Emma.

Es ist nicht die erste Verfilmung von Jane Austens EMMA., aber die erste, die sichtbar von einem Oscar-Gewinner der letzten Jahre inspiriert ist. Doch Autumn de Wilde ist keine Yorgos Lanthimos und ihr Film daher auch nur streckenweise so kongenial. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

England, Anfang des 19. Jahrhunderts: Die junge Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy), schön, klug und reich, führt in ihrem verschlafenen Ort unangefochten die bessere Gesellschaft an – und niemand hat dabei eine höhere Meinung von ihrem Charme, Stil, Witz und Klavierspiel als sie selbst. Weit und breit gibt es keine attraktivere Partie als Emma, aber merkwürdigerweise ist ihr der Richtige einfach noch nicht begegnet. So verbringt sie ihre Zeit damit, andere zu verkuppeln, allen voran ihre Freundin Harriet (Mia Goth). Aber trotz Emmas unbegrenzten Vertrauens in ihre Menschenkenntnis laufen ihre wohlgemeinten Intrigen schief. Die ausgesuchten Liebhaber beißen nicht an, unstandesgemäße Nebenbuhler tauchen auf, und schließlich muss sich sogar Emma selbst ungewollter Avancen erwehren.

Kritik

So richtig aus der Mode gekommen ist die Neuadaption bekannter literarischer Stoffe ja nie. Mittlerweile sind wir aber bereits an einem Punkt angekommen, an dem die großen Werke bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller oft längst zwei oder sogar mehr Interpretationen für die große Leinwand erhalten haben. Man hat also nicht nur die Qual der Wahl, welche man als Zuschauer als am besten erachtet. Auch Filmemacher sehen sich umso stärker gefordert, ihrer Version etwas Eigenes einzuhauchen, damit sich ihr Film von den anderen abgrenzt. Wir erinnern uns: Erst kürzlich zeigte uns die oscarnominierte Greta Gerwig mit der nunmehr vierten großen „Little Women“-Verfilmung, wie man es schafft, einen über 150 Jahre alten Klassiker, der bereits zu Stummfilmzeiten adaptiert wurde, mit den Mitteln des modernen Films gleichsam dem Zeitgeist anzupassen und trotzdem die Quintessenz des Romans beizubehalten. Jane Austens „Emma.“ wurde schon ganze viermal verfilmt, einmal wurde eine ganze Serie daraus. Die bekannteste, da massentauglichste Version dürfte bis heute „Clueless – Was sonst?“ sein; eine 1995 mit Anleihen an den Roman durchzogene Teenie-Comedy mit Alicia Silverstone in der Hauptrolle. Musikvideoregisseurin Autumn de Wilde wählte für ihr Langfilm-Regiedebüt nun einen ähnlichen Ansatz wie die Kollegin Gerwig: Sie bleibt in Erzählzeit und -Ort, Anfang des 19. Jahrhunderts ein paar Meilen südwestlich von London verhaftet und erzählt die bekannte Geschichte rund um die gleichnamige Titelheldin zugleich modern wie traditionell. Ihr Film könnte also zu gleichen Teilen von vor 30 Jahren sein, aber eben auch von 2020. Ein spannender Spagat, der sich bei der Inszenierung fortsetzt, dort aber schon nicht mehr so geschmeidig gelingt.

Die „feine Gesellschaft“ trifft sich zum Tee.

„Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner außer mir besonders mögen wird!“ – das soll Jane Austen einst selbst über ihre Emma gesagt haben. Und warum das so ist, zeigt uns Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy („Vollblüter“) als ebendiese Emma bereits in den ersten Minuten des Films. Bei ihr gehen selbstbewusste und arrogante Attitüde Hand in Hand. Als von jedem angehimmelte Anführerin der sogenannten „feinen Londoner Gesellschaft“ muss sie nie Angst davor haben, dass ihr grenzenloses Selbstvertrauen auch nur einen kleinen Dämpfer erhalten könnte. So charmant und aufgeschlossen sie sich insbesondere anderen jungen Frauen gegenüber gibt, denen sie sich als treue Zuhörerin und Freundin verkauft, so unterschwellig versteckt sich in ihren Gesten die eigene Geltungssucht; Als Jemand, der weiß, dass sich das soziale Ansehen so ziemlich jeder Person im eigenen Umfeld unter einem selbst befindet, hat man im Umgang mit den Mitmenschen schließlich nichts zu befürchten. Entsprechend offen und schlagfertig gibt sich Emma, genießt es, wenn ihr andere den Hof machen, gar hörig sind und riskiert dabei selbst kaum was. Diese Emma in „Emma.“ hat getreu der Romanvorlage absolut nichts zu befürchten, besitzt kaum dramatische Fallhöhe und bleibt daher die meiste Zeit unnahbar (und ja irgendwie auch unerreichbar) für den Zuschauer. Gepaart mit der zwischen abgehoben, allzu sehr bemüht menschennah und selbstbewussten changierenden Darbietung von Anya Taylor-Joy ist da aber auch gleichsam die Faszination: Wie wird es Autumn de Wilde und ihren Drehbuchautoren Dorota Kobiela, Hugh Welchman und Jacek Dehnel (schrieben auch gemeinsam das Skript zu „Loving Vincent“) Interesse für eine solch abstrakte Figur zu schüren, wenn man ihr nicht auf Augenhöhe begegnen kann?

Ein wenig funktioniert dies über die bereits erwähnte Leistung Taylor-Joys, die in ihrer entfesselten Performance abseits ihrer bisherigen Genre-Rollen ganz einfach Spaß macht. Die 23-Jährige genießt sich sichtbar selbst – und das steckt an. Insbesondere ihre Kollegin Mia Goth („A Cure for Wellness“), die man bislang ebenfalls eher in abseitigen Filmproduktionen zu sehen bekam. Die beiden Frauen animieren sich gegenseitig zu Höchstleistungen, aus denen Goth nochmal heraussticht. Ihre überzogene Unsicherheit kratzt diverse Male an gezieltem Overacting, passend zur ohnehin vorherrschenden Überhöhung der Situation. Denn wie schon das Buch ist diese „Emma.“-Variation allzu oft auch Nachdichtung auf gängige Jane-Austen- und Romanzen-Muster. Die betonte Albernheit im Spiel sämtlicher Figuren führt nicht nur vor Augen, was für hanebüchen-platte Dialoge in Filmen und Büchern dieses Kalibers mitunter als sinnhafte Prosa verkauft werden. Sie führt uns vor allem die skurrilen Gepflogenheiten und Gebräuche der feinen Gesellschaft vor Augen. Nie niederträchtig oder gar zynisch, sondern auf eine amüsant-parodistische Weise, wie es zuletzt auch schon Yorgos Lanthimos mit seinem famosen Oscar-Anwärter „The Favourite“ (nur noch ein bisschen bissiger) gelungen ist. Dieser dürfte durchaus Pate für „Emma.“ gestanden haben. Auch in seiner inszenatorischen Formstrenge; Wenngleich die akkurate, sich um Symmetrie bemühende Kameraarbeit von Christopher Blauvelt („Das Verschwinden der Eleanor Rigby“) eher an Wes Anderson denn an die abstrakten Perspektivverzerrungen eines Lanthimos erinnert.

Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy), ihre Freundin Harriet (Mia Goth) und Josh O’Connor als Mr. Elton.

Doch Lanthomos ist Autumn de Wilde die meiste Zeit überlegen. Nicht nur in seiner erzählerischen Treffsicherheit (bei „The Favourite“ gab es kaum einen Dialog, der das Wesen der ihn ausgesprochenen Figuren nicht um noch eine weitere, doppelbödige Ebene erweitert hat), sondern auch in seiner inszenatorischen Kohärenz. Wunderbare parodistische Momente auf das Leben der High Society wechseln sich ab mit Szenen, die von den Beteiligten plötzlich absolut bodenständig vorgetragen werden. Ganz so, als wollten die Macher (respektive bereits Jane Austen) die amouröse Integrität ihrer Charaktere aller Nachdichtung zum Trotz nicht verraten. Eine per se löbliche Idee, die Figuren dadurch nicht der absoluten Lächerlichkeit preiszugeben, die auch Austens Wesen passt, die ihre Figuren immer sehr stark in ihr eigenes Herz schloss. Doch letztlich beißt sich dies mit dem Rest so stark, dass man am Ende gar nicht so recht weiß, ob die Romantikomödie „Emma.“ zwischendrin aus Versehen zur Parodie geworden ist, oder aus der Romanzen-Parodie „Emma.“ hier und da versehentlich eine echte Romantikomödie, zeitweise sogar mit ziemlich deutlichem Dramaeinschlag, wurde. Dieses Spiel mit verschiedenen Genreausrichtungen könnte ja sogar richtig spannend sein, würde der Film irgendein Indiz dafür aufweisen, dass dieser stete Tonalitätenwechsel gewollt. Doch da ist kein Reiz, keine Spannung, sondern einfach nur das Gefühl, dass sich hier Jemand nicht entscheiden konnte, wie genau die Ausrichtung der Vorlage nun geplant war.

Fazit: Jane Austen trifft „The Favourite“: Bei der neuen Verfilmung des Bestsellers „Emma.“ weiß man nie so ganz, ob das Ganze nun Parodie, aufrichtige Romanze, beides oder nichts von alledem sein soll. Das macht den Film nur phasenweise amüsant, da man sich die restliche Zeit über fragt, wie der Film wohl geworden wäre, hätte man sich auf eine tonale Balance einigen können.

„Emma.“ ist ab dem 5. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

  • Hallo Antje, welche Bewandtnis hat es eigentlich mit dem Punkt hinter dem Titel Emma? Der ist ja auch auf dem Plakat drauf. Ich hatte schon mit Google versucht, aber spontan keine Antwort gefunden.

    • Antje Wessels

      Ich habe zwei Ideen, beide aber nicht belegt sondern eher so als Gedanke nach dem Film:

      1. Weil’s ein Period Piece ist, das sehr genau weiß, dass es ein Period Piece ist.

      2. Und/oder, weil’s der Figur entspricht. Emma. Punkt. Nichts nach mir.

      Liebe Grüße.

  • Liebe Antje, vielen Dank, daß Du sogar auf Leserfragen reagierst und Dir richtig Gedanken dazu machst. Mir gefällt Deine Variante Nummer 2. Die werde ich übernehmen. Uns gefiel der Film insgesamt scheinends etwas besser als Dir. Anja Taylor-Joy war einfach wunderbar. Sie entsprach genau meiner Vorstellung von der Romanfigur. Dazu kommt Bill Nighy, der sowieso einer meiner Lieblingsstars ist. Er war wiedermal umwerfend.

    Danke nochmal für deine Gedanken und mach bitte immer weiter so. Unser nächster Kinobesuch wird „Der Unsichtbare“. Ich habe es zwar nicht so mit Horror (bin ein Angsthäschen!), aber nach Deiner so positiven Kritik und weil mein Mann ihn schon vorher sehen wollte, werden wir es morgen mal wagen. 🙂

    Lieben Gruß Aria

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