Jugend ohne Gott

Das futuristisch angehauchte Young-Adult-Drama JUGEND OHNE GOTT befasste sich in Romanform noch mit weltpolitischen Themen wie Gleichberechtigung und medialer Beeinflussung. Der Film dazu gleicht den vielen modernen Teenie-Dystopien, doch ist er deshalb schlechter? Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Zach (Jannis Niewöhner) macht sich widerwillig auf in das Hochleistungs-Camp der Abschlussklasse. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen hat er kein Interesse daran, auf die renommierte Rowald Universität zu kommen. Obwohl sie ihn nicht versteht, ist die ehrgeizige Nadesh (Alicia von Rittberg) von dem Einzelgänger fasziniert und versucht, ihm näherzukommen. Zach wiederum interessiert sich mehr für das geheimnisvolle Mädchen Ewa (Emilia Schüle), das im Wald lebt und sich mit Diebstählen über Wasser hält. Als Zachs Tagebuch verschwindet und ein Mord geschieht, scheint der fragile Zusammenhalt der jugendlichen Elite an sich selbst zu zerbrechen. Nur der vermeintlich moralisch integre Lehrer (Fahri Yardim) versucht zu helfen, aber dafür ist es schon zu spät…

Kritik

Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ landete im Jahr 1938 auf Antrag der Gestapo auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Darauf wurden sämtliche Bücher vermerkt, die in den Augen der NS-Regierung von „undeutschem Geiste“ seien – ergo: nicht das schändliche Gedankengut der Nationalsozialisten befürworteten und, im Gegenteil, sogar Stimme dagegen erhoben. Von Horváth schildert in seinem Buch die Ereignisse an einer Schule: Ein Lehrer korrigiert Klassenarbeiten und wird auf einen Schüler aufmerksam, der sich despektierlich gegenüber Schwarzen äußert, indem er wiederholt das von den Medien propagierte Schimpfwort „Neger“ benutzt. Im Zuge des Versuchs, mit seinem Schüler ins Gespräch zu kommen, legt er sich nicht bloß mit den Eltern des Betroffenen an, sondern auch mit einer ganzen Meute an vermeintlich Höhergestellten; Erziehungsberechtigte, Pädagogen und Kollegen suchen den Konflikt, während der Lehrer darüber zu grübeln beginnt und sich nicht bloß viele Fragen zu aktuellen politische Lage stellt, sondern erst recht darüber, wie die Jugend mit dieser Zeit umgeht. Wenngleich es in „Jugend ohne Gott“ auch um den Gott an sich geht, drückt dieser Terminus vorwiegend etwas Anderes aus: Es geht nicht um eine ungläubige Jugend, sondern um eine, ohne Gewissen, ohne Empathie und Liebe. Da ist es ganz klar, dass die Gestapo derartige Erkenntnisse einst nicht unter dem Volk wissen wollte; umso populärer wurde der Roman erst recht nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Regisseur Alain Gsponer („Heidi“) ist in nicht einmal 50 Jahren bereits der fünfte, der sich des Werkes annimmt. Und diesmal versetzt er das Buchszenario in eine ganz andere Zeit.

Zach (Jannis Niewöhner) bekommt jeden Morgen automatisch seine körperliche Verfassung mitgeteilt.

„Jugend ohne Gott“ platzierte sich neben Filmen wie „Willkommen bei den Hartmanns“, „Gleißendes Glück“ und „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ in der Vorauswahl um den deutschen Beitrag für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Geworden ist es am Ende Fatih Akins Rachedrama „Aus dem Nichts“, das sowohl thematisch, als auch aufgrund der Besetzung mit einer deutsch sprechenden Diane Kruger gute Chancen auf eine Nominierung haben dürfte. Dass sich „Jugend ohne Gott“ trotzdem kurzzeitig Hoffnung machen konnte, ist indes gar nicht so abwegig. Nicht nur die Vorlage ist hinlänglich und international bekannt, auch die Umsetzung passt sich – wenn auch erst jetzt und damit lange nachdem das Genre seinen Zenit überschritten hat – den Sehgewohnheiten des weltweiten Publikums an. Die 2017er-Version von „Jugend ohne Gott“ geht nämlich einen visuell und inhaltlich ähnlichen Weg wie die Kollegen der diversen „Panem“-Trittbrettfahrer, insbesondere der (zu Recht) gescheiterten „Die Bestimmung“-Reihe. Wer hieraus nun aber direkt auf die Qualität dieses deutschen Vertreters schließt, handelt ein wenig vorschnell. Denn obwohl von der Vorlage nur rudimentäre Einzelheiten beibehalten wurden und sich aus dem Rest eine düstere Vision darüber entspinnt, dass in naher Zukunft nach Leistung selektiert wird und die Persönlichkeit jedes Einzelnen auf der Strecke bleibt, findet „Jugend ohne Gott“ im Kern auch zur Aussage des Buches zurück, nur dass zwischenmenschliche Regungen in dieser Adaption nicht aufgrund des Krieges verloren zu gehen drohen, sondern wegen falsch verstandenen Erfolgstrebens.

Zum erzählerischen Dreh- und Angelpunkt wird eine Art Überlebenscamp, das einer Schulklasse die Möglichkeit dazu geben soll, sich in allerlei Survivaldisziplinen – von Klettern über Spurenlesen bis hin zu Dauerläufen – gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Während sich zunächst andeutet, dass es bevorzugt darum geht, wer hier wen aussticht oder wie es den einzelnen Teilnehmern gelingen könnte, das kranke System zum Einsturz zu bringen, zeichnet sich schon bald ein viel tiefer greifender, emotionaler Konflikt ab, in dessen Verlauf eine Figur ihr Leben lassen muss. Doch anstatt sich ab diesem Moment der Aufklärung des Mordfalles zu widmen, springt „Jugend ohne Gott“ wieder an den Anfang zurück und schildern die gleichen Geschehnisse noch einmal – nur aus der Position einer anderen Person. Das Ganze wiederholt sich ein weiteres Mal und haben sich sämtliche erzählerischen Puzzleteile sukzessive an ihre passende Stelle gesetzt, nimmt der Plot vor Gericht seinen weiteren Verlauf. „Jugend ohne Gott“ wird vom spannenden Abenteuerdrama zum intensiven Gerichtsfilm, denn als Zuschauer weiß man nun zwar mehr, als ein Großteil der im Film handelnden Figuren, doch was hier der Wahrheit entspricht, und was nicht, bleibt bis zuletzt so vage, dass man als Unkundiger des Romans kaum kommen sieht, worauf die Geschichte hinaus will.

Der Lehrer (Fahri Yardim) sucht das Gespräch mit seinen Schülern.

Dies trifft beileibe nicht auf jede getätigte Entscheidung zu: Manche Konflikte sind vorprogrammiert und lassen sich auch dann weit im Voraus erahnen, wenn man nicht bereits diverse andere Vertreter des Young-Adult-Kinos zu Gesicht bekam und gerade in den Dialogen bestätigt sich einmal mehr, dass sich deutsches Jugendkino in Sachen Authentizität viel öfter ein Beispiel an Beiträgen aus Übersee nehmen sollte. Trotzdem gelingt es vor allem den Hauptdarstellern, die emotionalen Schwankungen ihrer Figuren so glaubhaft darzubringen, dass der charakterliche Wankelmut eigene Figurentypen formt und man nicht den Eindruck erweckt, jeder von ihnen handele immer gerade so, wie es zur Geschichte passt. Wenngleich Jannis Niewöhner („Ostwind – Aufbruch nach Ora“) und Emilia Schüle (demnächst auch in „High Society“ zu sehen) klar den Mittelpunkt der Geschichte darstellen, ist es in erster Linie Fahri Yardim („Tschiller: Off Duty“), der für das Publikum zur Identifikationsfigur wird. Seine Figur des Betreuers verspricht in dieser gefühlskalten Welt nicht bloß ein wenig moralischen Halt, sondern agiert auch glaubhaft zwiegespalten, wenn er sich mal an die ihm auferlegten Gesetze hält, um sie ein anderes Mal wiederum zu sprengen. Und obwohl man über ihn am Ende eigentlich am wenigsten erfährt, verhilft er „Jugend ohne Gott“ doch zu dem Funken Menschlichkeit, um zu betonen, dass es keinerlei Bestreben nach einer solch unmenschlichen Welt geben sollte, wie damals schon von Ödön von Horvárth beschrieben.

Fazit: „Jugend ohne Gott“ krankt mitunter an den typischen Krankheiten deutscher Jugendfilme, überzeugt aber immer noch als clever erzählte, mit großen Bildern bestückte Dystopie über eine Welt, in der Liebe und Empathie nicht mehr existieren.

„Jugend ohne Gott“ ist ab dem 31. August bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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