The Piano Tuner

Ein Klavierstimmer wird dank seines absoluten Gehörs zum perfekten Tresorknacker: Allein diese Prämisse klingt schon nach einem ungewöhnlichen Genremix. Und tatsächlich verbindet THE PIANO TUNER elegantes Gangsterkino mit der faszinierenden Welt eines beinahe vergessenen Handwerks.

OT: Tuner (CAN/USA 2025)

Darum geht’s

Niki White (Leo Woodall) verfügt über ein absolutes Gehör und ist vermutlich der talentierteste Klavierstimmer New Yorks. Gemeinsam mit seinem erfahrenen Mentor Harry (Dustin Hoffman) zieht er von Auftrag zu Auftrag und sorgt dafür, dass Konzertflügel und Klaviere wieder perfekt klingen. Als Niki die talentierte Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) kennenlernt, scheint sein Leben auch privat eine neue Richtung einzuschlagen. Doch Nikis außergewöhnliche Begabung bleibt nicht unbemerkt. Der Sicherheitsprofi Uri (Lior Raz) erkennt, dass sich sein feines Gehör nicht nur zum Stimmen von Instrumenten, sondern auch zum Öffnen von Tresoren nutzen lässt. Um seinem schwer erkrankten Mentor finanziell unter die Arme zu greifen, lässt sich Niki auf die gefährlichen Aufträge ein und gerät dabei immer tiefer in die kriminelle Unterwelt…

Kritik

Viele kreative Berufe stehen derzeit vor der Frage, wie lange sie der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz noch standhalten können. Komponieren, schreiben, malen oder übersetzen: Vieles lässt sich inzwischen zumindest ansatzweise automatisieren. Doch es gibt Fähigkeiten, die sich selbst modernster Technologie bislang entziehen. Das absolute Gehör eines Klavierstimmers gehört zweifellos dazu. Wer wie Niki – die Hauptfigur in Daniel Rohers Feelgood-Gangsterfilm „The Piano Tuner“ – selbst feinste Abweichungen einzelner Töne wahrnimmt und ein Instrument auf den Bruchteil einer Schwingung genau stimmen kann (einen ersten Eindruck davon gibt’s bereits im Trailer zu sehen, in dem eine der besten Szenen des Films vorab „verheizt“ wird), verfügt über eine Begabung, die weit über bloßes handwerkliches Können hinausgeht. Roher („Navalny“) macht genau diese außergewöhnliche Fähigkeit zum Ausgangspunkt eines ebenso originellen wie ungewöhnlichen Gangsterfilms und rückt damit zugleich einen Beruf ins Zentrum, den das Kino bislang weitgehend ignoriert hat.

Niki (Leo Woodall) und sein Mentor Harry (Dustin Hoffman) auf dem Weg zu ihrem nächsten Kunden.

Dabei ist die raffinierte Prämisse noch nicht einmal das größte Kapital des Films, sondern seine faszinierende Hauptfigur. „The White Lotus“-Star Leo Woodall spielt diesen zu Beginn noch unnahbaren Niki mit einer angenehmen Zurückhaltung, die hervorragend zu dessen Beruf passt. Bei seiner Begabung (und bei dem Wissen darum, was andere Filme vermutlich aus ihm gemacht hätten) wäre es ein Leichtes gewesen, den Figurentypus des exzentrischen Wunderkindes zu bemühen. Doch Niki ist keines dieser überhöhten Genies, sondern ein stiller Beobachter, dessen außergewöhnliche Begabung erst durch seine konzentrierte Arbeitsweise so richtig sichtbar wird. „The Piano Tuner“ nimmt sich erfreulich viel Zeit, diesen Mann bei seiner Arbeit zu begleiten. Fast dokumentarisch verfolgt die Kamera (Lowell A. Meyer, „Caddo Lake“), wie Niki Töne analysiert, minimale Dissonanzen aufspürt und Instrumente wieder ins Gleichgewicht bringt. Daraus entsteht eine regelrecht meditative Faszination für ein Handwerk, das die wenigsten Zuschauer:innen jemals aus nächster Nähe erlebt haben dürften. Der Film verlangt dabei übrigens weder musikalische Vorkenntnisse noch versucht er, sein Publikum mit Fachbegriffen zu beeindrucken. Stattdessen macht er nachvollziehbar, warum Nikis Gehör etwas nahezu Einzigartiges ist und weshalb gerade diese Fähigkeit bald auch Menschen auf ihn aufmerksam macht, die sie für deutlich weniger legale Zwecke einsetzen möchten.

„Fast dokumentarisch verfolgt die Kamera, wie Niki Töne analysiert, minimale Dissonanzen aufspürt und Instrumente wieder ins Gleichgewicht bringt. Daraus entsteht eine regelrecht meditative Faszination für ein Handwerk, das die wenigsten Zuschauer:innen jemals aus nächster Nähe erlebt haben dürften.“

Dass der daraus resultierende Genre- und Tonalitätswechsel später überhaupt funktioniert, liegt vor allem daran, wie sorgfältig Daniel Roher die Welt seiner Figuren etabliert. Gemeinsam mit seinem Mentor Henry, den Dustin Hoffman („Megalopolis“) mit der ihm eigenen Mischung aus Gelassenheit, Witz und Altersweisheit spielt, zieht Niki täglich von Auftrag zu Auftrag. Ihre Arbeitswelt besteht aus Musikschulen, Konservatorien und den Wohnzimmern wohlhabender Kundschaft. Ein entschleunigtes Milieu, das der Film mit großer Wertschätzung beobachtet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine glaubwürdige Vater-Sohn-Dynamik, die nie sentimental wirkt und gerade deshalb emotional trägt. Hinzu kommt die Begegnung mit der jungen Pianistin Ruthie, die Niki allmählich aus seiner selbstgewählten Isolation herausholt. Dass sich der Film für diese zwischenmenschlichen Momente ebenso viel Zeit nimmt wie für das eigentliche Klavierstimmen, erweist sich als große Stärke. Denn wenn Niki später in die kriminelle Unterwelt hineingezogen wird, steht deutlich mehr auf dem Spiel als nur sein eigenes Wohlergehen. Der Film hat zuvor genügend investiert, damit seine Entscheidungen und deren Konsequenzen tatsächlich Gewicht bekommen.

Die talentierte Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) kann Niki aus seinem Schneckenhaus herauslocken…

„The Piano Tuner“ profitiert auch dramaturgisch stark von diesem Kontrast aus beschwingtem Charakterporträt und düsterem Gangster- und Heistfilm à la „Baby Driver“. Dabei nutzt Daniel Roher die außergewöhnliche Prämisse erfreulicherweise nicht als bloßen Gimmick. Nikis absolutes Gehör dient nie dazu, spektakuläre Wunder zu vollbringen, sondern bleibt stets glaubwürdig in seinem handwerklichen Ursprung verankert. Auch deshalb wirken vor allem die Einbruchsszenen so spannend: Statt brachialer Gewalt oder ausgeklügelter Technik entscheidet hier die Fähigkeit, minimale mechanische Unterschiede zu hören und damit die Tresore der reichen Opfer zu öffnen, die den Verlust der x-ten Luxusuhr vermutlich sowieso nie bemerken werden. Aus einem Talent, das bislang ausschließlich dem Erhalt von Musik diente, wird dadurch plötzlich das perfekte Werkzeug für organisierte Kriminalität. Eine ebenso originelle als auch makabere Umdeutung, wodurch „The Piano Tuner“ im Umfeld des Gangsterkinos seine ganz eigene Identität entwickelt.

„Nikis absolutes Gehör dient nie dazu, spektakuläre Wunder zu vollbringen, sondern bleibt stets glaubwürdig in seinem handwerklichen Ursprung verankert. Auch deshalb wirken vor allem die Einbruchsszenen so spannend.“

Dass „The Piano Tuner“ trotz seiner Genrenähe zu klassischen Heistfilmen so eigenständig wirkt, liegt nicht zuletzt an seiner Inszenierung. Während Daniel Roher visuell bewusst zurückhaltend bleibt, entwickelt das Sounddesign eine umso größere Wucht. Immer wieder versetzt der Film sein Publikum in Nikis Wahrnehmung, lässt einzelne Geräusche unnatürlich laut anschwellen und macht selbst alltägliche Klangquellen zu einer körperlich spürbaren Erfahrung. Gerade im Kinosaal entfaltet diese akustische Perspektive ihre volle Wirkung und unterstreicht, dass „The Piano Tuner“ seine Geschichte weit stärker über das Hören als über spektakuläre Bilder erzählt. Umso bedauerlicher ist es, dass der Film ausgerechnet auf der Zielgeraden einen Teil dieser Eigenständigkeit wieder aufgibt. Mit dem Auftauchen von Jean Reno beginnt die Handlung zunehmend konstruiert zu wirken und verliert etwas von jener organischen Entwicklung, die den Film zuvor so ausgezeichnet hat. Plötzlich bestimmen Genremechanismen und dramaturgische Zufälle das Geschehen stärker als die sorgfältig aufgebaute Figurenzeichnung. Das Finale wirkt dadurch weniger wie die logische Konsequenz der bisherigen Erzählung als vielmehr wie der Versuch, den ungewöhnlichen Stoff doch noch in vertrautere Gangsterfilm-Bahnen zu lenken. Wirklich aus der Bahn wirft das „The Piano Tuner“ zwar nicht, dafür sind die Figuren zu interessant, die Grundidee zu originell und die akustische Inszenierung schlicht zu stark. Es bleibt lediglich das Gefühl, dass ein Film, der über weite Strecken so präzise auf den – im wahrsten Sinne des Wortes – richtigen Tönen vertraut, ausgerechnet zum Schluss ein paar kleine Dissonanzen anschlägt.

Klavierstimmer hatten im Kino bislang keine große Lobby…

Fazit: „The Piano Tuner“ verbindet ein faszinierendes Handwerk mit einem außergewöhnlichen Gangsterfilm und findet dabei lange Zeit genau den richtigen Ton. Dank seiner starken Hauptfigur, des außergewöhnlichen Sounddesigns und seiner originellen Prämisse zählt Daniel Rohers Film zu den eigenständigeren Genrebeiträgen der letzten Jahre. Dass ihm auf den letzten Metern etwas die erzählerische Glaubwürdigkeit verloren geht, hinterlässt zwar einen kleinen Wermutstropfen, schmälert den insgesamt äußerst positiven Eindruck aber nur geringfügig.

„The Piano Tuner“ ist ab dem 2. Juli 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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