Nürnberg

Zwischen historischem Schwergewicht und inszenatorischem Drahtseilakt versucht sich Regisseur James Vanderbilt mit NÜRNBERG an ganz großen Themen und stolpert dabei über seine eigenen Ambitionen. Was ein vielschichtiges Charakter- und Gerichtsdrama hätte werden können, kippt allzu oft in unfreiwillige Komik, was vor allem an Rami Maleks Performance liegt.

OT: Nuremberg (HUN/USA 2025)

Darum geht’s

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen in Nürnberg die historischen Prozesse gegen führende Nationalsozialisten. Der amerikanische Militärpsychologe Douglas Kelley (Rami Malek), fällt die Aufgabe zu, die angeklagten Hauptkriegsverbrecher – darunter Hermann Göring (Russell Crowe) – auf ihre geistige Verfassung hin zu untersuchen. Kelley versucht zu verstehen, wie scheinbar „normale“ Menschen zu Massenmördern werden konnten und entwickelt zunehmend eine Faszination für sein Gegenüber. Göring hingegen nutzt jede Gelegenheit, um sich selbst zu inszenieren, seine Taten zu relativieren und Einfluss auf die Wahrnehmung des Prozesses zu nehmen. Die Begegnungen zwischen den beiden Männern bringen Kelley zunehmend an seine persönlichen und moralischen Grenzen, als er anfängt, Parallelen zwischen sich und den Angeklagten zu hinterfragen. Doch sein Urteil ist von großer Wichtigkeit. Denn die Alliierten stehen unter Druck, nicht nur Schuld zu beweisen, sondern auch ein Zeichen für zukünftiges Völkerrecht zu setzen…

Kritik

Wer in den letzten Jahren aufmerksam Abspänne gelesen hat, dem dürfte der Name James Vanderbilt vielfach ins Auge gestochen sein. Gefühlt gibt es aktuell kaum ein größeres Studio-Projekt, bei dem Vanderbilt nicht zumindest als Produzent seine Finger im Spiel hat. Ob im Horrorbereich mit „Suspiria“, „Abigail“ oder „Scream 7“, im Abenteuer-Action-Genre wie bei „Fountain of Youth“ oder auch im Comedy-Segment rund um Netflix‘ „Murder Mystery“-Filme: Vanderbilt bewegt sich souverän zwischen ganz unterschiedlichen Tonlagen und Stoffen. Diese Omnipräsenz hinter den Kulissen lässt fast vergessen, dass er selbst auf dem Regiestuhl bislang kaum in Erscheinung getreten ist. Genau genommen gab es mit „Der Moment der Wahrheit“ bislang nur einen einzigen Ausflug ins Regiefach. In diesem Fall für ein politisches Medien-Drama, das zwar solide aufgenommen wurde, aber kaum nachhaltige Spuren hinterließ. Umso spannender ist nun der Blick auf „Nürnberg“, mit dem Vanderbilt sich nach fast einem Jahrzehnt erneut als Regisseur versucht – und sich damit ausgerechnet einem der historisch schwergewichtigsten Stoffe der jüngeren Vergangenheit widmet.

Militärpsychologe Douglas Kelley (Rami Malek) soll ein Psychogramm des Kriegsverbrechers Hermann Göring (Russell Crowe) erstellen.

Wie sehr sich James Vanderbilts umtriebige Produzenten-Vita in seiner zweiten Regiearbeit widerspiegelt, ist – diplomatisch ausgedrückt – bemerkenswert. „Nürnberg“ wirkt regelrecht wie ein filmgewordenes Best-of seiner bisherigen Tätigkeiten hinter den Kulissen. Der Film springt mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit zwischen unterschiedlichen Tonalitäten hin und her, so wie Vanderbilt zuvor mühelos zwischen Genres pendelte. Mal will das Gerichtsdrama als gewichtige Geschichtsaufarbeitung funktionieren, dann als eine Art Heldenreise des Herrmann-Göring-Psychiaters Douglas Kelly, um im nächsten Moment wiederum in ein beinahe schon intimes Schurkenpsychogramm abzudriften. Das Problem ist dabei weniger der Anspruch als vielmehr die Gleichzeitigkeit, mit der all diese Ansätze verfolgt werden. Statt sich für eine klare Perspektive zu entscheiden, versucht der Film, alles auf einmal zu sein. Der Fokus aufs Wesentliche geht dabei komplett Flöten. Und leider spiegelt sich dieses Kuddelmuddel auch in den Ensemble-Leistungen wider. Denn die Darstellerriege wirkt so, als hätten all ihre Mitglieder vorab unterschiedliche Drehbücher mit abweichender Genre-Einordnung erhalten.

„Während Maleks Darbietung an der Oberfläche bleibt, arbeitet Crowe mit betonter Ruhe. Sein Göring ist kein laut polternder Fanatiker, sondern ein kalkulierender Machtmensch, der genau weiß, wie er auf andere wirkt und dieses Wissen gezielt einsetzt.“

Am auffälligsten ist das bei Rami Malek („Bohemian Rhapsody“). In einer seiner ersten Szenen sehen wir ihn mit Sonnenbrille, betont coolen Ami-Slang dahinsprechend und hoch oben auf einem Militärfahrzeug sitzend, wie er einem Kollegen von seinem Vorhaben berichtet, ein Psychogramm über den Kriegsverbrecher Herrmann Göring zu erstellen. In diesen Szenen ist „Nürnberg“ tonal näher an Filmen wie „Top Gun“ als an vergleichbaren Historiendramen. Und es irritiert auch im weiteren Verlauf. Immer wieder inszeniert Vanderbilt Kelley als selbstgefälligen Karrieristen, für den die Arbeit im Rahmen der Nürnberger Prozesse nur ein Schritt auf der Leiter nach oben ist – und der von sich selbst grundsätzlich am meisten hält. Dem gegenüber steht Russell Crowes komplett gegensätzliche Performance als Göring. Während Maleks Darbietung an der Oberfläche bleibt, arbeitet Crowe („Sleeping Dogs – Manche Lügen sterben nie“) mit betonter Ruhe. Sein Göring ist kein laut polternder Fanatiker, sondern ein kalkulierender Machtmensch, der genau weiß, wie er auf andere wirkt und dieses Wissen gezielt einsetzt. Gerade in den Dialogszenen entwickelt Crowe eine schwer greifbare Mischung aus Charisma und Abgründigkeit, die nachvollziehbar macht, warum sich sein Gegenüber überhaupt erst auf ihn einlässt. Dass Kelleys Faszination für diesen Mann nicht nur beruflicher Natur ist, sondern zunehmend persönliche Züge annimmt, wirkt dadurch erschreckend plausibel. Crowe spielt das mit feinen Nuancen, kleinen Blicken und einem kontrollierten Auftreten, das jederzeit das Gefühl vermittelt, dass hinter der höflichen Fassade etwas zutiefst Verstörendes lauert.

Im Zeugenstand gibt sich Göring selbstsicher.

So stark diese Szenen im Detail auch funktionieren, liegt hier zugleich eines der zentralen Probleme des Films. Denn Russell Crowe ist nun mal Russell Crowe. Und genau das wird „Nürnberg“ immer wieder zum Verhängnis. Für eine derart historisch aufgeladene und ikonografisch so klar umrissene Figur wie Hermann Göring ist seine Präsenz einfach zu markant. Man sieht eben nicht ausschließlich die Figur, sondern immer auch den Star, der sie verkörpert. Das ist insofern schade, als dass Crowe handwerklich absolut überzeugend arbeitet. Und doch tritt er nie ganz hinter die Rolle zurück. Statt einer vollständigen Transformation entsteht so eher eine Art Spannungsfeld zwischen Figur und Darsteller, das das Publikum permanent daran erinnert, dass hier ein Schauspieler eine historische Persönlichkeit interpretiert. Gerade in einem Film, der ohnehin schon mit seiner tonalen Uneinheitlichkeit kämpft, verstärkt diese permanente Sichtbarkeit des Stars den Eindruck eines Projekts, das seine vielen Einzelteile nie ganz zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen kann.

Und wo wir gerade bei Einzelteilen sind: Das Skript von Vanderbilt und Newcomer Jack El-Hai verteilt seine Aufmerksamkeit großzügig auf verschiedene Figuren, die jeweils für ganz unterschiedliche erzählerische Zugänge stehen. Da ist Hermann Göring, der manipulative, kalkulierende Wahnsinnige, dessen psychologisches Katz-und-Maus-Spiel zu den stärksten Momenten des Films zählt. Daneben positioniert sich sein Psychiater als vermeintliches moralisches Zentrum, als Identifikationsfigur und „Held“ der Geschichte. Und schließlich sind da noch Michael Shannon („A Different Man“) und Richard E. Grant („Can You Ever Forgive Me?“), deren Charaktere sich in verschiedenen (Neben-)Klägerpositionen befinden und nochmal eine ganz andere, nicht minder faszinierende (wenn nicht sogar die faszinierendste) Perspektive auf die Nürnberger Prozesse eröffnen.

Der britische Ankläger Sir David Maxwell Fyfe (Richard E. Grant) und der US-amerikanische Jurist Robert H. Jackson (Michael Shannon).

Das Problem: All diese Erzählstränge sind für sich genommen deutlich spannender, weil sie komplexere und widersprüchlichere Blickwinkel auf das historische Geschehen erlauben. Doch ausgerechnet Kelley soll das emotionale Zentrum bilden, was partout nicht funktionieren will. Maleks Performance, gepaart mit der Art, wie die Figur geschrieben und inszeniert ist, kippt zu oft ins unfreiwillig Komische. Und mit ihm der Film um ihn herum. Ein Effekt, der den Film in seiner Emotionalität und thematischen Dringlichkeit ausbremst. Besonders irritierend wird das in der zweiten Hälfte, wenn James Vanderbilt den Ton merklich verschärft. Eine mehrminütige Sequenz mit Originalaufnahmen aus der Befreiung eines Konzentrationslagers fungiert hier als Zäsur, die den Film abrupt erdet und emotional erschüttert. In diesen Momenten gewinnt „Nürnberg“ eine Bitterkeit und Schwere, die zuvor nur punktuell durchschimmerte. Das macht es umso deutlicher, wie wenig die zentrale Identifikationsfigur diesem Gewicht gewachsen ist.

„Maleks Performance, gepaart mit der Art, wie die Figur geschrieben und inszeniert ist, kippt zu oft ins unfreiwillig Komische. Und mit ihm der Film um ihn herum. Ein Effekt, der den Film in seiner Emotionalität und thematischen Dringlichkeit ausbremst.“

Fazit: „Nürnberg“ ist ein ambitioniertes, aber unausgegorenes Projekt, das seine vielen erzählerischen Ansätze nicht zu einem stimmigen Ganzen formen kann. Trotz starker Momente – insbesondere im Spiel mit Russell Crowe – verlieren sich Fokus und emotionale Wirkung immer wieder im tonalen Durcheinander, wodurch der Film seinem gewichtigen historischen Stoff nicht gerecht wird.

„Nürnberg“ ist ab dem 7. Mai 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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