Passenger

Eine nächtliche Landstraße, ein fremder Mitfahrer auf der Rückbank und die Erkenntnis, dass Anhalten bereits der größte Fehler war: Mit PASSENGER versucht sich Regisseur André Øvredal an einer Mischung aus Roadmovie und übernatürlichem Horror. Die Idee dahinter ist jedoch deutlich stärker als der Film, der daraus geworden ist.

OT: Passenger (USA 2026)

Darum geht’s

Die frisch Verlobten Tyler (Jacob Scipio) und Maddie (Lou Llobell) wollen ihrem hektischen Alltag in New York entfliehen und brechen mit einem zum Camper umgebauten Van zu einem Roadtrip quer durchs Land auf. Während Tyler das freie Leben auf der Straße genießt, kommen Maddie zunehmend Zweifel an ihrer gemeinsamen Zukunft und dem neuen Lebensstil. Die Reise nimmt jedoch eine drastische Wendung, als die beiden Zeugen eines schrecklichen Unfalls auf einem abgelegenen Highway werden. Kurz darauf begegnen sie im Wald einem zerstörten Wagen und ahnen nicht, dass sie damit eine unheilvolle Macht auf sich aufmerksam gemacht haben. Schon bald werden Tyler und Maddie von einer dämonischen Präsenz verfolgt, die nur als „The Passenger“ bekannt ist. Egal wohin sie fahren oder sich verstecken: Das Wesen scheint ihnen stets dicht auf den Fersen zu sein und verwandelt ihren vermeintlich befreienden Van-Life-Trip in einen Albtraum…

Kritik

Seit „Trollhunter“ gilt Regisseur André Øvredal („The Autopsy of Jane Doe“) als einer jener Genreregisseure, die selbst vertrauten Stoffen noch eine angenehm eigensinnige Note verleihen können. Schon früh bewies der Norweger ein Gespür dafür, Atmosphäre nicht bloß über Schockmomente, sondern vor allem über Stimmung, Timing und eine subtile Form des Unbehagens zu erzeugen. Später folgten mit „Die letzte Fahrt der Demeter“ und „Scary Stories to Tell in the Dark“ zwei Produktionen, die trotz deutlich größerer Studio-Rahmenbedingungen immer noch eine erkennbare Handschrift trugen. Gleichzeitig lässt sich innerhalb seiner Filmografie aber zunehmend eine gewisse Zweiteilung beobachten: Da sind zum einen jene Projekte, bei denen man spürt, dass Øvredal eine echte kreative Verbindung zum Material besitzt, und zum anderen Filme, die eher wie professionell erledigte Auftragsarbeiten wirken. „Passenger“ gehört leider ziemlich eindeutig in letztere Kategorie. Denn obwohl der Roadmovie-Horror auf dem Papier genau jene Mischung aus intensivem Suspense und effektivem Horror mitbringt, für die der Regisseur eigentlich prädestiniert scheint, entsteht hier nur selten der Eindruck, als würde Øvredal mehr erzählen wollen als das, was das Drehbuch funktional vorgibt.

Maddie (Lou Llobell) und Tyler (Jacob Scipio) entdecken unheilvolle Zeichen an ihrem Wagen.

Verantwortlich dafür zeichnen T.W. Burgess und Zachary Donohue, die bislang beide kaum nennenswerte Spuren innerhalb des Genres hinterlassen haben. Für Burgess stellt „Passenger“ sogar die erste größere Filmarbeit überhaupt dar. Etwas, das man dem Film über weite Strecken anmerkt. Dabei ist die Grundidee zunächst gar nicht unspannend. Denn die beiden Autoren übertragen klassischen Haunted-House-Horror gewissermaßen auf die Struktur eines Roadmovies. Statt eines abgeschotteten Spukhauses wird hier die nächtliche Straße zum Ort des Schreckens. Ein Konzept, das innerhalb des Horrorgenres tatsächlich vergleichsweise selten genutzt wird und gerade deshalb zunächst neugierig macht. Leider entsteht schnell der Eindruck, als hätten sich Burgess und Donohue dafür vor allem durch eher austauschbare Genrevertreter gearbeitet. „Passenger“ folgt nämlich einem auffallend repetitiven Muster: Figureninteraktion, Einbruch der Dunkelheit, Gruselmoment, Entspannung bei Tageslicht – und dann beginnt alles wieder von vorn. Dass der Dämon innerhalb der Hintergrundgeschichte nur nachts auftaucht, liefert dafür zwar eine logische Erklärung, macht die Dramaturgie aber nicht automatisch spannender. Im Gegenteil: Gerade weil der Film seine Mechanismen so früh offenlegt, wird vieles davon vorhersehbar. Immerhin besitzt „Passenger“ dadurch aber auch eine gewisse Horroreinsteigerfreundlichkeit.

„Seinen atmosphärischen Höhepunkt erreicht der Film dann auch direkt im Prolog vor der Titeleinblendung. Mit einer Szene, die nicht zufällig bereits den ersten Teaser dominierte – vermutlich in der Hoffnung auf einen kleinen Viral-Hit.“

Die titelgebende Horrorfigur basiert auf einer bekannten Creepypasta, in der ein mysteriöser Passagier nachts plötzlich auf der Rückbank eines fahrenden Autos erscheint und seine Opfer zunehmend psychisch zermürbt. Dass „Passenger“ seinen Ursprung in einer solchen Internet-Gruselgeschichte hat, merkt man dem Film zunächst sogar im positiven Sinne an. Denn gerade Creepypastas funktionieren häufig deshalb so effektiv, weil sie auf eine simple Grundidee und leicht nachvollziehbare Bedrohungsszenarien setzen. Genau das lässt sich vergleichsweise unkompliziert auf filmische Suspense übertragen. Seinen atmosphärischen Höhepunkt erreicht der Film dann auch direkt im Prolog vor der Titeleinblendung. Die Szene, die nicht zufällig bereits den ersten Teaser dominierte – vermutlich in der Hoffnung auf einen kleinen Viral-Hit –, zeigt zwei Freunde, die nachts in ihrem Auto durch den Wald fahren, zum Pinkeln anhalten und schließlich von dem Dämon heimgesucht werden. Die auf der Flucht immer wieder am Straßenrand auftauchende Gestalt, die wie schon der unweit bekanntere Slender Man einfach regungslos dasteht, macht Eindruck und ist zweifelsfrei Meme-tauglich. Doch viel effektiver wird es im weiteren Verlauf nicht.

Melissa Leo mimt als Diana den Erklärbär.

Denn leider gelingt es „Passenger“ danach nur noch selten, dieses Spannungsniveau zu erreichen. Zwar existieren noch einzelne gelungene Setpieces, darunter insbesondere eine Sequenz auf einem nächtlichen Parkplatz, in der Øvredal wirkungsvoll mit Perspektiven und Kamerabewegungen arbeitet. Das bleiben allerdings eher erfreuliche Ausnahmen innerhalb eines ansonsten recht durchschnittlichen Films, der aus seiner eigentlich starken Ausgangsidee letztlich zu wenig macht. Ein großes Problem stellen dabei auch die beiden von Jacob Scipio („Bad Boys for Life“) und Lou Llobell („Voyagers“) gespielten Hauptfiguren dar. Zwar versucht das Drehbuch zu Beginn noch, durch kleinere Sticheleien und Standarddialoge eine Dynamik zwischen ihnen zu etablieren, doch über oberflächliche Phrasen geht diese Charakterzeichnung kaum hinaus. Dadurch fehlt dem Film ein emotionales Zentrum, an das sich die Bedrohung wirklich koppeln könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Figuren selbst nach klassischen Horrorfilm-Maßstäben konsequent irrational verhalten. Obwohl sie die Regeln ihrer Situation relativ früh verstehen, setzen sie sich konsequent darüber hinweg, nur damit die Handlung weiter eskalieren kann. Das mag innerhalb eines Genrefilms noch verschmerzbar sein, wenn die emotionale Ebene funktioniert. Doch genau daran scheitert „Passenger“ ebenfalls. Weder Scipio noch Llobell gelingt es wirklich, Angst, Panik oder zunehmende Erschöpfung glaubhaft zu transportieren. Vielmehr wirkt es häufig so, als hätten die Ereignisse der vorherigen Nacht bereits am nächsten Morgen kaum noch emotionales Gewicht.

„Gerade die langen Fahrten durch die scheinbar endlosen Straßen erzeugen dabei ein unterschwelliges Unbehagen. Vermutlich auch deshalb, weil nächtliche Autofahrten ohnehin bereits etwas latent Unheimliches besitzen. Darüber hinaus verlässt sich der Film allerdings primär auf klassische Jumpscares.“ 

Inszenatorisch bewegt sich „Passenger“ fast durchgehend auf vertrautem Genre-Terrain. Wirklich gruselig wird es immer dann, wenn die Sonne untergeht und der Film seine Figuren auf nächtliche Highways, verlassene Raststätten und dunkle Parkplätze schickt. Gerade die langen Fahrten durch die scheinbar endlosen Straßen erzeugen dabei ein unterschwelliges Unbehagen. Vermutlich auch deshalb, weil nächtliche Autofahrten ohnehin bereits etwas latent Unheimliches besitzen. Darüber hinaus verlässt sich der Film allerdings primär auf klassische Jumpscares. Dass Kameramann Federico Verardi („Z Nation“) hier visuell kaum eigene Akzente setzt, passt entsprechend ins Bild. „Passenger“ sieht nie wirklich schlecht aus, entwickelt aber selten eine eigenständige Atmosphäre jenseits genreüblicher Dunkelheit und abrupt einsetzender Schockmomente. Die Krone setzt dem Ganzen schließlich Melissa Leo („Prisonders“) auf, die als klassischer „Erklärbär“-Charakter auftreten darf. Ein Figurentypus, wie es ihn im Horrorfilm früher oder später fast immer braucht, um den Protagonist:innen die Regeln der Bedrohung direkt mitzuteilen. Auch das erfüllt innerhalb der Handlung zwar seinen Zweck, unterstreicht aber letztlich nur noch einmal, wie konsequent „Passenger“ auf bekannte Horror-Konventionen setzt, ohne ihnen neue Facetten hinzuzufügen.

Tyler entdeckt, dass sich das Böse längst im Van befindet…

Fazit: Die Idee, klassische Haunted-House-Motive auf ein Roadmovie zu übertragen, ist auf dem Papier reizvoll. Leider kann André Øvredal diesem Ansatz kaum eigene Facetten abringen und verlässt sich stattdessen auf ein Standardrepertoire des Gruselhorrors. Was allerdings nicht bedeutet, dass einzelne Momente an „Passenger“ nicht doch durchaus atmosphärisch sein können. Vor allem eine Szene auf einem Parkplatz sowie der stimmige Opener bleiben auch nach dem Verlassen des Kinos im Gedächtnis.

„Passenger“ ist ab dem 28. Mai 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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