Lee Cronin’s The Mummy

Die Mumie erhebt sich mal wieder – aber anders, als man es erwartet! LEE CRONIN’S THE MUMMY macht aus einem der ältesten Horrormythen kein nostalgisches Wiedersehen, sondern einen brachialen Exorzismus-Trip. Ganz so, wie man es vom Regisseur von „Evil Dead Rise“ erwarten durfte.

OT: The Mummy (IE/USA 2026)

Darum geht’s

Die junge Tochter Katie eines ambitionierten Journalisten (Jack Reynor) und seiner Frau (Laia Costa) verschwindet während einer Recherche-Reise in Kairo spurlos. Trotz intensiver Suchaktionen und internationaler Aufmerksamkeit bleibt jede Spur des Mädchens aus. Für die Familie beginnt eine jahrelange Zeit der Ungewissheit und des Schmerzes. Doch acht Jahre später geschieht das Unfassbare: Katie (Natalie Grace) taucht plötzlich wieder auf und befindet sich in einem katatonischen Zustand. Ohne Erinnerung daran, wo sie gewesen ist, wird sie von den Behörden zu ihrer Familie zurückgebracht. Was zunächst wie ein Wunder erscheint, gibt der Familie neue Hoffnung auf einen Neuanfang. Doch schon bald häufen sich beunruhigende Vorfälle. Der Vater beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und stößt dabei auf uralte Legenden und verborgene Grabstätten in der Wüste, die mit dunklen Ritualen und einer jahrtausendealten Macht verbunden sind. Parallel zu den Vorkommnissen in Katies Familie stellt auch die ehrgeizige Polizistin Dalia (May Calamawy) Ermittlungen an…

Kritik

Ab wann ist eine Vorlage eigentlich noch eine Vorlage? Eine Frage, die sich im Zeitalter der Franchise-Ökonomie immer häufiger stellt. Die großen Universal-Monster – Dracula, Frankenstein, der Wolfsmensch und eben auch die Mumie – sind längst weniger konkrete Geschichten als vielmehr ikonische Blaupausen. Der ursprüngliche Film „Die Mumie“ erzählte noch vergleichsweise klar die Geschichte eines wiedererweckten Hohepriesters, der – getrieben von seiner verlorenen Liebe – im modernen Ägypten nach Wiedervereinigung sucht. Eine Mischung aus tragischer Romanze und übernatürlichem Horror, wie etwa auch der originale „Dracula“ eine war. „Lee Cronin’s The Mummy“ entfernt sich davon allerdings so weit, dass die „basiert auf“-Nennung im Abspann fast wie eine Formsache wirkt. Zwar bleiben Motive wie Wiedererweckung, Fluch und das Spiel mit Tod und Zeit erhalten, doch Cronin interessiert sich sichtbar weniger für die melancholische Dimension des Originals als für eine deutlich körperlichere, beinahe brachiale Neuinterpretation. So drängt sich die Frage auf, ob wir es hier überhaupt noch mit einer Adaption zu tun haben, oder nicht vielmehr mit einer freien Aneignung, die sich vor allem eines bekannten Namens bedient.

Charlie (Jack Reynor) fragt sich, was mit seiner Tochter Katie (Natalie Grace) passiert ist…

Dass Lee Cronin mit „The Hole in the Ground“ einst ein vergleichsweise ruhiges, zurückhaltendes Debüt vorlegte, gerät heute beinahe in Vergessenheit. Spätestens seit „Evil Dead Rise“ gilt er als verlässlicher Experte für die härtere Gangart des Horrorkinos: brutal, schmerzhaft, körperlich spürbar, aber eben nie so zermürbend, dass es ins reine Terrorkino kippt. Cronin versteht es, seine Eskalationen punktgenau zu setzen, ohne das Publikum dabei völlig auszulaugen. Etwas, was ebenjenem „Evil Dead Rise“ aber auch davor bewahrt hat, so richtig in die Vollen zu gehen (wir erinnern uns: die zuvor über Social Media hochgehypte Käsereibe war im fertigen Film dann nur wenige Sekunden zu sehen). Doch so oder so überrascht es kaum, dass auch „Lee Cronin’s The Mummy“ keine klassische Mumiengeschichte erzählt. Statt staubiger Grabräuber-Romantik entfaltet sich hier vielmehr ein waschechter Besessenheits- und Exorzismusfilm, der die bekannten Motive des Stoffes in ein deutlich unmittelbares, körperlich erfahrbares Horrorszenario überführt. Die Ausgangslage kommt einem dabei allerdings sehr bekannt vor: Dass ein oder mehrere Kinder verschwinden und einige Zeit später in einem besessenheitsähnlichen Zustand heimkehren, erinnert an Filme wie „Mama“ oder zuletzt „Der Exorzist: Bekenntnis“.

„Mit einer Laufzeit von über zwei Stunden, Schauplätzen, die von den USA bis nach Kairo reichen, und einer Handlung, die sich über mehrere Jahre erstreckt und Horror und Crimethriller miteinander verbindet, entwickelt der Film eine Gravitas, die man im modernen Exorzismuskino nur noch selten findet.“

Was Lee Cronins „The Mummy“ jedoch deutlich von der Flut ähnlich gelagerter Genrebeiträge abhebt, ist seine spürbare Ambition in Sachen Dimension und Erzählanlage. Mit einer Laufzeit von über zwei Stunden, Schauplätzen, die von den USA bis nach Kairo (gedreht wurde allerdings in einem sehr überzeugend als Ägypten eingefangenen Spanien) reichen, und einer Handlung, die sich über mehrere Jahre erstreckt und Horror und Crimethriller miteinander verbindet, entwickelt der Film eine Gravitas, die man im modernen Exorzismuskino nur noch selten findet. Nichts daran wirkt wie einer dieser hastig heruntergekurbelten Beiträge für den (Heim-)kinomarkt. Vielmehr ist das hier groß gedachtes, aufwändig inszeniertes Kino, das seinem Stoff Raum zur Entfaltung gibt. Gerade im Vergleich zu den zahlreichen, oft formelhaften Genrevertretern der letzten Jahre wird deutlich, wie gut dem Horrorkino eine solche Herangehensweise stünde: Weniger Masse, mehr Klasse. Oder anders gesagt, zwei oder drei Produktionen mit der erzählerischen und inszenatorischen Wucht von „The Mummy“ könnten dem zuletzt etwas ausgelaugten Subgenre des Exorzismusfilms wieder zu neuer Strahlkraft verhelfen.

Parallel zu den Vorkommnissen in Katies Familie stellt die Polizistin Dalia (May Calamawy) Ermittlungen an.

Dass „The Mummy“ – ähnlich wie zuvor schon „Evil Dead Rise“ – dabei als große Studioproduktion daherkommt, bedeutet übrigens keineswegs, dass Lee Cronin seine Vorliebe für handfeste, schmerzhafte Gewalteskalationen zurückfährt. Im Gegenteil: Auch hier setzt er auf eine bemerkenswerte Haptik, bei der jede körperliche Versehrtheit spürbar wird. Gleichzeitig beweist Cronin erneut ein Gespür für kreative, einfallsreiche Setpieces, die sich angenehm vom generischen Schockkino vieler Genrekollegen abheben. Etwa eine radikale Weiterentwicklung der berühmt-berüchtigten „Nagelhaut-Szene“ aus „Black Swan“, oder eine Veranschaulichung dessen, wie ekelig so ein Ganzkörper-Häutungsprozess ausschauen kann, wenn ein Regieexperte für schmierig-schleimige Filmeskapaden am Werk ist. Statt auf permanente Reizüberflutung zu setzen, platziert er seine härteren Momente übrigens ganz gezielt als vereinzelte, dafür umso wirkungsvollere Schläge in die Magengrube, die auch auf der grandiosen Tonspur ihre volle Wirkung entfalten. Lediglich im leider redundanten, viel zu ausufernden (und dabei leider nicht mehr an die Kreativität früherer Einfälle heranreichenden) Finale droht dieses Konzept kurzzeitig zu kippen. Im Großen und Ganzen bleibt „The Mummy“ jedoch ein Beispiel dafür, wie sich auch innerhalb eines Studio-Settings kompromissloses, physisches Horrorkino realisieren lässt.

„Ganz ohne erzählerische Zugeständnisse kommt das Drehbuch dann allerdings doch nicht aus. […] Auch sind einige Motive im Besessenheitsgenre inzwischen wohlvertraut.“

Dass „The Mummy“ bei aller Eskalation auch emotional greift, liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Film die Zeit nimmt, seine Familie sorgfältig zu etablieren. Mit Jack Reynor („Midsommar“) und Laia Costa („Victoria“) setzt Cronin dabei auf zwei erfahrene Darstellende, die dem Geschehen Bodenhaftung verleihen, während auch die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler bemerkenswert sicher agieren. Ganz ohne erzählerische Zugeständnisse kommt das Drehbuch dann allerdings doch nicht aus. Dass die Mutter selbst nach zunehmend verstörenden Vorfällen unbeirrt daran festhält, ihre Tochter im eigenen Zuhause zu behalten, während der Vater längst auf professionelle Hilfe drängt, wirkt weniger wie organische Figurenlogik als vielmehr wie eine dramaturgische Notwendigkeit. Auch sind einige Motive im Besessenheitsgenre inzwischen wohlvertraut. Doch vielleicht ist es gerade diese erzählerische Vertrautheit, die Raum schafft für das, worin Cronin seine größten Stärken ausspielt: eine unmittelbare, wuchtige Körperlichkeit.

In dieser Grabkammer nimmt alles seinen Anfang…

Fazit:Lee Cronin’s The Mummy“ ist weniger eine klassische Adaption als vielmehr eine freie, selbstbewusste Neuinterpretation, die bekannte Muster mit spürbarer Wucht auflädt. Erzählerisch nicht frei von Konventionen, überzeugt der Film vor allem dort, wo Lee Cronin seine Stärken ausspielt: in Größe, Atmosphäre und physischer Intensität. So bleibt ein nicht makelloser, aber bemerkenswert kraftvoller Genrebeitrag, der dem Exorzismusfilm neue Energie verleiht.

„Lee Cronin’s The Mummy“ ist ab dem 16. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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