The Mastermind

Kelly Reichardt seziert in THE MASTERMIND den Mythos des eleganten Gauners mit leiser Präzision. Statt Hochglanz und Adrenalinkick gibt es hier Routine, Schuld und innere Leere. Ein stiller, aber umso treffender Abgesang auf das romantisierte Bild des Gentleman-Diebs.

OT: The Mastermind (USA 2025)

Darum geht’s

Im Jahr 1970 lebt der unscheinbare Tischler James Blaine Mooney (Jack O’Connor) in einem ruhigen Vorort von Massachusetts. Aus einer Mischung aus Übermut und Naivität plant er seinen ersten Kunstraub: Vier Gemälde des Künstlers Arthur Dove sollen aus einem örtlichen Museum entwendet werden. Gemeinsam mit zwei Komplizen führt er den Diebstahl durch, doch die Flucht verläuft alles andere als reibungslos. Mooney wird schnell mit den unerwarteten Konsequenzen seines Handelns konfrontiert: Sein Verhältnis zu Familie und Freunden gerät ins Wanken genauso wie sein eigenes Selbstbild. Und die vermeintlich kontrollierte Tat entwickelt sich zu einer Abfolge von absurden Problemen…

Kritik

Manchmal ist es amüsant, wie ähnlich sich zwei zeitnah zueinander erscheinende Filme sein können, obwohl sie auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. So starten in dieser Woche gleich zwei Filme, die auf ihre ganz eigene Art und Weise ein komplettes Milieu entmystifizieren – nur eben mit völlig unterschiedlichen Mitteln. In seiner Romanverfilmung „Ballad of a Small Player“ entzaubert Edward Berger den Mythos des glamourösen Glücksspielers in der chinesischen Gambling-Metropole Macau. Nicht, indem er die schmucklosen Hinterzimmer als Auffangbecken gescheiterter Existenzen abbildet, sondern ganz bewusst vor der strahlenden Fassade glänzender und blinkender Hochglanzcasinos, in denen die von Colin Farrell gespielte Hauptfigur an ihren eigenen Dämonen scheitert. Ein vergleichbarer Pomp geht Kelly Reichardts deutlich gediegener inszeniertem Gauner-Abgesang „The Mastermind“ ab. Am Ende ist aber auch ihr Film die Demaskierung einer bestimmten, im Kino immer wieder romantisierten Klientel: der des gewitzten Hochstaplers nämlich. Sowohl ihre Hauptfigur James Blaine Mooney als auch Farrells „Fake-Lord“ Doyle eröffnen einen ungeschönten Blick auf einen klassischen Filmcharaktertypus, dem nach Genuss beider Filme eine vollständige Entzauberung widerfährt. Am Schluss von „The Mastermind“ bleibt nicht das Bild des schlagfertigen Gentleman-Gangsters, sondern eines tieftragischen Charakters, der an seinen eigenen Ambitionen scheitert. Einen (wenngleich penibel geplanten) Kunstraub will man danach auf keinen Fall mehr begehen – genauso wenig wie man nach „Ballad of a Small Player“ noch vorhat, sich doch mal an Glücksspiel zu versuchen.

Bereits James‘ (Josh O’Connor) erster Raubzug geht gnadenlos schief…

Wie man es von Indie-Queen Kelly Reichardt („Night Moves“) gewohnt ist, setzt sie auch bei „The Mastermind“ auf eine radikal reduzierte Inszenierung. Selbst das Farbschema beinhaltet nur das Nötigste. Auf den ersten Blick versprühen die verwaschenen, von blassen Brauntönen dominierten Bilder, die in der Regel ohne künstliche Lichtquellen auskommen, gemütliches Herbstfeeling. Bei näherer Betrachtung ist es aber vor allem die aus der Monotonie heraus entstehende Tristesse, die dadurch ihre Spiegelung findet. Selbst der zu Beginn des Films gezeigte Raubzug in einem Museum scheint für die Hauptfigur James nichts Aufregendes zu haben. Ganz so, als wäre bereits sein erster Raubzug von einer monotonen Routine geprägt. Als Zuschauer:in läuft man also gar nicht erst Gefahr, vom vermeintlich faszinierenden Gaunerleben mitgerissen zu werden. Das hat fast schon was Meditatives. „Challengers“-Star Josh O’Connor könnte dadurch schnell Gefahr laufen, einen eher gleichgültigen Charakter zu formen. Über besonders leidenschaftliche Regungen definiert sich seine Figur nun mal nicht. Doch dieser James ist so etwas wie das menschgewordene Sprichwort vom tiefen, stillen Wasser. Auch wenn er seinen emotionalen Ausnahmezustand nicht mit großen Gesten nach außen trägt, gelingt es O’Connor über kleine mimische Spielereien, hinter die brodelnde Fassade seiner auf den ersten Blick so unnahbar wirkenden Figur zu blicken.

„Selbst der zu Beginn des Films gezeigte Raubzug in einem Museum scheint für die Hauptfigur James nichts Aufregendes zu haben. Ganz so, als wäre bereits sein erster Raubzug von einer monotonen Routine geprägt.“

Wie man es von Kelly Reichardt gewohnt ist, läuft auch in „The Mastermind“ vieles über bloße Beobachtungen ab. Dramaturgische Zuspitzungen gibt es immerhin sehr vereinzelt, sodass sich ihr jüngster Film nicht ganz so dokumentarisch anfühlt wie zuletzt etwa „First Cow“. Trotzdem ist es amüsant, sich vorzustellen, wie aus der Geschichte hier auch sehr leicht eine leichtfüßige Gangsterposse hätte werden können. Anleihen daran finden sich nämlich sehr wohl. Etwa wenn James dazu gezwungen wird, seinen kleinen Sohn zu einer gar nicht mal so ungefährlichen Unterredung mit einem Komplizen mitzunehmen. „The Mastermind“ erzählt zu gleichen Teilen die Geschichte über einen Kunstdieb, der im Anbetracht eines missglückten Heists zur Improvisation gezwungen ist – was so gar nicht zu seinem ansonsten so betont bedächtigen Handeln passt. Es ist aber auch die Geschichte eines Familienvaters, dessen eigentlich so glückliche Ehe unter seinem Fehler zu zerbrechen droht. Eine Szene, in der James nach längerer Abwesenheit (und versuchter Schadensbegrenzung) wieder auf seine Ehefrau Terri trifft, gerät – insbesondere für Kelly Reichardts Verhältnisse – regelrecht herzzerreißend. Auch hier geht es weniger um ein gezielt herbeigeführtes, narratives Moment, aus dem heraus sich die großen Emotionen entwickeln. Im bloßen Betrachten liegt Reichardts große Stärke.

James‘ Ehefrau Terry (Alana Haim) sieht im Verhalten ihres Gatten eine Bedrohung für die Familie.

„The Mastermind“ ist daher auch kein klassisch mitreißender Film, denn in Sachen Tempo, Dramaturgie und Konfliktlösung entsagt sich die Geschichte gängigen Erzählkonventionen. Stattdessen begleitet die oft handgeführte Kamera (Christopher Blauvelt, „Emma.“) James beim stoischen Versuch, den Normalzustand wiederherzustellen. Das gipfelt mitunter in fast schon absurd-realistische Szenen. Wenn er die Beute kurz nach dem Raubzug auf einem Heuboden versteckt, geschieht dies in einer einzigen, langen und unbeweglichen Plansequenz, in der man zu jeder Sekunde auf den die Situation aufbrechenden Slapstick wartet. Doch der kommt nicht. Feiner Witz entfaltet sich in „The Mastermind“ ebenfalls eher über die stille Beobachtung. Vor allem die lakonische Interaktion zwischen James, seinem ehemaligen Schulfreund Fred (John Magaro) und dessen Frau Maude (Gaby Hoffman) spielt vorzüglich mit dem verzerrten Bild des smarten Gangsters, dem Fred voll auf den Leim geht, während Maude längst begriffen hat, dass es die vermutlich doch nur in Filmen gibt. Auf diese Weise entlarvt Kelly Reichardt den eingangs beschriebenen Mythos des Gentleman-Schurken mit subtiler Präzision. Konstruierte Dialoge, die dies noch einmal extra betonen, benötigt es nicht. Das ist richtig angenehm. Muss im zeitgenössischen Kino doch alles noch einmal extra ausformuliert werden, damit auch wirklich jede:r vor der Leinwand die Intention des Filmemachers/der Filmemacherin versteht.

„‚The Mastermind‘ erzählt zu gleichen Teilen die Geschichte über einen Kunstdieb, der im Anbetracht eines missglückten Heists zur Improvisation gezwungen ist. Es ist aber auch die Geschichte eines Familienvaters, dessen eigentlich so glückliche Ehe unter seinem Fehler zu zerbrechen droht.“

Fazit: Mit „The Mastermind“ entlarvt Kelly Reichardt den Mythos des eleganten Gauners mit leiser Präzision. In ihrem reduzierten, unaufgeregten Stil zeigt sie nicht den Nervenkitzel des Verbrechens, sondern dessen banale Realität, bestehend aus Routine, Schuld und innerer Leere.

„The Mastermind“ ist ab dem 16. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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