Who Am I – Kein System ist sicher

Kann ein Film die Welt verändern? Vermutlich nicht! Wenn man sich jedoch einmal WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER vom Schweizer Baran bo Odar ansieht, so steht zumindest die Rettung der deutschen Kinowelt kurz bevor. Mit seinem packenden Hackerthriller könnte dem Filmemacher endlich das gelingen, wovon viele vor ihm bereits träumten: Das Image des nationalen Genrekinos könnte auf einen Schlag all seine Dellen und Kratzer los sein. Nun liegt alles am Publikum, diesen Geniestreich mit Ticketkäufen zu belohnen. Lest in meiner Kritik, warum auch Ihr dies tun solltet! 

Der Plot

Benjamin (Tom Schilling) ist unsichtbar, ein Niemand. Dies ändert sich schlagartig, als er plötzlich den charismatischen Max (Elyas M’Barek) kennenlernt. Auch wenn beide nach außen nicht unterschiedlicher sein könnten, so eint sie doch dasselbe Interesse: Hacken. Gemeinsam mit Max‘ Freunden, dem impulsiven Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot Jr.), gründen sie die subversive Hackergruppe CLAY (CLOWNS LAUGHING @ YOU). CLAY provoziert mit Spaßaktionen und trifft den Nerv einer gesamten Generation. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Benjamin ein Teil von etwas. Und sogar die attraktive Marie (Hannah Herzsprung) wird auf ihn aufmerksam. Doch aus Spaß wird plötzlich Ernst, als die Gruppe auf das Fahndungsraster von BKA und Europol gerät. Gejagt von der Cybercrime-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), ist Benjamin jetzt kein Niemand mehr, sondern einer der meistgesuchten Hacker der Welt.

Kritik

Es ist schon lange kein Insidergag mehr, dass Deutschland sich den Ruf erarbeitet hat, alljährlich schwer verdaulichen Vergangenheitsstoff nationaler Geschichte ins Rennen um den begehrten Auslandsoscar zu schicken. Auch in diesem Jahr versuchten mit Produktionen wie „Hannas Reise“, „Lauf, Junge, lauf“ und „Westen“ mehrere thematisch verwandte Streifen ihr Glück und hofften auf grünes Licht seitens der Jury, um ihr Land bei den anstehenden Academy Awards zu vertreten. Geworden ist es mit „Die geliebten Schwestern“ erfreulicherweise ein Ausreißer, der sich mit der Liebesgeschichte des jungen Friedrich Schiller zu zwei Frauen befasst; Schlüpfrig erzähltes Kostümkino, das in all seiner Dramatik und Tragweite voll von dynamischem Schwung ist – und damit eigentlich eine ziemlich „undeutsche“ Wahl. Dennoch lässt sich ein Trend erkennen: Mit den opulenten Bildern aus „Die geliebten Schwestern“ gelingt dem Regisseur Dominik Graf Kino von internationalem Format. Damit hat der auch als TV-Regisseur tätige Filmemacher einen anderen Kandidaten der Vorauswahl mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Dem gebürtigen Schweizer Baran bo Odar („Das letzte Schweigen“) gelingt mit seiner ersten Popcorn-Produktion „Who Am I – Kein System ist sicher“ ein Thriller mit Hollywood-Ausmaßen, welche die Nischenkino-Thematik vollends in den Schatten stellen. Mit einem Castingcoup der Superlative und einem visuellen Auftritt der Extraklasse avanciert sein Hacker-Projekt zu einem der besten deutschen Filme aller Zeiten, sodass sich nach dem Genuss von „Who Am I“ nicht Wenige fragen werden, weshalb es sowas hierzulande bislang schlicht nicht zu sehen gab. Ob es Odar vielleicht sogar gelingt, mit einem Film das Image des gesamten Deutschkinos aufzupolieren?

Schon mit seinem verstörenden Pädophilen-Drama „Das letzte Schweigen“, das gleichzeitig auch die erste Zusammenarbeit von Baran bo Odar und „Tatort“-Kommissar Wotan Wilke Möhring darstellte, positionierte sich der Filmemacher aktiv gegen gängige Sehgewohnheiten. Mit kunstvoll zelebrierter Trägheit und einem bis ins Mark greifenden Realismus bahnte sich das „Schweigen“ seinen Weg in die Herzen von Freunden unkonventioneller Nischenfilme und auch von Seiten der Kritiker hagelte es Begeisterungsstürme. Trotz derartiger Lobhudelei ließ sich Odar ganze vier Jahre Zeit, um sein nächstes Projekt zu realisieren. Mit einem deutlich höheren Budget kommt nun „Who Am I“ daher – ein Hackerthriller, dessen Aktualität in Zeiten, in denen Facebook und die NSA eine unangenehme Vormachtstellung genießen, beispielhaft ist. Stilistisch markiert der Streifen eine Trendwende im bislang wenig aufgeregten Dramakino eines Baran bo Odar. Mit Minimalismus oder Zurückhaltung hat sein Kommentar zur internationalen Spy-Gesellschaft nichts zu tun. Der Filmemacher, der auch das Drehbuch zu „Who Am I“ mit verfasste, nimmt das Publikum mit auf einen Rausch durch abertausende Cyber-Sphären. Zum donnernden Electro-Sound der Bands Royal Blood und Boys Noize überlässt er das Schauspielparkett einem Quartett aus ganz unterschiedlichen Typen, die man sich zusammen vor der Kamera anfangs nur schwer vorstellen kann. Ganz nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ formen Edelmime Tom Schilling („Oh Boy“), Shootingstar Elyas M’Barek („Fack ju Göhte“), Deutschkino-Haudegen Wotan Wilke Möhring („Besser als nix“) und Genre-Experte Antoine Monot Jr. („Das Experiment“) eine Gruppe, die das Publikum auf jeder Ebene abholt. So ist nicht bloß für jede Zielgruppe im Kinosaal die passende Identifikationsfigur dabei, auch der Film macht sich seine so entstehenden, ganz unterschiedlichen Facetten sukzessive zunutze, indem er sein Dasein als ein solcher unterstreicht, der sich partout nicht einordnen lassen möchte.

Aus seiner Perspektive erzählt wird das Publikum von Tom Schilling mit auf eine Reise genommen, die das Wissen um den Ausgang der Story scheinbar voraussetzt: Sein Benjamin, die Verkörperung des beispielhaften Mauerblümchens, sitzt einer gestrengen, kurzhaarigen Polizeiermittlerin gegenüber. In Rückblenden gibt Benjamin wieder, was ihn dazu brachte, von der Polizei verfolgt zu werden. Kurze Einblicke in seine, vom Tod seiner Mutter gezeichnete Kindheit lassen immer wieder Vergleiche mit gängigen Superheldengeschichten zu, die das Drehbuch auch selbst nicht scheut. Nicht selten werden Kunstfiguren wie Batman oder Superman als Beispiele herangezogen. Kein Wunder: Benjamin wäre gern wie sie. Als er schließlich auf Max, Paul und Stephan trifft, gelingt es ihm, durch das zu brillieren, was er wirklich kann: sich in die Netzwerke Fremder einschleusen. Nicht nur, dass die Macher allesamt darauf verzichten, gängige Klischees der Hackerszene durchzukauen (Schilling, M’Barek, Möhring und Monot Jr. stellen durch die Bank starke Charaktertypen dar, ohne auf Stereotypen zurückzugreifen), auch das Programmieren an sich verkommt nicht zur verklausulierten Aneinanderreihung von Fachbegriffen. Ähnlich des 2010 international gefloppten Horrorthrillers „Chatroom“ visualisiert Baran bo Odar die Netzwelt als düsteren Spielplatz. Chat-Alias werden zu Figuren aus Fleisch und Blut, das Internet erinnert an eine versiffte U-Bahn und übermittelt ein User dem anderen eine Datei, tauschen sie ganz simpel Briefumschläge aus. Einfache Kniffe, welche die datenlastige Thematik anschaulich machen.

In atemberaubendem Tempo hangelt sich „Who Am I – Kein System ist sicher“ von einer meisterhaft begangenen Tat zur nächsten. Ob ein Tierversuche begehender Pharmakonzern oder der Finanzmarkt: Für CLAY ist tatsächlich kein System sicher – heilig erst recht nicht. Die Gruppierung selbst strahlt dabei eine bedrohliche Faszination aus. Obgleich dem Zuschauer die Auswirkungen der Taten, einhergehend mit der Illegalität selbiger bewusst ist, kann sich das Publikum dem Charme und den stets moralisch absolut vertretbaren Motivationen der Gang nicht entziehen. Wie sollte es auch, wenn bei einem Anschlag auf eine nationalsozialistische Partei genau die Richtigen ihr Fett weg kriegen? So ist der Zuschauer zwar Zeuge, wie Cyberkriminelle Taten begehen, für die sie mehrmonatige Gefängnisstrafen erwarten, trotz dessen möchte man sich weigern, den Vieren die Ergreifung durch die Polizei zu gönnen. Die Arbeit von Kameramann Nikolaus Summerer („Das letzte Schweigen“) verleiht „Who Am I“ darüber hinaus die perfekten Bilder, um den Spagat zwischen leichtsinniger Spielerei und düsterer Untergrundorganisation visuell greifbar zu machen. Zumeist in äußerst dunkle Farben getaucht spielt Summerer munter mit allerhand Tricks, um die Produktion voranzutreiben. Stakkato-artige Schnitte, wildes Hantieren mit Schnellvorlauf und Zeitlupe oder Heran- und Hinauszoomen aus allerhand interessanten Perspektiven lassen „Who Am I“ ungeheuer dynamisch, dabei jedoch nicht hektisch wirken. Die edel eingefangene Kulisse Berlins tut ihr Übriges, um dem Film internationales Flair zu verleihen.

Mit „Who Am I – Kein System ist sicher“ orientiert sich Baran bo Odar – sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch – merklich an Spielfilmvorbildern aus aller Welt. Die erzählerische Dichte erinnert an Filme wie „Fight Club“, auch das Spiel mit der Faszination des Illegalen könnte direkt aus einer Fincher-Produktion stammen. Die spröde Figurenzeichnung sämtlicher Ermittler lässt Erinnerungen an die Thriller und Serien aus Skandinavien wach werden. Thematisch hat „Who Am I“ zudem viel vom international wenig Anklang gefundenen Julian-Assange-Portrait „Inside Wikileaks“, das sich ebenfalls mit der Verwundbarkeit all derer befasste, die aktiv im World Wide Web unterwegs sind. Nur eines sieht man dem Film nicht an: Er ist eine durch und durch deutsche Produktion.

Sobald die vier Jungs ihre Masken aufsetzen, werden sie zu CLAY!

Fazit: „Who Am I – kein System ist sicher“ ist nicht weniger als einer der besten Filme des Jahres und einer der besten deutschen aller Zeiten. Regisseur Baran bo Odar“ setzt ein Ausrufezeichen hinter die Wirkungskraft des hiesigen Genrekinos und erzählt eine faszinierende Geschichte über einen Allerweltstypen in ganz großen Hollywoodbildern. Zu guter Letzt führt sein „Who Am I“ nicht weniger als sämtliche Twist-Rides der Vergangenheit ad absurdum und lässt in uns allen den Wunsch aufkommen, für einen kurzen Moment ein Held zu sein – und sei es auch nur im World Wide Web!

„Who Am I – Kein System ist sicher“ ist ab dem 25. September bundesweit in den Kinos zu sehen!