Strange Harvest

Was passiert, wenn man die Dramaturgie einer Netflix-True-Crime-Doku mit der Anarchie des Found-Footage-Horrors und der Blutlust eines makaberen Thrillers kreuzt? Stuart Ortiz‘ überbordend-kreativer Genremix STRANGE HARVEST liefert die Antwort auf genau diese Frage und präsentiert einen wunderbar abseitigen Serienkillertrip, der sich weder bei seinen Genrevorbildern noch beim Kunstblut zurückhält.

OT: Strange Harvest (USA 2024)

Darum geht’s

Als in einem Vorort von San Bernardino eine dreiköpfige Familie auf grausame Weise ermordet aufgefunden wird, erkennen die Detectives Joe Kirby (Peter Zizzo) und Lexi Taylor (Terri Apple) ein verstörendes Muster: Der Täter scheint niemand Geringeres als der berüchtigte Serienkiller „Mr. Shiny“ (Jessee J. Clarkson) zu sein, der bereits 15 Jahre zuvor eine blutige Spur durch Südkalifornien gezogen hatte. Während die Ermittler:innen versuchen, die kryptischen Botschaften und makabren Inszenierungen des Mörders zu entschlüsseln, häufen sich die grausamen Fundorte und die Hinweise auf ein immer unheimlicheres Muster. Doch je tiefer Kirby und Taylor in den Fall eintauchen, desto deutlicher wird, dass hinter den scheinbar wahllosen Verbrechen möglicherweise weit mehr steckt als die Obsession eines sadistischen Serienkillers. Was für ein Glück, dass bei den Ermittlungen immer ein Kamerateam zur Stelle ist…

Kritik

True Crime boomt. Ob als Podcast, aufwendig produzierte Streamingserie oder dokumentarisch aufbereiteter YouTube-Mehrteiler: Die Faszination für echte Verbrechen und die Menschen, die sie begehen, scheint ungebrochen. Gleichzeitig ist das Genre nicht unumstritten. Denn so unterhaltsam die investigative Spurensuche innerhalb der zumeist dramaturgisch geschickt aufbereiteten Kriminalfälle auch sein mag, so schwierig ist mitunter die moralische Komponente dahinter. Schließlich handelt es sich eben nicht um ausgedachte Geschichten, sondern um reale Schicksale, die hier für den Nervenkitzel eines Millionenpublikums aufbereitet werden. Wer sich deshalb mit dem Konsum klassischer True-Crime-Formate schwertut, dafür aber der Ästhetik und den dramaturgischen Versatzstücken des Genres etwas abgewinnen kann, dürfte an „Strange Harvest“ seine helle Freude haben. Der bereits 2024 fertiggestellte und nun mit zweijähriger Verspätung auch endlich in Deutschland erscheinende Film macht sich nämlich einen großen Spaß daraus, ebendiese Formate zu imitieren, ohne dabei einen tatsächlichen Kriminalfall auszuschlachten. Die Darreichungsform mit ihren Interviewausschnitten, vermeintlichen Archivaufnahmen, Nachrichtenschnipseln und der allmählichen Rekonstruktion eines in diesem Fall besonders verstörenden Serienmörderfalls erinnert nicht von ungefähr als so manche Netflix-Produktion. Nur dass hier eben alles frei erfunden ist.

Diese perfide „Falle“ des Serienkillers Mr. Shiny erinnert unweigerlich an „Saw“.

Gleichzeitig bedient sich „Strange Harvest“ auch beim Found-Footage-Kino, was nicht zuletzt mit der filmischen Vergangenheit seines Regisseurs zusammenhängt. Stuart Ortiz war als Drehbuchautor und Regisseur unter anderem an „Grave Encounters“ beteiligt. Jenem in Fankreisen inzwischen zum Kultfilm avancierten Horrorfilm, der von der Kritik seinerzeit nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wurde, sich mit seiner ebenso simplen wie effektiven Prämisse (die Teilnehmenden einer Geisterjäger-Realityshow dringen in eine psychiatrische Klinik ein und erleben hier das nackte Grauen) über die Jahre hinweg aber eine treue Fangemeinde erspielt hat. Die Kombination aus True-Crime-Doku-Dramaturgie und klassischem Found-Footage-Horrorkino erweist sich bei „Strange Harvest“ als extrem reizvoll. Zumal die Grenzen zwischen beiden Erzählformen ohnehin fließend sind. Allerdings sollte man nicht die Immersion erwarten, hier tatsächlich Zeuge eines echten Verbrechens zu werden. Anders als etwa bei „Blair Witch Project“ gelingt es Ortiz kaum, den Eindruck zu vermitteln, das Gezeigte könnte sich tatsächlich ereignet haben. Abgesehen davon, dass ein solcher Found-Footage-Mythos heutzutage ohnehin nur noch schwer aufrechtzuerhalten sein dürfte, gelingt anderen Genrebeiträgen ebendiese Immersion deutlich besser. Wer genau das sucht, könnte sich mit „Strange Harvest“ also schwertun. Als wirkliche Schwäche lässt sich das dem Film allerdings kaum auslegen. Denn Ortiz ist ganz offensichtlich gar nicht daran interessiert, sein Publikum über die fiktionale Natur des Films im Unklaren zu lassen. Vielmehr hat er einfach große Freude daran, die Inszenierungsmechanismen seiner Genrevorbilder aufzugreifen und daraus sein ganz eigenes, ausgesprochen verspieltes Ding zu machen.

„Ortiz ist ganz offensichtlich gar nicht daran interessiert, sein Publikum über die fiktionale Natur des Films im Unklaren zu lassen. Vielmehr hat er einfach große Freude daran, die Inszenierungsmechanismen seiner Genrevorbilder aufzugreifen und daraus sein ganz eigenes, ausgesprochen verspieltes Ding zu machen.“

Trotz dieser inszenatorischen Unbeschwertheit geht es in „Strange Harvest“ nicht gerade zimperlich zur Sache. Zwar greift Ortiz auch auf typische Verfremdungsmethoden zurück, etwa indem einzelne Details verpixelt oder (vermutlich eher aus Gimmickgründen) Stimmen nachträglich verzerrt werden. Dass übrigens ausgerechnet ein ausgeweideter Hund unkenntlich gemacht wird, während diverse menschliche Mordopfer in ihrer ganzen Pracht zu sehen sind, entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik. Es würde nicht wundern, wären diese Details Stuart Ortiz‘ Art, dem Genre auch ein Stückweit nachdichtend beikommen zu wollen. Doch egal mit welcher Intention: „Strange Harvest“ nimmt sich bei der Darstellung der Verbrechen deutlich weniger zurück, als man es von tatsächlichen True-Crime-Dokumentationen gewohnt ist. Der äußerst rabiat vorgehende Killer Mr. Shiny hinterlässt abgetrennte Köpfe, ausgeweidete Körper und diverse Tatorte, die sich nicht im Geringsten um die Sehgewohnheiten eines Mainstream-Publikums scheren. Gerade für einen Film, der sich so sehr an der Ästhetik dokumentarischer Kriminalformate orientiert, ist „Strange Harvest“ ungemein brutal und grafisch. Doch genau das verleiht ihm eine weitere, im wahrsten Sinne des Wortes blutrote Farbnuance. Schließlich darf man es im Rahmen eines vollständig fiktiven Mordfalls auch mal hemmungslos übertreiben. Und das tut Ortiz mitunter auf groteske Weise: Wenn hier ein Opfer nach der sogenannten (bereits in Filmen wie „Midsommar“ und „Das Schweigen der Lämmer“ aufgegriffenen) Blutadler-Methode hingerichtet, oder ein anderes in einem von Stacheldraht umspannten Pool von Blutegeln leergesaugt wird, dann lassen einen derartig makabre Arrangements unweigerlich an „Saw“ oder „Sieben“ denken.

Peter Zizzo steigert sich hin und wieder allzu sehr in die Rolle des ambitionierten Detectives Joe Kirby hinein.

„Sieben“ ist übrigens nicht der einzige Film von David Fincher, an den man beim Schauen von „Strange Harvest“ denken muss. Schließlich hinterlässt Mr. Shiny nicht nur zahlreiche Leichen. Darüber hinaus schickt er der Polizei unheimliche Briefe und hinterlässt an den Tatorten kryptische Notizen und Symbole, deren Bedeutung den Ermittler:innen Rätsel aufgeben. Dass im Laufe des Films sogar der echte Zodiac-Killer Erwähnung findet, ist da folgerichtig. Die Entschlüsselung all dieser Botschaften nimmt einen beträchtlichen Teil der Ermittlungsarbeit ein und erinnert damit auch an Finchers „Zodiac“. Natürlich erreicht Stuart Ortiz weder dessen erzählerische Eleganz noch die inszenatorische Klasse irgendeines Fincher-Thrillers. Dafür versteht er es hervorragend, das Tempo seines Films hochzuhalten. „Strange Harvest“ gönnt seinem Publikum keinerlei Verschnaufpausen. Auch weil Ortiz geradezu inflationär mit Cliffhangern, überraschenden Wendungen und kleinen Enthüllungen arbeitet, die im Minutentakt auf das Publikum niederprasseln. Das ist nicht immer besonders grazil, aber ausgesprochen effektiv. Darüber hinaus sorgt diese Lust am Überbordenden dafür, dass während der knackigen 94 Minuten praktisch alles möglich scheint. Der Film wildert nebenbei in diversen weiteren Subgenres, schlägt immer wieder neue Haken und verzichtet außerdem darauf, bis zum Schluss wirklich jede offene Frage zu beantworten. Das ist vermutlich der größte Unterschied zu sämtlichen Produktionen, die aktuell auf Netflix und Co. zu sehen sind.

„‚Strange Harvest‘ gönnt seinem Publikum keinerlei Verschnaufpausen. Auch weil Ortiz geradezu inflationär mit Cliffhangern, überraschenden Wendungen und kleinen Enthüllungen arbeitet, die im Minutentakt auf das Publikum niederprasseln.“

So ganz ohne Schwächen kommt „Strange Harvest“ allerdings nicht davon. Vor allem im Schauspiel der Talking Heads – also jener Ermittler:innen, die in den Interviewpassagen rückblickend von ihren Erfahrungen berichten – offenbaren sich fehlende Routinen. Der sonst primär als Songwriter und Komponist tätige Peter Zizzo als Detective Joe Kirby und Terri Apple („Murder at Hollow Creek“) als Detective Lexi Taylor wirken in ihren Rollen nicht immer souverän. Wie sich Zizzo in manchen Szenen allzu hingebungsvoll in seine Rolle hineinsteigert, hat stellenweise sogar etwas unfreiwillig Niedliches. Auch der Musikeinsatz (Sarah DeCourcy, „Played and Betrayed“) fällt bisweilen etwas übermotiviert aus. Die ohnehin schon reißerische Inszenierung wird durch die permanente Untermalung mit spannungssteigernden Klängen nochmal eine Spur dramatischer, als sie es eigentlich nötig hätte. Andererseits passt selbst das irgendwie zu einem Film, der seine Genreversatzstücke derart selbstbewusst und mit sichtbarer Freude an der Übertreibung ausstellt. So sind es selbst diese kleinen Unzulänglichkeiten, die „Strange Harvest“ letztlich so sympathisch machen. Stuart Ortiz hat offensichtlich einfach große Lust auf seinen Film und lässt sich von gelegentlichen inszenatorischen Holprigkeiten nicht davon abhalten, seine ziemlich wilde Genremixtur konsequent durchzuziehen.

Mr. Shiny hinterlässt kryptische Symbole an den Tatorten.

Fazit: „Strange Harvest“ ist ein herrlich ungestümer Genremix, der sich mit sichtbarer Begeisterung am True-Crime-Trend, dem Found-Footage-Kino und klassischen Serienkiller-Thrillern bedient. Regisseur Stuart Ortiz mag dabei nicht immer die eleganteste Inszenierung gelingen, doch sein ebenso blutiges wie temporeiches Spiel mit den Konventionen des Genres macht einfach eine Menge Spaß! Wer sich auf diese 94 Minuten voll von inszenatorischem Übermut einlassen kann, sollte hier ganz dringend einen Blick riskieren.

„Strange Harvest“ ist ab dem 5. November 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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