Onslaught
Mit seinem hochgradig nostalgisch eingefärbten Achtzigerjahre-Splatter ONSLAUGHT begibt sich der zuletzt im Monster-Blockbuster aktive Genre-Regisseur Adam Wingard zurück zu seinen Wurzeln. Stimmung kann er zwar noch immer, aber beim groß ausgestellten Wahnwitz hapert es (noch) ganz gewaltig.
Darum geht’s
Nach einem fehlgeschlagenen Militärexperiment brechen drei genetisch modifizierte Supersoldaten aus einer geheimen Forschungsanlage in der Wüste aus und hinterlassen auf ihrem Weg eine blutige Spur der Verwüstung. Ihr Ziel ist ausgerechnet eine abgelegene Wohnwagensiedlung, in der die ehemalige Army-Scharfschützin Celeste (Adria Arjona) mit ihrer Tochter Daisy (Blake Kennedy) lebt. Eigentlich hat sie ihre militärische Vergangenheit längst hinter sich gelassen, doch als die Killermaschinen immer näher kommen, muss Celeste auf Fähigkeiten zurückgreifen, die sie eigentlich für immer begraben wollte. Während sich auch bewaffnete Söldner auf die Jagd nach den entfesselten Supersoldaten machen, beginnt für Celeste und ihre Tochter ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben.
Kritik
Regisseur Adam Wingard hat eine Karriere hinter sich, die sich fast wie ein kleines Hollywoodmärchen liest. Nur dass am Ende eben nicht der ganz große Durchbruch steht, sondern „nur“ die (immerhin bis zum Ende gestemmte) Aufgabe, zwei ganz große Studioblockbuster zu inszenieren. Angefangen im kleinbudgetierten Genrekino, drehte Wingard frühe Horrorfilme wie „A Horrible Way to Die“ und machte spätestens mit „You’re Next“ sowie dem bis heute als Kultfilm verehrten „The Guest“ auf sich aufmerksam. Es folgten mit „Blair Witch“ und der Netflix-Adaption von „Death Note“ die ersten größeren Aufträge, wobei insbesondere Letztere für Wingard zu einer äußerst unangenehmen Erfahrung wurde: Fans der Manga- und Anime-Vorlage gingen bereits im Vorfeld hart mit dem Regisseur ins Gericht, und auch nach Veröffentlichung sah sich Wingard massiver Kritik bis hin zu persönlichen Anfeindungen ausgesetzt, was sogar dazu führte, dass er sich eine Zeitlang komplett aus den sozialen Medien zurückzog. Dabei betonte er immer wieder, dass „Death Note“ für ihn keineswegs ein lustloser Auftragsjob gewesen sei, sondern vielmehr der Versuch, sich eine etablierte Vorlage zu eigen zu machen. Leider nur mit mäßig zufriedenstellendem Erfolg. Mit „Godzilla vs. Kong“ und später „Godzilla x Kong: The New Empire“ führte ihn sein Weg schließlich endgültig ins Big-Budget-Kino, wo statt kleiner Horror-Sets plötzlich gigantische Monster aufeinander losgelassen wurden. Doch eine eigene Handschrift lässt sich damit kaum entwickeln. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb Wingard sich nun wieder auf seine Wurzeln besinnt und mit „Onslaught“ versucht, das dreckige Action- und Splatterkino der Siebziger- und Achtzigerjahre wiederzubeleben. Stilistisch gelingt ihm das, doch ironischerweise fühlt sich sein neuer Film mehr denn je so an, als wäre der Regisseur immer noch in Studiohänden gefangen.
Dabei ist „Onslaught“ auf den ersten Blick tatsächlich ein Film, der problemlos aus der Zeit seiner offensichtlichen Vorbilder stammen könnte. Das betont grobkörnige Analogbild, die schmutzigen Schauplätze, handgemachte Effekte und eine bewusst raue Inszenierung machen den Stil dieser Ära genauso unverkennbar wie die darin agierenden Figuren, die nicht lange nach den Regeln der Vernunft fragen, bevor sie direkt zur Waffe greifen. Vor allem aber lebt dieses Kino von seiner Rücksichtslosigkeit: Wenn es blutig werden soll, dann wird es blutig. Wenn es absurd werden soll, dann darf es absurd werden. Und wenn die Action eskalieren soll, dann bitte ohne jedwede Rücksicht auf Verluste. „Onslaught“ hat all das zumindest im Ansatz verinnerlicht und sieht tatsächlich so aus (und hört sich so an), als hätte man ihn aus einem staubigen Videothekenregal der Achtziger gezogen. Doch ein Gefühl der für so einen Film so dringend notwendigen Entfesselung kommt hier nie auf. Denn auch wenn Wingard diesmal wieder viel mehr „er selbst“ sein darf, wirkt es so, als schaue ihm immer noch ständig jemand über die Schulter. Ganz so, als hätte dieser Jemand solche Dinge wie eine Altersfreigabe oder Mainstream-Kompatibilität im Hinterkopf gehabt.
„Erst nach rund zwei Dritteln der Laufzeit bekommt man zunehmend das Gefühl, dass Wingard doch irgendwann den Fuß von der Bremse nehmen durfte. In den besten Momenten zeigt sich dann auch, was in ‚Onslaught‘ für ein potenzieller Kultfilm hätte stecken können.“
Das führt zu einem kuriosen Widerspruch: Ausgerechnet ein Film, der sich so offensichtlich nach dem Kino der großen filmischen Freiheit sehnt, traut sich selbst nur selten, wirklich freizudrehen. Stattdessen nimmt sich „Onslaught“ zunächst sehr viel Zeit für seine Exposition, führt an zwei Schauplätzen Figuren und Hintergründe ausgiebig ein und hält die eigentliche Genre-Sause viel zu lange zurück. Erst nach rund zwei Dritteln der (mit 92 Minuten ohnehin nur sehr knapp bemessenen) Laufzeit bekommt man zunehmend das Gefühl, dass Wingard doch irgendwann den Fuß von der Bremse nehmen durfte. In den besten Momenten zeigt sich dann auch, was in „Onslaught“ für ein potenzieller Kultfilm hätte stecken können. Dank der pulpigen Ausgangslage rund um ein aus dem Ruder gelaufendes Militärexperiment, infolgedessen eine Handvoll Supersoldaten kompromisslos mordend durch das amerikanische Hinterland zieht, wäre das hier locker drin gewesen. Und tatsächlich: Wenn Wingard seine Kreaturen dann mal von der Leine lässt, kommt bisweilen ebenjene kindliche Freude am Gewaltexzess auf, wie man sie von einem Film wie „Onslaught“ – aber auch von „einem Wingard-Film“ – erwartet hätte. Auch die bewusst trashige Ausstattung und die wunderbar handgemachten Effekte tragen ihren Teil dazu bei.
Doch leider bleiben all diese Ideen in ihren Ansätzen stecken. Wo ein echter (potenzieller) Kultfilm seine verrücktesten Einfälle immer noch das eine Stückchen weitertreiben würde, bremst „Onslaught“ genau dann wieder ab, wenn es eigentlich interessant wird. Das zeigt sich schon an der Hauptfigur: Adria Arjona („Blink Twice“) mimt zwar ziemlich überzeugend die Badass Bitch. Doch der Film selbst interessiert sich deutlich mehr dafür, wer diese Frau eigentlich ist und welche persönlichen sowie familiären Hintergründe sie antreiben, anstatt sie einfach bewaffnet auf die loszulassen, denen sie gehörig in den Arsch treten sollte. Das wäre an sich gar kein Problem, nur ist die eigentliche Action dafür schlicht zu wenig entfesselt. Denn auch die vermeintlichen Supersoldaten, die laut ihrer Konzeption eigentlich möglichst effizient töten und vor nichts zurückschrecken sollten, agieren hier erstaunlich ineffektiv. Dass sie dabei vorzugsweise mit allem hantieren, was sich in die Finger bekommen lässt – vom Hammer bis zur Kettensäge –, sei dem Genre geschuldet und ihnen deshalb großzügig verziehen. Schließlich wäre eine Schusswaffe für ein paar hochgerüstete Killermaschinen eigentlich die deutlich effektivere Wahl. Doch wenn dann auch noch ein nicht unerheblicher Teil der Kills im Off stattfindet und die Soldaten bei ihren Attacken immer wieder betont unbeholfen wirken, wird die Sache schwierig. Das nimmt der eigentlich reizvollen Idee vom unaufhaltsamen Super Soldier viel von ihrer Bedrohlichkeit. Anders sähe die Sache womöglich aus, wenn Wingard die Herkunft seiner Killer weniger ernsthaft in der Realität verankert hätte. Doch mit dem Nazi-Experiment-Setting, den grotesken Versuchsanordnungen und vor allem Dan Stevens („Abigail“) als völlig durchgedrehtem Wissenschaftler mit dem stimmungsvoll seine Gesinnung vorgebenden Namen Hans Kimmler bemüht sich „Onslaught“ eben ganz bewusst darum, die überkandidelte Attitüde seiner Vorbilder aufzugreifen. Nur müsste man dann eben auch den Mut besitzen, aus diesen Zutaten den kompletten Wahnsinn zu destillieren. Stattdessen bleibt hier vieles einfach nur eine hübsche Idee.
„Adria Arjona mimt zwar ziemlich überzeugend die Badass Bitch. Doch der Film selbst interessiert sich deutlich mehr dafür, wer diese Frau eigentlich ist und welche persönlichen Hintergründe sie antreiben, anstatt sie einfach bewaffnet auf die loszulassen, denen sie gehörig in den Arsch treten sollte.“
Fazit: „Onslaught“ sieht zwar aus wie der entfesselte Genre-Irrsinn, den Adam Wingard offenbar drehen wollte, bleibt inhaltlich und inszenatorisch aber oft auf halber Strecke stehen. Wo aus pulpigen Zutaten, handgemachten Effekten und blutigem Retro-Charme ein echter Kultfilm hätte entstehen können, entscheidet sich Wingard immer wieder für die sichere, konventionellere Variante. So bleibt am Ende zwar ein durchaus unterhaltsamer, stellenweise herrlich trashiger, insgesamt aber ziemlich mau-mittelmäßiger Action-Splatter, bei dem vor allem das Gefühl hängen bleibt, dass deutlich mehr drin gewesen wäre.
„Onslaught“ ist ab dem 3. September 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.


