Whiplash

Damien Chazelle erzählt in seinem spannungsgeladenen Psychodrama WHIPLASH von einem jungen Musiker, der sich seiner Passion zuliebe bis zur Selbstaufgabe drillen lässt. Auf weltweiten Filmfestivals sorgte der mit rund 3 Millionen US-Dollar äußerst schmal budgetierte Streifen und auch meine Wenigkeit möchte sich dieser Extase anschließen. Meine Kritik zum Oscar-Anwärter lest Ihr hier.

Whiplash

Der Plot

Der 19-jährige Jazz-Schlagzeuger Andrew Neiman (Miles Teller) träumt von einer großen Karriere. Nach dem Scheitern der Schriftsteller-Laufbahn seines Vaters ist er fest entschlossen, sich durchzukämpfen und es auf dem renommiertesten Musikkonservatorium des Landes ganz nach oben zu schaffen. Eines Nachts entdeckt der für seine Qualitäten als Lehrer ebenso wie für seine rabiaten Unterrichtsmethoden bekannte Band-Leiter Terence Fletcher (J.K. Simmons) den jungen Drummer beim Üben. Wenngleich Fletcher in diesem Moment nur wenige Worte verliert, entfacht er in Andrew eine glühende Entschlossenheit. Zu dessen Überraschung veranlasst der Lehrer am nächsten Tag, dass der begabte junge Mann ab sofort in seiner Gruppe spielt – ein Schritt, welcher Andrews Leben für immer verändern wird.

Kritik

Damien Chazelle ist unbeschriebenes Blatt und vorurteilsbelasteter Low-Budget-Filmemacher zugleich. Sein Debüt „Guy and Madeline on a Park Bench“, mehr kinematische Kino-Randerscheinung denn Geheimtipp oder gar Kassenschlager, etablierte den Autorenfilmer auf ganz andere Weise, als es seine Arbeit als Drehbuchautor zu tun vermochte. So schrieb er den Horror-Flop „Der letzte Exorzismus 2“ (57 Zuschauer in den deutschen Kinos!), ebenso wie den hierzulande lediglich auf DVD und Blu-ray erschienenen Kammerspiel-Thriller „Grand Piano – Sinfonie der Angst“, der von Kritikern und Publikum ebenfalls nur zurückhaltend aufgenommen wurde. Den Regisseur anhand derart unterschiedlicher Ergüsse einzuschätzen, kam vor den Premieren seines neuesten Streifens „Whiplash“ einem Ding der Unmöglichkeit gleich. Doch das Musikerdrama, das auf einem gleichnamigen Kurzfilm von Chazelle basiert, versetzte nicht nur Publikum wie Kritiker weltweit in Extase, sondern wurde für den Filmemacher zu einer Art Renaissance. Der angeknackste Ruf Chazelles scheint spätestens mit diversen Award-Nominierungen – unter anderem kann sich „Whiplash“ Hoffnungen auf einen Oscar für den besten Film machen – Geschichte. Kein Wunder:  Chazelles Charakterstudie ist eine eindrucksvolle Ode an all jene Menschen, deren Passion für die Kunst das Leben bestimmt. In diesem Fall ist es die Musik, doch im Grunde steht die fiktive Geschichte stellvertretend für die Vielfältigkeit an Leidenschaften, von denen wir alle unseren Alltag bestimmen lassen.

Miles Teller

Damien Chazelle gestaltet sein Psychospiel ganz im Stile eines Biopics. Und wirklich: Wenn man es nicht besser wüsste, so könnte man meinen, es bei „Whiplash“ mit der Nacherzählung wahrer Ereignisse zu tun zu haben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Story zum Film entstammt vollends einer Idee des Regisseurs, der bei „Whiplash“ einmal mehr sämtliche federführende Positionen selbst besetzt. Akribisch fokussiert sein Streifen die desaströse Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren, die sich nicht bloß ein beeindruckendes Psychospiel liefern, sondern sich gegenseitig – fast in einer Meta-Ebene – die vorherrschende Präsenz vor der Kamera abzuringen versuchen. Miles Teller („Für immer Single?“) übernimmt die Rolle des Andrew und findet seinen Meister, im wahrsten Sinne des Wortes, in Terrence Fletcher, zu dessen diabolischer Verkörperung durch J.K. Simmons („#Zeitgeist“) schon so ziemlich alles geschrieben wurde, was im Anbetracht der hier dargebrachten Leistung möglich ist. Mit den Erfolgsgedanken und der Abhängigkeit voneinander spielend, funktioniert das Kräftemessen der beiden hervorragend gecasteten Hauptakteure nicht bloß über die punktgenau geschriebenen Dialoge, sondern allen voran über die Intensität der Schauspielleistungen. Während Tellers Aufopferungsbereitschaft insbesondere in den paralysierenden Schlagzeugsoli zum Tragen kommt, verkörpert Simmons seinen vermeintlichen Protagonisten mit Leib und Seele und macht aus ihm einen Teufel in Menschengestalt, dessen Unberechenbarkeit zu einem nicht einschätzbaren Story-Faktor wird.

Whiplash

Trotz der harten, teils äußerst kontroversen Erziehungsmethoden das Bandleiters verzichtet Chazelle darauf, seinen sich rasch als Antagonisten entpuppenden Charakter als banalen Alltags-Bösewicht darzustellen. Stattdessen kehrt er Fletchers Erfolgsbesessenheit immer wieder um und damit seine menschliche Seite hervor. Das Drehbuch ist voll von kleinen Detailbeobachtungen, die „Whiplash“ von dem Status der Schwarz-Weiß-Zeichnung lossprechen und ihn zu einer bittersüßen Liebesgeschichte zwischen Andrew, Fletcher und der Musik machen. Dabei kommt Andrews Leidenschaft für die Musik in seinem ungebrochenen Leistungswillen zum Tragen, der ihn trotz teils menschenunwürdiger Trainingseinheiten alsbald über sich hinaus wachsen lässt, während Fletchers Passion mehrmals auch sadistische Züge anzunehmen scheint. Wenn sich Andrew schließlich sogar von sämtlichen privaten Ablenkungen lossagt, etwa seine Beziehung zu der bezaubernden Nicole (eine Entdeckung: Melissa Benoist) beendet, nimmt sein Abhängigkeitsverhältnis zu Fletcher noch konkretere Züge an, was den Spannungsgehalt in der Erzählung auf einem konstant hohen Niveau hält. Dabei weigern sich alle Beteiligte, in ihrem Erzählfluss allzu konventionell vorzugehen. Die gut eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug und lassen in ihren ungeordneten Narrativen keine Einschätzung zu, wann das Geschehen wie beendet werden könnte. Eine beeindruckende Art der Inszenierung, die „Whiplash“ mit einer großartigen Unberechenbarkeit ausstattet, die in einem perfekt gewählten Schlussakt zu ihrer Vollkommenheit findet.

Von essentieller Wichtigkeit in einem Musikfilm ist zweifelsohne die akustische Untermalung. In „Whiplash“ ist der Name gleich auf mehreren Ebenen Progamm: Zum einen steht das englische Wort für den Begriff Peitschenhieb, der nicht bloß auf den körperlich schmerzhaften Musikunterricht den Terrence Fletcher hindeutet, sondern auch den markant-bösen Nachgeschmack der Leinwandereignisse beschreibt. Gleichzeitig gehört das Musikstück „Whiplash“ zum Standardrepertoire der Band, das im Laufe der Handlung zum Sinnbild der sich stetig wiederholenden Qualen für Andrew wird. Wurde die Eintönigkeit der Musikstunden zu Beginn immer mal wieder von den privaten Belangen des Schlagzeugers durchbrochen, konzentriert sich „Whiplash“ mit der Zeit fast ausschließlich auf das, was sich hinter den verschlossenen Türen der Musikakademie abspielt. Da erweist sich die Handvoll an Nebendarstellern als umso wichtiger. Insbesondere Paul Reiser („Liberace“) in der Rolle von Andrews Vater ist nicht nur Stütze seines Sohns, sondern auch ein stiller Kommentator des Geschehens, der das Publikum an die Hand nimmt. Das gilt auch für die in Gänze ohne Effekthascherei auskommende Kameraarbeit von Sharone Meir („The Last House on the Left“), der sich in seiner Bildsprache stets auf das Wesentliche konzentriert. Passend dazu kleidet er auch „Whiplash“ in ein Gewand aus ruhigen, jedoch nicht weniger hypnotischen Bildern, fokussiert vorzugsweise die Figuren und begeistert vor allem in den Close-Ups, mithilfe derer Meir die Diabolik und den Schmerz im Detail einfängt. Das phänomenale Schlussbild von „Whiplash“ setzt auf den letzten Metern noch einmal ein Ausrufezeichen hinter die beeindruckende Simplizität seiner Arbeit, die mit wenigen Mitteln das Optimum an Atmosphäre aus dem Film herausholt.

Andrew hofft auf eine Nachricht seiner Ex-Freundin, die er der Musik zuliebe abserviert hat.

Andrew hofft auf eine Nachricht seiner Ex-Freundin, die er der Musik zuliebe abserviert hat.

Fazit: Nur ein Peitschenhieb ist intensiver: Damien Chazelles leidenschaftliche Charakterstudie „Whiplash“ begeistert mit dem phänomenalen Schauspiel seiner beiden Hauptdarsteller und erzählt eine Geschichte von purer Leidenschaft. Kino in seiner reinsten Form – ein Meisterstück!

„Whiplash“ ist ab dem 19. Februar bundesweit in ausgewählten Kinos zu sehen!

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