Backrooms
Vor wenigen Jahren bestand BACKROOMS noch aus einem einzigen Bild und einer vagen Idee, die das Internet nicht mehr losließ. Heute ist daraus einer der größten Horrorfilme des Jahres geworden. Doch wird der diffuse Albtraum von leeren, gelben Räumen, irgendwo fern unserer Realität, seinem Vorab-Hype gerecht?
Darum geht’s
Clark (Chiwetel Ejiofor) hat sich gerade von seiner Frau getrennt und verbringt Tag und Nacht in einem Möbelhaus, das von ihn mehr schlecht als recht über Wasser hält. Hin und wieder besucht er seine Therapeutin Mary (Renate Reinsve), die versucht, Clarks inneren Traumata auf den Grund zu gehen. Eines Nachts entdeckt er im Untergeschoss ein grelles Licht und einen Spalt in der Wand. Beim Versuch, diesem auf den Grund zu gehen, landet er plötzlich in einer Art Parallelwelt, die aus endlosen Gängen, gelben Wänden und flirrenden Neonröhren besteht. Zunächst ängstlich, aber immer neugieriger erkundet Clark die endlos verzweigten Räume und begreift mehr und mehr, dass sie enger mit seiner Psyche verbunden sind, als ihm lieb ist…
Kritik
Es ist noch gar nicht lange her, da galt Horror als verlässlicher, aber selten wirklich spektakulärer Bestandteil des Kinogeschäfts. Nun dominieren ausgerechnet zwei von YouTube-Kreativen erdachte Albträume die Schlagzeilen. Während Curry Barkers „Obsession“ mit einem Budget von unter einer Million Dollar mittlerweile auf fast 290 Millionen Dollar weltweites Einspiel zusteuert, hat Kane Parsons’ „Backrooms“ binnen weniger Wochen nicht nur die Kassen klingeln lassen, sondern sich mit mehr als 260 Millionen Dollar sogar zum erfolgreichsten Film in der Geschichte von A24 aufgeschwungen (Stand: Mitte Juni 2026). Beide Produktionen eint dabei weit mehr als ihr Genre. Barker ist 26, Parsons gerade einmal 20 Jahre alt. Beide haben sich ihre filmische Sprache nicht in Hollywood, sondern auf YouTube erarbeitet. Und sie stehen damit stellvertretend für eine Entwicklung, die sich bereits mit den Philippou-Brüdern abzeichnete, deren YouTube-Vergangenheit lange als Kuriosität galt, ehe „Talk to Me“ und zuletzt „Bring Her Back“ bewiesen, dass die vermeintlichen Internetkinder längst zu den spannendsten Stimmen des modernen Horrorkinos gehören. Tatsächlich erinnert die parallele Erfolgsgeschichte von „Obsession“ und „Backrooms“ inzwischen beinahe an ein Horror-Pendant zum „Barbenheimer“-Phänomen: Zwei (mit Ausnahme des Genres) völlig unterschiedliche Filme, die sich gegenseitig nicht kannibalisieren, sondern ihren Hype sogar noch verstärken. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Hollywood den „jungen Wilden“ künftig größere Spielwiesen überlassen wird. Die Frage lautet vielmehr, ob „Backrooms“ dem gigantischen Erwartungsdruck standhalten kann, den das Internet in den vergangenen Monaten um ihn aufgebaut hat.
Um zu verstehen, weshalb ausgerechnet die „Backrooms“ zu einem der größten Horrorphänomene der Internetgeschichte werden konnten, muss man zunächst verstehen, was sie überhaupt sind. Der Mythos geht auf ein mittlerweile legendäres Bild zurück, auf dessen Grundlage Kane Parsons später 18 Kurzfilme drehte. Darauf beziehungsweise darin zu sehen: endlose, gelb tapezierte Büroräume, grelles Neonlicht, schmutziger Teppichboden und eine beklemmende Leere. Auf den ersten Blick wirkt daran nichts unmittelbar bedrohlich. Doch genau darin liegt der eigentliche Schrecken. Die „Backrooms“ funktionieren über ein Gefühl, das viele Menschen bereits von einem anderen viralen Internetphänomen kennen dürften. Vor einigen Jahren kursierte ein Bild, das die Wahrnehmung eines Menschen kurz vor einem Schlaganfall visualisieren sollte. Man blickte darauf und hatte das Gefühl, Möbel, Räume und Gegenstände zu erkennen und doch ergab das Gesamtbild keinen Sinn. Alles wirkte vertraut und fremd zugleich. Genau dieses Unbehagen machen sich die „Backrooms“ zunutze. Sie bestehen aus Orten, die aussehen wie Büros, Flure, Lagerhallen oder Einkaufszentren, also aus Räumen, die unser Gehirn grundsätzlich einordnen kann. Doch irgendetwas stimmt nicht. Die Dimensionen wirken falsch, die Wege führen ins Nichts, die Architektur folgt keiner nachvollziehbaren Logik. Es ist die Horrorversion eines Déjà-vus, bei dem das Vertraute um wenige, aber entscheidende Grad aus der Realität verschoben wurde. Die große Herausforderung einer Verfilmung besteht folglich nicht darin, diese Atmosphäre zu erzeugen – schließlich ist sie bereits im Konzept angelegt –, sondern darin, sie über die Länge eines Kinofilms hinweg mit einer tragfähigen Geschichte zu verbinden.
„Weder Ejiofors noch Reinsves Charakter werden über Charisma oder emotionale Zugänglichkeit definiert. Stattdessen leben sie von ihren Widersprüchen und unangenehmen Seiten. Doch die eigentlichen Stars bleiben die endlosen Flure, die unmöglichen Räume und die allgegenwärtige Orientierungslosigkeit.“
Hierin lag vermutlich auch die größte Hürde, die Kane Parsons bei der Übertragung seines Internetmythos auf Spielfilmlänge überwinden musste. Die „Backrooms“ funktionieren als Konzept gerade deshalb so gut, weil sie im Grunde niemandem gehören. Sie sind eher ein Ort oder eine Stimmung und keine klassische Geschichte. Für einen Kinofilm braucht es jedoch zwangsläufig Identifikationsfiguren, durch deren Augen wir diese Welt erleben. Umso überraschender schien da zunächst die Entscheidung, ausgerechnet mit Chiwetel Ejiofor („The Life of Chuck“) und Renate Reinsve („Sentimental Value“) zwei vergleichsweise prominente Namen für die Hauptrollen zu verpflichten. Vor allem Ejiofor bringt ein gewisses Problem mit sich: Er ist schlicht zu bekannt. Man sieht nicht nur die Figur, sondern immer auch den Oscar-nominierten Schauspieler aus zahllosen anderen Produktionen. Ein kleiner Teil jener Authentizität geht dadurch verloren, die Parsons‘ ursprüngliche YouTube-Kurzfilme so wirkungsvoll machte. Gleichzeitig erweisen sich beide Besetzungen als Glücksgriff. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre Figuren gar nicht erst versuchen, klassische Sympathieträger zu sein. Weder Ejiofors noch Reinsves Charakter werden über Charisma oder emotionale Zugänglichkeit definiert. Stattdessen leben sie von ihren Widersprüchen und unangenehmen Seiten. Doch die eigentlichen Stars bleiben die endlosen Flure, die unmöglichen Räume und die allgegenwärtige Orientierungslosigkeit. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, weshalb Parsons diesen Schritt gehen musste. Denn die Figuren erfüllen noch einen weiteren Zweck: Sie liefern dem Mythos erstmals ein emotionales Fundament und stellen aktiv die Frage, wofür die „Backrooms“ eigentlich stehen.
Genau an diesem Punkt wird „Backrooms“ besonders interessant. Wer nun befürchtet, Kane Parsons würde den Mythos seiner eigenen Schöpfung durch eine allzu konkrete Erklärung entzaubern, kann jedoch beruhigt sein. Der Film liefert keine endgültigen Antworten und erhebt auch nie den Anspruch, die eine, wahre Bedeutung der Backrooms zu entschlüsseln. Stattdessen wirkt das Gezeigte eher wie eine von vielen möglichen Lesarten, die sich um das Phänomen ranken könnten. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, fühlt man sich dabei stellenweise überraschend an Pixars „Alles steht Kopf“ erinnert – allerdings in einer deutlich düstereren und wesentlich abstrakteren Horrorvariante. Nicht, weil die Filme ähnliche Geschichten erzählen würden, sondern weil beide Werke Räume erschaffen, die sich wie physische Manifestationen innerer Zustände anfühlen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass „Backrooms“ seine Symbolik niemals vollständig entschlüsselt. Wo Pixar seine Metaphern bewusst zugänglich macht, bleibt Parsons rätselhaft. Der Film arbeitet mit Widersprüchen, Leerstellen und Andeutungen, die sich einer eindeutigen Interpretation konsequent verweigern. Dadurch entsteht der Eindruck, dass jede:r Zuschauer:in letztlich einen etwas anderen Film sieht. Vermutlich sehen selbst die Backrooms für jeden Menschen ein wenig anders aus, weil jede Person andere Dinge in diese endlosen Räume hineinliest.
„Etwas schwächer wird der Film immer dann, wenn er versucht, mögliche Bedrohungen zu konkret werden zu lassen. Sobald sich das zuvor nur diffus Angedeutete manifestiert, verliert der Horror ein Stückweit an Kraft.“
Bleibt noch die Frage, ob „Backrooms“ denn auch gruselig ist. Die Antwort lautet: Ja, allerdings selten auf die Weise, wie man es von einem klassischen Horrorfilm erwarten würde. Parsons wechselt immer wieder zwischen konventionell inszenierten Szenen und Found-Footage-Sequenzen, die direkt an die viralen Kurzfilme erinnern. Seine stärksten Momente hat der Film jedoch immer dann, wenn er sich von jeder Form narrativer Hektik löst und seine Figuren schlicht durch diese unmögliche Welt wandern lässt. Besonders die erste längere Sequenz, in der Chiwetel Ejiofors Figur die Backrooms erkundet, gehört zu den stimmungsvollsten Szenen des gesamten Films. Über mehrere Minuten fällt kaum ein Wort. Stattdessen beobachtet man gemeinsam mit ihm die endlosen gelben Flure und seltsam verschachtelte, die gleichzeitig banal und vollkommen falsch wirkt. Hier entsteht jener Sog, der die Backrooms überhaupt erst zum Phänomen gemacht hat. Etwas schwächer wird der Film immer dann, wenn er versucht, mögliche Bedrohungen zu konkret werden zu lassen. Sobald sich das zuvor nur diffus Angedeutete manifestiert, verliert der Horror ein Stückweit an Kraft. Auch die wenigen eingestreuten Jumpscares wirken eher wie Zugeständnisse an Genre-Konventionen als wie eine organische Erweiterung des Konzepts. Andererseits bleibt Parsons erfreulich zurückhaltend und verfällt nie in die Versuchung, seine Welt vollständig zu erklären oder mit Monstern zu überfrachten. Wer mit sogenannten „Liminal Spaces“ ohnehin etwas anfangen kann, dürfte sich hier über die gesamte Laufzeit hinweg unwohl fühlen – was in diesem Zusammenhang ausschließlich ein Kompliment sein kann.

Selbst wenn der Film noch gar nicht in den Backrooms spielt, löst das immer leere, merkwürdig entrück wirkenden Möbelhaus Unbehagen aus.
Fazit: Mit „Backrooms“ gelingt dem gerade einmal 20-jährigen Kane Parsons das Kunststück, (s)einen Internetmythos auf Spielfilmlänge auszudehnen, ohne ihm dabei seine Rätselhaftigkeit zu nehmen. Der Film beantwortet einige Fragen, wirft aber mindestens genauso viele neue auf und erweitert dadurch die Mythologie. Nicht jede kreative Entscheidung geht vollends auf, doch als atmosphärischer Horrortrip und möglicher Wegweiser für eine neue Generation von Filmschaffenden gehört „Backrooms“ zweifellos zu den spannendsten Genrebeiträgen des Jahres.
„Backrooms“ ist ab dem 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.



Renate Reinsve? Bin dabei!