Primetime

Durch die Augen eines Getriebenen: In seinem Spielfilmdebüt PRIMETIME wagt Dokumentarfilmer Lance Oppenheim einen eigenwilligen Blick auf den umstrittenen Moderator Chris Hansen und seine noch viel kontroverserer TV-Show „To Catch a Predator“. Das Ergebnis ist zweifelsohne streitbar, dank seiner konsequent überhöhten Perspektive aber bisweilen absolut brillant.

OT: Primetime (USA 2026)

Darum geht’s

Mitte der Zweitausenderjahre führt im US-amerikanischen Fernsehen kein Weg an Chris Hansen (Robert Pattinson) vorbei. Als Moderator des erfolgreichen Formats „To Catch a Predator“ hat sich der Journalist darauf spezialisiert, Männer, die sich mit vermeintlich Minderjährigen verabreden wollen, mithilfe von Lockvögeln in die Falle zu locken und anschließend vor laufenden Kameras zur Rede zu stellen. Doch mit dem wachsenden Erfolg der Sendung verschiebt sich auch Hansens Verhältnis zu seiner Arbeit: Gemeinsam mit Produzentin Andie Bender (Merritt Wever) und dem jungen Schauspieler Dan (Skyler Gisondo) sucht er nach immer spektakuläreren Fällen, während sein Wunsch nach Anerkennung zunehmend mit seinem vermeintlichen Auftrag kollidiert. Als „To Catch a Predator“ den Sprung in die Primetime schafft und sich plötzlich mit einem der größten TV-Hits seiner Zeit messen muss, wächst der Druck, noch größere Schlagzeilen zu produzieren…

Kritik

Für den Regisseur und Dokumentarfilmer Lance Oppenheim hätte es dieses Jahr kaum besser laufen können: Während sein Spielfilmdebüt „Primetime“ beim Filmfestival von Venedig vor allem dank einer furiosen Robert-Pattinson-Performance für Aufsehen sorgte, wurde dem Film bereits zum Festivalzeitpunkt beinahe der Rang abgelaufen – von seinem eigenen Projekt. Denn parallel zur „Primetime“-Premiere tauchte der über Jahre geheim gehaltene Trailer zu „You Can See Everything“ auf. Einer gemeinsam mit dem kanadischen Komiker Nathan Fielder realisierten Dokumentation über die verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes. Allein die wenigen im Teaser zu sehenden Minuten, in denen sich Holmes und Fielder gegenseitig in die Augen bohren und die Frage nach ihrer Aufrichtigkeit zum psychologischen Kräftemessen wird, reichten aus, um das Internet in kollektive Aufregung zu versetzen. Die Ausgangslage: Holmes lud ein Filmteam zunächst ein, die letzten 34 Tage vor ihrem Haftantritt zu dokumentieren, woraus sich eine dreijährige, laut offizieller Synopsis „mind-bending“ Reise entspinnen soll. Und plötzlich ergeben „You Can See Everything“ und „Primetime“ ein ziemlich spannendes Doppel: Zwei Filme, die sich auf sehr unterschiedliche Weise den Perspektiven ihrer Protagonist:innen verschreiben und dabei zumindest dem Trailer nach einen unangenehm subjektiven Blick auf diese einnehmen. Hier der selbsternannte Pädophilenjäger Chris Hansen, dort die wegen Betrugs verurteilte Unternehmerin Elizabeth Holmes. Und dazwischen ein Regisseur, der offenbar ein besonderes Interesse daran hat, seine Hauptfiguren nicht vorschnell für sein Publikum einzuordnen, sondern es stattdessen dazu zwingt, sich selbst eine Meinung über die Menschen vor der Kamera zu bilden.

In seiner Sendung „To Catch a Predator“ konfrontiert Chris Hansen (Robert Pattinson) Männer mit ihren pädophilen Neigungen.

Denn ganz egal, ob man Chris Hensen nun kennt oder nicht: „Primetime“ konfrontiert sein Publikum von Anfang an mit einer schwer durchdringbaren Figur. Der US-amerikanische Journalist wurde durch die NBC-Sendung „To Catch a Predator“ bekannt, in der er gemeinsam mit dem Aktivisten-Netzwerk Perverted-Justice vermeintlich minderjährige Lockvögel mit versteckter Kamera begleitete, um Männer zu konfrontieren, die sich mit ihnen zu sexuellen Treffen verabredet hatten. Die Sendung entwickelte sich zum Quotenhit, wurde aber zugleich für ihre Methoden und die teils fragwürdige Vermischung von Journalismus, Unterhaltung und öffentlicher Bloßstellung kritisiert. Vielleicht auch aufgrund des Wissens um die durchaus kontroversen Meinungen zu seiner Person hatte sich Hansen selbst bereits im Vorfeld von „Primetime“ distanziert.  Wohlgemerkt, ohne den Film überhaupt gesehen zu haben. Und tatsächlich nähert sich Lance Oppenheim seiner Persona ein wenig anders, als es der erste Trailer vermuten ließ. Während Hansen in der Dokumentation „Predators“ über die Entstehung der legendären TV-Reihe noch eher zurückhaltend und seriös wirkt, zeichnet „Primetime“ ein deutlich komplexeres Bild des Moderators. Robert Pattinson („Das Drama“) macht aus ihm keinen permanent aufgedrehten Egomanen, als den man ihn nach den ersten Trailereindrücken vielleicht erwartet hätte. Sein Spiel ist subtil, eher nach innen gekehrt. Das Getriebene, das zweifellos in dieser Figur steckt, arbeitet Pattinson zwar auch vereinzelt heraus. Doch geschieht dies weniger über große emotionale Ausbrüche oder ein demonstratives Geltungsbedürfnis. Stattdessen lässt Pattinson Hansen wie jemanden wirken, der seine Obsessionen längst so tief verinnerlicht hat, dass er sie gar nicht mehr nach außen tragen muss.

„Lance Oppenheim übernimmt nicht einfach die Ästhetik des Formats, sondern verfremdet und überhöht sie zu einer regelrechten Fernsehfantasie. Schließlich war ‚To Catch a Predator‘ für Hansen der Sprung aus der vergleichsweise seriösen Nachrichtenwelt in die titelgebende Primetime.“

Dem betont zurückgenommenen Spiel Pattinsons steht wiederum eine Inszenierung gegenüber, die so gar nichts mit Zurückhaltung zu tun hat. Lance Oppenheim überzieht die Geschichte mit einer rauschhaften, geradezu fiebrigen Fernsehästhetik. Split-Screens und nachgestellte Überwachungskamera-Bilder, harte Zooms, schnelle Schnitte und vereinzelt an das reißerische Unterhaltungsfernsehen der frühen Zweitausender erinnernde Bild- und Montagekniffe treffen auf einen permanent treibenden Soundtrack (Ari Balouzian, „Some Kind of Heaven“) und eine krisselig-kontrastreiche Bildsprache (David Bolen, „Thelma“). Das mag bei der Vorlage auf den ersten Blick unpassend wirken, schließlich war die eigentliche TV-Sendung ja eben nicht so. Denn „To Catch a Predator“ lebte zu einem großen Teil von vergleichsweise nüchternem Überwachungskameramaterial und den anschließenden Konfrontationen zwischen Hansen und den überführten Männern. Oppenheim übernimmt also nicht einfach die Ästhetik des Formats, sondern verfremdet und überhöht sie zu einer regelrechten Fernsehfantasie. Schließlich war „To Catch a Predator“ für Hansen der Sprung aus der vergleichsweise seriösen Nachrichtenwelt in die titelgebende Primetime. Und die hatte im amerikanischen Fernsehen der damaligen Zeit vor allem eine Aufgabe: Aufmerksamkeit zu erzeugen. „To Catch a Predator“ musste sich schließlich gegen andere große Publikumsmagneten behaupten. Stellvertretend hierfür erwähnt „Primetime“ vor allem das US-Serienphänomen „Lost“, gegen das „To Catch a Predator“ ab dem Moment seines Sendeplatzwechsels antreten musste.

Einer der Lockvögel: der jugendlich aussehende Nachwuchsschauspieler Dan (Skyler Gisondo).

Immer wieder zeigt Lance Oppenheim, dass Hansen diesen Erfolg trotzdem nie so ganz als ausreichend empfunden zu haben scheint. In diversen Szenen blitzt hier sein Wunsch auf, vom immerhin landesweit bekannten Fernsehgesicht zu einem echten Star zu werden. Besonders deutlich wird das in jenem Moment, in dem Hansen sich selbst über eine Promi-Suchmaschine googelt und sichtlich daran zu knabbern hat, dort nicht aufzutauchen. Er ist zwar berühmt, aber eben nicht auf die Art, auf die er gern berühmt wäre. Das macht aus „Primetime“ kein klassisches Biopic und schon gar keine nüchterne Rekonstruktion der Entstehung von „To Catch a Predator“ (dafür gibt es ohnehin bereits die sehr sehenswerte und unweit kritischere Dokumentation „Predators“). Vielmehr interessiert sich Oppenheim für die ganz persönliche Wahrnehmung eines Mannes, der sich selbst längst als Hauptfigur seiner eigenen Erfolgsgeschichte begreift. Die rauschhafte Inszenierung wird dabei gewissermaßen zu Hansens Blick auf die Welt, in der jede Kamera zur Bühne wird und jede Konfrontation zum großen Auftritt. Als Zuschauende sehen wir „To Catch a Predator“ als nicht so, wie die Sendung tatsächlich war, sondern so, wie Hansen sie vielleicht gern verstanden wissen wollte. Und plötzlich wird auch die vermeintliche Diskrepanz zwischen Pattinsons zurückgenommenem Spiel und Oppenheims überbordender Inszenierung zum zentralen Stilmittel. Denn während der Mann vor der Kamera erstaunlich in sich gekehrt wirkt, tut der Film um ihn herum unentwegt so, als würde hier gerade die wichtigste Fernsehsendung der Welt entstehen.

„Oppenheim erzählt eben nicht einfach nur die Geschichte einer kontroversen Fernsehsendung nach, sondern setzt aus drei subjektiven Wahrnehmungen ein ebenso subjektives Gesamtbild zusammen, verweigert sich dafür allerdings konsequent einer eigenen Perspektive.“

Im weiteren Verlauf bleibt Chris Hansen übrigens nicht die einzige Perspektive, durch die Lance Oppenheim auf „To Catch a Predator“ blickt. Mit Dan Plumb, einem der jugendlich wirkenden Schauspieler, die einst als Lockvögel eingesetzt wurden, und der Produzentin Andie Bender stellt der Film zwei weitere Figuren ins Zentrum, die jeweils ganz eigene Verbindungen zu der Sendung haben. Plumb ist dabei dem echten Schauspieler Dan Schrack nachempfunden, der später selbst mit seiner Rolle und deren Nachwirkungen haderte. Bender wiederum ist eine aus mehreren realen Personen zusammengesetzte Figur und fungiert als Gegenpol zu Hansen und Plumb gleichermaßen. Und tatsächlich verändert sich der Blick auf die Sendung abhängig davon, wem Oppenheim gerade folgt. Wo Hansens Perspektive von der fiebrigen Energie des Fernsehmachens und dem Gefühl des großen Auftritts geprägt ist, schwingt bei Plumb stärker die Ambivalenz darüber mit, selbst zum Bestandteil dieser medialen Inszenierung zu werden. Und Bender wiederum bringt eine vermittelnde Perspektive zwischen diesen beiden Polen ein, sodass sich die Tonlage von „Primetime“ immer wieder ein wenig verschiebt, ohne seine überbordende Filmsprache grundsätzlich aufzugeben. Vermutlich liegt hierin die größte Faszination, die von „Primetime“ insgesamt ausgeht, an der sich aber auch die Geister scheiden werden. Denn Oppenheim erzählt eben nicht einfach nur die Geschichte einer kontroversen Fernsehsendung nach, sondern setzt aus drei subjektiven Wahrnehmungen ein ebenso subjektives Gesamtbild zusammen, verweigert sich dafür allerdings konsequent einer eigenen Perspektive. Die muss man sich im Laufe der rauschhaft an einem vorbeigehenden Stunden schon selbst bilden.

In seinem Film setzt Lance Oppenheim viel auf Überhöhung und Symbolik, während er gleichzeitig auf die Ästhetik des frühen Zweitausenderfernsehens zurückgreift.

Fazit: „Primetime“ ist das ebenso eigenwillige wie faszinierendes Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Lance Oppenheim, das vor allem dank Robert Pattinsons subtiler, vielschichtiger Performance weit über eine bloße Aufarbeitung von „To Catch a Predator“ hinausgeht. Die rauschhafte, konsequent subjektive Inszenierung ist dabei zweifellos streitbar und dürfte nicht jeden Geschmack treffen. Zumal der Film seinem Publikum eine eigene Haltung zu seinen Figuren konsequent verweigert. Wer sich auf diesen ungewöhnlichen Ansatz einlässt, bekommt dafür einen formal ungemein spannenden und bemerkenswert ambivalenten Film geboten.

„Primetime“ ist ab dem 24. September 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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