Finding Emily

Was passiert, wenn die große Liebe zum Greifen nah scheint, aber ausgerechnet eine Ziffer ihrer Telefonnummer fehlt? FINDING EMILY macht aus der Suche nach einer Unbekannten eine charmante Romantic Comedy über moderne Datingregeln, in der es dann allerdings doch erstaunlich klassisch zur Sache geht.

OT: Finding Emily (UK/USA 2026)

Darum geht’s

Owen (Spike Fearn) ist ein junger Musiker aus Manchester, der auf einer Party die vermeintliche Frau seines Lebens kennenlernt. Am nächsten Morgen will er sich bei ihr melden, muss allerdings feststellen, dass auf dem Zettel mit ihrer Telefonnummer eine Ziffer fehlt. Viel mehr als ihren Vornamen Emily und die Universität, an der sie studiert, weiß Owen nicht über sie. Und dort gibt es immerhin 318 Emilys! Auf der Suche nach seiner großen Liebe erhält Owen Unterstützung von der ehrgeizigen Psychologiestudentin Emily Raine (Angourie Rice). Die ist allerdings nicht ausschließlich aus Nächstenliebe bereit, ihm bei der Suche nach der richtigen Emily zu helfen: Für ihre wissenschaftliche Arbeit über die Frage, ob Verliebtheit tatsächlich das rationale Denken außer Kraft setzt, scheint Owen das perfekte Studienobjekt abzugeben. Gemeinsam mit dem Mailprogramm der Universität machen sie sich daran, die unbekannte Emily ausfindig zu machen und setzen dabei einen ganzen Universitätscampus in Bewegung. Denn nicht jede der über 300 Emilys ist erfreut darüber, dass sie plötzlich die Nachricht eines fremden Mannes in ihrem Postfach hat…

Kritik

Wir alle haben uns im Kino schon einmal verwundert die Augen gerieben, wenn uns eine Geschichte, deren Prämisse kaum absurder hätte ausfallen können, plötzlich als „Based on True Events“ präsentiert wurde. Und doch scheint die Realität dem Drehbuchschreiben regelmäßig einen Schritt voraus zu sein. Dass etwa eine Gruppe von Männern über Jahre hinweg quer durch die Welt reist, um sich gegenseitig bei einem gigantischen Fangspiel zu verfolgen, wie in „Catch Me!“, tatsächlich auf einer wahren Geschichte basiert, klingt zunächst genauso wenig glaubwürdig wie die Vorstellung eines Bären, der sich nach dem Verzehr einer gewaltigen Menge Kokain auf einen blutigen Amoklauf begibt, wie in „Cocaine Bear“. Und auch der „GameStop“-Short-Squeeze, den „Dumb Money“ zum Ausgangspunkt nimmt, liest sich in seinen absurdesten Momenten eher wie die Erfindung eines Drehbuchautors als wie ein tatsächliches Börsenereignis.

Altmodisch: Owen (Spike Fearn) sucht noch via Aushang nach seiner Angebeteten.

Was auf der Leinwand mitunter wie hemmungslos übertriebene Fiktion wirkt, hat sich also nicht selten tatsächlich genau so oder zumindest ähnlich zugetragen. Auch bei „Finding Emily“ würde man auf den ersten Blick nicht lange zögern, um diese Geschichte für eine dieser kuriosen, aber bei längerem Überlegen dann eben doch sehr plausiblen „Nach einer wahren Begebenheit“-Storys zu halten. Doch ausgerechnet diesmal ist es anders. Denn die von Rachel Hirons („Breaking Point“) geschriebene Romantic Comedy ist frei erfunden. Und trotzdem fühlt sich vieles von dem, was sich hier auf dem Campus der Universität von Manchester abspielt, bemerkenswert echt an. Das liegt zum einen an der Art und Weise, wie der Film die ganz eigenen sozialen Gesetzmäßigkeiten des modernen Studentenlebens – allen voran die Dating Culture – einfängt. Und zum anderen daran, dass sich die Absurditäten der Handlung ganz selbstverständlich in ebendieses glaubwürdige Campusgefüge eingliedern. Irgendwann ertappt man sich zwangsläufig bei der Überlegung, dass das so doch sicher irgendwo genau so passiert sein muss.

„Wenn wie würden junge Erwachsene heute wohl reagieren, wenn ein Kommilitone plötzlich sämtliche Emilys einer Universität anschreiben würde, um die eine Frau wiederzufinden, in die er sich Hals über Kopf verliebt hat?“

Dabei ist die Ausgangslage von „Finding Emily“ ja eigentlich genau so märchenhaft, wie man es sich für eine moderne RomCom wünschen kann: Ein unscheinbarer Mann lernt auf einer Party die vermeintliche Frau seines Lebens kennen, bekommt ihre Telefonnummer und muss am nächsten Morgen feststellen, dass eine Ziffer fehlt. Mehr als ihren Vornamen und die Universität, an der sie studiert (und an der neben ihr gleich 317 weitere Emilys eingeschrieben sind) hat er nicht. Dass sich der Protagonist davon nicht abhalten lässt, seine große Liebe ausfindig zu machen – heutzutage halt über das Internet respektive das E-Mail-Programm der Universität – ist natürlich romantischer Eskapismus in Reinform. Interessanter wird es dort, wo „Finding Emily“ diese geradezu märchenhafte Suche nach „der Richtigen“ auf eine Welt treffen lässt, die mit Märchen herzlich wenig zu tun hat. Denn wie würden junge Erwachsene heute wohl reagieren, wenn ein Kommilitone plötzlich sämtliche Emilys einer Universität anschreiben würde, um die eine Frau wiederzufinden, in die er sich Hals über Kopf verliebt hat? Vermutlich nicht, indem sie ihm einfach viel Glück wünschen. Viel eher würde die Geschichte innerhalb kürzester Zeit ihre ganz eigene Dynamik entwickeln. Sie würde weitererzählt, kommentiert, ausgeschmückt und irgendwann vermutlich längst nicht mehr nur die unmittelbar Beteiligten beschäftigen.

Am Uni-Campus wird Owens Aktion unterschiedlich aufgenommen…

Aus diesem Clash zwischen romantischer Wunschvorstellung und den sozialen Realitäten des Jahres 2026 zieht „Finding Emily“ einen Großteil seines Humors. Denn natürlich wissen wir als Zuschauende von Anfang an, dass Owen kein Creep und die fehlende Ziffer tatsächlich einem unglücklichen Missgeschick geschuldet ist. Für die zahlreichen Frauen auf dem Campus, die plötzlich eine E-Mail von einem ihnen völlig unbekannten Mann erhalten, sieht die Sache dagegen anders aus. Rachel Hirons versteht diesen Konflikt und macht sich infolgedessen nicht einfach darüber lustig, dass zumindest einige der Emilys Owen für einen potenziell unangenehmen Zeitgenossen halten könnten. Stattdessen nimmt sie ihre Perspektive vollkommen ernst und entwickelt daraus eine amüsante Auseinandersetzung mit moderner Datingkultur, in der „Finding Emily“ immer wieder aufs Neue auslotet, wo romantisches Engagement aufhört und Grenzüberschreitung beginnt. Was ist noch eine süße Geste, was bereits zu viel? Wie viel Hartnäckigkeit darf man einer großen Verliebtheit zugutehalten? Und ab wann sollte man vielleicht einfach akzeptieren, dass jemand nicht gefunden werden möchte?

„Was ist noch eine süße Geste, was bereits zu viel? Wie viel Hartnäckigkeit darf man einer großen Verliebtheit zugutehalten? Und ab wann sollte man vielleicht einfach akzeptieren, dass jemand nicht gefunden werden möchte?“

Dass Regisseurin Alicia MacDonald diese Fragen in ihrem Langfilmdebüt mit reichlich Leichtigkeit verhandelt, ohne Owen je zum heimlichen Bösewicht seiner eigenen Geschichte zu machen, ist eine der größten Stärken von „Finding Emily“. Gleichzeitig ist das aber gar nicht das eigentliche Herzstück. Denn bei allen Beobachtungen über Dating, Social Media und die bisweilen eigenwilligen sozialen Spielregeln des modernen Campuslebens möchte „Finding Emily“ am Ende vor allem eines sein: ein Liebesfilm. Und als solcher macht er es sich denkbar leicht, seine große romantische Pointe vorherzusehen. Es braucht nicht viel Genreerfahrung, um von Anfang an zu durchschauen, welche der beiden Emilys tatsächlich für Owen bestimmt ist. Das ist allerdings weniger ein Problem als vielmehr die absolut richtige Entscheidung. Denn die Chemie zwischen Owen und Emily (Raine) ist schlichtweg bezaubernd. Spike Fearn („The Batman“) und Angourie Rice („The Nice Guys“) spielen ihre zunächst rein zweckmäßige Gemeinschaft mit einer solchen Leichtigkeit, dass man ihnen schon bald auch jenseits der eigentlichen Handlung gerne beim Zusammensein zusieht.

Schnell ist klar, wer hier eigentlich füreinander bestimmt ist..

Etwas aufgesetzt wirkt dagegen der Umstand, dass Emily in Owen erst einmal vor allem ein willkommenes Studienobjekt sieht. Für ihre Psychologiearbeit über die vermeintlich irrationale Natur romantischer Liebe macht sie seine Suche nach der unbekannten Emily kurzerhand zum praktischen Fallbeispiel – und hat damit natürlich ein persönliches Interesse daran, dass ihr unfreiwilliger Proband möglichst lange durchhält. Als erzählerischer Kniff erfüllt dieser Subplot zuverlässig seine Funktion, indem er der klassischen Drei-Akt-Struktur zum richtigen Zeitpunkt einen Konflikt liefert, der die beiden irgendwann zwangsläufig auseinanderbringen muss. Wirklich organisch fühlt er sich deshalb trotzdem nicht immer an. Dafür ist die Konstruktion doch ein wenig zu sehr nach den gängigen RomCom-Regeln zusammengebaut. Andererseits gehört genau das eben auch zum Reiz von „Finding Emily“, der seines modernen Anstrichs zum Trotz genau weiß, welche klassischen Genrekonventionen er bedienen will.

„Als erzählerischer Kniff erfüllt dieser Subplot zuverlässig seine Funktion, indem er der klassischen Drei-Akt-Struktur zum richtigen Zeitpunkt einen Konflikt liefert, der die beiden irgendwann zwangsläufig auseinanderbringen muss.“

Fazit: Finding Emily“ ist ein ebenso modernes wie angenehm altmodisches RomCom-Märchen, das die klassischen Genreformeln nie verleugnet, sie aber mit einem genauen Blick auf die Datingkultur von heute verbindet. Dadurch fühlt sich diese eigentlich durch und durch kitschige Liebesgeschichte jederzeit wunderbar authentisch an.

„Finding Emily“ ist ab dem 10. September 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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