Sing Street

Eine Feelgood-Komödie in Moll – John Carney präsentiert mit SING STREET den nächsten großen Hit mit spektakulären Popsongs und melancholischen Zwischentönen. Der Geheimtipp des Sommers! Mehr zum Film erfahrt Ihr in meiner neuesten Kritik.Sing Street

Der Plot

Irland in den Achtzigern. Vor dem Hintergrund von Rezession und Arbeitslosigkeit wächst der jugendliche Conor (Ferdia Welsh-Peelo) in Dublin auf. Als Außenseiter in der Schule gebrandmarkt, flieht er in die Welt der Popmusik und träumt nebenbei von der unerreichbaren, schönen Raphina (Lucy Boynton). Seine Idee: Er lädt Raphina ein, im Musikvideo seiner Band aufzutreten. Sein Problem: Er hat gar keine Band, kann noch nicht mal ein Instrument spielen. Aber sein Plan darf auf keinen Fall scheitern. Also gründet er mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft kurzerhand eine Band und voller Leidenschaft schreiben sie ihre ersten Songs…

Kritik

Der irische Regisseur John Carney ist alles andere als ein Vielfilmer. In seiner mittlerweile 20 Jahre umfassenden Karriere führte er zwar bei insgesamt acht Filmen Regie und inszenierte zehn Episoden der erfolgreichen irischen Fernsehserie „Bachelors Walk“, doch die ganz große Aufmerksamkeit erhielt er erst im Jahr 2007 mit seinem gefeierten Indie-Hit „Once“. Anschließend mussten wieder sechs Jahre vergehen, eh er seinem Namen mit „Can a Song Save Your Life?“ – im Original „Begin Again“ – international zu noch mehr Bekanntheit verhelfen konnte; sicherlich auch deshalb, weil er für seine melancholisch-musikalische Sinnsuche Weltstars wie Keira Knightley und Mark Ruffalo verpflichten konnte. Seither hat Carney tatsächlich nichts mehr gemacht und legt heute, drei Jahre später, mit „Sing Street“ eine Produktion nach, der sich wie selbstverständlich in die von Musikfilmen dominierte Vita des Regisseurs einreiht. Für diesen begibt sich der Autorenfilmer ins irische Dublin der Achtzigerjahre. Erneut geht es ums Sich-Selbst-Suchen und Finden, es geht um die Liebe zur Musik und darum, aller Widerstände zum Trotz nicht aufzugeben. Diese standardisierte Message wird in den Händen John Carneys zum Motor einer Geschichte, die sich ganz und gar einzigartig anfühlt, obwohl sie das eigentlich gar nicht ist. Dabei ist „Sing Street“ so subtil auf Widerstand gebürstet, dass man gar nicht anders kann, als sich in die Hauptfigur Conor und seine soeben gegründete Band zu verlieben.

Sing Street

Im Grunde ist „Sing Street“ eine klassische Außenseitergeschichte. Neu an seiner Schule, wird Teenager Conor aufgrund seiner emotional zurückhaltenden Attitüde von den Mitschülern gehänselt, während er gleichzeitig gegen die eng gesteckten Grenzen der tief religiösen Lehrmethoden rebelliert. Wenn Conor vom Rektor dazu angehalten wird, unbedingt schwarze Schuhe zu tragen und der junge Mann anschließend auf Socken über das Schulgelände läuft, sind es solche Momente, die nicht nur sukzessive die Machtverhältnisse verschwimmen lassen, sondern diese auch ebenso gewitzt wie bissig infrage stellen. Insofern ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sich der ein wenig seltsam anmutende Bandname „Sing Street“ direkt von der Schule ableitet; nicht (nur), weil sich die Mitglieder allesamt dort kennengelernt haben, sondern vor allem deshalb, da die Musik der Band mal direkt, mal indirekt auf die verqueren Idealvorstellungen der Erwachsenen anspielt. Wie schon in so vielen anderen Musikfilmen zuvor (in wenigen Monaten beispielsweise im äußerst gelungenen Coming-of-Age-Drama „Rockabilly Requiem“) wird auch hier die Musik zu einer Art Befreiungsschlag; hier und da hätte John Carney seiner Message zwar durchaus noch ein wenig mehr Fingerspitzengefühl widmen können – ob es nun unbedingt auch noch einen Song namens „Brown Shoes“ gebraucht hätte, darf gern infrage gestellt werden. Doch im Großen und Ganzen weiß „Sing Street“ mit seiner ebenso zurückhaltenden wie doch nachdrücklichen, politischen Message zu gefallen.

Was an John Carneys Inszenierung auch hier wieder einmal besonders beeindruckt, ist die Verschmelzung verschiedenster Genreeinflüsse. Neben der mitunter doch äußerst tragischen Darstellung des Irlands in den Achtzigern, dessen Bild von wirtschaftlichen Missständen, vor allem aber von Conors Familie geprägt ist, die hieran zu zerbrechen droht, ist es vor allem die Beobachtung Conors und seiner Band, die „Sing Street“ zu komischen, aber auch romantischen Zügen verhilft. Die Lovestory zwischen dem Jungen und der exzentrischen Raphina ist unaufgeregt und bodenständig, ohne dabei an Intensität einzubüßen. Die Annäherung zwischen den beiden ganz unterschiedlichen Figuren ist von einem gegenseitigen Respekt geprägt, wie man ihn im klassischen Liebesfilm nur selten zu sehen bekommt. Machtspielchen, Taktiken und all das, was man auch im wahren Leben nicht selten an den Tag legt, um sein Gegenüber zu beeinflussen, finden hier nicht statt. Diese kindliche Naivität ist es schließlich auch, aus der sich in „Sing Street“ ein Großteil des Humors entwickelt. Platte Kalauer und gezielt auf das Schmunzeln des Publikums abzielende Pointen gibt es hier nicht, trotzdem ist „Sing Street“ ganz eindeutig eine Coming-of-Age-Komödie.

Vor allem aber ist John Carneys Film eine Hommage an die Musik der Achtzigerjahre. Der Soundtrack besteht zu gleichen Anteilen aus bekannten Evergreens (die Compilation enthält Songs von The Cure, Duran Duran oder The Jam) sowie speziell für den Film geschriebenen Songs, vorgetragen von Sing Street. Was sich nach einem zweigeteilten, akustischen Erscheinungsbild anhört, verschmilzt in Wirklichkeit zu einem ebenso mitreißenden wie authentischen Klangteppich; die Songs der Band passen nicht nur tonal hervorragend zu den immer wieder zitierten Vorbild der Bandmitglieder, sie erwecken obendrein auch den Eindruck, tatsächlich aus dieser Dekade zu stammen. Auch der in „Can a Song Safe Your Life?“ eine tragende Rolle spielende Maroon-5-Frontsänger Adam Levine ist in „Sing Street“ zu hören. Sein Song „Go Now“ ist eine kraftvolle Ballade, die das bittersüße Finale des Films packend untermalt. Leider ist es ausgerechnet ein Teil des Soundtracks, der „Sing Street“ in seiner Dramaturgie ein wenig im Weg steht. Die sich mit Abstand als emotionales Highlight erweisende Performance der phänomenalen Popnummer „Drive It Like You Stole It“ ist an Kreativität, Rafinesse und Feingefühl nicht zu überbieten – findet aber bereits in der ersten Hälfte des Films Verwendung. Dass „Sing Street“ sich daraufhin nicht mehr steigern kann, steht dem Filmerlebnis in der zweiten Hälfte ein wenig im Weg, sodass die Geschichte nicht mit einem Knall endet, sondern einfach „nur gut“.

Mit dem Entschluss, „Sing Street“ ausschließlich (!) mit international unbekannten Newcomern zu besetzen, schießt John Carney durchaus ins Blaue. Schlussendlich erweist sich aber gerade dieser Kniff als goldrichtige Entscheidung. Verhilft er dem Film doch damit im Detail zu noch mehr Authentizität. Die Jungs und Mädels sind nicht nur auf der darstellenden Ebene ein echter Genuss, auch musikalisch überzeugt das Leinwandgeschehen auf ganzer Linie. All das, was die Figuren hier tun, erweckt den Eindruck der stets durch und durch puren, ehrlichen Emotion; die Fiktion der Geschichte vermischt sich mit der Realität eines Jahrzehnts, das John Carney hier von einer Seite präsentiert, die eigentlich gar nicht so schön ist, von den Bandjungs aber zu etwas Wunderschönem, Einzigartigen gemacht wird. Genau so ist „Sing Street“ schlussendlich auch geworden.

Conor (Ferdia Walsh-Peelo) schwärmt für Raphina (Lucy Boynton)

Conor (Ferdia Walsh-Peelo) schwärmt für Raphina (Lucy Boynton)

Fazit: Eine Feelgood-Komödie in Moll! Regisseur John Carney findet in „Sing Street“ die Schönheit einer musikalischen Melancholie, von der man sich direkt am Ende des Films wünscht, sie sofort noch einmal zu durchleben. Das muss man gefühlt haben!

„Sing Street“ ist ab dem 26. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.

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