Michael
Ein Film über Michael Jackson, der vor allem eines will: nicht anecken. Antoine Fuqua entscheidet sich mit seinem Biopic MICHAEL sich konsequent für die sichere Seite und lässt dabei genau das aus, was ihn wirklich interessant gemacht hätte.
Darum geht’s
Schon als kleines Kind zeigt der junge Michael Jackson (hier: Juliano Krue Valdi) ein ungeahntes musikalisches Talent, das vor allem seinem strengen Vater Joe (Coleman Domingo) nicht verborgen bleibt. Gemeinsam mit Michaels vier Geschwistern lässt er seine Söhne unter dem Bandnamen „Jackson 5“ auftreten und Karriere machen. Doch Michael (später: Jafaar Jackson) will mehr – und startet eine beispiellose Solokarriere. Vor allem der Musikproduzent Quincy Jones (Kendrick Sampson) erkennt Michaels Genie und beginnt, ihn zu fördern. Sehr zum Missfallen seines Vaters, von dem er sich mit der Zeit immer mehr abkapselt, eh er ihn schließlich sogar als Manager feuern lässt. Sein Jahrhundertalbum „Thriller“ lässt Michael Jackson endgültig zum „King of Pop“ aufsteigen. Doch abgesehen von seinen tierischen Freunden und seiner ihn liebenden Mutter Katherine (Nia Long) hat der exzentrische Musiker kaum Kontakt zu Außenwelt…
Kritik
Kaum eine Figur der Popkultur stellt die oft bemühte Frage, ob man Kunst und Künstler trennen kann, so kompromisslos auf die Probe wie Michael Jackson. Seine Musik, seine Videos, seine ikonischen Auftritte: Sie sind nicht nur Ausdruck einer künstlerischen Persona, sondern untrennbar mit der realen Person und ihrem Mythos verwoben. Im Falle eines Biopics wie „Michael“ verschärft sich dieses Spannungsfeld noch einmal erheblich. Denn hier geht es nicht um die lose Inspiration durch ein Werk, sondern um die direkte filmische Rekonstruktion eines Lebens, das gleichermaßen von beispiellosem Ruhm wie von schwerwiegenden Kontroversen geprägt ist. Die klassische Ausweichbewegung, sich „nur“ auf die Kunst zu konzentrieren, greift hier zwangsläufig zu kurz, weil diese Kunst ohne die Figur Michael Jackson kaum denkbar ist. Entsprechend stellt sich weniger die Frage, ob man trennen sollte, sondern vielmehr, wie man als Film – und als Publikum – mit dieser Untrennbarkeit umgeht. Nähert man sich dem Stoff als möglichst umfassende, auch unbequeme Annäherung an den Menschen hinter dem Mythos? Als kuratierte Hommage, die vor allem das kulturelle Erbe feiert? Oder als bewusste Gratwanderung zwischen beidem, die versucht, Faszination und Fallhöhe gleichzeitig abzubilden? Regisseur Antoine Fuqua („The Equalizer“) wählt für seinen Film den denkbar einfachsten Weg – einen, der komplett ohne Ecken, Kanten, Kontroversen oder überhaupt irgendwas auskommt, was das Publikum für einen kurzen Moment herausfordern könnte. Trotzdem ist „Michael“ zeitweise – und vermutlich eher versehentlich, als beabsichtigt – mit Widerhaken versehen, die man aber locker übersehen kann, wenn man Michael Jackson ohnehin einfach nur abfeiern möchte.
Ursprünglich sollte „Michael“ aus drei Abschnitten bestehen. Die erste Phase sollte sich mit seiner Kindheit bei den „Jackson 5“ und unter der gestrengen Hand seines Vaters Joe auseinandersetzen. Die zweite vorwiegend mit seinem Solokünstler-Abnabelungsprozess und der Entstehung von „Thriller“. Und die dritte – und hier wird es je nach Sichtweise eigentlich erst so richtig spannend – hätte sich mit einem von zahlreichen späteren Missbrauchsvorwürfen beschäftigt. Genau dieser Abschnitt jedoch geriet im Verlauf der Produktion zum größten Problemfall. Berichten zufolge kollidierte die ursprünglich geplante inhaltliche Ausrichtung mit vertraglichen Vereinbarungen des damaligen Opfers betreffend, insbesondere mit einer Verschwiegenheitsklausel, die bestimmte Darstellungen untersagte oder zumindest stark einschränkte. Die Konsequenz: Der dritte Akt musste nicht nur umgeschrieben, sondern in Teilen massiv gekürzt werden. Das zog umfangreiche Nachdrehs in Höhe von satten 15 Millionen US-Dollar nach sich, die sich unweigerlich auf das finale Erscheinungsbild des Films auswirken. Was ursprünglich als dramaturgischer Höhe- und vielleicht auch Reibungspunkt hätte gedacht sein können, erscheint nun eher wie ein vorsichtig umrundetes Minenfeld. Gleichwohl wird man anhand dessen, woraus sich der Film final zusammensetzt, den Eindruck nicht los, der dritte Abschnitt hätte ohnehin nur noch mehr zu dem Eindruck beigetragen, dass „Michael“ in erster Linie Whitewashing betreiben will.
„Der Film nimmt sich auffallend viel Zeit für ausführliche musikalische Setpieces, die die enorme Bandbreite seines Schaffens unterstreichen. Und ja, auch sein künstlerisches Genie eindrucksvoll zur Schau stellen.“
Spannenderweise sind die nachgedrehten Szenen im Film selbst nicht als solche auszumachen. Weder fallen sie visuell ab, noch wirken sie wie hastig eingefügte Fremdkörper, sodass das handwerkliche Niveau – wie bei Fuqua erwartbar – konstant hoch bleibt. Und doch sind die Folgen dieser Eingriffe unübersehbar, nur eben auf einer subtileren Ebene: in Erzählrhythmus und -tempo sowie der dramaturgischen Stringenz. Immer wieder gerät die Handlung ins Stocken, verliert an Zugkraft oder tritt schlicht auf der Stelle, als wisse der Film selbst nicht so recht, welchen Entwicklungsschritt er als nächsten gehen möchte. Statt klarer Zuspitzung dominieren Übergänge, die eher mäandern als vorantreiben. Für Fans von Michael Jackson dürfte das allerdings nur bedingt ein Problem sein, im Gegenteil: Der Film nimmt sich auffallend viel Zeit für ausführliche musikalische Setpieces, die die enorme Bandbreite seines Schaffens unterstreichen. Und ja, auch sein künstlerisches Genie eindrucksvoll zur Schau stellen. Während viele andere Biopics vergleichbare Momente nur anreißen oder in kurzen Montagen abhandeln, werden sie hier mitunter in voller Länge ausgespielt. Das ist einerseits konsequent und gerade in diesen Momenten auch mitreißend, andererseits tragen diese Sequenzen erzählerisch nur selten etwas Substanzielles bei und wirken so stellenweise eher wie hochwertig produziertes, aber dramaturgisch entkoppeltes Füllmaterial.
Dass das künstlerische Genie von Michael Jackson dabei außer Frage steht, ist ohnehin unbestritten. Und als eine Art Ide an seine musikalische Hinterlassenschaft funktioniert „Michael“ entsprechend reibungslos und stellenweise mitreißend. Kaum ein anderer Popstar hat Klang, Ästhetik und Inszenierung derart nachhaltig geprägt. Und der Film versteht es durchaus, diese Ausnahmestellung immer wieder wirkungsvoll herauszustellen. Problematisch wird es jedoch dort, wo die Inszenierung beginnt, alles konsequent auszublenden, was diesen Fokus stören könnte. Dabei geht es nicht einmal ausschließlich um die bekannten, schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfe, sondern auch um vergleichsweise weniger belastete, aber dennoch aufschlussreiche Aspekte seiner Biografie: die Entstehung von Billie Jean etwa, die eng mit Jacksons persönlichen Superstar-Erfahrungen verknüpft ist, seine Vitiligo-Erkrankung (auch bekannt als Weißfleckenkrankheit) oder der schleichende Beginn seiner Medikamentenabhängigkeit, die einen wahrlich tragischen Hintergrund besitzt. All das wird, wenn überhaupt, nur so beiläufig angedeutet, dass es ohne Vorwissen kaum greifbar wird. Diese selektive Erzählweise verleiht dem Film eine spürbare Glättung, die ihn weniger wie eine ernsthafte Annäherung an die Figur erscheinen lässt, sondern vielmehr wie ein bewusst kuratiertes Porträt, das Brüche meidet, statt sie auszuleuchten. In letzter Konsequenz ist „Michael“ damit weniger ein klassisches Biopic als vielmehr ein aufwendig inszenierter Konzertfilm, der seine narrativen Zwischentöne als verbindendes Füllmaterial nutzt.
„Doch immer mal wieder gibt es Momente, in denen Antoine Fuqua seinen Film ‚aus Versehen‘ mit Widerhaken versieht. Ob der einigen Szenen innewohnende Zynismus tatsächlich intendiert ist, darf zumindest bezweifelt werden.“
Doch immer mal wieder gibt es Momente, in denen Antoine Fuqua seinen Film „aus Versehen“ mit Widerhaken versieht. Ob der einigen Szenen innewohnende Zynismus tatsächlich intendiert ist, darf zumindest bezweifelt werden. Gerade in diesen Augenblicken entfaltet „Michael“ jedoch eine Ambivalenz, die ihm an anderer Stelle oft fehlt. Etwa dann, wenn sich Michael Jackson in einem Spielwarenladen umringt von Kindern zeigt: Für die einen ein Ausdruck seines nie ganz abgelegten Kindseins, für die anderen ein unbehaglicher Vorausverweis auf die späteren Kontroversen. Und dass Jacksons exotisches Tierarsenal – vom Affen Bubbles über eine Giraffe bis hin zu einer Riesenschlange – hier nicht von echten Lebewesen verkörpert wird, sondern sie alle aus dem Computer stammen, unterstreicht auf einer Metaebene die Perversion, derartige Tiere in Gefangenschaft zu halten; Heutzutage tut man ihnen nicht einmal mehr die Arbeit an Filmsets an. Und dann wäre da noch die Performance von Jaafar Jackson, Sohn von Jermaine Jackson, die sich als vielleicht größter Trumpf des Films erweist. Nicht nur reproduziert er die musikalische Präzision seines Onkels mit verblüffender Genauigkeit, auch in Duktus, Gestik und körperlicher Präsenz kommt er dem Original extrem nahe. Gerade durch diese frappierende Authentizität entsteht jedoch auch ein feiner, mitunter irritierender Unterton: Man bekommt eine Ahnung von jener exzentrischen Eigenwilligkeit, die stets Teil dieser öffentlichen Figur war und sich im Laufe der Jahre immer stärker ausprägte. So wird aus der reinen Imitation beinahe unmerklich eine Annäherung an das komplexe Wesen hinter der Ikone – und damit einer der wenigen Momente, in denen „Michael“ über seine eigene, allzu glatte Oberfläche hinausweist.

Michael (Jaafar Jackson) genießt die regelmäßigen Videoabende mit seiner Mutter Katherine Jackson (Nia Long).
Fazit: Als Hommage an die Musik von Michael Jackson ist „Michael“ über jeden Zweifel erhaben. Als ernstzunehmendes Biopic scheitert der Film jedoch an seiner eigenen Konfliktvermeidung. Die konsequente Ausblendung zentraler, auch unbequemer Aspekte hinterlässt ein spürbar geglättetes, fast schon beschönigendes Gesamtbild. So bleibt am Ende ein technisch sauber inszenierter, darstellerisch beeindruckender, inhaltlich jedoch auffallend mutloser Film, der sich vor allem eines nicht traut: seiner eigenen Aufgabe, Michael Jackson näher zu kommen, wirklich gerecht zu werden.



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