Mein Blind Date mit dem Leben

Basierend auf den Memoiren von Saliya Kahawatte inszeniert Regisseur Marc Rothemund mit der Tragikomödie MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN eine Mut machende Geschichte über das Leben mit einem Handicap. Ob gelungen oder nicht, das verrate ich in meiner Kritik.Mein Blind Date mit dem Leben

Der Plot

Eine aufregende Karriere im Luxus-Hotel – das ist der langgehegte Traum von Saliya (Kostja Ullmann)! Doch für jemanden, der fast blind ist, könnte nichts unwahrscheinlicher sein: Aber seinen Traum aufzugeben, kommt nicht in Frage, und so schickt Saliya eine Bewerbung an ein 5-Sterne-Hotel – ohne sein Handicap zu erwähnen. Überraschenderweise funktioniert der Bluff aber tatsächlich und er bekommt eine Stelle in einem Luxus-Hotel in München. Niemand ahnt etwas von seinem Geheimnis, nur sein Freund Max (Jacob Matschenz) erkennt bald, was es mit Saliya auf sich hat und hilft ihm, jede noch so schwierige Lage zu bewältigen. Wenn alle anderen Feierabend machen, übt Saliya bis in die Nacht die für seine Kollegen einfachsten Handgriffe, bis er sie „blind“ beherrscht. Doch als er sich in Laura (Anna Maria Mühe) verliebt und durch sie in eine unvorhergesehene Situation gebracht wird, scheint alles, was er sich vorgenommen hat, zusehends aus den Fugen zu geraten.

Kritik

Wer sich als Filmemacher an eine Geschichte wagt, die sich so oder so ähnlich in der Realität abgespielt hat, dann ist man schon in gewisser Weise der Wahrheit verpflichtet. Sicher lässt sich manch ein Szenario ausschmücken. Auch das Auslassen einzelner Geschehnisse kann je nach Intention hilfreich sein, doch im Großen und Ganzen muss man sich schon an das halten, was einem die Realität einst geboten hat – wie gut, dass das echte Leben ohnehin immer noch die besten Geschichten schreibt. So auch jenes von Saliya Kahawatte, der im Teenageralter von gerade einmal 15 Jahren an einer Augenkrankheit leidet und innerhalb weniger Monate einen Großteil seines Augenlichts verliert, bis dieses nur noch 5 Prozent beträgt. Trotzdem will er weiterhin an seinen Träumen festhalten und wie ein ganz normaler Mensch leben. Selbst sein Abitur an einer herkömmlichen Schule besteht er mit jeder Menge Tricks; weshalb sollte ihm die Ausbildung an einem Sternehotel verwehrt bleiben? In „Mein Blind Date mit dem Leben“ erzählt „Heute bin ich blond“-Regisseur Marc Rothemund den Werdegang dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit nach, spart allerdings die ganz herben Stationen in Kahawattes Leben aus. Das Hoch (beziehungsweise in diesem Fall das Tief) der Gefühle sind Andeutungen einer latenten Drogensucht. Die in Kahawattes Biographie geschilderten Selbstmordversuche und Depressionsanfälle lässt Rothemund hingegen weitgehend außen vor. Emotional mitreißend gerät „Mein Blind Date mit dem Leben“ trotzdem, wenn auch ein wenig gefälliger, als es der Prämisse vielleicht gut täte.

Kleinschmidt (Johann von Bülow) macht Sali (Kostja Ullmann) das Leben an der Bar schwer

Kleinschmidt (Johann von Bülow) macht Sali (Kostja Ullmann) das Leben an der Bar schwer.

„Mein Blind Date mit dem Leben“ ist in erster Linie optimistisches Feel-Good-Kino. Dass es da nicht allzu düster und melancholisch zugehen darf, ist selbstverständlich und auch vollkommen in Ordnung. Wer sich jedoch eine absolut vorlagengetreue Adaption des Buches „Mein Blind Date mit dem Leben: Als Blinder unter Sehenden“ erhofft, der könnte enttäuscht sein, wenngleich Rothemunds Film für Genreverhältnisse wiederum angenehm unsentimental bleibt. Die Tragikomödie punktet mit einer feinfühligen Inszenierung, viel Liebe für die Figuren und durch die Bank starken Hauptdarstellern. Wer Marc Rothemund nun Verklärung vorwerfen möchte, kann das tun – schließlich mutet er seinem Publikum nicht so viel Tragik zu, wie das Schicksal von Aliya Kahawatte eigentlich dazu einladen würde. Doch vielmehr verschiebt der Filmemacher auf Basis des Skripts von Oliver Ziegenbalg („Frau Müller muss weg“) und Ruth Toma („Same Same but Different“) den Erzählfokus. Wozu die Tiefschläge lang und breit auswalzen, wenn die Geschichte des Deutsch-Singhalesen ohnehin gut ausgeht? „Mein Blind Date mit dem Leben“ gibt von Anfang an eine positive Richtung vor und auch wenn die Geschichte dadurch gewiss einige arg vorhersehbare Entwicklungen durchläuft, hat Marc Rothemund einige entscheidende Asse im Ärmel, mit deren Hilfe der Film ein durchgehend angenehm anschaubares Flair aufweist.

An „Mein Blind Date mit dem Leben“ ist weniger interessant, ob Saliya Kahawatte am Ende sein Ziel erreicht. Der wirklich ausschlaggebende Unterhaltungsfaktor rührt daher, dass etwas eigentlich Unmögliches – eine Nahezu-Blindheit geheim zu halten – mithilfe von Freunden und Außenstehenden tatsächlich möglich gemacht wird. Wenngleich Marc Rothemund hier und da in Slapstick und Klamauk abdriftet, sind die wundersamen Selbsthilfe-Ideen des heute 47-jährigen das Herzstück des Films, die zugleich zum Lachen, in erster Linie aber immer wieder zum Staunen anregen. Von den unkonventionellen Lernmethoden bei der Abitur-Vorbereitung über das Einprägen der Hotel-Umrisse sowie der Cocktail-Rezepte bis hin zum Radfahren auf Serpentinen gehen in Kahawattes Lebenslauf Genie und Wahnsinn einher. Spätestens mit dem kaum zu bändigenden Engagement und Enthusiasmus, mit dem der junge Mann seine Ausbildung absolviert, ist ihm der Respekt seiner Mitmenschen sicher. Trotzdem machen ihm einzelne Zeitgenossen das Leben immer wieder schwer. Dabei zeichnet Marc Rothemund diese Vorfälle nicht als bewusste Ausgrenzung: Wenn der äußerst strenge Ausbilder Kleinschmidt (Johann von Bülow) die Wasserränder auf den Weingläsern als Nachlässigkeit abtut, ist der Kahawatte gegenüber gebrachte Drill sichtbar Teil der harten Ausbildung und keine ausgrenzende Reaktion auf die Behinderung. Rothemund findet ein gutes Gespür für das Wechselspiel aus Unwissenheit und Ignoranz, das Kahawatte entgegen gebracht wird. Auf der anderen Seite wirft er Fragen dazu auf, wo der schmale Grat verläuft zwischen Mitleid, Mitgefühl und dem selbstverständlichen Hinnehmen einer Behinderung.

Sali (Kostja Ullmann) ist sofort von Laura (Anna Maria Mühe) fasziniert

Sali (Kostja Ullmann) ist sofort von Laura (Anna Maria Mühe) fasziniert

All das verpackt der Filmemacher in eine Tragikomödie, die Leinwandausmaße besitzt und technisch eine ordentliche Figur abgibt. Ohne aufdringlichen Farbfilter, dafür mit einer tolerierbaren Menge aus Radio-Ohrwürmern und einem ansonsten recht unaufdringlichen Score (Charles Ladmiral) widmet er sich ganz seinen Figuren. Kostja Ullmann („Coming In“) muss „Mein Blind Date mit dem Leben“ nicht alleine auf seinen Schultern tragen, auch wenn er dank dieser authentischen, toughen Leistung, die die Sehbehinderung jederzeit glaubhaft erscheinen lässt, sicher dazu in der Lage wäre. Stattdessen hat er stark aufgelegte Nebendarsteller um sich, die den Film jeweils auf ihre Weise prägen. Da wäre zum einen die zurückhaltend aber charmant aufgelegte Anna Maria Mühe („Seitenwechsel“), der schlitzohrige Jacob Matschenz („Rico, Oskar und der Diebstahlstein“) sowie Johann von Bülow („Elser“), der als äußerst unangenehmer, aber fairer Ausbilder jederzeit den Respekt seiner Mitmenschen einfordert. Zu guter Letzt rundet die auch als Lifestyle-YouTuberin bekannte Nilam Farooq („SOKO Leipzig“) die Ensembleleistung in „Mein Blind Date mit dem Leben“ ab – ihre intuitiv-natürliche Performance macht Lust darauf, die Leinwand-Newcomerin öfter in Filmen zu sehen. So ist „Mein Blind Date mit dem Leben“ nicht bloß aufgrund der interessanten Geschichte, der technischen Ausführung und der starken Akteure einen Blick wert, sondern auch, weil all diese Faktoren hier so selbstverständlich ineinander greifen, dass die wenigen negativen Aspekte kaum noch ins Gewicht fallen.

Fazit: Zugunsten eines leichtfüßigen Filmerlebnisses spart „Mein Blind Date mit dem Leben“ die dunkelsten Momente im Leben von Saliya Kahawatte aus. Wem das einer Verwässerung gleichkommt, der mag vielleicht gar nicht so falsch liegen, doch das alles in allem wirklich positiv verlaufene Schicksal eines ohnehin lebensfrohen Menschen als Feel-Good-Film zu inszenieren, ist wahrlich kein Verbrechen. Marc Rothemunds Film wirklich fein geworden.

 „Mein Blind Date mit dem Leben“ ist ab dem 26. Januar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

  • Astronaut? Na, klar. Foto-Modell, Chirurg, Lokführer, Fußball-Profi? Alles verständlich und nachvollziehbar. Aber – ob blind oder nicht – welcher junge Mensch hat denn bitteschön den „Lebenstraum“ in einem Hotel zu kellnern? Gibt es solche Leute wirklich? Hm, offenbar ja…

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