Power Ballad – Der Song meines Lebens
John Carney hat seine Regiekarriere damit aufgebaut, Menschen durch Musik zusammenzubringen und dabei den Kommerz und die Kreativität gegeneinander auszuspielen. Mit POWER BALLAD – DER SONG SEINES LEBENS versucht er das erneut, trifft dabei aber längst nicht mehr jeden Ton.
Darum geht’s
Als Frontmann der Hochzeitsband The Bride And The Groove sorgt Rick Power (Paul Rudd) Abend für Abend für gute Stimmung. Der große Durchbruch als Musiker ist ihm jedoch stets verwehrt geblieben. Als bei einem seiner Auftritte plötzlich der ehemalige Boyband-Star Danny Wilson (Nick Jonas) auftaucht, ist die Skepsis zunächst groß. Doch nach einer spontanen gemeinsamen Performance entdecken die beiden schnell ihre musikalische Verbundenheit und verbringen die Nacht damit, Songs zu schreiben. Wenig später feiert Danny mit einer der gemeinsam entstandenen Kompositionen ein spektakuläres Chart-Comeback. Das Problem: Der Hit stammt eigentlich aus Ricks Feder. Da es keinerlei Beweise für seine Urheberschaft gibt, hält jedoch kaum jemand seine Geschichte für glaubwürdig – nicht einmal seine eigene Familie. Während Danny die Früchte des Erfolgs erntet, setzt Rick gemeinsam mit seinem besten Freund Sandy (Peter McDonald) alles daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen und endlich die Anerkennung zu erhalten, die ihm seiner Meinung nach zusteht.
Kritik
Dass der irische Autorenfilmer John Carney immer wieder Filme über Musik macht, ist kein Zufall. Bevor der Dubliner mit Werken wie „Once“, „Can a Song Save Your Life?“ oder zuletzt dem nur bei Apple+ erschienenen „Flora and Son“ zu einem der wichtigsten Musikfilm-Regisseure der Gegenwart wurde, war er selbst Musiker. Anfang der Neunzigerjahre spielte er Bass in der irischen Rockband The Frames und bewegte sich damit genau in jener Welt, die später zum Fundament seiner Filmografie wurde. Carney interessiert sich dabei jedoch weniger für den Glamour der Branche als für die Menschen dahinter. Die Mechanismen der Musikindustrie betrachtet er dagegen häufig mit Skepsis, ohne sie jedoch zum eigentlichen Feindbild zu erklären. Bislang ging diese Herangehensweise gut bis sehr gut auf. Mit „Can a Song Save Your Life?“ erreichte sie schließlich ihren größten kreativen Höhepunkt. Doch schaut man sich nun „Power Ballad – Der Song meines Lebens“ an, wird man das Gefühl nicht los, dass John Carney über diese Themen inzwischen nur noch bedingt Neues zu erzählen hat. Keine Frage: Sein von Paul Rudd („Anaconda“) angeführtes Ensemble sorgt für viele charmante Momente und auch die ungebrochene Liebe zur Musik ist dem Film jederzeit anzumerken. Doch die erneute Variation allzu vertrauter Motive hat stellenweise etwas Angestaubtes. Was in früheren Werken wie eine ehrliche Herzensangelegenheit wirkte, fühlt sich hier mitunter so an, als würde Carney dieselben Akkorde noch einmal anschlagen, nur diesmal ohne eine wirklich neue Melodie darüberzulegen.

Rick (Paul Rudd) kann selbst seine Frau Rachel (Marcella Plunkett) nicht davon überzeugen, dass Dannys Chartstürmer von ihm ist.
Dieser Eindruck entsteht nicht erst im längeren Verlauf, sondern direkt mit der ersten Szene von „Power Ballad“. Wir lernen den von Paul Rudd gespielten Hochzeitssänger Rick bei einem Auftritt mit seiner Band kennen, wo er verzweifelt versucht, gute Laune zu verkaufen, obwohl ihn diese Art von Musik längst nicht (mehr) erfüllt. Was dabei sofort auffällt: Rudd singt nicht live. Das wäre zunächst einmal kein Problem, würde der Film diesen Umstand überzeugend kaschieren. Doch genau das gelingt ihm nicht. Die Gesangsspuren wirken von der Performance entkoppelt und die Lippenbewegungen sowie der Gesang finden nicht immer sauber zusammen. Und das ist kein Ausnahmefall. Sämtliche Gesangsszenen besitzen dadurch eine irritierende Künstlichkeit, die nicht annähernd mit der Authentizität eines „Once“ oder „Sing Street“ mithalten kann. Gerade bei einem Regisseur wie John Carney überrascht das. Schließlich gehörte die glaubwürdige Inszenierung musikalischer Darbietungen bislang zu seinen größten Stärken. Umso befremdlicher ist es, dass ausgerechnet die erste Szene seines neuesten Films einen derart unausgegorenen Eindruck hinterlässt. Statt die Zuschauenden behutsam in die Geschichte hineinzuziehen, reißt einen „Power Ballad“ von Anfang an aus der Immersion heraus.
„Stücke wie ‚Lost Stars‘ oder ‚Drive it like you Stole it‘ entwickelten sowohl im Film, als auch später „auf Platte“ eine Eigendynamik und blieben noch lange nach dem Abspann im Ohr. Die Musik in ‚Power Ballad‘ erfüllt dagegen in erster Linie ihren dramaturgischen Zweck.“
Damit bleibt „Power Ballad“ in seiner Inszenierung schon mal hinter den Erwartungen zurück. Doch auch musikalisch erreicht der Film nur selten jene Qualität, die John Carneys beste Arbeiten ausgezeichnet hat. Schließlich war es bislang eine seiner größten Stärken, Songs zu erschaffen, die weit über ihre Funktion innerhalb der Handlung hinaus funktionierten. Stücke wie „Lost Stars“ („Can a Song Save your Life?“) oder „Drive it like you Stole it“ („Sing Street“) entwickelten sowohl im Film, als auch später „auf Platte“ eine Eigendynamik und blieben noch lange nach dem Abspann im Ohr. Die Musik in „Power Ballad“ erfüllt dagegen in erster Linie ihren dramaturgischen Zweck. Selbst die titelgebende Power Ballade, um die sich große Teile der Handlung drehen, wirkt erstaunlich generisch und besitzt kaum jene Strahlkraft, die ihre zentrale Bedeutung glaubhaft erscheinen ließe.

Derweil erntet Danny (Nick Jonas) Erfolg und rührt auch seine Freundin Marcia (Havana Rose Liu) mit „seinem“ Song zu Tränen.
Und diese musikalische Beliebigkeit hängt auch unmittelbar mit dem zentralen Konflikt des Films zusammen. Erneut verhandelt Carney die Frage, wie sich künstlerische Integrität und wirtschaftlicher Erfolg miteinander vereinbaren lassen. Die Fronten könnten dabei allerdings kaum eindeutiger gezogen sein. Auf der einen Seite steht Rick, der abgehalfterte Musiker alter Schule, dessen Liebe zur Musik stets als aufrichtig und unverfälscht dargestellt wird. Auf der anderen Seite befindet sich mit dem von Nick Jonas („Love Again“) gespielten Danny Wilson ein moderner (aktuell eher auf dem absteigenden Ast befindlicher) Popstar, der vor allem als Produkt einer kommerzialisierten Musikindustrie daherkommt. Das Problem dabei ist weniger die Existenz dieses Konflikts als seine Vorhersehbarkeit. Von Beginn an lässt der Film kaum Zweifel daran, auf welcher Seite die Sympathien liegen sollen. Die sympathisch-leidenschaftliche „Rocker-Generation“ hier, die austauschbare Pop-Generation dort. Man stelle sich nur einmal vor, wie reizvoll diese Prämisse mit der Umkehrung der Perspektiven hätte werden können, wenn hier ein junger Künstler kompromisslos für seine Kunst kämpft, wären ein älterer Musiker sich längst mit den Mechanismen der Branche arrangiert hat. Stattdessen reproduziert „Power Ballad“ ein klischeehaftes Weltbild, in dem Erfahrung automatisch mit Authentizität und Jugend mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt wird. Für einen Film, der sich so intensiv mit Kreativität beschäftigt, ist das eine erstaunlich unkreative Sichtweise.
„Eine gemeinsame Jam-Session zwischen Rick und Danny gehört zu den stärksten Momenten des Films. Hier darf die Musik endlich einmal für sich selbst sprechen und nicht bloß als dramaturgisches Werkzeug dienen. Und es wird deutlich, dass sowohl Paul Rudd als auch Nick Jonas die nötige musikalische Glaubwürdigkeit mitbringen, um ihre Figuren zu tragen.“
Dabei gibt es sehr wohl Szenen, in denen „Power Ballad“ eine Emotionalität an den Tag legt, die an alte Carney-Zeiten erinnert. Besonders eine gemeinsame Jam-Session zwischen Rick und Danny gehört zu den stärksten Momenten des Films. Hier darf die Musik endlich einmal für sich selbst sprechen und nicht bloß als dramaturgisches Werkzeug dienen. Und es wird deutlich, dass sowohl Paul Rudd als auch Nick Jonas die nötige musikalische Glaubwürdigkeit mitbringen, um ihre Figuren zu tragen – wobei Jonas als ehemaliger Popstar naturgemäß besonders souverän wirkt. Auch die Szenen zwischen Rick und seinem besten Freund Sandy profitieren davon. Peter McDonald („Bagman“) verleiht seiner Figur einen wunderbar trockenen Humor und entwickelt sich mit seiner bodenständigen, loyalen Art schnell zum heimlichen Herzstück des Films. Überhaupt überzeugt „Power Ballad“ immer dann, wenn er sich den zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren widmet. Ricks familiäres Umfeld wird mit viel Wärme gezeichnet und die Belastung, die sein zunehmend obsessiver Kampf um die Anerkennung seiner Urheberschaft für Ehefrau und Tochter bedeutet, stellt der Film nachvollziehbar dar. Am blassesten bleibt ausgerechnet Nick Jonas‘ Danny. Das liegt allerdings weniger an dessen Performance als an einer Figur, die von Beginn an sehr klar definiert ist und nur wenige überraschende Facetten entwickeln darf. Dank Jonas‘ Präsenz und natürlichem Charisma wird Danny trotzdem nie zur bloßen Projektionsfläche für Carneys Kommerzkritik.
Fazit: Mit „Power Ballad – Der Song meines Lebens“ liefert John Carney einen sympathischen, stellenweise durchaus berührenden Musikfilm ab, der jedoch spürbar unter der Wiederholung seiner altbekannten Motive leidet. Während die zwischenmenschlichen Momente und einige starke Darstellerleistungen immer wieder an die Qualitäten seiner besten Werke erinnern, bleiben sowohl die Musik als auch der zentrale Konflikt vorhersehbar und fühlen sich stellenweise sogar richtig altbacken an.
„Power Ballad – Der Song meines Lebens“ ist ab dem 25. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

