie werden zu grotesken Verlängerungen männlicher Gewalt und verbinden auf unheilvolle Weise Lust und Bestrafung. Und es war nie wirklich ein Geheimnis. Erst wurde den Protagonist:innen beim Sex zugeschaut, dann dabei, wie ihre Körper zerstückelt wurden. Für „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ nimmt Jane Schoenbrun all das auseinander und betrachtet es mit dem Abstand mehrerer Jahrzehnte. So lässt sich das, was einst als billiger Teenie-Horror abgetan wurde, auch als betont ambivalentes Zusammenspiel aus Voyeurismus, sexueller Moral und Gewalt lesen.
„Erst wurde den Protagonist:innen beim Sex zugeschaut, dann dabei, wie ihre Körper zerstückelt wurden. Für ‚Teenage Sex and Death at Camp Miasma‘ nimmt Jane Schoenbrun all das auseinander und betrachtet es mit dem Abstand mehrerer Jahrzehnte.“
Zugleich ist der Film eine Liebeserklärung daran, wie all das das eigene sexuelle Erwachen erst antreiben kann. In diesem Fall jenes von Protagonistin Kris, die seit Jugendtagen eine Liebe zum Genre pflegt und jetzt, wo sie selbst einen Teil ihres Lieblings-Slasherfranchises inszenieren soll, sowohl mit ihrer eigenen Jugend als auch mit ihren jetzigen Moralvorstellungen konfrontiert wird. Denn für ihren neuen „Camp Miasma“-Film möchte die ambitionierte Nachwuchsregisseurin nicht einfach nur die bekannten Zutaten des Originals wiederholen. Sie will das Franchise aus heutiger Perspektive neu denken und einen betont feministischen Slasher drehen. Ausgerechnet in der Begegnung mit Billy, dem einstigen Final Girl der „Camp Miasma“-Reihe und nun ihre Traumbesetzung für ihren eigenen Film, findet Kris weit mehr als bloße Inspiration für ihr Drehbuch.
Das Aufeinandertreffen der beiden Frauen wird zum Herzstück von „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“. Das Besondere: Anstatt zwei unvereinbare, einander belehrende Weltbilder aufeinanderprallen zu lassen, begegnen sich hier zwei Generationen von Frauen, die der gleichen Filmreihe auf ganz unterschiedliche Weise etwas zu verdanken haben. Kris betrachtet „Camp Miasma“ mit dem Wissen um all jene problematischen Mechanismen, die man heute sehr viel leichter benennen kann. Billy hingegen hat diese Mechanismen nicht bloß aus einer theoretischen Distanz heraus erlebt, sondern war selbst Teil dieser Filme. Dabei lässt Schoenbrun keine der beiden Frauen zur moralischen Instanz über die jeweils andere werden. Kris und Billy versuchen nicht, einander davon zu überzeugen, welche Sichtweise die „richtige“ ist. Stattdessen hören sie einander zu, widersprechen sich, ergänzen sich und entdecken immer wieder Gemeinsamkeiten. Aus der Auseinandersetzung mit einem Film, der aus heutiger Perspektive ganz anders gelesen werden kann als zu seiner Entstehungszeit, wird so ein bemerkenswert toleranter Austausch darüber, was Kunst mit uns macht und darüber, dass man etwas lieben kann, ohne sämtliche seiner problematischen Facetten ausblenden zu müssen.
Auch zu Schoenbruns Vorwerk „I Saw the TV Glow“ lassen sich dadurch interessante Parallelen herstellen. Während jener Film seine queere Dimension stark über Codes und Bilder vermittelte – also über Motive, deren Bedeutung sich insbesondere für ein queeres Publikum erschließen kann, ohne dass sie für alle Zuschauer:innen unmittelbar lesbar sein müssen –, geht „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ deutlich offensiver mit seinen Themen um. Die queere Perspektive ist hier weniger verschlüsselt und wesentlich leichter zu dechiffrieren. Und doch gibt es Überschneidungen: Auch hier geht es um ein Medium, das einen Menschen in seiner Jugend prägt und um eine Faszination, die weit über bloße Unterhaltung hinausgeht. Genauso wie die Frage im Raum steht, was passiert, wenn man Jahre später zu jenem kulturellen Objekt zurückkehrt, das einst die eigene Identität mitgeprägt hat. Während Kris „Camp Miasma“ verändern möchte, gerade weil sie es liebt, hat Billy gelernt, mit dem zu leben, was diese Filme aus ihr gemacht haben. Und beide Haltungen dürfen nebeneinander bestehen. Eine außergewöhnlich fruchtbare Herangehensweise an eine Diskussion, die in anderer Regie- und Drehbuchhand vermutlich deutlich konfrontativer geworden wäre.
„Schoenbrun hat sichtlich viel zu sagen. Entsprechend ausführlich fallen die Gespräche zwischen Kris und Billy aus, die sich bisweilen beinahe wie ein filmwissenschaftliches Seminar lesen.“
All das macht „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ aber auch zu einem sehr redseligen Film, für den man ein gewisses Grundverständnis für die Theorie hinter dem Genre mitbringen sollte, um seinen Abhandlungen mühelos folgen zu können. Schoenbrun hat sichtlich viel zu sagen. Entsprechend ausführlich fallen die Gespräche zwischen Kris und Billy aus, die sich bisweilen beinahe wie ein filmwissenschaftliches Seminar lesen. Das ist nicht immer der zugänglichste Ansatz, zumal der Film seine Gedanken nur selten zwischen den Zeilen versteckt. Wer sich allerdings auf diese Form der Auseinandersetzung einlässt, bekommt eine vielschichtige Betrachtung eines Genres geboten, das hier nicht einfach nur analysiert, sondern mit jeder Menge Zuneigung seziert wird.
Gleichzeitig wird „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ seinem Titel auch ganz wörtlich gerecht. Denn während die beiden Frauen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Franchises diskutieren, erwacht draußen in den Wäldern der einstige Killer Little Death (die Zweideutigkeit dieses Namens liegt auf der Hand). Was folgt, sind einige ausgesprochen spektakuläre, stilistisch stark überhöhte Kills, mit denen Schoenbrun immer wieder daran erinnert, dass hier eben nicht nur über den Slasher gesprochen wird, sondern der Film auch selbst einer ist. Trotzdem müssen sich die Fans davon in Geduld üben, denn der Schwerpunkt liegt klar auf der Theorie. Das stört aber kaum. Denn zum einen sind die besagten Slasher-Diskussionen viel zu interessant, um sie gegen mehr Gewalt einzutauschen. Zum anderen lebt „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ganz wesentlich von seinen beiden Hauptdarstellerinnen: Hannah Einbinder („Hacks“) und „Akte X“-Legende Gillian Anderson harmonieren derart hervorragend miteinander, dass man ihnen auch dann noch gerne zuhört, selbst wenn sie sich einfach nur minutenlang über die vermeintlich simpelsten Slasherregeln unterhalten.
Fazit: Selten war ein knapp zweistündiges Filmseminar so interessant wie hier. „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist eine ebenso kluge wie liebevolle Auseinandersetzung mit dem Slasherkino, seiner Geschichte und der Frage, warum uns bestimmte Filme selbst dann noch begleiten, wenn wir längst gelernt haben, sie mit anderen Augen zu betrachten.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist ab dem 20. August 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.



