Top Gun: Maverick

Nach coronabedingter Verschiebung über mehr als ein Jahr erscheint dieser Tage TOP GUN: MAVERICK, die Spurenelemente eines Remakes enthaltende Fortsetzung eines Achtzigerjahre-Kultfilms in die Kinos. Und die hält sich sklavisch an die Motive des Vorbilds – was sich gut und weniger gut auslegen lässt. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Top Gun: Maverick (CHN/USA 2022)

Der Plot

Seit mehr als 30 Jahren ist Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise) als Top-Pilot für die Navy im Einsatz. Als furchtloser Testflieger lotet er die Grenzen des Möglichen aus und drückt sich vor der Beförderung, die ihn auf den Boden verbannen würde. Als er eine Gruppe von Top-Gun- Auszubildenden für eine Sondermission trainieren soll, trifft er auf Lt. Bradley Bradshaw (Miles Teller) mit dem Spitznamen „Rooster“, den Sohn von Mavericks verstorbenem Co-Piloten und Freund Nick Bradshaw, „Goose“. Konfrontiert mit den Geistern der Vergangenheit, ist Maverick gezwungen, sich seinen tiefsten Ängsten zu stellen, denn die Sondermission wird von allen, die für diesen Einsatz auserwählt werden, das ultimative Opfer fordern.

Kritik

Als „Top Gun“ Ende der Achtzigerjahre in die Kinos kam, war das mit einigen spektakulären, handgemachten Flug-Actionszenen ausgestattete Tom-Cruise-Vehikel kein Kritikerliebling. Insbesondere die Nähe zur Militärpropaganda (diesem wurde im Abspann sogar gezielt für die Unterstützung gedankt, auch Teil zwei wurde vom Militär teilfinanziert) stieß der Presse negativ auf. Erst mit der Zeit änderte sich die Wahrnehmung des Films in der Popkultur, was nach wie vor ein wenig verwundert, wenn man sich bewusst macht, wie viel der Handlung in Wirklichkeit Drama sowie Lovestory ist und wie viel Prozent tatsächlich auf die Flugstunts entfällt. An dieser Stelle sei direkt vorweggenommen: Das über drei Jahrzehnte später auf den Weg gebrachte Legacyquel – eine Mischung aus Fortsetzung und Neuauflage – macht sich den jetzigen Status der Vorlage bewusst und rückt das, wofür man „Top Gun“ heute vor allem in Erinnerung hat in den Fokus: die Flugaction – und Tom Cruise („Mission: Impossible – Fallout“). Dieser spielt in „Top Gun: Maverick“ seine altbekannte Rolle des Kampfpiloten Captain Pete „Maverick“ Mitchell, der von nun an lehrt und die Einsätze nicht mehr selbst fliegt. Abseits dieser marginalen Änderung – Cruise sitzt selbst noch oft genug im Cockpit – orientiert sich Regisseur Joseph Kosinski in seiner zweiten Zusammenarbeit mit dem Hollywoodstar nach „Oblivion“ stark an den inszenatorischen Wesenszügen des Originals, sodass man bisweilen gar nicht richtig erkennt: Sind das gerade neue Szenen oder welche aus Teil eins? Das macht „Top Gun: Maverick“ zu einem Fest für die Leute, die sich genau jenes Filmerlebnis erhoffen, das sie heute mit „Top Gun“ verbinden. Gleichwohl wirkt „Top Gun: Maverick“ wie aus der Zeit gefallen, was mitunter befremdlich wirkt und unbedingt hinterfragt werden darf.

Auch so viele Jahre später bleibt Tom Cruise der Dreh- und Angelpunkt des Films.

Eine Episode der die Popkultur und ihre Regeln wie einen Schwamm aufgesogenen Comedyserie „Community“ inszenierte Schöpfer Dan Harmon im Abenteuer- und Heldenfilmstil. Seine Hauptfiguren agieren – eingesperrt in einem abgeschleppten Campinganhänger – genauso pathetisch und heroisch wie man es vorwiegend aus den Filmen der mittleren bis späten Achtziger und Neunziger kennt. Inklusive der typischen Faust-ball- und Mit-Tränen-in-den-Augen-seinen-Heldenfreund-Umarm-Szenen; um nur zwei von zahlreichen, heute regelrecht antiquiert wirkenden Beispielen zu erwähnen, die exemplarisch dafür stehen, wie gezielt hier nun eben Kosinski und seine Drehbuchautoren Christopher McQuarrie, Ehren Kruger („Ghost in the Shell“) und Eric Warren Singer („No Way Out“) die „Knöpfe der testosterongeschwängerten Action-, Kriegs- und Actionfilmblaupausen zu drücken wissen, die „Community“ so treffend zu parodieren wusste. Und was soll man sagen: Es funktioniert! Trotzdem wirkt es mit dem Wissen um das punktgenaue Kalkül heutzutage fast lächerlich, einfach weil man längst dafür sensibilisiert ist, was Filme mit solchen Szenen, bestimmten Kamerafahrten, Musikeinsätzen und auch Schauspielperformances erreichen wollen. „Top Gun: Maverick“ lässt sich somit von zwei Seiten betrachten: Einmal aus der Perspektive jener, die sich in genau diese Art des Nostalgisch (Verklärten) fallen lassen können. Und aus der jener, deren Ansprüche an das Genre so viele Jahrzehnte später einfach andere sind; subtiler, weniger dramatisiert und dadurch auch irgendwie „echter“. Die Gegenthese zu „Top Gun: Maverick“ hat Joseph Kosinski bereits selbst inszeniert: das Feuerwehrdrama „No Way Out – Gegen die Flammen“. Zu welchem Typ man gehört, hinterfragt man sich zwecks Erwartungshaltung am besten vorab selbst. Fest steht aber: Gerade wer das Achtzigerjahre-Kino zum Höhepunkt der Filmgeschichte hochstilisiert, wird „Top Gun: Maverick“ lieben…

„Joseph Kosinski und seine Drehbuchautoren Christopher McQuarrie, Ehren Kruger und Eric Warren Singer wissen die Knöpfe der testosterongeschwängerten Action-, Kriegs- und Actionfilmblaupausen zu drücken die ‚Community‘ so treffend zu parodieren wusste. Und was soll man sagen: Es funktioniert!“

… und alle anderen werden die von wirbelnden Kameras (Claudio Miranda, „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“) sowie einer durch Mark und Bein gehenden Tonspur angetriebene, spektakuläre Action dennoch genießen. Vergleiche mit einer Wucht, wie man sie zuletzt in Filmen wie „Mad Max: Fury Road“ oder „Mission: Impossible – Fallout“ gesehen und gespürt hat, sind nicht weit hergeholt. Nicht umsonst gehört auch hier „M:I“-Mastermind Christopher McQuarrie zum Produktions- und Autorenstab. Im Vorfeld wurde das Hauptaugenmerk der PR-Arbeit vor allem darauf gelenkt, dass Tom Cruise einmal mehr in vielen Szenen selbst die Flugmaschine steuerte und das ohnehin ein Großteil der Actionszenen handgemacht seien. Da ist es fast ironisch, dass die Anzahl der im Abspann genannten CGI-Verantwortlichen riesig ist, was den Eindruck, alles in „Top Gun: Maverick“ sei echt, regelrecht untergräbt. Das macht aber nichts. Die Momente, in denen ersichtlich ist, dass eine Szene mit Computereffekten „aufgehübscht“ wurde, lassen sich an einer Hand abzählen. Und so wird man hier über zwei Stunden lang in den Kinosessel gepresst, wie es selbst das Original – schon allein aufgrund der deutlich weniger Raum einnehmenden Actionszenen – nicht geschafft hat. Da mag man sich schon fast zu der Prognose hinreißen lassen, dass es im Big-Budget-Actionkino dieses Jahr wohl kaum noch Besseres zu sehen geben wird.

Auch wenn sich Miles Teller sichtlich Mühe gibt, in die Fußstapfen des Hollywoodstars zu treten.

Inhaltlich folgt „Top Gun: Maverick“ den zuletzt in der Horrorkultfortsetzung „Scream 5“ detailliert veranschaulichten Regeln eines Legacyquels und etabliert neue Helden in der Position seiner Vorbilder, während Tom Cruise – der übrigens weder im bebilderten Vor- noch im Abspann, sondern lediglich im Lauftext genannt wird – als Rückkehrer aus dem Original die Truppe im wahrsten Sinne des Wortes zusammenhält. Doch auch wenn das Skript sich sichtlich Mühe gibt, Miles Teller („Whiplash“) als Nachfolger Mavericks zu etablieren und ihm eine dem Rest des Films sehr grobmotorische Charakterreifung zugesteht, bleibt auch „Top Gun: Maverick“ ein reines Tom-Cruise-Vehikel. Ein Gros der „magischen“, stilprägenden Momente gehen erneut auf seine Kosten. Sei es nun, weil er sich einmal mehr ein Wettrennen mit einem startenden Kampfjet im Sonnenuntergang liefert, den emotionalen (Romantik-)Schwerpunkt der Story rund um sein Love-Interest Jennifer Connelly („Alita: Battle Angel“) trägt oder pathetische Motivationsreden vor seiner Auszubildendenklasse hält. Eine von ihnen gehört zu den besten Szenen des Films, wenn er an seine Schützlinge appelliert, sich darüber Gedanken zu machen, wie man den Eltern eines im Einsatz gefallenen Kameraden vom Tod dessen unterrichtet, wenn das Ableben auf die eigene Kappe gegangen ist. Das ist dann plötzlich alles andere als banale Fliegerromantik, sondern wuchtiges Dramakino. Dasselbe gilt für ein Wiedersehen mit Val Kilmer („Song to Song“), der einen kurzen, seinem Stellenwert im Original absolut gerecht werdenden Auftritt erhält.

„Inhaltlich folgt ‚Top Gun: Maverick‘ den zuletzt in der Horrorkultfortsetzung ‚Scream 5‘ detailliert veranschaulichten Regeln eines Legacyquels und etabliert neue Helden in der Position seiner Vorbilder, während Tom Cruise als Rückkehrer aus dem Original die Truppe zusammenhält.“

Doch was ist denn „Top Gun: Maverick“ nun eigentlich im Gesamten? Selten war diese Antwort so deutlich mit einem „Das kommt auf die eigene Perspektive an“ zu beantworten. Der Film lässt sich gleichzeitig an seinem altmodischen Kalkül auszählen. An seinem längst nicht mehr zeitgemäßen Heroismus (der Patriotismus hält sich hier derweil überraschend in Grenzen), an der Figurenkonstellation und der oberflächlichen Liebesgeschichte. Und trotzdem funktioniert er doch genau auf diese Weise – und natürlich über seine brachial-gigantische Action. „Top Gun: Maverick“ ist – zumindest in der aktuellen Kinolandschaft – ein Unikat. Doch wer gerade deshalb hin und wieder ins Schmunzeln und Kopfschütteln gerät, dem ist hieraus kaum ein Vorwurf zu machen.

Fazit: Irgendwo zwischen altmodisch-kalkuliertem, banalen Achtzigerjahre-Actionkino und Stunts, die selbst nach aktuellen Standards gemessen neue Maßstäbe setzen, verbirgt sich mit „Top Gun: Maverick“ ein Film, den es so heutzutage nicht mehr gibt. Ob man ihn genau so braucht, ist fraglich – denn es gibt das Original ja bereits. Doch allein die spektakulären Flugszenen machen die Tom-Cruise-Show zu einem Must-See des Kinojahres.

„Top Gun: Maverick“ ist ab dem 26. Mai 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Ein Film auf den ich gar keine Lust habe, der mir nach dieser Kritik jedoch einen Versuch wert scheint :-). Tom Cruise ein Urgestein, von dem ich einiges noch nachzuholen habe.

Und was sagst Du dazu?