Ice Cream Man

Eli Roth hat offenbar „Terrifier“ gesehen und gibt nun seinen eigenen Beitrag zur wieder aufkeimenden Splatter- und Gorewelle ab. Das Konzept hinter ICE CREAM MAN ist wie geschaffen für den für Roth typischen Gewalteskapismus. Leider hat der Film aber auch die gewohnten Schwächen, für die das „Hostel“-Mastermind seit jeher bekannt ist.

OT: Ice Cream Man (USA/CAN/UK/FR/JPN 2026)

Darum geht’s

In der verschlafenen US-Kleinstadt Bayleen Bay genießen die Kinder ihre unbeschwerten Sommerferien zwischen Baseballspielen und sonnigen Nachmittagen. Für zusätzliche Freude sorgt ein geheimnisvoller neuer Eisverkäufer (Ari Millen), der mit seinem Truck durch die Straßen fährt und den Kindern kostenlose Leckereien anbietet. Doch hinter der freundlichen Fassade verbirgt sich ein düsteres Geheimnis: Das verfluchte Eis verwandelt seine jungen Konsument:innen in gnadenlose Killer, die sich unter dem Einfluss der unheilvollen Melodie des Eiswagens gegen die Erwachsenen der Stadt wenden. Während Bayleen Bay im Chaos versinkt und die Bewohner verzweifelt nach einer Erklärung für die grausamen Vorfälle suchen, bleibt nur eine kleine Gruppe Kinder von dem Fluch verschont. Angeführt von dem Außenseiter Jared (Charlie Zeltzer) müssen sie dem mysteriösen Eisverkäufer entgegentreten und das Geheimnis hinter seiner tödlichen Eiscreme lüften, bevor die gesamte Stadt dem Wahnsinn verfällt.

Kritik

Noch vor wenigen Jahren schien das extrem blutige Horrorkino ein Phänomen der Nische zu sein. Während die New French Extremity Anfang der Zweitausenderjahre mit Filmen wie „Martyrs“, „Inside“ oder „Frontière(s)“ die Grenzen des Zeigbaren auslotete und das sogenannte „Torture Porn“-Subgenre rund um „Saw“ und „Hostel“ Gewalt zu seinem zentralen Verkaufsargument erklärte, ebbte die Welle anschließend wieder ab. Parallel dazu verloren zahlreiche einst berüchtigte Genreklassiker ihren Skandalstatus, wurden neu geprüft, von den Listen jugendgefährdender Medien gestrichen oder erhielten erstmals ungekürzte Freigaben. Ein Zeichen dafür, dass sich nicht nur Sehgewohnheiten, sondern auch der gesellschaftliche Blick auf filmische Gewalt verändert hat. Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung der vergangenen Jahre: Ausgerechnet ein kompromissloser Independentfilm namens „Terrifier 2“ machte exzessiven Splatter plötzlich wieder massentauglich. Mit seinem überraschenden Kassenerfolg bewies Damien Leone, dass handgemachte Gore-Effekte und bewusst ausgereizter Sadismus längst kein reines Liebhaberprogramm mehr sein müssen. Teil vier befindet sich aktuell in der Produktion. Seither scheint eine alte Gewissheit wieder zu gelten: Drastische Gewalt verkauft sich noch immer gut. Immer häufiger finden explizite Splattereffekte ihren Weg zurück in größere Produktionen, ohne dabei ausschließlich das Nischenpublikum anzusprechen. Filme wie – natürlich – „Terrifier 3“, „Smile“, „Primate“ oder nun eben Eli Roths „Ice Cream Man“ stehen exemplarisch für eine Entwicklung, in der Gore erneut seinen Platz im modernen Mainstream-Horrorkino gefunden zu haben scheint.

Shiloh O’Reilly als Tommy, Charlie Zeltzer als Jared und Kiori Waldman als Mia müssen in „Ice Cream Man“ die Stadt retten.

Regisseur Eli Roth („Knock Knock“) als Rückkehrer in dieser einstigen Nische begrüßen zu dürfen, wirkt dann auch irgendwie logisch. Schließlich gehört der Regisseur zu jener Generation von Horrorfilmern, die schon Mitte der Zweitausender maßgeblich dazu beitrugen, explizite Gewalt (wieder) salonfähig zu machen. Mit „Cabin Fever“ etablierte sich Roth zunächst als talentierter Genrefan mit spürbarer Liebe zu den Exploitation- und Splatterklassikern der Siebziger- und Achtzigerjahre, ehe er mit „Hostel“ zum Aushängeschild des Torture Porn wurde. Damit offenbarte sich aber auch das Muster, das seine Karriere bis heute prägt: Roth mag ein enthusiastischer Schock-Regisseur, aber ganz gewiss kein großer Geschichtenerzähler sein. So leben seine Filme von bisweilen grotesken Gewalteskalationen, die sich – das zeigt schon der abgrundtief brutale Trailer zu „Ice Cream Man“ – auch in seinem neuesten Erguss wiederfinden. Gepaart mit seiner Vorliebe für schwarzen Humor und überzeichnete Figuren lotet Roth erneut und unverhohlen die Schmerzgrenze seines Publikums aus, doch erzählerische Finesse oder komplexe Charakterzeichnungen lassen sich hier nicht finden.

„Wer ein Ticket für den Film kauft, der will sehen, wie Gedärme als Springseil benutzt oder mit einer rostigen Säge Gliedmaßen und Köpfe abgetrennt werden. Als „so eine Art Film“ liefert Eli Roth ab. Allerdings mit einer Routine, die seine Gewaltexzesse mehr als sonst berechenbar wirken lässt.“

Nun darf man bei einem Film wie „Ice Cream Man“ natürlich die Frage stellen: Braucht man das überhaupt? Alles, aber auch wirklich alles was an Marketing zu dem Film stattfand, rückte die (zum Großteil handgemachte) Gewalt in den Mittelpunkt. Wer ein Ticket für den Film kauft, der will sehen, wie Gedärme als Springseil benutzt oder mit einer rostigen Säge Gliedmaßen und Köpfe abgetrennt werden. Als „so eine Art Film“ liefert Roth ab. Allerdings mit einer Routine, die seine Gewaltexzesse mehr als sonst berechenbar wirken lässt. Zwar merkt man Roth nach wie vor eine kindliche Begeisterung für die Materie an. Genauso hätte man bei vielen Ideen gern den dazugehörigen Brainstorming-Sessions beigewohnt. In „Ice Cream Man“ wird nämlich nicht einfach nur gemordet. Die hier infolge von Eiskonsum zu blutrünstigen Bestien mutierten Kids nähern sich ihren Opfern mit der Motivation maximaler Zerstörung. Und noch dazu mit einer Freude, in der sich – so meint man – der makabere Spieltrieb eines Eli Roth wiederfindet. Wenn ein junges Mädchen, ohne die Miene zu verziehen, einem Lehrer die Schädeldecke aufsägt, um anschließend mit einem Eislöffel das Gehirn herauszuschaben, um es dann auch noch ebenjenem Lehrer selbst zu essen zu geben, dann weiß man, von welcher Form des Gewalteskapismus hier die Rede ist. Und je nachdem, wie viel Erfahrung man im Genre besitzt, dürfte einem dabei mehr als ein „What the Fuck!?“ entweichen.

Der Eiswagen des Ice Cream Mans ist in der Kleinstadt Bayleen Bay unterwegs.

Gleichzeitig folgt „Ice Cream Man“ aber auch einer fast schon mathematischen Dramaturgie. Jede Gewalteskalation kündigt sich lange im Voraus an. Genauso wie jede Pointe auf ihren größtmöglichen Ekelfaktor hin konstruiert ist. Ganz so, als würde Eli Roth nicht darauf vertrauen, dass sich ganz organisch aus seinem Film heraus zahlreiche „Holy Shit!“-Momente ergeben, provoziert er diese Reaktion am laufenden Band. Das mag handwerklich beeindruckend und für Gorehounds zweifellos unterhaltsam sein, entwickelt dabei aber keinerlei anarchische Unberechenbarkeit, wie sie etwa einen „Terrifier 2“ auszeichnete. Darüber hinaus krankt „Ice Cream Man“ an zwei weiteren, nicht unwichtigen Details. Zum einen erweist sich die Fallhöhe von den „lieben Kindern“ hin zu brachialen Mordkreaturen als äußerst niedrig. Schon lange bevor der zwielichtige Eisverkäufer (grandioses Casting: Ari Millen, „Undertone“) überhaupt damit beginnt, seine Neukund:innen mit seiner verfluchten Eiscreme abzufüllen, bekommen wir einen Einblick in eine Schulgemeinschaft, die scheinbar nur aus ätzenden Zeitgenossen besteht. Zusammenhalt, nette Worte, geschweige denn Freundschaften: In der hier zum Ausgangspunkt der Handlung erklärten Schule scheint es das alles nicht zu geben. Die typischen „Gemeinschaft ist wichtig“-Motivationsplakate an den Wänden der Klassenräume wirken regelrecht naiv. Anders als etwa bei dem Geheimtipp „The Children“ von 2008 oder noch älteren „Kinder werden zu Bestien“-Filmen à la „Das Omen“ schert man sich nicht um das seelische und körperliche Wohl der jugendlichen Charaktere. Lediglich die drei (schauspielerisch leider recht limitierten) Hauptfiguren, die als einzige nicht von dem Eis gekostet haben und somit zur Zielscheibe ihrer besessenen Mitschüler:innen werden, haben eine halbwegs stimmige Chemie, reagieren aber auch immer nur gerade so clever (oder eben nicht clever), wie es der Plot gerade benötigt.

„Natürlich muss der Hintergrund des diabolischen Eisverkäufers im Schlussakt entschlüsselt und somit auch ein Stückweit entmystifiziert werden. Der Background seines Schicksals ist für einen solchen Quatsch-Splatter wie ‚Ice Cream Man‘ einer ist viel zu düster geraten.“

Der zweite Schwachpunkt liegt in der – für Roth-Verhältnisse – viel zu ambitionierten Auflösung. Denn natürlich muss der Hintergrund des diabolischen Eisverkäufers im Schlussakt entschlüsselt und somit auch ein Stückweit entmystifiziert werden. Der Background seines Schicksals ist für einen solchen Quatsch-Splatter wie „Ice Cream Man“ viel zu düster geraten. Und auch wenn eine Szene, in der in bester „Ich packe meinen Koffer“-Manier die zahlreichen notwendigen Schritte zur Vernichtung des Ice Cream Man heruntergebetet werden, zu den amüsantesten Nicht-Gore-Szenen des Films gehört, wirkt die mystische Hintergrundgeschichte wie aufgepfropft. Und apropos Humor: Wenn dieser einmal nicht aus den hanebüchenen Mordszenen selbst entsteht, versucht sich Roth an fragwürdigen Gags über Essstörungen oder versucht, aus banalen Gesprächen heraus Situationskomik zu kreieren – und scheitert grandios. Damit gilt wieder einmal das, was für Eli-Roth-Filme eigentlich immer gilt: Wer Spaß an ausufernder Gewalt – mal mit mehr, mal mit weniger Augenzwinkern – hat, für den ist „Ice Cream Man“ Pflichtprogramm. Schon allein, weil diese Art Gore-Festival im modernen Horrorkino zwar mittlerweile häufiger stattfindet, aber noch längst nicht in einer solchen Regelmäßigkeit, dass man wöchentlich die freie Auswahl hätte. Doch über die diversen handwerklichen Schwachpunkte muss man hinwegsehen wollen. Dann bekommt man mit dem Ice Cream Man aber immerhin auch eine Figur präsentiert, die es gern noch ein paar weitere Male in friedliche amerikanische Vororte verschlagen darf.

An dieser blutrünstigen Meute gibt es kein Vorbeikommen.

Fazit: Wie schon so oft bei Eli Roth gilt auch für „Ice Cream Man“: Als kompromissloses Gore-Festival mit herrlich handgemachten Splattereffekten, makabrem Einfallsreichtum und einem charismatischen Bösewicht erfüllt der Film genau das, was sein Zielpublikum erwartet. Gleichzeitig verhindern die berechenbare Dramaturgie, schwache Figuren, misslungene Humoreinlagen und eine überambitionierte Mythologie, dass aus dem blutigen Spektakel mehr wird als reiner Gewalteskapismus.

„Ice Cream Man“ ist ab dem 6. August 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?