Kraken – Erwachen der Tiefe

Coitus interruptus – der Film: KRAKEN – ERWACHEN DER TIEFE baut seine Spannung immer wieder gekonnt auf, nur um sie im entscheidenden Moment konsequent abzuwürgen. Dabei hätte das norwegische Creature Feature mit seinem ungewöhnlichen Setting und einer beeindruckend animierten Riesenkrake eigentlich beste Voraussetzungen für einen modernen Monsterhorror gehabt.

OT: Kraken (NOR 2026)

Darum geht’s

Im norwegischen Sognefjord häufen sich rätselhafte Vorfälle: Zwei Jetski-Touristen verschwinden spurlos und unzählige Fische flüchten plötzlich in Panik an die Wasseroberfläche. Um den ungewöhnlichen Ereignissen auf den Grund zu gehen, wird die Meeresbiologin Johanne (Sara Khorami) zu einer abgelegenen Lachsfarm entsandt. Dort trifft sie nicht nur auf ihren Ex-Freund Erik (Mikkel Bratt Silset), der auf der Anlage arbeitet, sondern auch auf deren ehrgeizigen Betreiber Avaldsnes (Øyvind Brandtzæg), dessen Expansionspläne zunehmend Fragen aufwerfen. Je tiefer Johanne in die Untersuchungen eintaucht, desto deutlicher verdichten sich die Hinweise darauf, dass in den Tiefen des Fjords weit mehr lauert als ein technisches oder ökologisches Problem. Schon bald wird aus der wissenschaftlichen Spurensuche ein verzweifelter Kampf ums Überleben gegen eine gigantische Kreatur.

Kritik

Kaum ein Tier hat das Horrorkino über Jahrzehnte hinweg so nachhaltig geprägt wie der Hai. Spätestens mit Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ wurde der Raubfisch zum Sinnbild einer Bedrohung, die aus dem Meer stammt und jeden treffen kann, der sich gerade zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Das funktioniert in (fast) jeder Tonalität. Egal ob in ernst gemeinten Tierhorrorfilmen oder seinen zahllosen B-Movie-Ablegern. Andere Meeresbewohner fristeten dagegen lange ein Schattendasein. Zwar bevölkern gigantische Seeungeheuer seit Jahrhunderten Sagen und Legenden und tauchen auch hin und wieder in Abenteuerfilmen oder Fantasy-Epen auf. Doch dafür, dass sie seit jeher zum festen Inventar maritimer Mythen gehören, kommen sie als ernstzunehmende Horrorantagonisten erstaunlich selten vor. Dabei wären insbesondere Kraken wie geschaffen für das Genre. Zum einen aufgrund ihrer enormen Intelligenz (wer einmal eine Tierdoku über die faszinierenden Achtbeiner gesehen hat, weiß sofort, was gemeint ist). Zum anderen, weil ja schon ihr Erscheinungsbild mit ihren schier endlos wirkenden Tentakeln ein gewisses Unbehagen bereiten kann. Dennoch dauerte es bis ins Jahr 2026, ehe mit „Kraken – Erwachen der Tiefe“ erstmals ein vergleichsweise hochbudgetierter Horrorfilm (etwa 5,3 Millionen Euro soll die Produktion gekostet haben) entstand, der eine gigantische Krake ins Zentrum seines Schreckens stellt. Und das ausgerechnet aus Norwegen. Ganz ohne Vorläufer kommt die Idee zwar nicht daher: Bereits 2025 schickte der russische Unterwasser-Actionfilm „Kraken“ seine Figuren gegen ein überdimensionales Tentakelwesen in den Kampf. Doch während dort vor allem das Spektakel im Vordergrund stand, versteht sich „Kraken – Erwachen der Tiefe“ als klassisches Creature Feature. Bleibt also die Frage: Sind Kraken die neuen Haie?

Natur- und Umweltschutz werden zu einem wichtigen Thema in „Kraken – Erwachen der Tiefe“.

Zu den größten Stärken von „Kraken“ zählt vor allem der eine Faktor, der nur sich nur schwer künstlich herstellen lässt: die Kulisse. Statt den Schrecken in generischen Küstengewässern oder auf hoher See anzusiedeln, verschlägt es die Handlung hier in die norwegischen Fjorde, wo der Film auch tatsächlich on Location gedreht wurde. Das verleiht den Bildern (Kamera: Sjur Aarthun, „Dark Woods“) eine Haptik und Dreidimensionalität, die vielen Genrekollegen abgeht. Das dunkle Wasser, umgeben von den steinigen Felswänden ermöglicht ein gutes Gespür für die erdrückenden Dimensionen des Sognefjords – mit einer maximalen Tiefe von 1.308 Metern der tiefste Fjord Europas. Das unterstützt eine Atmosphäre der permanenten Bedrohung. Schon dann, wenn von dem Krakenwesen noch gar keine Spur ist. Außerdem ist das Setting schlicht ungewohnt. Während Tierhorrorfilme ihre Schauplätze meist an tropischen Stränden oder auf dem offenen Meer suchen, bildet hier ausgerechnet eine abgelegene Lachsfarm im Herzen dieser Fjordlandschaft das Zentrum des Geschehens. Das sorgt nicht nur für reizvolle Bilder, sondern verleiht dem Film auch eine eigene Identität. Und ganz nebenbei eröffnet dieses ungewöhnliche Umfeld Möglichkeiten für eine Figurenkonstellation, die sich ebenfalls wohltuend von den üblichen Genrestandards abhebt.

„Während Tierhorrorfilme ihre Schauplätze meist an tropischen Stränden oder auf dem offenen Meer suchen, bildet hier ausgerechnet eine abgelegene Lachsfarm im Herzen dieser Fjordlandschaft das Zentrum des Geschehens. Das sorgt nicht nur für reizvolle Bilder, sondern verleiht dem Film auch eine eigene Identität.“

Statt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe ahnungsloser Urlauber auf das titelgebende Monster treffen zu lassen, verankert „Kraken“ seine Geschichte in einem beruflichen und persönlichen Geflecht aus Meeresbiologie, Fischzucht und wirtschaftlichen Interessen. Die Figuren bringen allesamt eine nachvollziehbare Verbindung zum Sognefjord mit und fungieren damit nicht bloß als künftiges Kanonen- oder besser: Krakenfutter, sondern als Teil einer Geschichte, in der ökologische Fragestellungen und zwischenmenschliche Konflikte einen ähnlichen (wenn nicht gar höheren) Stellenwert bekommen, als der pure Mensch-gegen-Monster-Überlebenskampf. Das mag auf dem Papier ein durchaus reizvoller Ansatz sein. Zumal die Lachszucht mitsamt ihrer technologischen Möglichkeiten einen glaubwürdigen Ausgangspunkt für das Erwachen der titelgebenden Kreatur liefert. Leider gerät diese Einführung deutlich ausufernder, als es dem Film guttut. Bei einer Laufzeit von gerade einmal 100 Minuten verbringt „Kraken“ viel zu viel Zeit damit, wie ein Öko-Drama oder Umweltthriller zu wirken, in dem die Vor- und Nachteile industrieller Lachszucht sowie die dahintersteckenden wirtschaftlichen Interessen den Ton angeben. Das Monster selbst bleibt über weite Strecken eine Randerscheinung. Das dürfte eine herbe Enttäuschung für all diejenigen sein, die sich einen Film mit dem Titel „Kraken“ allen voran wegen der Tiefseekreatur anschauen und nicht, weil sie sich ausführlich mit den Mechanismen moderner Aquakultur auseinandersetzen möchten.

Meerestier oder Alien?

Wenn die titelgebende Krake schließlich ihren großen Auftritt bekommt, zeigt sich allerdings, dass „Kraken“ zumindest in dieser Hinsicht vieles richtig macht. Gemessen am Budget wirkt das Creature Design erstaunlich hochwertig. Die gigantische Tiefseekreatur besitzt die nötige physische Wucht, fügt sich überzeugend in ihre Umgebung ein und profitiert davon, dass Regisseur Pål Øie („Hidden“) der Versuchung widersteht, sie im Minutentakt auf die Leinwand zu schicken. Statt die visuellen Effekte durch permanente Monsterauftritte zu überstrapazieren, setzt der Film auf das altbewährte Prinzip des Verbergens und belässt es dabei, die Bedrohung etwa in Form brodelnden Wassers oder Schatten an der Wasseroberfläche darzustellen. Diese Zurückhaltung wirkt im Kontext auch nicht wie der Ausdruck fehlender Ambitionen, sondern vielmehr wie ein kluger Umgang mit den vorhandenen Mitteln. Gerade weil das Monster nur dosiert zum Einsatz kommt, behalten seine wenigen vollständigen Auftritte ihre Wirkung und entwickeln eine Präsenz, die bei einem inflationären Effektfeuerwerk wohl schnell verloren gegangen wäre. Umso erfreulicher ist, dass die finale Enthüllung den zuvor aufgebauten Erwartungen tatsächlich gerecht wird und beweist, dass sich das Warten zumindest optisch gelohnt hat.

„‚Kraken – Erwachen der Tiefe“ verwechselt diese Zurückhaltung leider mit Spannungsaufbau. Immer wieder deutet der Film Gefahrensituationen an, nur um sie genau dann abzubrechen, wenn sie interessant werden.“

Nur verwechselt „Kraken“ diese Zurückhaltung leider mit Spannungsaufbau. Immer wieder deutet der Film Gefahrensituationen an, nur um sie genau dann abzubrechen, wenn sie interessant werden. Besonders symptomatisch ist eine Szene, in der zwei Figuren auf einem Surfbrett vor der Lachsfarm treiben. Das Wasser beginnt zu brodeln, Johanne bemerkt, dass sich unter ihnen etwas bewegt und auch die Kamera suggeriert, dass die Krake ihre Beute längst ins Visier genommen hat. Doch anstatt diese Situation aufzulösen, schneidet der Film unvermittelt zur nächsten Szene, als wäre nie etwas geschehen. Nicht einmal die Frage, wie die beiden aus dieser Situation herauskommen, wird beantwortet. Hinzu kommen Dialoge, die den Ernst einzelner Momente unnötig torpedieren. Nachdem etwa ein kleines Mädchen mit ansehen musste, wie ihr Vater von dem Monster verschlungen wird, besteht der emotionale Beistand allen Ernstes aus dem Ratschlag: „Denk nicht mehr dran.“ Solche Momente stehen exemplarisch für einen Film, der seine Spannung ebenso häufig verpuffen lässt wie seine emotionalen Höhepunkte, sodass „Kraken – Erwachen der Tiefe“ am Ende leider ziemlich spannungsarm bleibt.

Die norwegischen Fjorde als Kulisse für einen Monsterhorrorfilm machen viel her.

Fazit: „Kraken – Erwachen der Tiefe“ beweist, dass im Creature-Horror auch abseits von Haien noch reichlich Potenzial schlummert. Der Film punktet mit einer atmosphärischen Kulisse sowie einem überzeugend inszenierten Monster. Umso bedauerlicher ist es da, dass er seine größte Stärke viel zu lange zurückhält und den Spannungsaufbau immer wieder durch erzählerische Fehlentscheidungen ausbremst. Vor allem das titelgebende Seeungeheuer hätte einen besseren Film verdient.

„Kraken – Erwachen der Tiefe“ ist ab dem 23. Juli 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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