Corpus Delicti

Juli Zehs CORPUS DELICTI war 2007 noch eine ziemlich dystopische Zukunftsvision. Fast zwanzig Jahre später, nach Pandemieerfahrung und im Zeitalter allgegenwärtiger KI, fühlt sich die Geschichte über eine Gesellschaft, die Gesundheit zum obersten Gesetz erklärt, plötzlich erstaunlich gegenwärtig an. Doch abseits der üppigen Ausstattung schöpft die Verfilmung des Romans ihr ganzes Potenzial längst nicht aus.

OT: Corpus Delicti (DE 2026)

Darum geht’s

In einer nahen Zukunft hat die sogenannte „Methode“ eine Gesellschaft geschaffen, in der Gesundheit und Sicherheit oberste Priorität genießen. Für die Wissenschaftlerin Mia Holl (Hannah Herzsprung) gerät das vermeintlich perfekte System jedoch ins Wanken, als ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) wegen Vergewaltigung und Mordes festgenommen wird. Die Beweislage scheint eindeutig, doch Mia ist von seiner Unschuld überzeugt und beginnt, den Fall gemeinsam mit dem zunächst wenig engagierten Pflichtverteidiger Lutz Rosentreter (Christian Friedel) selbst zu hinterfragen. Denn eigentlich dürfte ein Irrtum in einer Gesellschaft, deren Entscheidungen maßgeblich auf den Daten eines als unfehlbar geltenden Systems beruhen, gar nicht existieren. Während Mia immer tiefer in die Hintergründe des Falls eintaucht, gerät sie selbst ins Visier der „Methode“. Hilfe erhält sie dabei unter anderem von ihrer Kollegin Christiane Bülow (Haley Louise Jones) und dem undurchsichtigen Journalisten Heinrich Kramer (Alexander Fehling). Doch je näher Mia der Wahrheit kommt, desto größer wird die Gefahr, die sie damit für sich selbst heraufbeschwört.

Kritik

Spätestens in der Corona-Pandemie haben wir erlebt, wie sehr sich der Gesundheitszustand einer gesamten Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit zum politischen Thema entwickeln kann. Plötzlich ging es nicht mehr nur um die individuelle Gesundheit, sondern um Infektionszahlen, Risikogruppen, Schutzmaßnahmen und die Frage, wie weit staatliche Eingriffe zum Schutz der Bevölkerung gehen dürfen. Was wir damals – je nach persönlicher Perspektive – als notwendige Vorsicht oder übergriffige Einschränkung erlebt haben, ist allerdings noch weit entfernt von der Welt, die Juli Zeh bereits 2007 in ihrem Roman „Corpus Delicti“ entworfen hat. In der darin etablierten Gesundheitsdiktatur ist körperliches Wohlbefinden schon lange keine Privatsache mehr, sondern oberstes Staatsziel. Hier überwacht ein umfassendes System namens „Die Methode“ die Gesundheit aller Bürger:innen. Was bedeutet, dass es ihnen unter anderem vorschreibt, wie sie zu leben haben und sanktioniert dafür all jenes Verhalten, das als gesundheitsschädlich gilt. Schokolade inklusive – was für eine Welt! Dass Zehs Dystopie nun für die Leinwand adaptiert wird, verleiht ihrer eine eigentümliche Aktualität, die vermutlich mit ein Grund war, dass wir diese Adaption heute zu sehen bekommen. Denn während der Roman damals noch auf einer Zukunftsvorstellung aufbauen musste, können wir heute auf einen eigenen (gesellschaftlichen) Erfahrungsschatz zurückgreifen. Und auch an anderer Stelle wirkt „Corpus Delicti“ plötzlich weit weniger wie Science-Fiction: Das von Zeh erdachte, an eine Künstliche Intelligenz erinnernde System, das die Gesundheit der Bevölkerung überwacht und verwaltet, trifft auf eine Gegenwart, in der KI längst nicht mehr nur Stoff für dystopische Zukunftsszenarien ist. Was 2007 noch ziemlich weit weg schien, fühlt sich heute ein gutes Stück näher an.

In einer nicht näher definierten Zukunft unterliegt die Menschheit einem vermeintlich auf die Gesundheit bedachten Überwachungsstaat.

Doch schon beim World Building verschenkt „Corpus Delicti“ einen Teil des Potenzials seiner eigenen Prämisse. Regisseurin und Autorin Lena Stahl, die unter anderem die (starken!) Drehbücher zu „Mein Sohn“ und „Wunderschön“ verfasste, zeigt zwar durchaus, welche konkreten Auswirkungen „Die Methode“ auf den Alltag der Menschen hat. Etwa wenn Süßigkeiten und Alkohol heimlich konsumiert, körperliche Makel bereits von Geburt an korrigiert und vorgeschriebene Sportprogramme sowie medizinische Untersuchungen durchgezogen werden müssen. Wer dies nicht tut, muss mit scharfen Sanktionen rechnen. All das vermittelt zwar schon ein durchaus beklemmendes Gefühl dafür, wie weit die Einschränkung des freien Willens in dieser Gesellschaft reicht. Was dagegen weitgehend im Dunkeln bleibt, ist die Frage, warum der Staat diesen immensen Aufwand überhaupt betreibt. Was genau verspricht sich die Regierung davon, eine durch und durch gesunde Bevölkerung zu erzwingen? Natürlich lässt sich eine Gesellschaft, in der alle leistungsfähig, medizinisch bestens versorgt und möglichst wenig krankheitsanfällig sind, als effizienter und stabiler denken. Doch spätestens wenn „Die Methode“ auf den vermeintlichen Endpunkt ihrer Entwicklung zusteuert – die Überwindung des Alterns und damit eine Form des ewigen Lebens –, tun sich ganz andere gesellschaftliche und ethische Fragen auf. Im Film werden diese Dimensionen jedoch kaum greifbar.

„Da der Film uns obendrein immer wieder mit neuen Regeln, Vorschriften und Kontrollmechanismen konfrontiert, entwickelt das Entdecken dieser Gesellschaft einen eigenen Reiz.“

Trotzdem gelingt es „Corpus Delicti“ erst einmal gut, zumindest ein Grundinteresse an dieser Welt zu schüren. Das liegt nicht zuletzt an der üppigen und aufwändigen Ausstattung (Erinnerungen an die „Tribute von Panem“-Filme werden wach), die aus den verschiedenen Lebensbereichen der „Methode“ ein greifbares Zukunftsszenario macht. Und da der Film uns obendrein immer wieder mit neuen Regeln, Vorschriften und Kontrollmechanismen konfrontiert, entwickelt das Entdecken dieser Gesellschaft einen eigenen Reiz. Fragen wie: „Was darf man essen?“, „Was muss man dokumentieren?“, „Welche Untersuchungen sind verpflichtend?“ und vor allem: „Was passiert eigentlich, wenn man sich all dem entzieht?“ sind hier bisweilen spannender als das gedankliche Ausmalen der Konsequenzen, die eine solche Gesellschaft langfristig mit sich bringen könnte. Zumal Lena Stahl einen anderen erzählerischen Zugang wählt als Juli Zeh in ihren Romanen. Zwar bildet auch dort der Tod von Mias Bruder Moritz und dessen Verurteilung wegen Mordes den Ausgangspunkt für ihren zunehmenden Konflikt mit der „Methode“. Im Film wird daraus jedoch deutlich stärker ein klassischer Kriminalfall: Moritz bestreitet, ein schweres Verbrechen begangen zu haben und ausgerechnet das dürfte in einer Gesellschaft, die ihre Bürger lückenlos überwacht, eigentlich gar nicht passieren. Denn wenn „Die Methode“ tatsächlich so allwissend und unfehlbar ist, wie sie sich selbst präsentiert, wie kann dann ein Unschuldiger überhaupt zum Täter erklärt werden? Allein diese Frage sorgt für einen reizvollen Spannungsbogen. Denn so interessant es auch wäre, wenn am Ende tatsächlich nur die Erkenntnis stünde, dass der Angeklagte schuldig ist, zieht „Corpus Delicti“ seine Spannung natürlich vor allem daraus, herauszufinden, was hier tatsächlich passiert ist. Oder ob das vermeintlich perfekte System vielleicht doch nicht ganz so perfekt funktioniert.

Mia (Hannah Herzsprung) muss im Mordprozess ihres Bruders vor Gericht aussagen.

Ob „Corpus Delicti“ diese vor allem aus seiner Prämisse heraus entstehende Spannung allerdings auch über die Ermittlungen hinweg aufrechterhalten kann, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Klar ist: Wer Juli Zehs Vorlage nicht kennt, dürfte der Auflösung tatsächlich nicht ohne Weiteres auf die Schliche kommen. So hält der Film über weite Strecken die Unsicherheit darüber aufrecht, was hier eigentlich passiert ist und auf welche Art Ausgang die Geschichte wohl zusteuern wird. Lange lässt sich kaum erahnen, welcher Twist am Ende noch auf das Publikum wartet. Inszenatorisch tut Lena Stahl allerdings nicht allzu viel dafür, diese ohnehin vorhandene Grundspannung zusätzlich zu befeuern. „Corpus Delicti“ besteht über weite Strecken aus Gesprächen, die bevorzugt in dunklen und kargen Räumen stattfinden. Dass dabei trotzdem keine Langeweile aufkommt, ist nicht zuletzt den Darsteller:innen zu verdanken, allen voran Hannah Herzsprung („Who Am I? Kein System ist sicher“), die auch längere Dialogpassagen mit genügend Präsenz füllt. Richtig aufregend ist das alles trotzdem nur selten. Und doch bleibt nach dem Abspann vor allem eines hängen: In dieser Welt steckt noch deutlich mehr Potenzial, als dieser Film es ausschöpft. Umso weniger würde man sich deshalb gegen eine Fortsetzung sträuben. An Stoff mangelt es jedenfalls nicht, denn die Vorlage von Juli Zeh bietet dafür noch genügend Ansatzpunkte.

„Lange lässt sich kaum erahnen, welcher Twist am Ende noch auf das Publikum wartet. Inszenatorisch tut Lena Stahl allerdings nicht allzu viel dafür, diese ohnehin vorhandene Grundspannung zusätzlich zu befeuern.“

Fazit: Der Romanverfilmung „Corpus Delicti“ gelingt es, eine erschreckend zeitgemäße Dystopie mit einem durchaus spannenden Kriminalfall zu verbinden, schöpft das erzählerische Potenzial seiner eigenen Welt aber nicht immer vollständig aus. Vor allem die aufwändige Ausstattung, die interessante Prämisse und ein starkes Ensemble sorgen dennoch dafür, dass man dieser Gesellschaft gerne weiter auf den Grund gehen möchte.

„Corpus Delicti“ ist ab dem 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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