Das gewisse Etwas

Was passiert, wenn zwei Kleinkriminelle ausgerechnet bei einer Gruppe Menschen mit Behinderung untertauchen müssen? Diese Idee hat vor zwei Jahren bereits die französische Komödie „Was ist schon normal?“ durchexerziert. Regisseur Marc Rothemund liefert mit DAS GEWISSE ETWAS nun eine deutsche Neuauflage, die sich sehr eng am Original bewegt.

OT: Das gewisse Etwas (DE 2026)

Darum geht’s

Nach einem spektakulären Juwelenraub sind Alex (Max von der Groeben) und sein Vater Karlo (Florian Lukas) auf der Flucht vor der Polizei. Ausgerechnet eine Reisegruppe junger Menschen mit Behinderung bietet den beiden ein unerwartetes Versteck: Kurzerhand schlüpfen sie in die Rollen des verhinderten Mitreisenden Otto und dessen Betreuers und schließen sich der Gruppe an, die von ihren Betreuer:innen Polly (Mala Emde), Mona (Jasmin Schwiers) und Marko (Lorenzo Germeno) begleitet wird. Was zunächst wie der perfekte Fluchtplan aussieht, entwickelt sich schon bald zu einem turbulenten Abenteuer, bei dem die Tarnung der beiden Ganoven immer wieder auf die Probe gestellt wird…

Kritik

Remakes haben im Kino nicht gerade den besten Ruf. Lange Zeit galten vor allem die großen Hollywood-Studios als Meister darin, erfolgreiche Filme aus Europa oder Asien mit heimischen Stars neu aufzulegen. Nicht zuletzt, weil sich fremdsprachige Produktionen auf dem US-Markt nur schwer verkaufen lassen und ein bekanntes Konzept das Risiko einer millionenschweren Produktion zumindest ein Stückweit kalkulierbarer macht. Inzwischen ist dieses Prinzip längst auch im deutschen Kino angekommen. Sönke Wortmann verfilmte mit „Der Vorname“ und „Contra“ gleich zwei französische Komödien neu, auf „Das Leben ist ein Fest“ folgte „Ein Fest fürs Leben“ und auch „Das perfekte Geheimnis“ wurde nach dem italienischen Original „Perfetti sconosciuti“ für den deutschen Markt adaptiert (und für 27 weitere). Das Kalkül dahinter: Warum in die Entwicklung eines völlig neuen Stoffes investieren, wenn anderswo bereits unter Beweis gestellt wurde, dass die Geschichte funktioniert? Gerade bei Komödien kommt hinzu, dass Humor stark von Sprache, Mentalität und kulturellen Eigenheiten abhängt. Während Hollywood mit Remakes vor allem versucht, Sprachbarrieren und den sogenannten „Cultural Discount“ für den heimischen Massenmarkt zu umgehen, geht es hierzulande eher darum, einen erprobten Stoff im deutschen Setting und mit hiesigem Humor neu zu verpacken. „Was ist schon normal?“ ist nun ein Paradebeispiel für diese Herangehensweise: Die Komödie lockte 2024 mehr als zehn Millionen Menschen in die französischen Kinos und wurde damit zum erfolgreichsten Film des Jahres. Nun startet also Regisseur Mark Rothemund („Mein Blind Date mit dem Leben“) den nächsten Versuch, aus einem europäischen Kinohit einen deutschen Publikumserfolg zu machen.

Karlo (Florian Lukas) hatte sich seine Fluchtpläne etwas anders vorgestellt…

Ein allzu großes Risiko geht Drehbuchautor Murmel Clausen („Der Nanny“) bei seiner Adaption allerdings nicht ein. „Das gewisse Etwas“ hält sich in nahezu jeder Hinsicht eng an seine französische Vorlage und übernimmt dabei nicht nur die grundlegende Geschichte, sondern auch zahlreiche Figurenkonstellationen, Gags und dramaturgische Wendungen. Das klingt auf den ersten Blick nach einer kreativen Bankrotterklärung. Zumal „Was ist schon normal?“ ja gerade mal zwei Jahre alt ist. Doch bekanntermaßen ist „gut kopiert“ immer noch besser als „schlecht selbstgemacht“. Und es hat ja schon einen Grund, weshalb das Original in seinem Entstehungsland derart gut funktioniert hat. Eines seiner größten Stärken liegt zweifellos darin, wie selbstverständlich es das Thema Inklusion behandelt. Die Geschichte rund um einen kriminellen Vater und seinen Sohn, die sich nach einem missglückten Überfall in einer Gruppe junger Menschen mit Behinderung verstecken, hätte problemlos in eine gut gemeinte Komödie mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger kippen können. Stattdessen begegnet der Film seinen Figuren auf Augenhöhe. Menschen mit Behinderung sind hier weder bloße Projektionsfläche für das Lernen der nichtbehinderten Hauptfiguren noch ausschließlich über ihre Einschränkungen definiert. Sie dürfen Fehler machen und witzig sein, aber auch nerven und übertreiben – kurzum: Sie dürfen ganz klassische Filmfiguren sein. Ein Faktor, aus dem auch „Das gewisse Etwas“ einen Großteil seines Humors zieht, ohne dass die Komödie dabei je ihre Empathie verlieren würde.

„Bekanntermaßen ist ‚gut kopiert‘ immer noch besser als ’schlecht selbstgemacht‘. Und es hat ja schon einen Grund, weshalb das Original in seinem Entstehungsland derart gut funktioniert hat.“

Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, „Das gewisse Etwas“ allein auf das Thema Inklusion zu reduzieren. Denn gelungene Inklusion bedeutet schließlich gerade, Menschen nicht auf ein bestimmtes Merkmal – in diesem Fall ihre Behinderung – zu reduzieren, sondern ihnen die gleiche Vielschichtigkeit zuzugestehen wie allen anderen. Etwas, was hier passiert. Und so funktioniert „Das gewisse Etwas“ eben auch ganz unabhängig von seiner Inklusionsthematik als unterhaltsame Komödie mit viel Herz. Das ist allen voran der Verdienst einer hervorragenden Figurenkonstellation. Da ist auf der einen Seite die längst zu einer innigen Gemeinschaft zusammengewachsene Reisegruppe mit all ihren kleinen und größeren zwischenmenschlichen Problemen. Und auf der anderen sind da die zwei Kleinkriminellen, die sich überall anders besser aufgehoben fühlen als hier. Dieses unfreiwillige Aufeinandertreffen ermöglicht es nicht nur diversen Darstellenden, schauspielerische Akzente zu setzen (vor allem Florian Lukas als Gaunerpapa sei hier zu nennen). Es sorgt auch für eine spannende Gruppendynamik. Denn während die einen zunächst noch mit ihren eigenen Vorurteilen und Berührungsängsten zu kämpfen haben, haben die anderen überhaupt keinen Grund, sich auf die beiden ungebetenen Gäste einzulassen. Das sorgt immer wieder für Überraschungen und neue Erkenntnisse; auch in einem selbst – und damit automatisch für viele komische Momente.

Merlin (Linn Bade), Joshua (Simon Rupp), Louis (Jan Bobke), Alex (Max von der Groeben), Henri (Luca Davidhaimann).
Sophie (Natalie Kim Lehmann), Mila (Antonia Riet), Julius (Timon Heinzl), Konrad (Ferdinand Kuner) und Charlie (Frangiskos Kakoulakis)

Ganz ohne Schwächen kommt allerdings auch „Das gewisse Etwas“ nicht davon. Vor allem bei den Running Gags zeigt sich, dass nicht jede wiederkehrende Pointe gleichermaßen zündet. So erschöpfen sich gleich mehrere Gags mit der Thematik Fußball in mehr oder weniger ausuferndem Slapstick, ohne der Geschichte oder den Figuren darüber hinaus etwas hinzuzufügen. Und auch an anderer Stelle deutet der Film Themen an, die durchaus für eine zusätzliche Ebene hätten sorgen können, verfolgt sie dann aber nicht konsequent genug. So wird etwa die Frage aufgeworfen, warum sich Menschen trotz vergleichsweise schlechter Bezahlung, hoher emotionaler Belastung und nicht gerade üppiger gesellschaftlicher Anerkennung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung entscheiden. Gerade in Zeiten, in denen der Fachkräftemangel im sozialen Bereich längst kein Randphänomen mehr ist, ließe sich daraus einiges über Idealismus, Berufung sowie die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Wertschätzung und tatsächlicher Honorierung sozialer Arbeit erzählen. „Das gewisse Etwas“ belässt es allerdings bei einem kurzen Anreißen dieser Problematik. Das ist insofern schade, als dass der Film damit die Chance verschenkt, seine ohnehin sympathische Geschichte um eine weitere, durchaus zeitgemäße Perspektive zu bereichern. So dient dieser Subplot vor allem dazu, die sich von Anfang an abzeichnende, subtile Lovestory zwischen dem Ganoven Alex und der grundsympathisch von Mala Emde („Lara“) gespielten Sozialarbeiterin Polly voranzutreiben. Dabei macht es sich das Skript bei der Zusammenführung der beiden ganz offensichtlich füreinander bestimmten Figuren auch so schon sehr einfach.

„So wird etwa die Frage aufgeworfen, warum sich Menschen trotz vergleichsweise schlechter Bezahlung, hoher emotionaler Belastung und nicht gerade üppiger gesellschaftlicher Anerkennung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung entscheiden.“

Fazit: „Das gewisse Etwas“ erfindet das Rad des Inklusionskinos gewiss nicht neu. Schon allein deshalb, weil der Film nahezu eins zu eins so funktioniert, wie die zwei Jahre alte Vorlage. Trotzdem erweist sich auch die Neuauflage als warmherzige Komödie, die ihre Figuren ernst nimmt und dabei trotzdem jede Menge Leichtigkeit versprüht.

„Das gewisse Etwas“ ist ab dem 3. September 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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