Exit 8

In der Videospielverfilmung EXIT 8 lautet das Unheimliche in einem immergleichen U-Bahn-Korridor. Dabei überträgt Regisseur Genki Kawamura das minimalistische Spielprinzip nicht immer reibungslos auf die große Leinwand, findet aber gerade in seiner konsequenten Reduktion zu eindringlichen Bildern.

OT: 8-ban deguchi (JPN 2025)

Darum geht’s

Ein junger Mann (Kazunari Ninomiya) ist auf dem Weg zu einem Aushilfsjob, als er plötzlich in einem scheinbar endlosen U-Bahn-Korridor gefangen ist. Immer wieder durchquert er denselben sterilen Gang, begegnet dabei demselben Geschäftsmann (Yamato Kôchi) und erkennt schließlich, dass es nur einen Ausweg gibt: den namensgebenden „Exit 8“. Um dorthin zu gelangen, muss er eine Reihe einfacher Regeln befolgen und den Korridor genau im Auge behalten. Denn sobald er eine sogenannte Anomalie entdeckt, muss er umkehren. Übersieht er eine Veränderung oder trifft eine falsche Entscheidung, beginnt die Schleife von vorn…

Kritik

Wie soll man bloß ein Videospiel verfilmen, in dem man im Grunde nichts anderes tut, als immer wieder ein- und denselben U-Bahn-Tunnel entlangzulaufen? Natürlich drängt sich diese Frage im Zusammenhang mit einer Leinwandadaption des 2023 erschienen Indie-Games „Exit 8“ auf. Denn die Idee dieses Spiels lässt sich exakt so umreißen: Als Spieler:in läuft man immer wieder durch einen scheinbar endlosen U-Bahn-Korridor und muss dabei nach kleinsten Veränderungen, sogenannten Anomalien, Ausschau halten. Entdeckt man eine, dreht man um. Gibt es keine, geht man weiter. Wer achtmal die richtige Entscheidung trifft, erreicht den namensgebenden Ausgang 8. Doch schon ein einziger Fehler sorgt dafür, dass alles wieder von vorn beginnt. Viel mehr braucht es eigentlich nicht, um das Prinzip zu erklären. Und je kürzer ein Pitch, desto besser. Doch genau hierin liegt eben auch die Herausforderung:  Wie macht man aus einem Spiel, dessen Reiz vor allem darin besteht, selbst hinzusehen und mit eigenen Entscheidungen den Ablauf zu bestimmen, zu einem abendfüllenden Film? Insbesondere zu einem, der aufgrund seiner Monotonie – sowohl in Ablauf als auch in visueller Ausgestaltung – nicht redundant wird?

„Wie macht man aus einem Spiel, dessen Reiz vor allem darin besteht, selbst hinzusehen und mit eigenen Entscheidungen den Ablauf zu bestimmen, zu einem abendfüllenden Film?“

Die Antwort darauf findet sich unter anderem in einem Horrortrend, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Spiels noch längst nicht die heutige kulturelle Präsenz besaß: den sogenannten Liminal Spaces. Gemeint sind Orte des Übergangs, die uns eigentlich vollkommen vertraut sein müssten (Hotelflure, Einkaufszentren, Bürogebäude, oder eben auch U-Bahn-Gänge), die durch eine leicht verschobene Realität plötzlich etwas zutiefst Unheimliches bekommen. Spätestens seit dem „Backrooms“-Phänomen hat sich daraus eine ganz eigene (Grusel-)Ästhetik entwickelt, von der nun auch „Exit 8“ lebt. Sicherlich mit ein Grund, weshalb der schon seit über einem Jahr fertig gestellte und auf zahlreichen Festivals vorgeführte „Exit 8“ nun doch noch einen internationalen Kinostart bekommt.

Der Protagonist (Kazunari Ninomiya) bleibt namenlos.

Folglich versucht Regisseur und Co-Drehbuchautor Genki Kawamura (produzierte unter anderem den Anime-Hit „Your Name.“) in „Exit 8“ gar nicht erst, möglichst schnell wieder aus dem Korridor herauszukommen und lässt seine Handlung fast vollständig in dem monotonen Tunnel stattfinden. Der Versuchung, der bis zum Schluss namenlos bleibenden Hauptfigur eine möglichst ausführliche Hintergrundgeschichte zu verpassen und dadurch die klaustrophobische Enge des Schauplatzes durch Ortswechsel oder anderweitige Ausflüge in sein normales Leben aufzubrechen, erliegt Kawamura dankenswerterweise nicht. Zwar gibt es sehr wohl einen emotionalen Hintergrund und wir erfahren, was den Mann beschäftigt und antreibt. Doch „Exit 8“ erzählt all das nicht in Form ausufernder Rückblenden, sondern setzt darauf, uns die Figur anhand ihrer Entscheidungen näherzubringen. Nur bruchstückhaft werden dem Publikum Informationen über sein Leben mitgegeben. Dadurch bleibt „Exit 8“ auch als Verfilmung konsequent beim Kern der Vorlage: Anstatt den Ort zu verlassen, um die Figur zu erklären, wird die Figur aus dem Ort heraus erklärt.

„Je länger sich die Schleife zieht, desto häufiger stellt sich die Frage, warum der Protagonist sich eigentlich so schwer damit tut, die denkbar simplen Regeln zu befolgen.“

Doch gerade, weil wir die Hauptfigur vor allem über ihre Entscheidungen kennenlernen, fällt es umso stärker auf, wenn diese nicht immer nachvollziehbar sind. Natürlich muss der Mann die Regeln seiner ungewöhnlichen Prüfung erst einmal verinnerlichen. Schließlich weiß auch er zu Beginn nicht, was überhaupt als Anomalie gilt. Doch je länger sich die Schleife zieht, desto häufiger stellt sich die Frage, warum er sich eigentlich so schwer damit tut, die denkbar simplen Regeln zu befolgen. Wenn etwa plötzlich eine fremde Frau in dem Korridor auftaucht, die in den vergangenen vier Durchläufen noch nicht da war, müsste das nach der bisherigen Logik doch eigentlich automatisch als Anomalie gelten. Doch statt einfach umzukehren, sucht der Protagonist in solchen Situationen zunächst das Gespräch oder untersucht, ob es sich tatsächlich um eine Anomalie handelt. Das mag in den ersten Runden noch funktionieren, weil er die Regeln selbst erst kennenlernen muss. Mit zunehmender Laufzeit wird es allerdings schwieriger, diese wiederholten Zweifel zu rechtfertigen. Schließlich sollte auch die Hauptfigur irgendwann verstanden haben, wie diese Prüfung funktioniert. Stattdessen scheint der Film sie immer wieder bewusst zurück auf Los zu setzen. Das wirkt in der Umsetzung wie Zeit schinden, um aus der minimalistischen Grundidee des Spiels einen abendfüllenden Spielfilm zu machen. Dabei lebt das ursprüngliche Prinzip ja gerade von seiner Kürze und Reduktion.

Auf seinen Runden kommt ihm unter anderem immer wieder ein Geschäftsmann entgegen.

Ebenfalls nicht ganz glücklich fällt die Entscheidung aus, „Exit 8“ in drei Kapitel mit unterschiedlichen Hauptfiguren zu unterteilen. Wenngleich die Figuren des ersten und dritten Abschnitts letztlich wieder zusammengeführt werden. Denn gerade die Reduktion auf einen einzigen Blickwinkel gehört zu den Stärken der Vorlage: So weiß man als Spieler:in nie mehr als die Person, die vor diesem Korridor steht. Der Perspektivwechsel nimmt diesem Prinzip zwischenzeitlich etwas von seiner Konsequenz. Trotzdem findet „Exit 8“ immer dann zu seiner größten Stärke zurück, wenn der Film sich auf das denkbar simple Konzept seiner Vorlage verlässt und gar nicht erst versucht, aus ihm etwas Größeres zu machen. Auf billige Effekthascherei verzichtet Kawamura ohnehin weitgehend. Stattdessen genügen kleine Veränderungen und irritierende Begegnungen, um so einige Bilder zu kreieren, die einem nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Fazit: „Exit 8“ gelingt es nicht immer, aus seiner minimalistischen Spielidee einen ebenso konsequenten Kinofilm zu machen, findet aber gerade in den Momenten zu seiner größten Stärke, in denen er sich auf deren simple Prinzipien besinnt.

„Exit 8“ ist ab dem 13. August 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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