Obsession – Du sollst mich lieben

Mehrere hundert Millionen Dollar Einspiel bei einem Budget, das kaum für die Catering-Kosten mancher Blockbuster reichen dürfte, und ein Hype, der seit Monaten sämtliche sozialen Netzwerke dominiert: OBSESSION – DU SOLLST MICH LIEBEN ist schon jetzt ein Phänomen, das sich seinen Hype-Status wohlverdient hat.

OT: Obsession (USA 2026)

Darum geht’s

Bear (Michael Johnston) ist schon lange in Nikki (Inde Navarette) verschossen. Doch bislang hat sich der junge Mann nicht getraut, seine Angebetete anzusprechen. Nachdem es Anzeichen dafür gibt, dass seine Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, begeht Bear einen Fehler, den er noch bitter bereuen wird: Obwohl er nicht daran glaubt, wünscht er sich mithilfe eines One Wish Willow, dass Nikki ihn fortan mehr lieben möge als alles andere im Universum. Und der Wunsch geht in Erfüllung. Fortan sind die beiden ein Paar. Besonders Bear genießt die Aufmerksamkeit seiner neuen Freundin. Doch diese fragwürdige Liebe hat einen Haken, denn Nikkis Besitzansprüche werden immer größer und nehmen nach und nach zerstörerische Ausmaße an…

Kritik

Der Horrorfilm „Obsession – Du sollst mich lieben“ hat schon jetzt Filmgeschichte geschrieben. Bei Produktionskosten von gerade einmal rund 750.000 Dollar spielte das Kinodebüt von YouTube-Star Curry Barker („Milk & Serial“, auf YouTube streambar) innerhalb weniger Wochen weltweit über 280 Millionen Dollar ein und avancierte damit zu einem der profitabelsten Kinofilme aller Zeiten. Tendenz steigend. Rekorde wurden dabei gleich mehrere gebrochen: So gelang „Obsession“ der erfolgreichste Start eines originären Horrorstoffs seit Jahren und die Mundpropaganda lies den Film Woche für Woche weiterwachsen. Ein Kunststück, das im modernen Blockbusterkino so in der Form kaum noch vorkommt. Gleichzeitig profitiert der Film von einem Phänomen, das aktuell die gesamte Branche beschäftigt. Denn mit dem ebenfalls von einem jungen Internet-Kreativen inszenierten „Backrooms“ läuft zeitgleich ein weiterer Horrorhit in den Kinos, der beweist, wie stark die Grenzen zwischen YouTube-Kultur und Hollywood mittlerweile verschwimmen. Anstatt sich gegenseitig das Publikum abzujagen, haben beide Filme von ihrer Parallelität profitiert und sich zu einem popkulturellen Doppelereignis – „Barbenheimer“ lässt grüßen – entwickelt, das selbst etablierte Franchise-Giganten wie „The Mandalorian and Grogu“ aktuell alt aussehen lässt.

Das Unheil steht kurz bevor…

Keine Frage: „Obsession“ trifft einen Nerv. Dabei basiert der Film eigentlich auf einer denkbar vertrauten Prämisse. Das „Be Careful what you wish for“-Trope gehört schließlich zu den ältesten Motiven des fantastischen Erzählens überhaupt und wurde insbesondere im Horrorfilm bereits unzählige Male variiert. Von der verfluchten Affenpfote in W. W. Jacobs‘ Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ über die mörderischen Wunschfantasien in „Wishmaster“ bis hin zu jüngeren Vertretern wie „Talk to Me“, die ebenfalls von Figuren erzählen, die eine vermeintliche Abkürzung zum Glück nehmen und dafür einen hohen Preis zahlen. Curry Barker interessiert sich jedoch eher wenig für die Frage, ob Wünsche auch wirklich in Erfüllung gehen sollten. Stattdessen nutzt er das bekannte Motiv lediglich als Ausgangspunkt für etwas deutlich Zeitgenössischeres. Der eigentliche Horror entsteht hier nicht aus dem Übernatürlichen, sondern aus einer zwischenmenschlichen Dynamik, die vielen Zuschauenden unangenehm vertraut vorkommen dürfte. Denn hinter den Genre-Versatzstücken verbirgt sich letztlich die Geschichte einer Beziehung, die von toxischen Dynamiken geprägt ist und dabei eine Schurkenfigur etabliert, die erst bei genauerer, vielleicht sogar erst bei mehrfacher Betrachtung überhaupt als solche erkennbar ist.

„Nun wäre es naheliegend, Bear in ‚Obsession‘ als Opfer zu betrachten. Zumal Curry Barker ihn in der ersten Filmhälfte auch direkt als solches inszeniert. Eigentlich etabliert er ihn sogar ziemlich deutlich als Green Flag.“

Die Rede ist von Bear, um den sich in „Obsession“ alles dreht. Dieser wünscht sich mithilfe eines magischen Astes, dass ihn sein Schwarm Nikki mehr liebt als alles andere im Universum. Ein Wunsch, den sicherlich viele nachvollziehen können, die selbst schon einmal unsterblich in jemanden verschossen waren – und woher soll Bear auch ahnen, dass dieser unbedarft ausgesprochene Wunsch tatsächlich (und ohne Kompromisse) in Erfüllung geht? Nun wäre es naheliegend, Bear in „Obsession“ als Opfer zu betrachten. Zumal Curry Barker ihn in der ersten Filmhälfte auch direkt als solches inszeniert. Eigentlich etabliert er ihn sogar ziemlich deutlich als Green Flag, denn wenn Nikki plötzlich auffälliges Interesse für ihn hegt und sich somit komplett konträr zu dem verhält, wie sie sich ihm sonst gegenüber gibt, hinterfragt Bear dieses Verhalten mehrfach. Hat Nikki vielleicht Drogen genommen? Oder ist sie in einer anderen emotionalen Ausnahmesituation? Dass Bear diese mögliche Notsituation seines Schwarms eben nicht schamlos ausnutzen will, sondern Nikkis plötzliche Avancen eher abblockt, macht die Situation eigentlich klar: Bear ist hier der Gute!

Fortan weicht Nikki (Inde Navarette) ihrem Bear (Michael Johnston) nicht mehr von der Seite.

Und wo ein Opfer ist, muss auch ein Täter, beziehungsweise in diesem Fall eine Täterin, sein. Die von Newcomerin Inde Navarette fabulös gespielte Nikki erfüllt dabei auf den ersten Blick sämtliche Voraussetzungen für den bekannten Hysterical Woman Trope. Während ihre Verlustängste nach und nach obsessive Züge annehmen, werden ihre Gefühlsausbrüche immer unberechenbarer (das Bild der grinsenden Nikki ist jetzt schon ein Meme). Von ihrem zunehmend irrationalen Verhalten ganz zu schweigen. Doch Barker begnügt sich eben nicht damit, seine Antagonistin als eindimensionale Verrückte zu inszenieren. Stattdessen interessiert ihn, welche emotionalen Abgründe und Abhängigkeiten eine Person überhaupt erst an diesen Punkt führen können. Die übernatürliche Kraft, die Nikkis Verhalten befeuert, mag dabei zwar dem Horrorgenre entstammen, die zugrundeliegenden Mechanismen tun es jedoch nicht. Kontrolle wird als Fürsorge getarnt, emotionale Erpressung als Ausdruck von Liebe missverstanden und persönliche Grenzen Schritt für Schritt aufgeweicht. So entfaltet „Obsession“ seine größte Wirkung nicht in den Momenten des offensichtlichen Schreckens (Stichwort: Katze), sondern dort, wo die Beziehung zwischen Bear und Nikki schockierend real wirkt. Denn viele der hier gezeigten Verhaltensmuster finden sich in toxischen Partnerschaften wieder – ganz ohne übernatürlichen Fluch.

„Der Film zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der sich über weite Strecken genau nach der Aufmerksamkeit sehnt, die ihn später zu erdrücken droht. Zumal Hauptdarsteller Michael Johnston auch noch so aussieht, als wäre er tatsächlich ein richtig knuffiger Typ.“

Hierin liegt nicht nur die eigentliche Stärke von „Obsession“, es könnte auch erklären, weshalb der Film vor allem in der für derartige Thematiken sehr stark sensibilisierten Zielgruppe der Generation Z auf so einen Anklang stößt. Der Film zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der sich über weite Strecken genau nach der Aufmerksamkeit sehnt, die ihn später zu erdrücken droht. Zumal Hauptdarsteller Michael Johnston auch noch so aussieht, als wäre er tatsächlich ein richtig knuffiger Typ. Doch bereits lange bevor er Nikki unverhohlen fragt, was eigentlich so schlimm daran wäre, mit ihm zusammen zu sein, deutet Barker an, wie sehr Bear die neue Situation genießt. Die pure Gewissheit, endlich voll und ganz im Zentrum von Nikkis Welt zu stehen, erfüllen ein Bedürfnis, das weit über romantische Gefühle hinausgeht. Dass diese Zuneigung zunehmend Besitzansprüche mit sich bringt, blendet er dabei immer wieder aus. Oder nimmt sie zumindest bereitwillig in Kauf. Der Horror entsteht somit nicht (allein) aus Nikkis obsessivem Verhalten, sondern aus dem Umstand, dass Bear die Warnsignale zwar erkennt, sie aber so lange ignoriert, wie er selbst von ihnen profitiert. Womit wir wieder bei den zermürbend realen Ursprüngen wären, die sich in „Obsession“ finden lassen. Und Curry Barker arbeitet all diese Aspekte schonungslos heraus.

Nach und nach begreift Bear den Ernst der Lage.

Bei all den zwischenmenschlichen Untertönen sollte allerdings nicht vergessen werden, dass „Obsession“ zuallererst ein (bemerkenswert effektiver) Horrorfilm ist. Curry Barker beweist, erst recht im Hinblick darauf, dass er als Filmregisseur erst ganz am Anfang seiner Karriere steht, ein bemerkenswertes Gespür dafür, wie man Spannung nicht durch permanente Schockmomente, sondern durch Atmosphäre erzeugt. Immer wieder lässt die Inszenierung vertraute Räume bedrohlich wirken, indem Figuren fast unbemerkt am Bildrand auftauchen, Blicke (oder Grinsen) einen Moment zu lange verharren und man so konsequent das Gefühl vermittelt bekommt, dass hier irgendetwas gewaltig off ist. Gerade die visuelle Ausgestaltung trägt entscheidend dazu bei, dass sich ein permanentes Unbehagen einstellt. Dabei profitiert der Film sogar ein Stückweit von seinem überschaubaren Budget. Anstatt sich in teuren Effekten zu verlieren, setzt Barker auf präzise Bildkompositionen, Lichtstimmungen und eine Bildsprache, die den psychologischen Horror der Geschichte konsequent nach außen trägt. Es überrascht also kaum, dass Leute, die den Film bereits im Kino gesehen haben, gleich mehrfach hineinrennen, um auch wirklich alle Zwischentöne aufzusaugen, die „Obsession“ mit sich bringt.

Fazit: „Obsession“ ist ohne Zweifel einer der besten Horrorfilme der letzten Jahre. Curry Barker gelingt das Kunststück, eine vertraute Genre-Prämisse in eine moderne Geschichte über emotionale Abhängigkeiten zu überführen, ohne dabei jemals seine Wurzeln als effektiver Gruselfilm zu vergessen. Dass das Ergebnis sowohl künstlerisch als auch kommerziell zu einem der größten Überraschungserfolge der jüngeren Filmgeschichte geworden ist, wirkt also weniger wie ein Wunder als vielmehr wie die logische Konsequenz eines außergewöhnlich gelungenen Films.

„Obsession – Du sollst mich lieben“ ist ab dem 25. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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