Verflucht normal

Tourette im Kino bedeutet oft entweder platte Gags oder überinszeniertes Leidensdrama. Die auf einer wahren Geschichte beruhende, britische Tragikomödie VERFLUCHT NORMAL erweist sich erfreulicherweise als das genaue Gegenteil und porträtiert den Menschen hinter den Tics.

OT: I Swear (UK 2025)

Darum geht’s

Anfang der Achtzigerjahre wächst John Davidson (als Junge: Scott Ellis Watson) in der schottischen Kleinstadt Galashiels auf. Als bei dem talentierten jungen Fußballtorwart plötzlich heftige nervöse Tics auftreten, reagieren sein Umfeld und selbst seine Eltern Heather (Shirley Henderson) und David (Steven Cree) nicht mit Verständnis, sondern mit Ablehnung. Erst Jahre später wird bei John das Tourette-Syndrom diagnostiziert. Bis dahin prägen Ausgrenzung, Demütigungen und falsche Behandlungen seinen Alltag. 13 Jahre später lebt der erwachsene John (jetzt: Robert Aramayo) noch immer zurückgezogen bei seiner Mutter. Die starken Medikamente und die ständige Angst vor den Reaktionen anderer haben ihm nahezu jeden Lebensmut genommen. Erst die Begegnung mit der warmherzigen Krankenschwester Dottie (Maxine Peake) bringt eine Wende. Sie nimmt John in ihre Familie auf und vermittelt ihm einen Job als Assistent des eigenwilligen Hausmeisters Tommy (Peter Mullan) im örtlichen Gemeindezentrum. Zwischen den beiden Außenseitern entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, durch die John langsam neues Selbstvertrauen gewinnt und beginnt, seinen Platz im Leben zu finden.

Kritik

Das Tourette-Syndrom gehört zu jenen neurologischen Erkrankungen, die zwar vergleichsweise bekannt sind, über die gleichzeitig aber erstaunlich viele Fehlannahmen kursieren. Nicht jede betroffene Person schreit unkontrolliert Beleidigungen durch die Gegend und längst nicht jeder Tick äußert sich lautstark oder aggressiv. Viel häufiger sind unwillkürliche Bewegungen, kurze Lautäußerungen oder wiederkehrende Impulse, die sich trotz größter Anstrengung nicht vollständig kontrollieren lassen. Gerade weil Tourette im Alltag oft missverstanden oder auf Pointen reduziert wird, ist die Erkrankung auch für Filmschaffende ein schwieriges Terrain. Produktionen wie „The Road Within“, „South Park“ oder zuletzt die britische Serie „Biscuitland“ näherten sich dem Thema aus völlig unterschiedlichen, mal ernsthaften oder auch satirischen Perspektiven. Oder eben irgendwo dazwischen. Mit „Verflucht normal“ versucht nun auch Regisseur Kirk Jones („Was passiert, wenn’s passiert ist“) den Balanceakt zwischen humorvoller Leichtigkeit und sensibler Auseinandersetzung. Und bewegt sich dabei bemerkenswert treffsicher auf einem schmalen Grat, an dem viele vergleichbare Produktionen scheitern.

John (Robert Aramayo) gerät immer wieder mit der Polizei aneinander. Allerdings nicht immer selbstverschuldet.

So viel sei vorweggenommen: Der im Original „I Swear“ betitelte Film läuft im Deutschen zwar unter dem auf erschreckende Weise nach französischem Tragikomikkitsch klingenden Titel „Verflucht normal“. Doch trotz zahlreicher humorvoller Momente lässt Kirk Jones seinen Film nie in ebenjene Richtung, geschweige denn – noch schlimmer – in bemühtes Betroffenheitskino kippen. Hauptverantwortlich dafür ist Jones‘ persönlicher Zugang zum Stoff. Bereits Ende der Achtzigerjahre stieß der britische Filmemacher erstmals auf John Davidsons Geschichte, verlor sie über Jahrzehnte hinweg nie ganz aus den Augen und begann schließlich gezielt nach dessen realem Vorbild zu suchen. Statt Tourette lediglich als erzählerischen Aufhänger zu benutzen, sprach Jones intensiv mit Davidson über dessen Alltag, seine Ängste und die sozialen Folgen der Erkrankung. Gerade diese unmittelbare Nähe prägt den Film spürbar. Denn „Verflucht normal“ interessiert sich nie bloß für die Tics selbst, sondern vor allem für den Menschen dahinter. Immer wieder macht Jones deutlich, wie belastend nicht nur die körperlichen Symptome, sondern vor allem die Reaktionen des Umfelds für ihn sein können. Auch von künstlicher Überdramatisierung ist „Verflucht normal“ weit entfernt. Jones‘ erklärtem Anspruch, keinen allgemeingültigen „Tourette-Film“, sondern ein persönliches Porträt drehen zu wollen, sei Dank. Denn diese Entscheidung verleiht der Tragikomödie eine bemerkenswerte Authentizität.

„Der Film begleitet John Davidson von den ersten kaum einzuordnenden Auffälligkeiten über zunehmend stärker den Alltag bestimmende Tics bis hin zur späteren Tourette-Diagnose, die als junger Erwachsener gestellt wird.“

Erzählerisch setzt „Verflucht normal“ auf eine konsequent chronologische Herangehensweise. Der Film begleitet John Davidson von den ersten kaum einzuordnenden Auffälligkeiten über zunehmend stärker den Alltag bestimmende Tics bis hin zur späteren Tourette-Diagnose, die als junger Erwachsener gestellt wird. Gerade in den frühen Passagen entwickelt der Film dadurch ein feines Gespür für die schleichende Vereinnahmung eines Lebens durch eine Erkrankung, deren Ursachen und Mechanismen damals noch deutlich weniger erforscht waren als heute. Umso bedauerlicher ist allerdings, dass ausgerechnet eine emotional wie dramaturgisch hochspannende Zwischenphase beinahe ausgespart bleibt. Denn zwischen den ersten massiv spürbaren Symptomen und der letztlich eher vage formulierten Diagnose öffnet sich im Film eine erzählerische Lücke, die Raum für zusätzliche emotionale Tiefe geboten hätte. Das frustrierende Gefühl permanenter Ungewissheit, die psychische Erschöpfung und die aus der eigenen Überforderung resultierende Isolation werden zwar angedeutet, aber nie wirklich vertieft. Zwar vermeidet Kirk Jones dadurch das potenziell klischeehafte „von Arzt zu Arzt“-Narrativ, gleichzeitig verschenkt der Film damit jedoch die Möglichkeit, Johns innere Zerrissenheit noch greifbarer werden zu lassen.

Mit seiner Mutter Heather (Shirley Henderson) trifft sich John als Erwachsener nur noch selten.

Dass der Film diese Phase nur vergleichsweise oberflächlich behandelt, geht dann auch ein Stück weit zu Lasten von Johns Mutterfigur. Deren zunehmende Distanz zu ihrem Sohn lässt sich zwar nachvollziehbar aus ihrer eigenen Hilflosigkeit und Überforderung heraus erklären, doch bleiben gerade in den gemeinsamen Szenen einige emotionale Leerstellen bestehen. Dadurch droht die Figur hin und wieder ungerechterweise zur Antagonistin der Geschichte zu werden, obwohl „Verflucht normal“ eigentlich mehrfach erkennen lässt, dass auch sie schlicht mit einer Situation ringt, die damals für kaum jemanden – und damit nicht nur für sie – zu verstehen war. Umso stärker gelingt dafür die Zeichnung des übrigen Umfelds. Vor allem Peter Mullan („Tyrannosaur“) verleiht dem mürrisch auftretenden Hausmeister Tommy mit trockenem Humor und großer Herzlichkeit eine sofort einnehmende Präsenz. Auch Maxine Peake („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) hinterlässt als Dottie bleibenden Eindruck. Ihre Darstellung bewahrt die Figur souverän vor dem Klischee der selbstlosen Ersatzmutter. Statt bloßer Gutmütigkeit vermittelt Peake eine Form von Fürsorge, die spürbar aus Dotties beruflichem Hintergrund als Krankenschwester erwächst. Ihre Aufopferungsbereitschaft fühlt sich dadurch nie konstruiert oder kitschig an, sondern aufrichtig und menschlich greifbar.

„Robert Aramayo verkörpert seinen John Davidson mit einer Mischung aus permanenter körperlicher Anspannung und impulsiven Ausbrüchen. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie sehr seine Darstellung darauf verzichtet, die Figur auf ihre Erkrankung zu reduzieren.“

Den größten Anteil daran, dass „Verflucht normal“ trotz kleinerer dramaturgischer Schwächen derart nachhaltig funktioniert, trägt allerdings Hauptdarsteller Robert Aramayo („The Empty Man“). Dass der Schauspieler selbst gar nicht am Tourette-Syndrom erkrankt ist, dürfte nach Sichtung des Films vermutlich erst einmal Recherchebedarf auslösen. Aramayo verkörpert seinen John Davidson mit einer Mischung aus permanenter körperlicher Anspannung und impulsiven Ausbrüchen. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie sehr seine Darstellung darauf verzichtet, die Figur auf ihre Erkrankung zu reduzieren. Johns Tics prägen zwar seinen Alltag, definieren ihn als Menschen aber nie vollständig. Der Film erlaubt seiner Hauptfigur Fehler, Trotzreaktionen und Momente der Überforderung, ohne sie dabei künstlich zu verklären oder permanent um Mitleid zu bemühen. Gerade dadurch entsteht eine ehrliche Form von Empathie. Man begleitet John nicht als tragisches Opfer, sondern als Menschen, der Schritt für Schritt lernt, mit seiner Situation zu leben und sich seinen Platz innerhalb der Gesellschaft zurückzuerobern. Am Ende geht man mit einem Gefühl der Inspiration aus dem Film, das weniger klassischen Feelgood-Mechanismen geschuldet ist, sondern Kirk‘ Jones aufrichtiges Interesse für das Schicksal seiner Hauptfigur.

Hausmeister Tommy (Peter Mulan) begegnet John mit trockenem Humor und viel Fingerspitzengefühl.

Fazit: „Verflucht normal“ gelingt der schwierige Balanceakt, Tourette sensibel und authentisch darzustellen, ohne dabei in Klischees oder Betroffenheitskino abzurutschen. Trotz kleinerer dramaturgischer Schwächen überzeugt der Film vor allem durch sein ehrliches Interesse an den Menschen hinter der Erkrankung und eine herausragend glaubhafte Performance von Robert Aramayo.

„Verflucht normal“ ist ab dem 28. Mai 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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