Tschick

Nicht selten schlägt sich eine holprige Produktionsgeschichte auf das Endergebnis nieder. Anders bei TSCHICK. Der neue Film von Fatih Akin präsentiert sich als verschroben-romantisches Jugendabenteuer mit Kultpotenzial. Mehr dazu in meiner Kritik.Tschick

Der Plot

Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Assistentin auf „Geschäftsreise“ ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik Klingenberg (Tristan Göbel) die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick (Anand Batbileg) auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn – und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Die Geschichte eines Sommers, den wir alle einmal erleben… Der beste Sommer von allen!

Kritik

Dass das Projekt „‘Tschick‘-Verfilmung“ und der Hamburger Regisseur Fatih Akin („Soul Kitchen“) im vergangenen Jahr zusammengefunden haben, ist nicht weniger als pures Glück. Der von dem ehemaligen Titanic-Illustrator Wolfgang Herrndorf verfasste Roman wurde direkt nach Erscheinen von diversen Filmschaffenden umworben. Verschiedene Studios, Produzenten und Regisseure meldeten ihr Interesse an einer Verfilmung an, doch vom ersten Angebot bis hin zum fertigen Drehbuch vergingen knapp fünf Jahre. Bis kurz vor Drehbeginn war Akin noch nicht in die Planungen involviert. Erst, als neun Wochen vor Drehbeginn im Sommer 2015 der eigentliche Regisseur aufgrund von Terminproblemen absag, kam der gebürtige Hamburger mit an Bord des Projekts. Neun Wochen blieben dem Goldener-Bär-Preisträger (2004 für „Gegen die Wand“), um sich mit all dem vertraut zu machen, wofür Regisseure üblicherweise etwa ein Jahr brauchen. Entscheidungen wie die Wahl der Besetzung, Drehorte und bestimmte Positionen innerhalb des Ensembles hinter der Kamera standen da längst fest. Mittlerweile sagt Fatih Akin zu „Tschick“, dass der Film ihn „in jeder Hinsicht gerettet“ habe, hatte er zum damaligen Zeitpunkt doch unbedingt ein solches Projekt gebraucht, um Stillstand zu vermeiden. Diese aufgestaute Energie findet sich nun auch in „Tschick“ wieder. Sein tiefgreifendes Jugendabenteuer über zwei Außenseiter strotzt nur so vor Enthusiasmus und Dynamik und wird zu einer Hymne auf das Anderssein.

Tschick

Die Prämisse um zwei heranwachsende Jungen, die ihrem Mauerblümchen-Dasein entfliehen wollen, um den Sommer ihres noch jungen Lebens zu erleben, gab es in diesem Jahr schon einmal im Kino zu sehen. Michel Gondrys unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufenes Außenseiter-Abenteuer „Mikro & Sprit“ griff ähnliche Themen auf wie Wolfgang Herrndorfs Roman; auch hier ging es um die Suche nach der eigenen Identität und dem Drang nach Freiheit und Abenteuerlust. Das beweist allerdings nur, wie zeitlos derartige Geschichten sind. Der Figuren des wohlsituierten Maik Klinkenberg und des von seinen Mitschülern als asozial beschimpften Tschick, der in provokanter Lethargie nichts gegen sein angeschlagenes Image unternimmt, könnten kaum einladender geschrieben sein. Im Gegensatz zu „Mikro & Sprit“, dessen Protagonisten Kinomärchen-Erzähler Michel Gondry deutlich spleeniger zeichnete, dürfte sich ein jeder Teenie mit der einen oder anderen Facette der beiden „Tschick“-Charaktere identifizieren können. Kein Wunder also, das der 256-Seiten-dicke Roman mittlerweile zur Stammlektüre an deutschen Schulen gehört. So wird in „Tschick“ nicht bloß die Sinnlosigkeit von Vorurteilen betont, gleichzeitig geht es um den Wert wahrer Freundschaft, die Akzeptanz gegenüber Andersdenkenden und nicht zuletzt auch um Recht und Unrecht. Ganz ohne Brechstange lotete schon Wolfgang Herrndorf die Grenzen des Legalen aus, indem er seine Hauptfiguren von einer ebenso fragwürdigen wie skurrilen Situation in die nächste schickte. Zu einer Nummernrevue verkommt „Tschick“ trotzdem nicht. Auch deshalb ist der in noch so komischen Momenten immer auch den menschlichen Kern findende Fatih Akin wie geschaffen für die Verfilmung.

Obwohl „Tschick“ einer strikten Dramaturgie folgt, macht Fatih Akin nie einen Hehl daraus, dass es ihm vielmehr um das Transportieren eines Lebensgefühls geht. Schon die das Finale vorweg nehmende Eröffnungssequenz zeigt auf, in welch missliche Lage sich Maik und Tschick auf ihrem Road Trip noch hineinmanövrieren werden. Der Zuschauer weiß also von Anfang an, wohin der Film gehen wird. Seine Dynamik zieht „Tschick“ jedoch nicht aus dem „Was?“, sondern aus dem „Wie?“. Den Abenteuertrip der beiden spicken Roman wie Drehbuch mit unzähligen Reiseetappen; von einer merkwürdig anti-autoritären Selbstversorger-Familie auf dem Land über eine Verfolgungsjagd mit der Polizei bis hin zum Kennenlernen einer Ausreißerin (stark: Nicole Mercedes Müller) sorgen die einzelnen Stationen für Kurzweil und Witz, bringen aber auch glaubhaft die beiden Hauptfiguren einander näher. Die sich zunächst noch als Zweckgemeinschaft verstehenden Schulkameraden werden im Laufe der 92 Minuten zu echten Freunden; ein Prozess, den nicht nur das glaubhafte Spiel von Tristan Göbel („Rico, Oskar und die Tieferschatten“) und Anand Batbileg absolut authentisch an den Zuschauer heran trägt, sondern auch das zurückhaltend geschriebene Drehbuch. Die beiden Autoren Hark Bohm („Für immer und immer“) und Lars Hubrich (Kurzfilm „Timur“) nutzen winzige Gesten und Blicke, um Emotionen und Gedanken zu transportieren. Im direkten Kontrast dazu stehen die mitunter einen Tick zu überzeichneten Nebenfiguren, denen das Skript lediglich als Triebfeder für den weiteren Handlungsverlauf Bedeutung beimisst. Anja Schneider („Als wir träumten“) als Maiks alkoholkranke, zu Gefühlsausbrüchen neigende Mutter etwa besticht mit absurd-mitreißendem Overacting, die Tragik ihrer Figur kommt indes nur marginal zum Ausdruck.

Tschick

Ob sich die Inszenierung in ein paar Jahren ähnlich zeitlos beweist, wie die in „Tschick“ angerissenen Themen, ist momentan noch schwer abzuschätzen. Fatih Akin präsentiert mit seinem Jugendabenteuer eine durch und durch moderne Leinwand-Arbeit, die Akins Stamm-Kameramann Rainer Klausmann nicht bloß mit schwelgerischen Bildern von internationalem Kino-Format bestückt; vor allem der Soundtrack, der sich mit dem modern-treibenden Instrumental-Score von Vince Pope („Undercover“) abwechselt, platziert „Tschick“ überdeutlich im Hier und Jetzt. Die neueste Nummer der Beginner ist ebenso zu hören, wie Songs von K.I.Z., Royal Blood oder Seeed. In den Momenten ihres Erscheinens setzen sie starke Akzente (vor allem das wiederkehrende Klaviergeklimper von Richard Clydermans „Ballade pour Adeline“ wird zu einem ständigen Begleiter und verleiht „Tschick“ obendrein eine angenehme, wenn auch leicht kitschige Portion Nostalgie). Gleichzeitig funktionieren die Musikstücke aufgrund ihrer alles andere als willkürlichen Platzierung weitestgehend generationenübergreifend; werden sie so doch zu einem elementaren Faktor der Geschichte und verkommen nicht zur bloßen Berieselung. Ob sich dieser Eindruck bestätigt, bleibt abzuwarten, wenn Die Beginner das nächste Mal in der Versenkung verschwinden oder K.I.Z. in ein paar Jahren nicht mehr aktuell sind. Doch immerhin lohnt es sich ja dementsprechend durchaus, „Tschick“ mehr als einmal zu schauen. Wir jedenfalls sind ganz schön neidisch auf die nachwachsende Generation von Schülern, die Fatih Akins vor Leben sprühenden Sommerfilm ab sofort im Schulunterricht anschauen darf.

Fazit: Der Sommer ihres Lebens – Fatih Akins Verfilmung des Kultromans „Tschick“ ist eine Ode an das Anderssein und strotzt nur so vor verschrobener Energie. Die beiden Hauptdarsteller stoßen sich mit ihren Performances die Tür zu einer großen Schauspielkarriere auf. Ihnen und ihrem Regisseur gelingt es, ein einzigartiges Lebensgefühl von der Leinwand in den Kinosaal zu transportieren.

„Tschick“ ist ab dem 15. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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