Vaiana
Knapp zehn Jahre nach dem Animationsfilm bringt Disney VAIANA bereits als Realverfilmung zurück ins Kino. Doch gerade weil das Original bis heute nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat, muss sich die Neuauflage mehr denn je die Frage nach ihrer Daseinsberechtigung gefallen lassen.
Darum geht’s
Die junge Vaiana (Catherine Laga’aia) lebt als Tochter des Inselhäuptlings Tui (John Tui) und ihrer Mutter Sina (Frankie Adams) auf der abgelegenen Pazifikinsel Motonui und fühlt sich seit ihrer Kindheit vom Meer angezogen. Als eine geheimnisvolle Dunkelheit ihre Heimat bedroht, begibt sie sich gegen den Willen ihres Vaters auf eine gefährliche Reise, um den Halbgott Maui (Dwayne Johnson) zu finden, um mit ihm das gestohlene Herz der Göttin Te Fiti zurückzubringen und das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen. Nur mit dem trotteligen Hahn Heihei an ihrer Seite, schippert Vaiana los und muss sich dabei jeder Menge Herausforderungen stellen. Als sie Maui schließlich findet, ist der allerdings gar nicht begeistert von der Vorstellung, die einst von ihm selbst verschuldeten Probleme wieder ins Lot zu bringen…
Kritik
Keine Realverfilmung lag je näher an der Veröffentlichung des ihr zugrunde liegenden Animationsfilms als „Vaiana“. Gerade einmal sieben Jahre lagen zwischen dem Original von 2016 und der Ankündigung seiner Neuauflage. Eine bemerkenswert kurze Zeitspanne für ein Studio, das seine Zeichentrick- und Animationsklassiker bislang meist erst nach mehreren Jahrzehnten in ein neues Gewand hüllte. Dabei gäbe es auf den ersten Blick kaum einen geeigneteren Kandidaten für diesen Schritt. Schließlich entwickelte sich „Vaiana“ nicht nur zu einem weltweiten Kinoerfolg, sondern avancierte durch seine außergewöhnlich lange Präsenz auf Streamingplattformen zu einem regelrechten Dauerbrenner, ehe auch die Ende 2024 gestartete Fortsetzung das Publikum erneut in Scharen ins Kino lockte. Ohnehin befindet sich Disney mit seinen Realverfilmungen seit Jahren auf Erfolgskurs. Produktionen wie „Die Schöne und das Biest“, „Aladdin“ oder zuletzt „Lilo & Stitch“ knüpfen gezielt an die emotionale Bindung mehrerer Generationen zu den jeweiligen Vorlagen an und verbinden Nostalgie mit modernster Tricktechnik. Doch ausgerechnet bei „Vaiana“ drängt sich die Frage auf, ob dieses Erfolgsrezept überhaupt aufgehen kann. Denn anders als bei den meisten bisherigen Neuinterpretationen existiert zwischen Original und Remake praktisch keine neue Generation von Zuschauenden. Wer mit dem Animationsfilm aufgewachsen ist, ist heute kaum älter geworden – und wer den kennt, hat ihn oftmals erst vor wenigen Jahren gesehen. Entsprechend spannend ist die Frage, für wen diese Neuauflage letztlich eigentlich gedacht ist und ob sie ihrem Publikum mehr zu bieten hat als eine möglichst originalgetreue Wiederholung eines Films, dessen Erinnerung noch vergleichsweise frisch ist.

Auch im Realfilm tritt Vaiana (Catherine Laga’aia) ihre abenteuerliche Reise ohne das knuffige Schwein Pua an.
Was als aller Erstes auffällt: Auch wenn der Live-Action „Vaiana“ als Realfilm gelabelt ist und Großteile davon an Originalschauplätzen auf Hawaii gedreht wurden, stammen doch wenig überraschend viele Teile des Films aus dem Computer. Von den zahlreichen Fantasiewesen über die üppige Pflanzenwelt bis hin zu weiten Teilen der Kulissen ist hier kaum ein Bild frei von digitalen Effekten. Das ist angesichts eines Stoffes, der mitten im pazifischen Ozean spielt und von lebendig werdenden Inseln, riesigen Monstern und einem halbgöttlichen Gestaltwandler erzählt, allerdings weniger Kritik als vielmehr eine zwangsläufige Feststellung. Zumal Disney die dafür notwendigen finanziellen Mittel (angeblich rund 200 Millionen Dollar) sichtbar bereitgestellt hat. Technisch bewegt sich „Vaiana“ auf dem Niveau eines modernen Big-Budget-Blockbusters. Insbesondere die Animationen des Wassers gehören zu den größten Schauwerten des Films. Allerdings liegt genau hierin eines von mehreren Dilemmata dieser Neuverfilmung. Denn all das gelang bereits dem Animationsfilm in kaum minder beeindruckender Weise. Schon damals gehörten die Simulationen von Wasser, Licht und Natur zu den größten technischen Errungenschaften des Disney-Animationsstudios. Die Realverfilmung ist – nicht zuletzt, weil seit 2016 zudem zwei „Avatar“-Filme erschienen sind – längst nicht wie ein weiterer Quantensprung auf dem Gebiet als vielmehr wie die Übertragung bereits vorhandener Bilder in eine andere Technik. Etwas wirklich Neues wird man hier kaum entdecken.
„Zwar orientiert sich Regisseur Thomas Kail eng an den ikonischen Bildern der Vorlage, doch vieles wirkt flacher und dadurch gedämpfter.“
Noch etwas entscheidender als die Frage nach der technischen Umsetzung ist, ob sich „Vaiana“ überhaupt für eine Realverfilmung eignet. Schließlich lebt das Original nicht allein von seiner Geschichte, sondern vor allem von den Möglichkeiten des Mediums Animation. Kaum ein aktueller Disney-Film versprüht mit seinen kräftigen Farben und dem beinahe pausenlosen Bewegungsfluss seiner dynamischen Inszenierung eine vergleichbare Energie. Genau diese Qualitäten lassen sich jedoch nur bedingt in die Realität übertragen. Zwar orientiert sich Regisseur Thomas Kail (inszenierte zuvor die Bühnenversion des Musicals „Hamilton“) eng an den ikonischen Bildern der Vorlage, doch vieles wirkt flacher und dadurch gedämpfter. Zum Beispiel die Farbpalette, die zwar insgesamt natürlicher, damit aber auch deutlich weniger leuchtend ausfällt. Von den Landschaften über die Kostümierungen bis hin zu den Figuren selbst verliert somit jedes visuelle Element ein Stückweit an Ausdruckskraft. Dadurch büßt auch das Abenteuer an Leichtigkeit ein. Wo das Original sein Publikum mit jedem Bild in seine Welt hineinziehen konnte, bleibt die Realverfilmung häufiger auf beobachtender Distanz. Das ist nicht automatisch hässlich – im Gegenteil. Viele Einstellungen sind absolut gelungen. Doch der Zauber, der 2016 nahezu jede Szene durchströmte, stellt sich hier nur noch punktuell ein.
Umso wertvoller sind jene Momente, in denen die Musik das Ruder übernimmt. Denn die von Lin-Manuel Miranda geschriebenen Songs haben auch nach fast einem Jahrzehnt nichts an ihrer Wirkung eingebüßt. Ob das augenzwinkernde „Voll gerne“ oder die längst zur Disney-Hymne avancierte Ballade „Ich bin bereit“: Sobald die vertrauten Banger-Melodien erklingen, kehrt zumindest für einige Minuten genau jener Schwung zurück, der der Realverfilmung über weite Strecken abgeht. Zugleich erinnern sie daran, dass die eigentliche Stärke von „Vaiana“ ohnehin nie allein in der Inszenierung lag, sondern in einem äußerst tragfähigen erzählerischen Fundament. Entsprechend wenig Anlass sah man bei Disney offenbar, an der Geschichte selbst zu rütteln. Bis auf einige wenige Ergänzungen, die das Abenteuer stellenweise sogar sinnvoll erweitern, folgt die Realverfilmung der Vorlage nahezu Szene für Szene. Wer auf größere Überraschungen oder einen neuen Blickwinkel hofft, wird daher enttäuscht. Ähnlich wie bereits bei der Realverfilmung von „Drachenzähmen leicht gemacht“ verlässt sich auch das Mäuse-Studio darauf, dass die Geschichte auch beim zweiten Mal ihre Wirkung entfaltet. Und tatsächlich geht diese Rechnung auf. Vaianas Reise mit all ihren aufregenden Stationen besitzt nach wie vor genügend erzählerische Kraft, um das Publikum mitzureißen.
„Sobald die vertrauten Banger-Melodien erklingen, kehrt zumindest für einige Minuten genau jener Schwung zurück, der der Realverfilmung über weite Strecken abgeht.“
Weniger eindeutig fällt dagegen der Blick auf das Ensemble aus. Gerade weil sich die Realverfilmung so eng an ihrem Vorbild orientiert, kommt den Darstellerinnen und Darstellern eine umso größere Aufgabe zu. Müssen sie doch Figuren verkörpern, die längst zu modernen Disney-Ikonen geworden sind. Allen voran Newcomerin Catherine Laga’aia, die ihre Sache insgesamt ordentlich macht, der Titelfigur aber noch nicht jene natürliche Präsenz und unbeschwerte Leichtigkeit verleiht, die Vaiana im Animationsfilm so unmittelbar sympathisch machten. Gesanglich gibt es dagegen keinerlei Zweifel. Mit ihrer kraftvollen Stimme trägt sie die großen Musicalnummern mühelos und verleiht insbesondere „Ich bin bereit“ die emotionale Wucht, die der Film an anderer Stelle vermissen lässt. Zudem steht ihr der unbändige Entdeckergeist der Figur ausgesprochen gut zu Gesicht, wodurch sie ihre Unsicherheiten im Schauspiel immer wieder wettmachen kann. Noch etwas enttäuschender fällt dagegen Dwayne Johnson („Jumanji“) als Maui aus. Rein optisch dürfte es kaum ein passenderes Casting geben. Bereits im Animationsfilm diente Johnson unverkennbar als Vorlage für den selbstverliebten Halbgott, weshalb die Figur in der Realverfilmung nahezu eins zu eins aus dem animierten Vorbild übernommen wirkt. Umso bedauerlicher ist es, dass sich der Hollywoodstar schauspielerisch weitgehend genau darauf zu verlassen scheint. Sein Maui besitzt schon Charisma, aber Johnson spielt betont routiniert. Etwas, was sich mit der Exzentrik der Figur beißt. Gerade im direkten Vergleich mit einem Will Smith, der dem Dschinni in der Realverfilmung von „Aladdin“ trotz aller Skepsis eine ganz eigene Persönlichkeit verlieh und den Film damit entscheidend bereicherte, fällt auf, wie selten sich diese Neuinterpretation eigene Akzente erlaubt.
Fazit: „Vaiana“ ist definitiv keine misslungene Realverfilmung. Dafür ist sie zu hochwertig produziert, erzählt nach wie vor eine starke Geschichte und profitiert von den zeitlosen Songs ihres animierten Vorbilds. Einen überzeugenden Grund, warum es diese Neuauflage überhaupt braucht, liefert Disney allerdings nicht. Für alle, die das Original bereits kennen, dürfte der Anreiz für eine zweite Reise über den Ozean überschaubar bleiben.
„Vaiana“ ist ab dem 9. Juli 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.


