H wie Habicht
Ein Habicht als Therapeut? Was zunächst ungewöhnlich klingt, entwickelt sich in dem auf wahren Ereignissen beruhenden Trauerdrama H WIE HABICHT zu einem der eindringlichen Blick auf eine außergewöhnliche Mensch-Tier-Beziehung.
Darum geht’s
Helen Macdonald (Claire Foy) verliert mit ihrem Vater (Brendan Gleeson) nicht nur einen geliebten Menschen, sondern zugleich ihren wichtigsten emotionalen Anker. Während Freunde und Kolleginnen versuchen, sie zurück in den Alltag zu holen, zieht sie sich immer weiter aus ihrem bisherigen Leben zurück. Statt Trost in ihrem sozialen Umfeld zu suchen, erfüllt sie sich einen lang gehegten Traum: Sie kauft den jungen Habicht Mabel, um ihn selbst abzurichten. Ein Unterfangen, das selbst unter erfahrenen Falknerinnen und Falknern als besondere Herausforderung gilt. Zwischen den Verpflichtungen im Job, den schmerzhaften Erinnerungen an ihren Vater und den ersten, oft mühsamen Annäherungsversuchen an das scheue Tier beginnt Helen, ihren gesamten Alltag nach Mabel auszurichten. Was zunächst wie eine Form der Selbsttherapie erscheint, entwickelt sich jedoch zunehmend zu einer Obsession. Denn je intensiver sie versucht, den wilden Greifvogel zu verstehen, desto unausweichlicher wird sie mit ihren eigenen Ängsten, ihrer Einsamkeit und den Wunden konfrontiert, die der Verlust ihres Vaters hinterlassen hat.
Kritik
Filme über Trauer folgen häufig ähnlichen Mustern. Ganz so, wie auch im echten Leben die Konfrontation mit einer Todesnachricht in der Regel nach ähnlichen Abläufen funktioniert. Ist ein geliebter Mensch verstorben, gerät der Alltag erst einmal aus den Fugen. Doch nachdem wir die fünf Stufen der Trauer durchlebt haben – Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz – wartet irgendwo auch die Erkenntnis, dass das Leben weitergeht. Mal geschieht dieser Prozess durch eine neue Liebe, mal durch eine Reise oder den Zusammenhalt einer Familie. Das Kino hat im Laufe der Jahrzehnte unzählige Varianten hervorgebracht, um Verlust erfahrbar zu machen. Mitunter reicht aber auch ein einziger ungewöhnlicher Gedanke aus, um diesem vertrauten Thema eine völlig neue Perspektive zu verleihen. In der Romanverfilmung „H wie Habicht“ ist es ausgerechnet die Falknerei, die zum Ausgangspunkt eines ebenso leisen wie eindringlichen Trauerdramas wird. Dass sich die Geschichte dafür so hervorragend eignet, ist wenig überraschend. Helen Macdonalds gleichnamiges Memoir entwickelte sich nach seiner Veröffentlichung 2014 zu einem internationalen Bestseller und gewann unter anderem den renommierten Samuel Johnson Prize. Regisseurin Philippa Lowthorpe („Misbehaviour“) nimmt sich dieser Vorlage nun an, ohne sie zu einem klassischen Biopic umzuformen. Stattdessen bleibt sie ganz nah bei ihrer Hauptfigur und interessiert sich weniger für die äußeren Stationen ihres Lebens als für die Veränderungen, die sich in ihrem Inneren vollziehen.
Dabei erweckt „H wie Habicht“ nie den Eindruck, aus seinem ungewöhnlichen Ausgangspunkt Kapital schlagen zu wollen. Denn die Falknerei dient hier nicht etwa als exzentrischer Aufhänger oder gar als erzählerischer Selbstzweck. Stattdessen dient sie als so etwas wie ein Spiegel, um die psychische Verfassung der Hauptfigur darlegen. Regisseurin Lowthorpe interessiert sich dabei weniger für die Mechaniken der Greifvogelhaltung (wenn dieses Thema dann doch mal für einen kurzen Moment stärker ins Zentrum rückt, sind diese Einschübe allerdings wirklich spannend!) als für die Frage, weshalb Helen überhaupt das Bedürfnis entwickelt, sich ausgerechnet einem Tier zuzuwenden, das sich jeder Form von Kontrolle entzieht. Die Ausbildung des Habichts wird dadurch beinahe zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit ihr selbst. Wie sehr Helen dies bewusst ist, lässt „H wie Habicht“ derweil offen. Nimmt sich die junge Frau des Vogels bewusst an, um mit der Trauer umgehen zu lernen? Oder entsteht diese fixe Idee aus dem Ausnahmezustand heraus? Dieses Urteil darf am Ende jede:r selbst für sich fällen. Klar ist aber: Je mehr Zeit Helen mit der Falkendame Mabel verbringt, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen der Beobachtung des Tieres und der Verarbeitung ihres eigenen Verlusts. Der Film verzichtet dabei erfreulicherweise auf plakative Erklärungsversuche und vertraut stattdessen darauf, dass sich seine emotionalen Zusammenhänge aus den vielen kleinen Momenten zwischen Mensch und Tier erschließen.
„Der Film verzichtet erfreulicherweise auf plakative Erklärungsversuche und vertraut stattdessen darauf, dass sich seine emotionalen Zusammenhänge aus den vielen kleinen Momenten zwischen Mensch und Tier erschließen.“
Dass die Beziehung zwischen Mensch und Tier zu keinem Zeitpunkt konstruiert wirkt, ist vor allem Claire Foy („Aufbruch zum Mond“) zu verdanken. Die Emmy-Preisträgerin trägt den Film nahezu im Alleingang und beweist einmal mehr, wie perfekt es ihr gelingt, die inneren Konflikte ihrer Figur allein über Mimik und Körpersprache zu vermitteln. Dabei kommt ihr ausgerechnet ihr ungewöhnlicher Spielpartner zugute. Denn Mabel ist hier keine bloße Requisite oder ein dramaturgisches Symbol, sondern ein eigenständiger Charakter mit einem kaum berechenbaren Willen. Um dieses Wechselspiel so authentisch wie möglich einzufangen, verzichtete Philippa Lowthorpe weitestgehend auf Tricksereien. Statt computergenerierter Effekte oder animatronischer Attrappen kamen gleich mehrere echte Habichte zum Einsatz, die – je nach Temperament und Anforderung der jeweiligen Szene – unterschiedliche Facetten von Mabel verkörperten. Claire Foy absolvierte im Vorfeld eine mehrwöchige Falknereiausbildung und musste sich am Set vollständig auf das Verhalten der Tiere einlassen. Viele Szenen entstanden deshalb in kleinen, abgeschotteten Teams, um die sensiblen Greifvögel nicht zu irritieren. Das Ergebnis dieser aufwändigen Arbeit sieht man im Film. Zahlreiche Momente zwischen Helen und Mabel wirken nicht einstudiert, sondern entstehen unmittelbar aus der Situation heraus. Gerade die kleinen, unvorhersehbaren Reaktionen des Vogels verleihen dem Zusammenspiel große Authentizität. Wenn Helen vorsichtig das Vertrauen ihres tierischen Gegenübers gewinnt, dann beobachtet man nicht bloß eine Schauspielerin bei der Arbeit, sondern tatsächlich zwei Lebewesen, die sich Stück für Stück aneinander annähern.

Helens Bekanntenkreis steht ihrer plötzlichen Leidenschaft für die Falknerei und ihr Falkenmädchen Mabel kritisch gegenüber.
So konsequent sich „H wie Habicht“ auf die Beziehung zwischen Helen und Mabel konzentriert, so sehr geht diese Fokussierung allerdings auch mit kleineren Einschränkungen einher. Trotz Claire Foys nuancierter Darstellung bleibt Helen bis zum Schluss eine unnahbare Figur, deren Gedankenwelt sich dem Publikum nie vollständig erschließt. Das mag der Intention des Films entsprechen, erschwert stellenweise aber auch die emotionale Identifikation. Ähnliches gilt für Helens Umfeld. Abgesehen von wenigen, bewusst knapp gehaltenen Begegnungen bleiben Freunde, Kolleginnen und Bekannte weitgehend Randfiguren, die nur dann in Erscheinung treten, wenn sie sich nach Helens Befinden erkundigen oder versuchen, sie zurück in den Alltag zu holen. Zwar benötigt der Film diese Figuren gar nicht zwingend, um seine Geschichte zu erzählen. Dennoch entsteht immer wieder der Eindruck, dass gerade ihre Perspektiven spannende neue Blickwinkel auf Helens ungewöhnliche Bindung zu Mabel hätten eröffnen können. So entscheidet sich Philippa Lowthorpe konsequent für die Intimität ihrer Inszenierung und verzichtet in Gänze auf erzählerische Umwege. Das nimmt „H wie Habicht“ zwar ein wenig von seiner Vielschichtigkeit, schmälert aber kaum die Kraft dieses außergewöhnlichen Trauerdramas.
„Trotz Claire Foys nuancierter Darstellung bleibt Helen bis zum Schluss eine unnahbare Figur, deren Gedankenwelt sich dem Publikum nie vollständig erschließt. Das mag der Intention des Films entsprechen, erschwert stellenweise aber auch die emotionale Identifikation.“
Fazit: Mit „H wie Habicht“ gelingt Philippa Lowthorpe ein ungewöhnlicher Trauerfilm, der seine Kraft vor allem aus den intensiven Momenten zwischen Mensch und Tier zieht. Claire Foy trägt das Drama mit ihrer zurückgenommenen Performance, während die Arbeit mit den echten Habichten für ein hohes Maß an Authentizität sorgt. Trotz kleiner erzählerischer Einschränkungen bleibt „H wie Habicht“ ein ebenso berührendes wie faszinierendes Filmerlebnis.
„H wie Habicht“ ist ab dem 23. Juli 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

